„Liebe
und Verantwortung“ –
Ehe und Familie bei Karol Wojtyła
Vortrag
am 27.10.2007 in Wigratzbad bei der Festakademie „Kultur der Liebe und des
Lebens“ zum 65. Geburtstag von Weihbischof Dr. Andreas Laun, Salzburg
Eine Kurzfassung dieses Beitrags erschien in: Kirche heute, Januar
2008, 7-9
Die Förderung der christlichen Berufung in Ehe und Familie war ein zentrales
Anliegen von Papst Johannes Paul II. (sein Pontifikat dauerte vom 16.10.1978
bis zum 02.04.2005). Bereits als Professor für Ethik, als Jugend- und
Studentenseelsorger und als Bischof setzte sich Karol Wojtyła für jene
Menschen ein, die sich auf das Ehesakrament vorbereiteten oder schon in Ehe und
Familie lebten. Insbesondere war ihm die katechetische und seelsorgliche
Verkündigung und Vermittlung der Lehre der Kirche zu diesem Thema ein wichtiges
Anliegen.
Dabei war ihm als Ethiker klar bewusst, wie wichtig ein erfahrungsgemäßer
Zugang der Menschen hier ist, um klarzumachen, dass die Lehre der Kirche nicht
etwas dem Menschen in seiner natürlichen Verfasstheit Fremdes ist, vielleicht
sogar ein Störfaktor, der der Entfaltung der Liebe und des Lebens entgegen
steht, sondern dem tiefsten Wesen des Menschen entspricht. Die mit dem
Wertbereich der ehelich-sexuellen Liebe verbundenen sittlichen Normen
(theologisch: die Gebote Gottes) werden so als positive Wegweisungen für das
Ziel der natürlichen und übernatürlichen Vollendung des Menschen aufgezeigt.
Dass dies ohne die Gnade Gottes nicht gelingen kann, ist kein Argument dafür,
die natürlichen Voraussetzungen gleichsam zu überspringen. Vielmehr gilt das
Axiom: „Die Gnade baut auf der Natur auf“ (gratia supponit naturam). Dies war
für den Ethiker, Priester und Bischof Karol Wojtyła stets ein Leitgedanke
und ähnlich und noch mehr für den späteren Papst Johannes Paul II.
Bei dieser Festakademie darf ich an den uns allen wohlbekannten Sachverhalt
erinnern, dass unser geschätzter Weihbischof Prof. Dr. Andreas Laun in seiner
Tätigkeit als Moraltheologe, Priester und Bischof dasselbe Anliegen verfolgt
und ganz im Sinn des verstorbenen Papstes Johannes Pauls II., aber auch des
jetzigen Heiligen Vaters Benedikt XVI. mit vielen guten Mitarbeitern umzusetzen
versucht. Dafür sei ihm anlässlich der Feier seines 65. Geburtstags von Herzen
gedankt!
„Liebe und
Verantwortung“ – ein zentrales Werk über die eheliche Liebe
Die Formulierung des Themas dieses Vortrags entspricht dem wichtigen Werk
Karol Wojtyłas. Es trägt den Titel „Liebe und Verantwortung. Eine ethische
Studie“. Vor kurzem konnte im Verlag St.
Josef die deutsche Neuausgabe dieses wichtigen Buches vorgelegt
werden. Das Werk war in deutscher Sprache lange Zeit im Buchhandel nicht mehr
erhältlich.[1]
Mit dieser Neuausgabe, welche eine Neuübersetzung auf der Grundlage des
polnischen Textes mit Berücksichtigung der bisherigen deutschen Fassung sowie
der englischen Fassung darstellt, soll das wichtige ethische Werk Karol
Wojtyłas über den Sinngehalt der ehelichen Liebe einem breiten Leserkreis
erneut zugänglich gemacht werden.[2]
Der St. Pöltner Bischof DDr. Klaus Küng, zugleich als „Familienbischof“ im
Rahmen der Österreichischen Bischofskonferenz in besonderer Weise für die
Belange von Ehe und Familie zuständig, schreibt im Vorwort:
„In ihren Grundzügen sind die Argumente des
Verfassers auch fünfzig Jahre nach dem ersten Erscheinen weiterhin gültig und
können zur vertieften, erfahrungsbezogenen Reflexion über das Thema von Liebe
und Verantwortung im Horizont des christlichen Glaubens anregen. Nach seiner
Erwählung zum Papst hat er bezüglich Ehe und Familie eine reichhaltige
Verkündigung entfaltet. Unter seinem Pontifikat sind mehrere, für die
universale Kirche wichtige lehramtliche Dokumente über Ehe und Familie
entstanden, unzählige Male hat Johannes Paul II. über dieses Thema gepredigt.
