Enzyklika
unseres Heiligen Vaters Pius X.
durch göttliche Vorsehung Papst
an die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und die anderen
Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
Das Geheimnis und die Bedeutung der Unbefleckten Empfängnis Mariens
anlässlich der 50. Jubelfeier der Dogmenverkündigung
2. Februar 1904
Quelle: Rudolf
Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert
Jahren, Echter-Verlag, Würzburg 19542, S. 127-139. Die Nummerierung
entspricht der englischen
Fassung. Es fehlen in diesem deutschsprachigen Text die Artikel 27-32 (die
damaligen Ablassgewährungen). Digitalisiert von Armin Jauch. HTML-Format erstellt am 01.12.2004
von Dr. Josef Spindelböck.
Die Rechtschreibung wurde an die neue Form angeglichen. Irrtum vorbehalten.
I. Das Jubiläum des Immakulata-Dogmas
(1)
II. Die lmmakulata als Hilfe der
Kirche (3)
III. Maria, Band der Einheit unter den
Gliedern der Kirche (4)
IV. Jesus und Maria im
Glaubensbewusstsein (5)
V. Durch Maria erkennen wir am
sichersten Jesus (7)
VI. Maria, Mutter Jesu und Mutter der
Gläubigen (8)
VII. Die Anteilnahme Mariens am Leiden
Christi (12)
VIII. Theologische Gründe für die
Gnadenvermittlung Mariens (13)
IX. Hauptzweck der Marienverehrung ist
die Erkenntnis Jesu (16)
X. Das Dogma von der lmmakulata und
die Flucht vor der Sünde (18)
XI. Die wahre Marienverehrung besteht
in der Nachahmung Mariens (20)
XII. Maria und die theologischen
Tugenden (21)
XIII. Die Erbsünde und die kirchliche
Lehre von der Immakulata (22)
XIV. Der Rationalismus und die
Immakulata (22)
XV. Die Immakulata führt zur
Gottesliebe (24)
XVI. Maria überwindet die modernen
Irrlehren (25)
XVII. Das außerordentliche Jubiläum
(26)
... (Ablassgewährungen)
XVIII. Maria, Stärke und Hoffnung der
Kirche (33)
1 Noch wenige Monate, und das Jahr bringt uns den
freudenvollen Tag heran, an dem vor fünf Jahrzehnten Unser Vorgänger, Papst
Pius IX. seligen Angedenkens, inmitten einer glanzvollen Versammlung von
Kardinälen und Bischöfen, kraft seines unfehlbaren Lehramtes, feierlich
verkündete und erklärte, es sei Gegenstand der göttlichen Offenbarung, dass die
allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis frei von
aller Makel der Sünde bewahrt worden sei. Allgemein ist jedoch bekannt, mit
welch festlichen Kundgebungen der Freude und des Dankes von den Gläubigen auf
dem ganzen Erdkreis diese Verkündigung aufgenommen wurde. Niemals, soweit wir
uns erinnern, hat die Liebe zur hehren Gottesmutter und auch zum Stellvertreter
Jesu Christi auf Erden einen so begeisterten und einmütigen Ausdruck gefunden
wie damals.
2 Gehen wir in Unserer Erwartung zu weit, ehrwürdige
Brüder, wenn Wir Uns der Hoffnung hingeben, dass bei dieser Erinnerungsfeier
der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch jetzt, nach Ablauf eines halben
Jahrhunderts, ein lebhafter Widerhall dieser heiligen Freude in unseren Herzen
spürbar wird und dass allmählich wie damals auch heute der Glaube und die Liebe
zur Gottesmutter machtvoll in Erscheinung treten wird? Diesen lebhaften Wunsch
erweckt in Uns die Liebe, die Wir zur allerseligsten Jungfrau im Herzen tragen
und die, ein Gnadengeschenk übrigens ihrer Güte, Wir allzeit zu vermehren
trachteten. Zur sicheren Hoffnung und Erwartung aber, dass dieser Unser Wunsch
auch in Erfüllung gehen werde, berechtigt Uns das Bestreben aller wahren
Katholiken, die nie müde werden und immer bereit sind, der hehren Gottesmutter
stets neue Beweise der Liebe und der Verehrung zu erbringen. Wir wollen
indessen nicht verschweigen, dass dieses Unser Verlangen einer gewissen inneren
Stimme entspringt, und diese scheint Uns zu sagen, dass nun bald jene
Hoffnungen und Erwartungen in Erfüllung gehen werden, zu denen Unser Vorgänger
Pius, und mit ihm alle Bischöfe, nicht ohne Grund sich gedrängt fühlten, wenn
einmal die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis als Glaubenssatz ausgesprochen
wäre.
3 Es gibt freilich nicht wenige, die es bedauern, dass
diese Hoffnungen bis auf den heutigen Tag noch nicht ihre letzte Erfüllung
gefunden haben, und die glauben, mit Jeremias sprechen zu können: "Wir hofften
auf Frieden, und nichts Gutes ist geworden; wir hofften auf die Zeit der
Heilung und siehe: Schrecken[1]."
