Rundschreiben
unseres
Heiligen Vaters
Papst
Leo XIII.
durch göttliche
Vorsehung Papst
An alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über
die Erneuerung der Wissenschaft
auf
der Grundlage der philosophischen Prinzipien
des
heiligen Thomas von Aquin
4.8.1879
Quelle: Sämtliche
Rundschreiben, erlassen von Unserem Heiligsten Vater Leo XIII., Erste Sammlung,
Herder´sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1904, S. 53-103. Die
Überschriften, aus denen die Inhaltsübersicht erstellt wurde sind aus: Carl Ulitzka (Hg.), Leo XIII. - Lumen
De Caelo. Erweiterte Ausgabe des "Leo XIII. der Lehrer der Welt".
Praktische Ausgabe der
wichtigsten Rundschreiben Leo XIII. und Pius XI.,
Ratibor 1934, S. 76-95.
Elektronische Fassung für www.stjosef.at digitalisiert
von Armin Jauch. HTML-Format in neuer Version erstellt am 8. Februar 2005 von
Dr. Josef Spindelböck.
Die Nummerangabe vor den einzelnen Teilen folgt der englischen Fassung. Im Hinblick auf die Schreibweise
erfolgte bei einzelnen Wörtern eine behutsame Angleichung an die gegenwärtige
Form. Irrtum vorbehalten.
Hinweise zur kirchlichen Einordnung und
Bewertung der Enzyklika
Die Enzyklika „Aeterni Patris Unigenitus“ Papst Leos XIII.
vom 4. August 1879 stellte der falschen Philosophie, die Ursprung privater wie
sozialer Übel ist, die „gesunde“ entgegen, die den Glauben vorbereitet, seine
Annahme als vernünftig erweist, ihn tiefer erfassen lässt und verteidigt.
Besonders wird auf die Philosophie des Thomas von Aquin hingewiesen, der das
Erbe der Väter und die Philosophie der Antike aufgenommen und geistig
durchdrungen hat. Die Kirche erkennt ihm einen Primat der Lehre zu. Die
Enzyklika gab der Neuscholastik starke Impulse. Vgl. W. Kluxen, Aeterni Patris
Unigenitus, in: LThK3 I 187.
Papst Johannes Paul II. hat in der Enzyklika „Fides et
ratio“ vom 14. September 1998 wichtige Feststellungen über den Zusammenhang
von Glaube und Vernunft getroffen und erneut auf die Bedeutung der Philosophie
insgesamt sowie im besonderen der philosophischen Denkweise des hl. Thomas von
Aquin hingewiesen. In „Fides et ratio“ (Nr. 57-58) heißt es: „Das Lehramt hat
sich freilich nicht darauf beschränkt, nur die Irrtümer und Abweichungen der
philosophischen Lehren aufzudecken. Mit derselben Aufmerksamkeit hat es die
Grundprinzipien für eine echte Erneuerung des philosophischen Denkens
unterstrichen und auch konkret einzuschlagende Wege aufgezeigt. In diesem Sinn
vollzog Papst Leo XIII. mit seiner Enzyklika Aeterni Patris einen Schritt von
wahrhaft historischer Tragweite für das Leben der Kirche. Jener Text war bis
zum heutigen Tag das einzige päpstliche Dokument auf solcher Ebene, das
ausschließlich der Philosophie gewidmet war. Der große Papst griff die Lehre des
I. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis von Glaube und Vernunft auf und
entwickelte sie weiter, indem er zeigte, daß das philosophische Denken ein
grundlegender Beitrag zum Glauben und zur theologischen Wissenschaft ist. Nach
über einem Jahrhundert haben viele in jenem Text enthaltene Hinweise sowohl
unter praktischem wie unter pädagogischem Gesichtspunkt nichts von ihrer
Bedeutung eingebüßt; das gilt zuallererst für die Bedeutung in bezug auf den
unvergleichlichen Wert der Philosophie des hl. Thomas. Das Denken des Doctor
Angelicus neu vorzulegen, erschien Papst Leo XIII. als der beste Weg, mit der
Philosophie wieder so umzugehen, daß sie mit den Ansprüchen des Glaubens
übereinstimmt. Der Papst schrieb: ‚Im selben Augenblick, in dem er (der hl. Thomas),