Die Begründungen, die er verwendete, waren vor allem naturrechtlicher und
personalistischer Art. Seine Reflexionen in Liebe
und Verantwortung erleichtern das Verständnis seiner päpstlichen,
lehramtlichen Dokumente, ja sie vermitteln einen hermeneutischen Schlüssel zur
Lehre Papst Johannes Pauls II. Sie können auch eine Hilfe sein, um manche
Missverständnisse zu überwinden, die sich nach der Veröffentlichung der
Enzyklika Humanae vitae unter jenen,
die den Inhalt dieses päpstlichen Lehrschreibens ablehnen, verbreitet und
verfestigt haben.“
Wenn 2008 das 40-Jahr-Jubiläum von „Humanae vitae“ begangen wird, dann kann
gerade ein Werk wie „Liebe und Verantwortung“ helfen, den Sinngehalt dieses
prophetischen Lehrschreibens Pauls VI. neu herauszustellen.[3]
Entstehung
der ethischen Studie „Liebe und Verantwortung“
Karol Wojtyła wurde nach der Eroberung und Besetzung Polens durch die
Nationalsozialisten und während der militärischen und politischen Präsenz der
sog. russischen „Befreier“ am 1. November 1946 von Kardinal Adam Stefan Sapieha
zum Priester geweiht. Er erwarb am 3. Juli 1947 in Rom das Lizenziat der
Theologie, im Juni 1948 das Doktorat. Er war nach seiner Rückkehr nach Polen
dann sowohl seelsorglich als auch wissenschaftlich tätig. Als
Studentenseelsorger betreute er viele junge Paare und Familien und lernte darum
– wie er schreibt: durch „indirekte Erfahrung“[4],
d.h. durch das Gespräch mit den Betroffenen, durch ihre seelsorgliche
Begleitung und Beratung – die Lebenssituation jener Menschen kennen, die sich
entweder auf die Ehe vorbereiteten oder schon in ehelicher Gemeinschaft verbunden
waren. An der Katholischen Universität Lublin, wohin er als Ethikprofessor
berufen wurde, hielt er 1957-1959 spezielle Vorlesungen zu diesem Thema, woraus
dann die polnische Erstausgabe von „Liebe und Verantwortung“ entstand, welche
1960 veröffentlicht wurde.[5]
Karol Wojtyła war damals bereits seit zwei Jahren Weihbischof von Krakau.
Karol Wojtyła selber informiert in der Einleitung zur polnischen
Erstausgabe über die Entstehung des Buches und antwortet zugleich auf einen
Einwand, den man so formulieren könnte: „Was kann uns schon ein Priester zu Ehe
und Familie sagen? Er ist doch selber nicht verheiratet. Ihm fehlt die
Erfahrung!“ Dazu Karol Wojtyła:
„Manchmal hört man, dass sich nur jene, die selber
ein eheliches Leben führen, zum Thema der Ehe äußern könnten, und nur die, die
sie erfahren hätten, könnten sich zur Liebe von Mann und Frau zu Wort melden.
In dieser Sichtweise müssen alle Aussagen über derartige Angelegenheiten auf
persönlicher Erfahrung gegründet sein, sodass Priester und andere Personen, die
ein zölibatäres Leben führen, zu Fragen der Liebe und der Ehe nichts zu sagen
haben können. Dennoch sprechen und schreiben sie oft über derartige Dinge. Das
Fehlen einer persönlichen Erfahrung ist für sie kein Hindernis, denn sie
besitzen einen großen Anteil an Erfahrung aus zweiter Hand, welche sich aus
ihrer pastoralen Arbeit ableitet. In ihrer pastoralen Arbeit begegnen sie
nämlich diesen bestimmten Problemen so oft und in einer solchen Vielfalt von
Umständen und Situationen, dass dadurch ein unterscheidbarer Typus von
Erfahrung geschaffen wird, welcher gewiss weniger unmittelbar ist und natürlich
‚fremd’, aber zur selben Zeit sehr viel umfassender. Eben diese reiche Fülle an
Tatsachenmaterial über das Thema regt die allgemeine Reflexion darüber an und
ebenso das Bemühen, all das, was bekannt ist, in eine Zusammenschau zu
bringen.“[6]
Überdies ist ja auch jeder Priester und Bischof ein Mensch, ja ein Mann,
und die Kirche setzt bei aller Präferenz des zölibatären Lebensstandes für den geweihten
Priester doch voraus, dass er über ein ausreichendes Maß an menschlicher Reife
verfügt, um Ehe und Familie wirklich wertzuschätzen. Beide Berufungen – Zölibat
und Ehe – sind nur als komplementäre Verwirklichungsformen der von Gott
geschenkten und auf ihn und die Menschen ausgerichteten Liebe als sinnvoll zu
begreifen und anzunehmen.