Solche "Kleingläubige" verdienen Tadel; sie nehmen sich nicht
genügend Mühe, die Werke Gottes zu überdenken und ihren tiefen Wahrheitsgehalt
auszuschöpfen. Denn wer vermag die geheimen Gnadenschätze zu ermessen und
aufzuzählen, die Gott auf die Vermittlung der seligsten Jungfrau hin diese
ganze Zeit hindurch der Kirche zugewendet hat? Aber abgesehen davon: Haben wir
nicht zur rechten Zeit die Abhaltung des Vatikanischen Konzils erlebt und damit
die Glaubenserklärung der Unfehlbarkeit des Papstes, die allen künftigen
Irrungen rechtzeitig einen wirksamen Riegel vorschiebt? Sind wir nicht Zeugen
ungeahnter und nie da gewesener Beteuerungen der Liebe gewesen, die aus allen
Ständen und Länderstrichen die Gläubigen schon seit längerer Zeit hierher zog,
dem Stellvertreter Christi Verehrung und Huldigung zu erweisen? Müssen wir
nicht geradezu in staunende Bewunderung versinken vor dem Walten der Vorsehung
Gottes, die an Unseren zwei Vorgängern, Pius und Leo, sich so wunderbar
erwiesen hat? Trotz der sturmvollen Zeit haben sie in einer Regierungsdauer,
wie sie keinem anderen beschieden war, die Kirche in Heiligkeit regiert.
4 Dazu kam aber noch ein anderes Ereignis. Kaum hatte
Pius die Wahrheit von der unbefleckten Jungfrau Maria als Glaubenssatz
ausgesprochen, als sich in dem Städtchen Lourdes die Jungfrau in Wundern zu
offenbaren begann und der großartige Prachtbau des Heiligtums der Unbefleckten
sich erhob, bei dem auf die Fürbitte der Muttergottes täglich Wunder geschehen,
die geeignet sind, den Unglauben der Jetztzeit zu widerlegen. - Es sind
tatsächlich viele und große Erweise der Güte, die Gott auf die milde Fürbitte
der Jungfrau im Lauf dieser fünfzig Jahre erteilte. Sollen wir da nicht hoffen,
"dass unsere Rettung näher ist, als wir glaubten"? Und dies umso mehr,
da es erfahrungsgemäß ein Gesetz der göttlichen Vorsehung zu sein scheint, dass
Gott am nächsten ist, wo die Gefahr am größten ist. "Nahe ist's, dass
komme die Zeit, und ihre Tage werden nicht verlängert werden. Denn der Herr
erbarmt sich Jakobs und erwählet nochmals Israel[2]."
So haben wir Hoffnung, bald rufen zu können: „Zerbrochen hat Gott den Stab der
Gottlosen. Es ruht und schweigt die ganze Erde, sie freut sich und bricht in
Jubel aus“[3].
5 Der Hauptgrund aber, weshalb Wir wünschen, dass die
fünfzigjährige Jubelfeier der Erklärung der Unbefleckten Empfängnis Mariens als
Glaubenssatz in der christlichen Welt eine Bewegung religiöser Vertiefung
einleiten möchte, ist jener Wahlspruch, den Wir neulich in Unserem
Rundschreiben ausgesprochen haben, "alles in Christus zu erneuern".
Jedem Einsichtigen ist es ja klar, dass es keinen sichereren und leichteren Weg
gibt, alle mit Christus zu vereinigen und durch ihn die vollkommene Kindschaft
zu erlangen, damit wir selig und makellos vor Gott seien, denn Maria.
Als nämlich zu Maria gesagt
wurde: "Selig bist du, da du geglaubt hast, dass in Erfüllung gehen wird,
was dir vom Herrn gesagt worden ist"[4], so
bezog sich das auf die Empfängnis und Geburt des Sohnes Gottes. Und so empfing
sie in ihrem Schoße den, der die Wahrheit selber ist, damit er, "auf einem
ganz neuen Wege und durch eine ganz neue Geburt erzeugt, unsichtbar seinem
Wesen nach, sichtbar in unserer Natur würde"[5]. So ist der Sohn Gottes Mensch geworden, um
"Urheber und Vollender des Glaubens zu werden". Aus all dem aber
folgt notwendig, dass seine heiligste Mutter an diesen göttlichen Geheimnissen
teilgenommen hat und dass diese ihr zur Bewahrung gleichsam anvertraut sind.
Nach Christus muss Maria als das vornehmste Fundament angesehen werden, auf dem
das Glaubensgebäude durch alle Jahrhunderte hindurch aufgeführt werden soll.
6 Oder hätte Gott vielleicht nicht auf einem anderen
Wege als durch die Jungfrau uns den Wiederhersteller des Menschengeschlechtes
und Urheber des Glaubens schenken können? Nun hat es aber der Ewige nach dem
Ratschluss seiner göttlichen Vorsehung gefügt, uns den Gottmenschen durch Maria
zu geben, die, überschattet vom Heiligen Geiste, ihn in ihrem Schoße getragen;
darum bleibt uns gar keine andere Wahl, als dass wir Christus empfangen aus den
Händen Mariens. Deshalb erscheint auch jedes Mal, wenn die Heilige Schrift in
seherischen Worten von unserer künftigen Erlösung spricht, neben dem
Welterlöser seine heilige Mutter. Er wird gesendet als das Lamm, das die Erde
beherrscht, aber es kommt von den Felsen in der Wüste; er sprosst als Blume
auf, aber aus der Wurzel Jesse. Adam schon erblickte Maria in der Ferne als die
Zertreterin des Kopfes der Schlange und gebot bei ihrem Anblick Einhalt den
Tränen über den Fluch, der ihn getroffen. An sie dachte Noe, in der rettenden
Arche eingeschlossen, und Abraham, als ihm verwehrt wurde, den Sohn zu opfern.