wie es sich gehört, den Glauben vollkommen von der Vernunft unterscheidet,
vereint er die beiden durch Bande wechselseitiger Freundschaft: er sichert
jeder von ihnen ihre Rechte zu und schützt ihre Würde’. Die glücklichen Folgen,
die jene päpstliche Aufforderung nach sich zog, sind bekannt. Die Forschungen
über das Denken des hl. Thomas und anderer scholastischer Autoren erfuhren
einen neuen Aufschwung. Starken Auftrieb erhielt die historische Forschung mit
der Wiederentdeckung der bis dahin weithin unbekannten Schätze des
mittelalterlichen Denkens zur Folge; außerdem entstanden neue thomistische
Schulen. Durch die Anwendung der historischen Methode machte die Kenntnis des
Werkes des hl. Thomas große Fortschritte; zahlreiche Gelehrte brachten mutig
die thomistische Überlieferung in die Diskussionen über die damaligen
philosophischen und theologischen Probleme ein. Die einflußreichsten
katholischen Theologen dieses Jahrhunderts, deren Denken und Forschen das II.
Vatikanische Konzil viel zu verdanken hat, sind Kinder dieser Erneuerung der
thomistischen Philosophie. So stand der Kirche im Laufe des 20. Jahrhunderts
eine starke Gruppe von Denkern zur Verfügung, die in der Schule des Doctor
Angelicus herangebildet worden waren.“
Es folgt der Text der
Enzyklika „Aeterni Patris“ von Papst Leo XIII.
1. Die Kirche ist die
Lehrmeisterin der Religion (1)
2. Die Philosophie soll der
Regel des katholischen Glaubens gemäß gelehrt werden (1)
3. Die Ursache der Übel
unserer Zeit ist die falsche Philosophie (3)
1. Die
Philosophie ist die Erzieherin zum Evangelium (4)
A) Manche Wahrheiten, die Gott
geoffenbart hat, kann auch die Philosophie beweisen (4)
B) Sie beweist die
Vernünftigkeit des Glaubens (5)
C) Sie verhilft zum tieferen
Verständnis der Glaubenslehre (6)
D) Sie leistet Dienste in
der Verteidigung des Glaubens (7)
2. Die
Philosophie soll als Dienerin der göttlichen Lehre folgen (8)
A) Sie darf sich nicht über
die Lehren des Glaubens hinwegsetzen (8)
B) Sie ist nicht irrtumlos
(9)
C) Der Glaube ist kein Feind
der Vernunft (9)
D) Die Geschichte der Philosophie
beweist:
a) Ohne Glauben geht die Philosophie in
die Irre (10)
b) Mit dem Glauben leistete sie Großes
(10)
α) Die Apologeten (11)
β) Die Scholastiker. Der Ruhm der Scholastik ist groß
(14)
1. Er besaß großes Wissen in allen philosophischen Fächern (17)
2. Er zeigte die Harmonie von Vernunft und Glaube (18)
3. Von allen katholischen Schulen wird sein Ruhm anerkannt (19)
4. Die Päpste loben ihn (21)
5. Die Konzilien ehren ihn (22)
6. Die Feinde der Kirche geben seine Geistesmacht zu (23)
1. Die Neuerer des 16. Jahrhunderts sagten sich von Thomas los (24)
2. Einige katholische Gelehrte haben dasselbe getan (24)
3. Die Errungenschaften der Neuzeit benutzen,
heißt nicht, vom Geiste des
hl. Thomas abgehen (24)
V. Die Bischöfe
sollen das Studium des hl. Thomas beleben
1. Die Priesterkandidaten sollen ihn studieren (25)
2. Dieses Studium wird zeigen, wie vernünftig der Glaube ist (27)
3. Die Lehre des hl. Thomas ist für den Staat sehr ersprießlich (28)
4. Sie ist ein Gewinn für jede Wissenschaft (29)
5. Sie ist keine Feindin des Forschritts in den Naturwissenschaften (29)
6. Die Kirche liebt den Fortschritt überall (31)
VI. Vertrauen
auf den „Gott der Wissenschaften“ (32)
Anmerkungen
1. Die
Kirche ist die Lehrmeisterin der Religion
1 Der eingeborene Sohn des ewigen Vaters, der auf Erden
erschien, um dem menschlichen Geschlechte das Heil und Licht der ewigen