Ziel
und Anliegen des Werkes „Liebe und Verantwortung“
Karol Wojtyła geht es darum, auf philosophische Weise die
Lebenserfahrung der Menschen darzustellen und zu analysieren, um daraus die
richtigen Schlussfolgerungen für das menschliche Verhalten in Ehe und Familie
abzuleiten. Die Lehre der Kirche wird dabei vorausgesetzt, so wie sie in der
Heiligen Schrift und in der apostolischen Tradition enthalten ist. Zugleich geht
es aber um eine tiefere Begründung dieser Lehre, um zu zeigen, dass Gottes
Weisungen für den Menschen eine wirkliche Hilfe sind, ein Weg zum Glück und zum
ewigen Heil.
So schreibt Karol Wojtyła:
„Das vorliegende Buch entstand vor allem aus der
Notwendigkeit, die Normen der katholischen Sexualmoral auf eine feste Grundlage
zu stellen: auf eine Basis, die so endgültig wie möglich ist und die sich auf
die elementarsten und unumstrittensten sittlichen Wahrheiten und die
grundlegendsten Werte und Güter stützt. Ein solches Gut ist die Person, und die
sittliche Wahrheit, die am engsten mit der Welt der Personen verbunden ist, ist
das ‚Gebot der Liebe’, denn die Liebe ist ein Gut, das der Welt der Personen zu
Eigen ist. Und daher steht der grundlegendste Weg, die Sexualethik in den Blick
zu nehmen, im Zusammenhang von ‚Liebe und Verantwortung’; aus diesem Grund
trägt das ganze Buch diesen Titel.“[7]
Im letzten geht es im Werk „Liebe und Verantwortung“ also um nichts anderes
als um das Aufzeigen dessen, wie sehr das Gebot Gottes: „Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst“ der menschlichen Berufung entspricht, gerade
auch im Bereich von Ehe und Familie. Dabei ist es Karol Wojtyła klar
bewusst, dass nicht alles, was man landläufig als „Liebe“ bezeichnet, diesen Namen
auch wirklich verdient. Er möchte aufzeigen, dass jeder Mensch sich selbst und
auch seinen Nächsten als Person achten muss. Dies schließt jede
Instrumentalisierung aus: Denn diese macht den Menschen zu einem bloßen Mittel;
so wird die menschliche Person entwürdigt und als bloßes Objekt, als Gegenstand
angesehen.[8]
In einer Liebe, welche diesen Namen wirklich verdient, geht es aber um eine
personale Begegnung und Gemeinschaft. Diese bejaht den anderen als Person in
ihrem Eigenwert.
Die Liebe zwischen Mann und Frau ist hingeordnet auf eine „Gemeinschaft von
Personen“ (communio personarum). Dabei geht es um Wohlgefallen, Begehren,
Wohlwollen, Gegenseitigkeit, Sympathie und Freundschaft sowie um eine
Integration all dessen in der gegenseitigen Hingabe der Personen in einer
wahrhaft „bräutlichen Liebe“. All dies wird im Werk „Liebe und Verantwortung“
einer umfassenden Analyse unterzogen. Das Hauptanliegen Karol Wojtyłas ist es also, die
personalistische Dimension der ehelichen Liebe klar herauszustellen und von ihr
her alles Übrige zu begründen.