Jakob erschaute sie als Leiter, auf der die Engel auf- und absteigen; Moses
erkannte sie staunend in dem brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch;
David begrüßte sie, als er beim Einzug der Bundeslade sang und tanzte; Elias
endlich gewahrte sie in der kleinen Wolke, die aus dem Meere heraufstieg. Kurz,
das Endziel des Gesetzes und all die Wahrheit in Vorbildern und Weissagungen
finden wir, nächst Christus, in Maria.
7 Niemand fürwahr, der bedenkt, dass die Jungfrau
einzig und allein es gewesen, mit der Jesus wie eben ein Sohn mit seiner Mutter
dreißig Jahre lang häuslichen Umgang pflegte und durch die innigste
Lebensgemeinschaft verbunden war, kann daran zweifeln, dass sie und sonst
niemand uns den Zugang zur Erkenntnis Christi zu eröffnen vermag. Wer hätte
denn tiefer als sie, die Mutter, das Geheimnis der Geburt und der Kindheit
Christi erfassen können, vor allem das Geheimnis der Menschwerdung, das den
Anfang und das Fundament des Glaubens bildet? Sie "bewahrte und überdachte
nicht bloß in ihrem Herzen" die Geheimnisse in Bethlehem und im Tempel zu
Jerusalem bei der Darbringung, sondern, ganz eingeweiht in die verborgenen
Gedanken und Absichten Christi, lebte sie wirklich das Leben ihres Sohnes.
Niemand hat deshalb so wie sie Christus ganz erkannt, und so ist sie auch wie
niemand anders die geschaffene WeggeIeiterin und die Lehrerin hin zur
Erkenntnis Christi.
8 Deshalb besitzt auch, wie Wir schon angedeutet haben,
niemand mehr Macht, die Menschen mit Christus zu vereinigen, als diese
Jungfrau. Nach Christi Wort ist dies "das wahre Leben, dass sie dich
erkennen, den einzigen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus
Christus"[6].
Da wir aber durch Maria zur lebendigen Erkenntnis Christi gelangen, so
werden wir auch umso leichter durch sie das Leben gewinnen, dessen Quelle und
Beginn eben Christus ist.
9 Wie werden wir aber erst in dieser Hoffnung bestärkt,
wenn wir überdenken, wie viele mächtige Gründe für Maria selbst bestehen, uns
die Herrlichkeiten dieser Gnaden zu vermitteln!
10 Oder ist Maria nicht die Mutter Christi? Dann ist
sie aber auch unsere Mutter. - Gehen wir zunächst von jener Grundwahrheit aus,
die jeder festhalten muss: Jesus, das menschgewordene Wort, ist der Erlöser des
Menschengeschlechtes. Wenn er nun als Gottmensch, wie alle anderen Menschen,
einen ganz bestimmten Leib angenommen hat, so verfügt er als Erlöser unseres
Geschlechtes ebenso über einen geistigen oder mystischen Leib; dieser mystische
Leib ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben. "Wir, die
vielen, sind ein Leib in Christus[7]."
Nun aber hat die Jungfrau den ewigen Sohn Gottes nicht bloß empfangen, damit er
die menschliche Natur annehme und so nur Mensch sei, sondern dass er durch die
Annahme dieser Menschennatur aus ihr auch der Erlöser der Menschen würde.
Deshalb sagte der Engel den Hirten: "Heute ist euch geboren der Erlöser,
welcher ist Christus der Herr[8]."
In einem und demselben Schoße der reinsten Mutter hat er Fleisch angenommen und
sich zugleich einen geistigen Leib beigefügt, der aus denen besteht, "die
an ihn glauben würden". So kann man mit Recht sagen: Dadurch, dass Maria
in ihrem Schoß den Erlöser umschloss, trug sie in demselben auch die, deren
Leben in das Leben des Erlösers einbezogen war. Wir alle also, die wir mit
Christus vereinigt und nach den Worten des Apostels "Glieder seines
Leibes, von seinem Fleisch und seinem Gebein"[9] sind,
sind gleichsam aus dem Schoße Mariens hervorgegangen als ein Leib, der mit dem
Haupte vereinigt ist. Somit heißen wir geistiger- und mystischerweise mit Recht
Kinder Mariens, und sie ist unser aller Mutter: "Mutter freilich dem
Geiste nach, aber doch durchaus Mutter der Glieder Christi, die wir sind“[10].
11 Die allerseligste Jungfrau ist also zugleich Mutter
Gottes und Mutter der Menschen. - Ohne Zweifel wird sie deshalb alles
aufbieten, damit Christus, "das Haupt des Leibes, der Kirche"[11], uns
als seinen Gliedern alle seine Gnadenschätze mitteile, vor allem, damit wir ihn
erkennen und "durch ihn leben"[12].