Wahrheit zu bringen, hat der Welt eine wahrhaft große und wunderbare Wohltat
erwiesen, als er bei seiner Auffahrt zum Himmel den Aposteln gebot, daß sie
hingingen und alle Völker lehrten1, und die von ihm gegründete Kirche als gemeinsame und
oberste Lehrerin aller Völker zurückließ. Denn die Menschen, welche die
Wahrheit befreit hatte, sollten in der Wahrheit erhalten werden, und die
Früchte der göttlichen Lehren, durch welche dem Menschen das Heil geworden,
wären nicht lange geblieben, hätte Christus der Herr nicht zur Unterweisung der
Geister im Glauben ein fortdauerndes Lehramt eingesetzt. Die Kirche aber, von
den Verheißungen ihres göttlichen Urhebers getragen und in Nachahmung seiner
Liebe, hat der Art ihren Auftrag erfüllt, daß sie dahin immer strebte, darnach
ganz besonders verlangte, die Religion zu lehren und die Irrtümer beständig zu
bekämpfen. Dies ist das Ziel der Arbeiten und Wachsamkeit aller Bischöfe, dies
das Ziel der Gesetze und Verordnungen der Kirchenversammlungen, und besonders
der täglichen Sorge der römischen Päpste, denen als Nachfolger des heiligen
Petrus, des Fürsten der Apostel, im Primate das Recht und die Pflicht zukommt zu
lehren und die Brüder im Glauben zu stärken.
2. Die Philosophie soll der Regel
des katholischen Glaubens gemäß gelehrt werden
Weil aber, wie der Apostel
mahnt, durch Weltweisheit und leeren Trug2 die Gemüter der Christgläubigen
häufig getäuscht und die Reinheit des Glaubens in den Menschen verletzt wird,
darum haben die obersten Hirten der Kirche immerdar es für ihre Amtspflicht
erachtet, auch die wahre Wissenschaft mit allen Kräften zu fördern, und
zugleich mit besonderer Wachsamkeit dafür zu sorgen, daß alle menschlichen
Wissenschaften überall der Regel des katholischen Glaubens gemäß gelehrt
würden, besonders aber die Philosophie, von welcher nämlich zum großen Teile
der richtige Verstand der übrigen Wissenschaften abhängt. Gerade hierauf haben
auch Wir unter anderem in Kürze aufmerksam gemacht, Ehrwürdige Brüder, als Wir
das erste Mal durch ein Rundschreiben zu Euch allen gesprochen; nun aber drängt
uns die Wichtigkeit des Gegenstandes und die Zeitlage, von neuem mit Euch die
Art und Weise der philosophischen Studien zu besprechen, welche sowohl dem
Glaubensgute vollständig gerecht wird, als auch der Würde der menschlichen
Wissenschaften selbst entspricht.
3. Die
Ursache der Übel unserer Zeit ist die falsche Philosophie
2 Wer unsere traurige Zeitlage aufmerksam betrachtet,
und die Zustände des öffentlichen wie Privatlebens vor seinem Geiste
vorübergehen läßt, der erkennt gewiß, daß die eigentliche Ursache sowohl der
Übel, die Uns drücken, als auch jener, die wir noch befürchten, darin besteht,
daß verderbliche Lehren über die göttlichen und menschlichen Dinge, welche
schon vor längerer Zeit aus den Schulen der Philosophen hervorgegangen sind,
unter allen Klassen der Gesellschaft sich verbreiteten und allgemeine Zustimmung
fanden. Denn da es in der Natur des Menschen liegt, in seinen Handlungen die
Vernunft zur Führerin zu nehmen, so zieht der Irrtum des Verstandes leicht auch
einen Fehler des Willens nach sich; und so geschieht es denn, daß verkehrte
Meinungen, welche im Verstande ihren Sitz haben, die menschlichen Handlungen
beeinflussen und verschlechtern. Umgekehrt, wenn der Geist des Menschen gesund
ist und auf den wahren und gediegenen Grundsätzen sicher ruht, dann werden
hieraus für das öffentliche und private Wohl sehr viele Vorteile sich ergeben.