Naturordnung ist mehr
als bloß Biologie
Die eheliche Liebe wird von Karol Wojtyła in „Liebe und Verantwortung“
in ihrem ursprünglichen Bezug zur „Ordnung der Natur“ erhellt, welche mehr ist
als die bloß biologische Ordnung.[9]
Die biologisch-naturwissenschaftliche Sichtweise abstrahiert von
wesentlichen Momenten der existenziellen Naturordnung; die Person als solche
kommt nicht mehr in den Blick und auch nicht mehr die innere Finalität
(Zielbezogenheit) der ehelichen Liebe als gegenseitige Hingabe und Einheit der
Personen. So wie die Sexualität insgesamt wird auch die Person als solche in
einer isolierten Betrachtung mehr und mehr zum bloßen Objekt; die Person
verliert ihren Subjektcharakter und wird zur manipulierbaren „Sache“. Die
Sexualität wird depersonalisiert und nicht mehr als Ausdruck tiefster
personaler Liebe gesehen, sondern auf ein Maximum an gegenseitiger Lust und
Befriedigung reduziert oder nur in der biologischen Funktion der Fortpflanzung
gesehen, welche nicht mehr als Beginn der Existenz eines neuen Menschen in den
Blick tritt, sondern als rein empirisch-funktionaler Vorgang, der ebenso gut
durch andere Techniken (z.B. die künstliche Befruchtung) ersetzt werden könnte.
So ist es das Anliegen des ethischen Personalismus der Lubliner Schule, den
Menschen als solchen in seiner Würde wieder zur Geltung zu bringen. Damit
leistet die philosophische Ethik (Moralphilosophie) entscheidende Vorarbeit für
die theologische Ethik (Moraltheologie), ja sie wird zu deren integrierendem
Bestandteil. Der Dialog zwischen Menschen verschiedener Weltanschauung gerade
auf der Basis des sog. Naturrechts, d.h. eines aufgrund der natürlichen
Vernunft zugänglichen Verständnisses des Menschen und seiner sittlichen
Verantwortlichkeit, stellt sich in der postmodernen Gegenwart als wieder zu
entdeckende dringliche Aufgabe.[10]
Reifestufen
und Wesenselemente der bräutlich-ehelichen Liebe
(gemäß Kapitel II von „Liebe und Verantwortung“)
Liebe als Wohlgefallen
Die Liebe von Mann und Frau hat fürs erste und grundlegend etwas mit
gegenseitiger Anziehung zu tun, mit einem Bewusstsein von der Attraktivität des
anderen. Das ist biologisch so grundgelegt und soll natürlich auch affektiv und
vor allem personal vertieft werden.
Die „Liebe als Wohlgefallen“ öffnet gleichsam die Tür, um von der Ebene
sinnlicher Wahrnehmung zu einer ganzheitlichen Sicht der menschlichen Person
vorzustoßen. Zusammenfassend stellt Karol Wojtyła hier fest:
„Das Wohlgefallen, auf welches sich diese Liebe
stützt, kann seinen Ursprung nicht nur in einer Reaktion auf die sichtbare und
sinnenfällige Schönheit haben, sondern soll auch und vor allem in einer vollen
und tiefen Anerkennung der Schönheit der Person bestehen.“[11]
Es geht also um eine Öffnung der Wahrnehmung der Person des jeweils anderen Geschlechts, sodass nicht nur deren sinnliche Dimension in den Blick tritt, sondern die Schönheit und Attraktivität der Person als solcher, sowohl in ihrer leiblichen als auch in ihrer geistigen Dimension. Dass dies immer wieder neu gelernt und vertieft werden muss, zeigt die Erfahrung des täglichen Lebens.
Liebe als Begehren
Eine zweite Stufe der Liebe zwischen Mann und Frau ist die Liebe als
Begehren. Die Liebe als Begehren erstrebt den anderen als Ziel, insofern der
Mann für die Frau bzw. die Frau für den Mann als Gut wahrgenommen wird. Davon
zu unterscheiden ist ein bloß sinnliches Begehren, das sich nur auf die
Sexualität richtet und die Person übersieht. Damit wird der Mensch des jeweils
anderen Geschlechts instrumentalisiert und in seiner Würde nicht anerkannt.