12 Zum Lobpreis der heiligsten Gottesgebärerin gehört
nun nicht bloß, dass sie "dem eingeborenen Sohne Gottes, der mit menschlichen
Gliedern geboren werden sollte, die Materie ihres Fleisches bot"[13], um
aus demselben die Opfergabe zu bereiten für das Heil der Menschen, sondern dass
sie auch das Amt übernahm, dieses Opferlamm zu hüten und zu ernähren, ja es zu
seiner Zeit zum Opferaltar hinzugeleiten. So also bestand zwischen dem Sohn und
der Mutter eine ununterbrochene Gemeinschaft im Leben und Leiden, und von
beiden gilt das Wort des Propheten: "Mein Leben verging in Schmerz und
meine Jahre in Seufzern[14]."
Als nun das Lebensende ihres Sohnes herankam, "stand neben dem Kreuze Jesu
sie", seine Mutter. Und zwar war sie keineswegs wie benommen von dem
Entsetzlichen, was sie schauen musste, sondern sie empfand sogar noch Freude,
"dass ihr Eingeborener für das Heil des Menschengeschlechtes zum Opfer
dargebracht wurde; allerdings litt sie so sehr mit, dass sie, wenn dies möglich
gewesen wäre, alle Marter ihres Sohnes von Herzen gern mitgelitten hätte"[15].
Durch diese Teilnahme am Leiden und Willen Christi verdiente Maria, dass auch
sie mit Recht "die Wiederherstellerin der verlorenen Menschenwelt"
wurde[16]
und deshalb auch zur Ausspenderin aller Gnadenschätze, die Christus durch
seinen Tod und sein Blut erkaufte, berufen wurde.
13 Damit wollen Wir nicht gesagt haben, dass die
Verleihung dieser Gnaden nicht eigentlich und rechtmäßig Christus zustehe; er
ausschließlich hat durch seinen Tod die Gnaden uns erworben, und er ist von
Amts wegen der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Aber infolge dieser
Teilnahme der Mutter an den Leiden und Bedrängnissen des Sohnes ist der hehren
Jungfrau das Vorrecht geworden, "bei ihrem Sohn nun die mächtige Mittlerin
und Versöhnerin der ganzen Welt" zu sein[17].
Christus ist die Quelle, "aus deren Fülle wir alle empfangen haben"[18]:
"Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch
das Band, das Dienst tut ... und so erhält der Leib Wachstum zu seinem Aufbau
in Liebe"[19].
VIII. Theologische Gründe
für die Gnadenvermittlung Mariens
Maria ist nur, nach der
richtigen Bemerkung des hl. Bernhard, der "Wasserkanal"[20] oder
auch der Hals, der den Leib mit dem Haupte verbindet und seinerseits Leben und
Kraft von dem Haupte weitergibt. "Sie ist der Hals unseres Hauptes, durch
den alle geistlichen Gaben seinem mystischen Leib mitgeteilt werden[21]."
14 Es braucht nicht mehr eigens betont zu werden, dass
wir nie und nimmer der Gottesmutter die Kraft der übernatürlichen
Gnadenbewirkung zuschreiben; diese gehört Gott allein an. Weil aber Maria alle
an Heiligkeit und inniger Vereinigung mit Christus übertrifft und von ihm
selbst zur Vollführung des Erlösungswerkes herangezogen wurde, in der Absicht, dass
sie schicklicherweise (de congruo) für uns verdiene, was er von Rechts wegen
(de condigno) verdient hat, so ist und bleibt sie die vornehmste Mitwirkerin bei
der Gnadenverteilung. "Er sitzt zur Rechten der Majestät im Himmel"[22],
Maria aber steht als Königin zu seiner Rechten, als "die bewährte
Schützerin und zuverlässigste Helferin aller Gefährdeten. Keine Furcht und kein
Zweifel braucht den schrecken, den sie leitet, über dem sie schwebt, dem sie
gnädig ist und den sie beschützt"[23].
15 Aber nunmehr müssen wir wieder zu unserem Thema
zurückkehren. Haben wir nicht mit Fug und Recht behaupten können, dass Maria,
nachdem sie so treu zu Jesus gestanden, vom Hause in Nazareth bis zum Fels von
Kalvaria, und vertraut wie niemand anders mit den Geheimnissen seines Herzens
war, nun auch den Schatz seiner Verdienste, wie es einer Mutter zukommt, mit
Recht verwaltet? Es gibt deshalb keinen besseren und sichereren Weg zur
Erkenntnis und Liebe Christi als Maria. Sind nicht ein trauriger Beweis dieser
Wahrheit leider gerade jene, die, betört durch die List des bösen Feindes oder
irregeführt durch falsche Vorurteile, meinen, der Hilfe der Jungfrau entraten
zu können? Diese Armen und Unglücklichen bilden sich ein, an Maria vorübergehen
zu müssen, um angeblich Christus die Ehre zu geben, und sie wissen nicht, dass
das Kind "nicht zu finden ist als bei Maria, seiner Mutter".