Allerdings schreiben Wir der menschlichen Philosophie nicht einen so großen
Einfluß und solches Ansehen zu, daß wir dafür hielten, sie sei hinreichend,
alle Irrtümer zu überwinden und auszurotten. Denn wie bei der Gründung des
Christentums durch das wunderbare Licht des Glaubens, nicht durch überredende
Worte menschlicher Weisheit verbreitet, sondern in Erweisung des Geistes und
der Kraft3,
dem Erdkreis wieder seine frühere Würde zurückgegeben wurde, so hoffen Wir auch
besonders von der allmächtigen Kraft und Hilfe Gottes, daß die Gemüter der
Sterblichen von der Finsternis der Irrtümer, die sie umfangen, befreit werden
und zur Erkenntnis gelangen. Doch sollen wir die natürlichen Hilfsmittel nicht
verschmähen und hintansetzen, welche durch die Güte der göttlichen Weisheit,
die alles mächtig und milde ordnet, dem menschlichen Geschlechte zu Gebote
stehen; unter diesen aber ist der richtige Gebrauch der Philosophie das
vorzüglichste. Denn nicht umsonst hat Gott das Licht der Vernunft dem
menschlichen Geiste eingepflanzt; und weit entfernt, daß das hinzugekommene
Licht des Glaubens die Kraft der Vernunft vernichte oder mindere,
vervollkommnet es diese vielmehr und macht sie stärker und zu Höherem fähig.
3 Es fordert sonach der Plan der göttlichen Vorsehung
selbst, daß wir auch die menschliche Wissenschaft zu Hilfe rufen, um die Völker
zum Glauben und zum Heile zurückzuführen, ein lobenswertes und weises
Bestreben, das nach den Zeugnissen des Altertums bei den hervorragendsten
Kirchenvätern gewöhnlich war. Jene pflegten nämlich der Vernunft eine
keineswegs geringe und unbedeutende Aufgabe zuzuschreiben, was alles der große
Augustinus ganz kurz zusammengefasst hat, indem er dieser Wissenschaft das
zuschreibt, wodurch der höchst heilsame Glaube erzeugt, genährt, verteidigt und
gestärkt wird4.
1. Die Philosophie ist die Erzieherin zum Evangelium
4 Es ist nämlich erstens die Philosophie im Stande,
falls sie in gehöriger Weise von Verständigen betrieben wird, den Weg zum
Glauben gewissermaßen zu ebnen und zu bahnen, und die Gemüter ihrer Schüler zur
Aufnahme der Offenbarung in entsprechender Weise vorzubereiten, deshalb sie von
den Alten bald ein vorläufiger Unterricht im christlichen Glauben5, bald eine Vorschule und Hilfe zum
Christentum6,
bald eine Erzieherin zum Evangelium7 nicht ohne Grund genannt worden ist.