Über den Unterschied einer „Liebe des Begehrens“ zum sinnlichen Begehren
als solchen schreibt Karol Wojtyła:
„Das Objekt der Liebe des Begehrens ist ein Gut für
das Subjekt – die Frau ist dies für den Mann, der Mann für die Frau. Daher wird
die Liebe als Verlangen nach der Person und nicht als bloß sinnliches Begehren,
als concupiscentia, erlebt. Das [sinnliche] Begehren geht zwar Hand in
Hand mit diesem [liebenden] Verlangen, aber wird gleichsam von ihm
überschattet. Das liebende Subjekt ist sich seiner Gegenwart bewusst und weiß,
dass es gleichsam zu seiner Verfügung steht. Aber indem es sich darum bemüht,
diese Liebe zu vervollkommnen, wird es darauf Acht geben, dass das [sinnliche]
Begehren nicht vorherrscht und nicht alles Übrige überwältigt, was die Liebe
umfasst. Denn auch jene, welche sich dessen intellektuell nicht bewusst sind,
vermögen zu spüren, dass das [sinnliche] Begehren die Liebe zwischen Mann und
Frau entstellen und ein vorherrschendes Begehren ihnen diese Liebe rauben
würde.“[12]
Nicht die Verdrängung des sinnlichen Begehrens ist zielführend, sondern dessen Integration in die personale Dimension der Liebe zwischen Mann und Frau.
Liebe
als Wohlwollen
Ein weiterer wesentlicher Schritt in der Liebe zwischen Mann und Frau führt
über das Begehren hinaus hin zur Liebe des Wohlwollens. Dazu heißt es in „Liebe
und Verantwortung“:
Die „Liebe des Begehrens schöpft das Wesen der
Liebe zwischen den Personen nicht aus. Es genügt nicht, eine Person als Gut für
sich selbst zu begehren; man muss auch und vor allem nach dem Gut für jene
Person verlangen. Diese kompromisslos altruistische Ausrichtung des Willens und
der Gefühlsempfindungen wird in der Sprache des heiligen Thomas von Aquin amor
benevolentiae (Liebe des Wohlwollens) oder kurz benevolentia
genannt, was (wenn auch nicht mit absoluter Genauigkeit) unserem Begriff des
Wohlwollens entspricht. Die Liebe einer Person zu einer anderen Person muss wohlwollend
sein, oder sie wird nicht wahr sein. Vielmehr wird sie überhaupt nicht Liebe
sein, sondern nur Egoismus.“[13]
Hier handelt es sich um jene Liebe, die nicht primär danach fragt, was es mir selber bringt, wenn ich eine bestimmte Person liebe, sondern die sich in selbstloser Weise der anderen Person zuwendet und deren Glück und Wohl erstrebt. Freilich wäre es unangemessen, einen absoluten Gegensatz zwischen der Liebe als Begehren und der Liebe als Wohlwollen aufzustellen, da die Liebe zwischen Mann und Frau beide Momente in sich enthält und enthalten darf, sofern nur die rechte Ordnung der Hingabe gewahrt ist.
Liebe in
Gegenseitigkeit
Die Wechselseitigkeit der Zuwendung und Hingabe ist ein wesentliches Moment
der bräutlichen und ehelichen Liebe: Liebe ist keine Einbahnstraße, sondern ist
ein Geben und Empfangen. Im Hinblick auf diese Gegenseitigkeit im Erstreben
eines gemeinsamen Gutes sind jedoch Unterscheidungen nötig:
„Nach der Auffassung des Aristoteles gibt es verschiedene Arten der
Gegenseitigkeit, und die Beschaffenheit des Gutes, auf welchem die
Gegenseitigkeit und daher die Freundschaft gründen, bestimmt ihre Qualität in
jedem einzelnen Fall. Wenn es sich um ein wirkliches Gut handelt (d.h. um ein
sittlich ehrenwertes Gut), dann ist die Gegenseitigkeit etwas Tiefes, Reifes
und nahezu Unzerstörbares. Wenn andererseits die Gegenseitigkeit nur durch das
Eigeninteresse, die Nützlichkeit (d.h. durch ein utilitaristisches Gut) oder
die Lust hervorgerufen wird, dann ist sie oberflächlich und unbeständig. Auch
wenn die Gegenseitigkeit immer etwas ‚zwischen’ zwei Personen ist, so hängt sie
in entscheidendem Maß doch davon ab, was die beiden Personen dazu beitragen.
Daher ist es wichtig, dass jede der Personen die Gegenseitigkeit bei der Liebe
nicht als etwas Über-Personales betrachtet, sondern als etwas ganz und gar
Personales.“[14]
Und weiter heißt es:
„Denn die Liebe kann nur als eine Einheit Bestand haben, in der ein reifes
‚Wir’ einen klaren Ausdruck findet; sie wird nicht bestehen als eine
Kombination von zwei Egoismen, als deren Folge die zwei ‚Ich’ klar sichtbar
sind. Die Struktur der Liebe ist jene einer interpersonalen Gemeinschaft.“[15]
Wahre Selbstlosigkeit im Schenken und Empfangen ist also angesagt; der
Egoismus wird überwunden, wenn die Personen selber zu einer Gabe werden, die
sie füreinander sind.