IX. Hauptzweck der
Marienverehrung ist die Erkenntnis Jesu
16 Dahin also, ehrwürdige Brüder, sollen nach all
diesen Ausführungen Unserem Wunsche gemäß die Festlichkeiten, die zur Ehre der
unbefleckten Jungfrau allerorts bereitet werden, zielen. Keine Ehrung ist Maria
erwünschter, an keiner hat sie solches Gefallen, als dass wir Jesus wirklich
erkennen und lieben. Mögen die Gläubigen nur Festlichkeiten begehen in den
Kirchen und mögen die Gemeinden sich rüsten zu feierlichen Veranstaltungen und
Freudenbezeugungen: das alles ist gut und trefflich, um Frömmigkeit und Andacht
zu fördern. Wenn jedoch dies alles nicht aus dem tiefsten Innern kommt, bleibt
es doch bloß äußerer Schein und ein Zerrbild echter Religiosität. Und die
seligste Jungfrau könnte dann fürwahr mit Recht die vorwurfsvollen Worte
Christi sich auch uns gegenüber zu eigen machen: "Dieses Volk ehrt mich
bloß mit den Lippen; ihr Herz aber ist fern von mir[24].
17 Denn wir können nur dann von einer wahren Verehrung
der Gottesmutter sprechen, wenn sie vom Herzen kommt. Ohne den inneren Geist
hat das äußere Werk weder Wert noch Nutzen. Dieser innerliche Geist muss sich
aber vor allem in uns dahin auswirken, dass wir die Gebote ihres göttlichen
Sohnes genauestens beobachten. Denn wenn die Liebe echt ist, muss sie notwendig
den Willen ergreifen; unser Wollen muss mit dem unserer heiligsten Mutter in
Übereinstimmung gebracht werden, nämlich Christus dem Herrn zu dienen. Was die
Jungfrau aus tiefster Überzeugung bei der Hochzeit zu Kana den Dienern auftrug:
"Was er sagt, das tut"[25], das
spricht sie auch zu uns. Christus aber wiederum sagt: "Wenn du zum Leben
eingehen willst, halte die Gebote[26]."
Ein jeder möge sich also vor Augen halten: Wenn die Verehrung, die er der
seligsten Jungfrau entgegenzubringen vorgibt, ihn nicht von der Sünde abhält
und ihn nicht zu dem Entschlusse bringt, böse Gewohnheiten aufzugeben, so ist
diese Verehrung Mariens bloß eine Äußerlichkeit und eine Selbsttäuschung ohne
echten Kern und ohne heilbringende Frucht.
18 Sollte indessen jemand für diese Wahrheit noch eine
Bestätigung erwarten, so lässt sich diese unschwer aus dem Glaubenssatz der
Unbefleckten Empfängnis der Muttergottes selbst herleiten. - Sehen wir zunächst
ab von der katholischen Überlieferung, die mit der Heiligen Schrift für uns die
Quelle der Wahrheit ist: fragen wir nur, wie doch diese Überzeugung von der
Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria zu jeder Zeit so mit dem
christlichen Denken verwurzelt sein konnte, dass sie den Gläubigen wie
eingegeben und angeboren zu sein scheint? Dionysius der Kartäuser gibt dafür
eine Erklärung mit den Worten: "Abscheu und Entsetzen hält uns ab, zu
sagen, dass jene, die der Schlange den Kopf zertreten sollte, zu irgendeiner
Zeit von der Schlange zertreten wurde, und dass die, welche Mutter des Herrn
sein sollte, jemals die Tochter des Teufels war[27]."
Das christliche Volk konnte eben nie und nimmer begreifen und verstehen, wie
das heilige, unbefleckte, unschuldige Fleisch Christi in dem Schoß der Jungfrau
von einem Fleische genommen sein konnte, dem auch nur einen Augenblick lang die
Sündenmakel anhaftete. Und der Grund ist der: Es stehen eben Gott und die Sünde
in einem unendlichen und unversöhnlichen Gegensatz zueinander. Und so bildete
sich überall in der katholischen Welt die Überzeugung heraus, dass der Sohn
Gottes, bevor er uns durch die Annahme der Menschennatur "in seinem Blut
von unseren Sünden reinigte", seine Mutter schon im ersten Augenblick
ihrer Empfängnis durch ein besonderes Gnadenprivileg von jeder Makel der
Erbsünde rein bewahren musste.
19 Wenn also Gott dermaßen jede Sünde hasst und
verabscheut, dass er die Mutter seines Sohnes nicht bloß von jeder persönlichen
freiwilligen Sünde, sondern durch einen besonderen Gnadenerweis im Hinblick auf
die Verdienste Christi auch von der Erbsünde, die allen Adamskindern wie ein
Erbfluch anhaftet, befreit wissen wollte: dann muss offenbar als erstes von
einem, der ein Diener Mariens sein will, verlangt werden, dass er seine
schlimme und sündhafte Lebensführung aufgebe und auch all seine Neigungen, die
stets von Verbotenem kosten wollen, beherrsche und in Zucht halte.
20 Sollte aber jemand in sich das Verlangen tragen, was
wir eigentlich bei jedem voraussetzen sollten, die seligste Jungfrau auf eine
ganz vollkommene Art zu verehren, so muss er natürlich weitergehen und allen
Ernstes dahinstreben, auch ihr Beispiel in jeder Weise nachzuahmen. - Gott hat
nun einmal festgelegt, dass alle, die selig werden wollen, das Vorbild der
Geduld und Heiligkeit Christi nachahmen und in sich selbst ausprägen.