A) Manche
Wahrheiten, die Gott geoffenbart hat,
kann auch
die Philosophie beweisen
In der Tat hat der barmherzige
Gott bezüglich dessen, was die göttlichen Dinge betrifft, nicht bloß jene
Wahrheiten durch das Licht des Glaubens geoffenbart, welche der menschliche
Verstand aus sich nicht zu erkennen vermag, sondern er hat auch solche kund
gegeben, welche für die Vernunft nicht vollständig unbegreiflich sind, so daß
sie nach Hinzutritt der göttlichen Autorität alsbald und ohne irgendwelche
Beimischung von Irrtum von allen erkannt werden. So ist es gekommen, daß einige
Wahrheiten, die teils von Gott zu glauben vorgelegt werden, teils mit der Lehre
des Glaubens in engem Zusammenhange stehen, selbst die Weisen unter den Heiden,
bloß vom Lichte der natürlichen Vernunft erleuchtet, erkannten, durch
treffliche Beweisgründe dartaten und verteidigten. Denn das Unsichtbare an ihm
ist, wie der Apostel sagt, seit Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen
erkennbar und sichtbar, auch seine ewige Kraft und Gottheit8. Und die Heiden, welche das Gesetz
nicht haben, zeigen nichtsdestoweniger, daß das Gesetz in ihre Herzen
geschrieben sei9. Diese Wahrheiten aber, welche selbst die Weisen unter
den Heiden erkannt haben, zum Vorteil und Nutzen der geoffenbarten Lehre
anzuwenden, ist äußerst zweckmäßig, um so durch die Tatsache zu zeigen, daß die
menschliche Weisheit gleichfalls und das Bekenntnis selbst der Gegner für den
christlichen Glauben Zeugnis ablegt. Daß ein solches Verfahren nicht erst in
unserer Zeit eingeführt wurde, sondern uralt ist und von den Kirchenvätern
häufig angewandt wurde, ist allbekannt. Es erblicken sogar jene ehrwürdigen
Träger und Wächter der religiösen Überlieferungen ein Gleichnis und sozusagen
Vorbild dieses Verhältnisses in der Geschichte der Hebräer, welche beim Auszuge
aus Ägypten geboten wurde, die silbernen und goldenen Geräte der Ägypter
zugleich mit ihren kostbaren Gewändern mit sich zu nehmen, damit diese
Kostbarkeiten nun zu einem anderen Zwecke verwendet, der Religion des wahren
Gottes geweiht würden, die vordem schmählichen Gebräuchen und dem Aberglauben
gedient hatten. Deswegen lobt Gregorius10 von Neocäsarea den Origines, weil er
verschiedene Sätze sinnreich den Lehren der Heiden entnommen, und gleichsam wie
Pfeile, die er den Feinden entrissen, zum Schutze der christlichen Weisheit und
zur Vernichtung des Aberglaubens mit besonderer Gewandtheit auf sie
zurückgeschleudert habe. Die gleiche Kampfesweise loben und billigen sowohl
Gregorius von Nazianz11 als Gregorius von Nyssa12 an Basilius dem Großen; Hieronymus
empfiehlt sie ganz außerordentlich an dem Apostelschüler Quadratus, an
Aristides, Justinus, Irenäus und sehr vielen andern13. Sehen wir nicht, sagt Augustinus,
mit wie viel Gold und Silber und Gewändern beladen Cyprian, der höchst
liebliche Lehrer und selige Martyr, aus Aegypten auszog? Mit wie viel
Lactantius, mit wie viel Victorinus, Optatus, Hilarius; um von Lebenden zu
schweigen, mit wie viel zahllose Griechen?14 Wenn nun aber die natürliche
Vernunft diese reiche Ernte von Wahrheiten schon vorher hervorgebracht hat, ehe
sie durch Christi Kraft befruchtet ward, so wird sie gewiß eine noch viel reichere
hervorbringen, nachdem die Gnade des Erlösers das angebornen Vermögen des
menschlichen Geistes erneuert und gekräftigt hat. Wer sollte aber nicht
einsehen, daß durch eine solche Weise zu philosophieren ein ebener und leichter
Weg zum Glauben sich darbietet?