Sympathie und
Freundschaft
Sympathie kann die Wege ebnen für das Zueinander und Miteinander von Mann
und Frau. Doch kann die eheliche Liebe nicht allein auf der Sympathie gründen,
die ein primär emotionales Gepräge hat. Sie muss die Person des anderen
bejahen. Dazu Karol Wojtyła:
„Wie festgestellt wurde, besteht die Freundschaft
in einem vollen Einsatz des Willens gegenüber einer anderen Person im Hinblick
auf das Gut jener Person. Es besteht daher die Notwendigkeit, dass die
Sympathie zur Freundschaft heranreift, und dieser Vorgang verlangt
normalerweise Zeit und Überlegung. Solange sie innerhalb der Grenzen der
Sympathie verbleibt, beruht die Haltung gegenüber der anderen Person und ihrem
Wert auf Emotion: Hier ist es nötig, den Wert der Emotion mit der objektiven
Erkenntnis vom Wert jener Person und einer diesbezüglichen Überzeugung zu
ergänzen.“[16]
Auch hier gilt also nicht die Alternative „Sympathie oder Freundschaft“, sondern es geht in der Beziehung von Mann und Frau um ein Weiterreifen von gegenseitiger Sympathie hin zu echter personaler Begegnung und Hingabe in wahrer Freundschaft des Herzens.
Bräutliche Liebe als
Hochform der Liebe zwischen Mann und Frau
Erst wenn die sog. „bräutliche Liebe“ als Liebe von tiefster personaler
Hingabe zwischen Mann und Frau gegeben ist, sind die beiden fähig, den Bund der
Ehe miteinander einzugehen. Genau diese bräutliche Hingabe bringt das
gegenseitige „Ja-Wort“ im ehelichen Konsens zum Ausdruck:
„Die bräutliche Liebe unterscheidet sich von allen
Aspekten oder Formen der Liebe, welche bis jetzt analysiert wurden. Ihr
entscheidendes Merkmal ist die Hingabe der eigenen Person an die andere. Das
Wesen der bräutlichen Liebe ist die Selbsthingabe, die Übergabe des eigenen ‚Ichs’.
Das ist etwas anderes als Wohlgefallen, Begehren und sogar Wohlwollen, und es
bedeutet mehr. Dies alles sind Wege, auf denen eine Person von sich aus dem
anderen entgegen geht, aber keiner von ihnen kann sie in ihrem Bestreben für
das Gut des anderen so weit führen, wie das die bräutliche Liebe tut. ‚Sich
selbst an den anderen hinzugeben’ ist mehr als bloß ‚zu wollen, was gut ist’
für den anderen – auch wenn als Resultat dessen ein anderes ‚Ich’ so wird, als
wäre es mein eigenes, wie es in der Freundschaft geschieht. Die bräutliche
Liebe ist etwas davon Unterschiedenes und bedeutet mehr als all jene Formen der
Liebe, die wir bis jetzt analysiert haben, sowohl was das individuelle Subjekt
betrifft, d.h. die Person, die liebt, als auch soweit es die interpersonale
Vereinigung angeht, welche die Liebe schafft. Wenn die bräutliche Liebe in
diese interpersonale Beziehung eingeht, ergibt sich noch mehr als bloße
Freundschaft: Zwei Menschen geben sich selbst einander hin.“[17]
Die bräutlich-eheliche Liebe ist somit die Vollendung und Überbietung aller
einzelnen Reifestufen der Liebe. Sie hebt sie gleichsam in sich auf und
veredelt sie auf eine einzigartige Weise. Wiederum zeigt sich, dass alle
Dimensionen der menschlichen Person Beachtung finden und auch unvollkommenere
Weisen der Begegnung zwischen Mann und Frau in die Hochform der bräutlichen
Liebe integriert werden. Es würde zur Theologie der Ehe und Familie gehören,
die Offenheit der ehelichen Liebe für die Liebe Gottes aufzuzeigen. Dies
geschieht in der ethischen Studie „Liebe und Verantwortung“ nur soweit, als es
methodisch innerhalb des Rahmens der philosophischen Ethik durchführbar ist.[18]
In der „Theologie des Leibes“, wie sie Johannes Paul II. vor allem in seinen
Mittwochskatechesen entwickelt und vorgelegt hat, ist er darauf näher
eingegangen.[19]
Ausblick
Mit diesen Ausführungen wurde eine kurze Darstellung dessen gegeben, was in
Kapitel II von „Liebe und Verantwortung“ im Abschnitt über „Die metaphysische
Analyse der Liebe“ zum Ausdruck kommt.[20]
In der ethischen Studie von Karol Wojtyła „Liebe und Verantwortung“
sind diese Analysen noch viel ausführlicher entfaltet. Es kann daher nur die
Einladung zur gründlichen Lektüre dieses wichtigen Werkes ausgesprochen werden.