"Denn die er vorher erkannte, hat er auch vorbestimmt, dem Bild seines
Sohnes gleichförmig zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen
Brüdern[28]."
Aber schwach und hinfällig wie wir nun einmal sind, lassen wir uns durch die
Erhabenheit dieses herrlichen Vorbildes leicht entmutigen. Deshalb hat Gott in
seiner Güte noch ein anderes Vorbild für uns vorgesehen, das einerseits, soweit
es die menschliche Natur vermag, Christus ganz nahe steht, anderseits mit uns
die Kleinheit und Schwäche teilt. Dieses Vorbild ist Maria. "So war Maria
gestaltet", sagt Ambrosius, "dass ihr Leben allein schon die Schule
aller ist." Und daraus folgert er dann ganz richtig: "Als Vorbild
diene euch das Leben der seligsten Jungfrau, das gleich einem Spiegel die
Keuschheit und jedwede Tugendschönheit wie verkörpert hervorleuchten lässt[29]."
XII. Maria und die
theologischen Tugenden
21 Die Kinder einer so heiligen Mutter sollten nun wohl
in allem sie zum Vorbild nehmen. Unter den Tugenden sollten die Gläubigen
freilich vor allem jenen ihre Aufmerksamkeit schenken, die an erster Stelle
stehen und gleichsam der Nerv und das Zentrum unseres ganzen christlichen
Denkens und Lebens sind, nämlich Glaube, Hoffnung und die Liebe zu Gott und den
Menschen. Diese Tugenden umrahmten in herrlichem Glanz das ganze Leben der
seligsten Jungfrau; besondere Leuchtkraft aber entfalteten sie, als Maria ihrem
Sohne im letzten Augenblick seines Lebens zur Seite stand. - Da sehen wir nun
Jesus am Kreuze hängen und wir hören, wie ihm unter Schmähungen und
Verwünschungen vorgeworfen wird, dass er "sich zum Sohne Gottes gemacht
habe"[30].
Nicht
so Maria. Sie hielt mit bewundernswerter
Standhaftigkeit an der Gottheit ihres Sohnes fest und betete sie an. Sie trägt
den Leichnam des Sohnes zu Grabe, zweifelt aber keinen Augenblick an seiner
Auferstehung. Die Liebe zu Gott, von der sie ganz entbrannt war, hatte ihr die
Kraft gegeben, an den Leiden Christi selbst teilzunehmen und sich mit ihm darin
zu teilen, und mit ihm bittet sie nun, ihrer Schmerzen vergessend, für die
Mörder um Gnade und Verzeihung, während diese in ihrer Verstocktheit wütend
schreien: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder[31]."
22 Doch, um nun zur Betrachtung der Unbefleckten
Empfängnis der Jungfrau zurückzukehren, deren Geheimnis ja den Anlass für Unser
Rundschreiben abgegeben hat, wie viele mächtige Beweggründe bietet uns gerade
jenes Geheimnis, diese Tugenden zu bewahren und zu pflegen! - Was ist wohl das
erste, womit hasserfüllte Glaubensfeinde ihre Irrtümer nach allen Seiten zu
verbreiten suchen und leider bei vielen den Glauben erschüttern? Sie leugnen, dass
der Mensch gefallen sei, gesündigt habe und so seiner ehemaligen Stellung
verlustig gegangen sei. Deshalb sind für sie die Erbsünde und alle ihre
schlimmen Folgen rein erdichtete Märchen, ebenso die Sündhaftigkeit und die
Verderbtheit des Menschengeschlechtes in seiner Wurzel und ihre Ausdehnung auf
alle Nachkommen. Nicht weniger belächeln sie die Tatsache, dass dieses Übel
alle Menschen erfasste und so einen Erlöser notwendig machte. Die natürliche
Folge solcher Voraussetzungen aber ist die, dass es für Christus, für Kirche,
für Gnade und eine übernatürliche Ordnung keine Daseinsberechtigung mehr in der
Welt gibt. Mit einem Worte, das ganze Gebäude des Glaubens ist dadurch völlig
unterhöhlt. - Wenn hingegen die Menschen gläubig bekennen, dass Maria die
Jungfrau im ersten Augenblick ihrer Empfängnis von aller Sündenmakel frei
geblieben ist, so bedeutet das ebensoviel, wie die Erbsünde, die Erlösung durch
Christus, das Evangelium, die Kirche und selbst das Gesetz des Leidens zugeben
und annehmen. Dann ist aber auch dem Rationalismus und dem Materialismus jeder
Grund entzogen, und die christliche Weltanschauung darf rühmend für sich in
Anspruch nehmen, die Wahrheit verteidigt und geschützt zu haben.