Hier zum Abschluss die Kapitelübersicht: (1) Die Person und der sexuelle Trieb;
(2) Die Person und die Liebe; (3) Die Person und die Keuschheit; (4) Die
Gerechtigkeit gegenüber dem Schöpfer; (5) Sexualwissenschaft und Ethik.
Wir können zum Abschluss noch einen Wunsch formulieren, um ihn in unser
gemeinsames Gebet hinein zu nehmen: Möge es vielen gelingen und letztlich von
Gott geschenkt werden, dass sie die menschliche Liebe und insbesondere die
ehelich-familiäre Liebe im größeren Zusammenhang des göttlichen Gebotes der
Liebe sehen und soweit als möglich mit Gottes Gnade verwirklichen, um
menschliche Erfüllung und ewiges Heil in Gott zu finden! – „Heilige Jungfrau
und Gottesmutter Maria, Mutter der schönen Liebe, bitte für uns!“
Dr.
theol. habil. Josef Spindelböck, geb. 1964, ist Priester der Diözese St. Pölten
und Mitglied der Gemeinschaft vom heiligen Josef in Kleinhain. Er unterrichtet
als ordentlicher Professor Ethik und Moraltheologie an der
Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten sowie als
Gastprofessor Moraltheologie am Internationalen Theologischen Institut (ITI) in
Gaming. – Daten aktualisiert am 01.09.2008.
[1] Die deutsche Ausgabe war 1979 erstmals
und 1981 in einer weiteren Auflage im Kösel-Verlag erschienen und wurde
anschließend – trotz wiederholter Nachfrage interessierter Leser – nicht wieder
aufgelegt: Karol Wojtyła, Liebe und
Verantwortung. Eine ethische Studie, München 1979, 19812
(Kösel). Englische Fassung: Karol Wojtyła (Pope John Paul II), Love and Responsibility. Translated by H.T. Willetts, Reprinted
San Francisco 1993, 1994 (Ignatius Press); die englische Fassung erschien
erstmals
[2] Karol Wojtyła (Johannes Paul II.),
Liebe und Verantwortung. Eine ethische Studie. Auf der Grundlage des polnischen
Textes neu übersetzt und herausgegeben von Josef Spindelböck, St. Pölten 2007,
ISBN 978-3-901853-14-2, Bestellung: http://verlag.stjosef.at
(Verlag St. Josef, 3107 Kleinhain 6, Tel. +43 2742 360088) oder über jede Buchhandlung.
– Das Original trägt den Titel: Karol Wojtyła, Miłość i odpowiedzialność. Studium etyczne (Towarzystwo
Naukowe Katolickiego Uniwersytetu Lubelskiego), Lublin 1960, Krakau 1962,
London 1965, Lublin 1979, 1982, 1986, 2001. Die polnische Version des Textes
findet sich online unter http://www.jp2w.pl/index.html?id=30108&lang_id=PL
.
[3] Vgl. Paul VI., Enzyklika „Humanae vitae” über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens, 25. Juli 1968, online http://www.stjosef.at/dokumente/humanae_vitae.htm ; in Fortführung: Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“ über die Rolle der christlichen Familie in der modernen Welt vom 22. November 1981, online unter http://www.stjosef.at/dokumente/familiaris_consortio.htm . - Im Vorfeld von „Humanae vitae“ positiv hervorzuheben ist das „Memorandum einer Gruppe von Moraltheologen aus Krakau“ zum Thema: „Die Grundlagen der Lehre der Kirche bezüglich der Prinzipien des Ehelebens“, dt. online unter http://www.stjosef.at/dokumente/krakauer_memorandum.htm . Auf Veranlassung des Metropoliten und Erzbischofs von Krakau, Karol Kardinal Wojtyła, übernahm es 1966 eine Gruppe Krakauer Moraltheologen, das Problem der theologischen Grundlagen der christlich-ethischen Normen des ehelichen Lebens zu untersuchen.
[4] Die Erfahrung des Menschen
als Person durch die „Tat“ (verstanden als die spezifisch menschliche Handlung,
d.h. als „actus humanus“) steht im Mittelpunkt eines wichtigen philosophischen
Werkes von Karol Wojtyła (Person und Tat. Endgültige Textfassung in
Zusammenarbeit mit dem Autor von Anna-Teresa Tymienicka, Freiburg-Basel-Wien
1981). Erfahrung ist nicht nur ein sinnenhafter Vorgang (im Sinn des Empirismus
und Phänomenologismus), sondern ein gesamtmenschliches Erkennen (entsprechend
der sog. Phänomenologie). Innere und äußere Erfahrung werden im geistigen
Verstehen zur Einheit des Erkennens zusammengefasst. Die „Tat“ tritt hervor
besonders durch ihren sittlichen Aspekt. So ergibt sich ein enger Zusammenhang von
Anthropologie und Ethik.
[5] Vgl. zum persönlichen und
ideengeschichtlichen Hintergrund des Werkes: George Weigel, Witness to Hope. A Biography of Pope John Paul II,
[6] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 20.
[7] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 21.
[8] Die Bezugnahme auf Immanuel Kants Lehre vom Kategorischen Imperativ ist klar. Karol Wojtyła überwindet jedoch eine bloße „Pflichtethik“ durch die metaphysische Analyse der Liebe als verantwortliche gegenseitige Hingabe und Gemeinschaft der Personen. Kant formulierte so (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, B 52 und B 66 f): Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde! … Handle so, dass du die Menschheit – sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen – jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebrauchst!
[9] Vgl. dazu Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 79-84 („Der Sexualtrieb und die Existenz“).
[10] Darauf hat auch Benedikt XVI. wiederholt hingewiesen; vgl. z.B. seine Ansprache an die Teilnehmer des internationalen Kongresses über das natürliche Sittengesetz vom 12. Februar 2007, online http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2007/february/documents/hf_ben-xvi_spe_20070212_pul_ge.html
[11] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 120.
[12] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 122.
[13] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 124.
[14] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 129.
[15] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 131 f.
[16] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 137.
[17] Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 142 f.
[18] Vgl. Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, Kapitel IV: Die Gerechtigkeit gegenüber dem Schöpfer, 307 ff.
[19]
Vgl. Johannes Paul II. (hg. und eingel. v. Norbert und Renate Martin), Die
menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Katechesen 1979-1981,
Vallendar-Schönstadt 1985; Die Erlösung des Leibes und die Sakramentalität der
Ehe. Katechesen 1981-1984, Vallendar-Schönstadt 1985; Die Familie - Zukunft der
Menschheit. Aussagen zu Ehe und Familie 1978-1984, Vallendar-Schönstadt 1985. –
Um eine vertiefte Zusammenschau bemüht sich Dominik Schwaderlapp, Erfüllung
durch Hingabe. Die Ehe in ihrer personalistischen, sakramentalen und ethischen
Dimension nach Lehre und Verkündigung Karol Wojtyłas / Johannes Pauls II.
(Moraltheologische Studien, Neue Folge, Bd 2), St. Ottilien 2002. Einen guten
Überblick bietet: Christopher West, Theologie des Leibes für Anfänger.
Einführung in die sexuelle Revolution nach Papst Johannes Paul II., Kisslegg
2006. Vgl. auch Andreas Laun, Liebe und Partnerschaft aus katholischer Sicht,
Eichstätt 82003; Angelo Scola, Das hochzeitliche Geheimnis,
Einsiedeln 2006; José Miguel Granados Temes, La ética esponsal de Juan Pablo
II. Estudio de los fundamentos de la moral de la sexualidad en las
catequesis sobre la teología del cuerpo (Studia Theologica Matritensia, 8),
Madrid 2006. Schließlich sei
verwiesen auf: Michael Waldstein, Man and Woman He Created Them. A Theology of
the Body, A New Translation Based on the John Paul II Archives, Boston 2006 (zu
beachten ist der Einführungskommentar [“Introduction”] von Michael Waldstein,
ebd., 1-128).
[20] Vgl. Karol Wojtyła, Liebe und Verantwortung, 109-149.