Die Glaubensfeinde verfügen
indessen über noch andere Mittel, um namentlich heutzutage den Glauben in den
Herzen zu Grunde zu richten. Man kündigt nämlich der Autorität der Kirche wie
schließlich überhaupt auch jeder menschlichen Autorität Ehrfurcht und Gehorsam
auf und verleitet auch die Mitmenschen dazu. Hier stehen wir vor der Keimzelle
des Anarchismus, dieser verabscheuungswürdigen Pest, wie sie verhängnisvoller
für die natürliche und übernatürliche Ordnung in der Menschenwelt nicht sein
kann. Auch diese für die staatliche und kirchliche Ordnung so gefährliche
Zeiterscheinung richtet sich im Grunde gegen den Glaubenssatz von der
Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter; denn gerade diese Lehre verpflichtet
uns, der Kirche nicht bloß über unseren Willen, sondern auch über unsern
Verstand bestimmenden Einfluss einzuräumen. Und weil wir so auch unseren
Verstand in Zucht nehmen, begrüßt das christliche Volk die Gottesmutter mit den
Worten: "Ganz schön bist du, Maria, und die erbliche Makel ist nicht in
dir[32]."
- So bewahrheitet sich auch der glorreiche Lobpreis, den die Kirche mit Recht
der hehren Jungfrau spendet, "dass sie nämlich alle Irrlehren der Welt
vernichtet hat".
23 Der Glaube aber ist, wie der Apostel sagt, "das
feste Vertrauen auf das, was man erhofft"[33].
Wenn wir also durch die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau in unserem Glauben
bestärkt werden, so gilt dies selbstverständlich erst recht für die Hoffnung.
Und dieses umso mehr, da Maria ja nur deswegen von der Erbsünde bewahrt wurde,
weil sie Mutter Christi sein sollte; Mutter Christi wurde sie aber, damit in
uns die Hoffnung auf die ewigen Güter neu geweckt würde.
XV. Die Immakulata führt zur
Gottesliebe
24 Über die Liebe zu Gott brauchen wir keine Worte zu
verlieren. Eine besondere Erwägung indessen verdient, wie die Betrachtung der
Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau uns aufmuntern kann zur Beobachtung jenes
Gesetzes, das Jesus mit Vorzug sein Gebot genannt hat, nämlich das Gebot, dass
wir einander lieben sollen, wie er selbst uns geliebt hat. - "Ein großes
Zeichen", so beschreibt der Apostel Johannes das ihm zuteil gewordene
Gesicht, "ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit
der Sonne, den Mond zu ihren Füßen, und eine Krone von zwölf Sternen auf ihrem
Haupte[34]."
Jeder aber weiß, dass diese Frau niemand anderen bedeutet als Maria, die als
unversehrte Jungfrau Christus, unser Haupt geboren. "Und die Frau" so
fährt der Apostel fort, "war gesegneten Leibes und schrie in ihren Wehen
und Geburtsnöten"[35]. Der
Apostel sah also die heilige Gottesmutter, obwohl sie bereits beseligt im
Himmel war, doch an geheimnisvollen Geburtswehen leiden. Was für eine Geburt
mag damit wohl gemeint sein? Zweifellos handelt es sich um die Geburt von uns
selbst, die wir, in der irdischen Verbannung noch zurückgehalten, erst zur
vollkommenen Liebe Gottes und zur ewigen Glückseligkeit geboren werden müssen.
Die Geburtswehen Mariens aber veranschaulichen ihre Liebe und ihr Bemühen, mit
denen die Jungfrau auf dem Himmelsthron wacht und durch ihre fortwährende
Fürbitte zu bewirken sucht, dass die Zahl der Erwählten ihr Vollmaß erreiche.
XVI. Maria überwindet die
modernen Irrlehren
25 Dass nun diese Liebe besonders bei Gelegenheit
dieser außerordentlichen Feier der Unbefleckten Empfängnis der Gottesgebärerin
das Ziel aller werden möge, dahin geht Unser sehnlichstes Verlangen. Wie
grimmig und wütend wird übrigens auch in unserer Zeit Christus verfolgt und die
von ihm ins Leben gerufene heilige Religion! Wie viele schweben in
augenscheinlicher Gefahr, durch all die schleichenden Irrtümer verführt zu
werden und vom Glauben abzufallen? "Wer also zu stehen glaubt, der sehe
zu, dass er nicht falle[36]."
Möchten doch alle durch Gebet und demütiges Flehen sich bei Gott verwenden, dass,
wer von der Wahrheit abgewichen ist, durch die Fürbitte der Gottesmutter zur
Einsicht gelange. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass ein Gebet, das aus einem
liebenden Herzen strömt und sich auf die Fürsprache der seligsten Jungfrau
berufen kann, nie umsonst ist. Die Kirche wird ja freilich auch weiterhin immer
wieder mit Kampf und Verfolgung rechnen müssen: "Denn es müssen ja
Spaltungen sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden[37]".
Aber ebenso gewiss ist es, dass die seligste Jungfrau mit uns ist selbst in den
verzweifeltesten Lagen; und so wird sie den Kampf fortsetzen, der in ihrer
Empfängnis schon begonnen hat, und jeden Tag wird sich von neuem das Wort
bewahrheiten: "Heute hat sie der Schlange den Kopf zertreten[38]."
26 Damit wir nun durch eine reichlichere Gnadenhilfe
von oben instandgesetzt werden, um mit den Ehrungen, mit denen wir im Laufe
dieses Jahres Maria mehr als sonst überhäufen, auch die Nachahmung ihrer
Tugenden zu verbinden, und damit Wir auch Unseren Wahlspruch, "alles in
Christus zu erneuern", um so nachdrücklicher verwirklichen können, haben
Wir, wie dies bei Unseren Vorgängern beim Antritt ihres Pontifikates üblich
war, beschlossen, einen außerordentlichen Ablass in Form eines Jubiläums dem
ganzen katholischen Erdkreis zu gewähren ... [Die Ablassbestimmungen wurden hier
weggelassen.]
XVIII. Maria, Stärke und
Hoffnung der Kirche
33 Wir beschließen nun, ehrwürdige Brüder, dieses Unser
Schreiben mit dem erneuten Ausdruck einer Hoffnung, die ganz fest in Unserem
Herzen verankert ist. Wir versprechen Uns nämlich von diesem außerordentlichen
Jubiläum, das Wir unter dem Schutz der unbefleckten Jungfrau ausgeschrieben
haben, dass recht viele, die sich leider von Jesus Christus getrennt haben, zu
ihm zurückkehren werden, und dass in der christlichen Welt die Liebe zur Tugend
und Frömmigkeit einen neuen Aufschwung nehme. Als Unser Vorgänger Pius vor 50
Jahren die Unbefleckte Empfängnis als Glaubenssatz verkündete, da schien, wie
Wir bereits bemerkt haben, ein außerordentlicher Gnadensegen die ganze Erde zu
überfluten; und da die Hoffnung und das Vertrauen auf die jungfräuliche
Gottesmutter stieg, so nahm auch die Religiosität des Volkes wie ehedem
allerorts erfreulich zu. Warum sollten nicht auch wir uns auf Ähnliches und
noch Größeres für die Zukunft Hoffnung machen dürfen? Gewiss sind die Zeiten,
in denen wir leben, düster verhangen, so dass auch wir mit dem Propheten sagen
können: "Es ist keine Wahrheit, kein Erbarmen und keine Erkenntnis Gottes
mehr im Lande, Lästerung, Lüge, Mord und Diebstahl nehmen überhand[39]."
Aber seht! Gerade inmitten dieser Sündflut von Übeln erscheint vor unseren
Augen dem Regenbogen gleich die gütigste Jungfrau als Friedensstifterin
zwischen Gott und den Menschen. "Meinen Bogen setze im ins Gewölk, und er
sei zum Bundeszeichen zwischen mir und zwischen der Erde[40]."
Mögen die Stürme auch noch so wüten und mag schwarze Nacht den Himmel bedecken,
so braucht doch niemand zu bangen. Ein Blick auf Maria, und Gott ist versöhnt
und verschont uns. "Der Bogen wird im Gewölke sein, und ich werde ihn
schauen und gedenken des ewigen Bundes[41]."
"Und es werden fürder nicht sein Wasserfluten, zu vertilgen alles Fleisch[42]."
Setzen wir unser ganzes Vertrauen, wie es ja nur billig ist, auf Maria,
besonders jetzt, da wir ihre Unbefleckte Empfängnis freudiger verehren als
sonst! Dann werden auch wir es inne werden und erfahren, dass sie die mächtige
Jungfrau ist, die den Kopf der Schlange mit ihrem jungfräulichen Fuße zertreten
hat[43].
34 Zum Unterpfand dieser Himmelsgaben, ehrwürdige
Brüder, erteilen Wir euch und euren Gläubigen aus ganzem Herzen den
Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 2. Februar 1904,
im 1. Jahre Unseres Pontifikates.
Pius PP. X.
[1] Jer 8,15.
[2] Is 14,1.
[3] Is 14,5.7.
[4] Lk 1,45.
[5] S.
Leo M., Sermo II de Nativ. Domini, c. c.2.
[6] Joh 17,3.
[7] Röm 12,5.
[8] Lk 2,11.
[9] Eph 5,30.
[10] S. Aug., De
sancta Virginitate c. 6.
[11] Kol 1,18.
[12] 1 Joh 4,9.
[13] S. Beda Ven., I. IV in Lk 1.
[14] Ps 30,11.
[15]
[16] Eadmeri Mon., De Excellentia Virg. Mariae, c. 9.
[17] Pius
IX., Litt. Ap., “lnefIabilis", 8. Dez. 1854.
[18] Joh 1,16.
[19] Eph 4,16.
[20] S. Bern., Serm. de temp., in Nativ. B. V. de Aquaeductu n.4.
[21] S. Bem. Sen., Quadrag. de Evangelio
aetemo, Serm. X, a. 3, c. 3.
[22] Hebr 1,3.
[23] Pius IX., Litt. Ap. "Ineffabilis", 8. Dez.
1854.
[24] Mt 15,8.
[25] Jo 2,5.
[26] Mt 19,17.
[27] Dionys.
Carth., 3 Sent. d. 3, q. 1.
[28] Röm 8,29.
[29] S. Ambr., De Virginib., I. II,
c. 2.
[30] Jo 19,7.
[31] Mt 27,25.
[32] Grad.
[33] Hebr 11,1.
[34] Offb 12,1.
[35] Offb 12,2.
[36] 1 Kor 10,12.
[37] 1 Kor 11,19.
[38] Off. Imm.
Conc. in 2 Vesp. ad Magnif.
[39] Hos 4,1-2.
[40] Gen 9,13.
[41] Gen 9,16.
[42] Gen 9,15.
[43] Off. Imm. Conc. B.M.V.