5 Hierauf beschränkt sich jedoch der Nutzen nicht,
welcher aus jener Weise zu philosophieren hervorgeht. Tadeln doch die
Aussprüche der göttlichen Weisheit die Torheit jener Menschen, welche aus den
sichtbaren Gütern den nicht begreifen,
der da ist, und den Meister aus seinen Werken nicht erkennen15. So ergibt sich zunächst als große
und herrliche Frucht des Gebrauches der menschlichen Vernunft der Beweis für
das Dasein Gottes; aus der Schönheit der Geschöpfe kann man Schlussweise deren
Schöpfer erkennen16. Sodann beweist sie, daß Gott durch den Besitz aller
Vollkommenheiten über alles einzig hervorragt, besonders durch seine unendliche
Weisheit, vor der nichts sich verbergen, und seine höchste Gerechtigkeit, die
keine ungeordnete Neidung besiegen kann; daß daher Gott nicht bloß wahrhaft
ist, sondern die Wahrheit selbst, welche nicht getäuscht werden noch täuschen
kann. Hieraus folgt augenscheinlich, daß die menschliche Vernunft dem Worte
Gottes die höchste Glaubwürdigkeit und Autorität zuerkennt. In gleicher Weise
erklärt sie, daß die evangelische Wahrheit durch wunderbare Zeichen zum
gewissen Beweise der gewissen Wahrheit schon seit ihrem Ursprung
hervorgeleuchtet hat, und daß darum alle, welche dem Evangelium glauben, nicht
unbesonnen glauben, als ob sie gelehrten Fabeln folgten17, sondern in
vollständigvernunftgemäßem Gehorsam ihren Geist und ihr Urteil der göttlichen
Autorität unterwerfen. Auch das ist offenbar von nicht geringerem Belange, daß
die Vernunft augenscheinlich beweist, daß die von Christus eingesetzte Kirche
(wie die Kirchenversammlung vom Vatikan festsetzte) wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung,
hervorragenden Heiligkeit und unerschöpflichen
Fruchtbarkeit, die sie allenthalben entfaltet, wegen der katholischen
Einheit und unüberwindlichen Festigkeit ein großer und fortdauernder Beweggrund
der Glaubwürdigkeit ist, und ein unwidersprechliches Zeugnis ihrer göttlichen
Sendung.18
6 Sind in solcher Weise die höchst sichern Fundamente
gelegt, so findet immer noch fortwährend und vielfach die Philosophie ihre
Anwendung, damit die heilige Theologie das Wesen, den Charakter und Geist einer
wahren Wissenschaft aufnehme und an sich trage. Denn in dieser alleredelsten
Wissenschaft ist es sehr notwendig, daß die vielen verschiedenen Teile der
himmlischen Lehren zu einem organischen Ganzen verbunden, alle nach richtigen
Gesichtspunkten gegliedert, aus den ihnen zuständigen Prinzipien abgeleitet
werden und in entsprechender Weise unter sich zusammenhängen; endlich hat die
Theologie für jeden einzelnen Teil die ihm eigentümlichen die unwiderlegbaren
Beweise zu erbringen. Auch darf sie nicht jene genauere und reichere Erkenntnis
der Offenbarungswahrheiten und ein, so viel dies möglich ist, noch tieferes Verständnis
selbst der Geheimnisse des Glaubens vernachlässigen oder gering schätzen,
welches Augustinus und die anderen Väter gelobt und zu gewinnen bestrebt waren,
und das auch die Kirchenversammlung vom Vatikan19 als sehr fruchtbringend erklärt hat.
Diese Erkenntnis und Einsicht erlangen aber sicherlich vollständiger und
leichter jene, welche mit der Reinheit des Lebens und dem Eifer im Glauben
einem durch die philosophischen Studien ausgebildeten Geist verbinden, zumal da
dieselbe Kirchenversammlung vom Vatikan lehrt, man müsse ein solches
Verständnis der heiligen Lehren sowohl der Analogie mit dem, was auf
natürlichem Wege erkannt wird, als dem Zusammenhange der Geheimnisse selbst
unter sich und mit dem letzten Ziel des Menschen entnehmen20.
7 Auch das endlich ist die Aufgabe der philosophischen
Wissenschaften, die von Gott geoffenbarten Wahrheiten sorgfältig zu verteidigen
und denen, welche sie zu bekämpfen wagen, entgegenzutreten. Zu dieser Beziehung
verdient die Philosophie großes Lob, da sie als eine Schutzwehr des Glaubens
und ein festes Bollwerk der Religion gilt. Es ist zwar, wie Clemens von
Alexandrien bemerkt, die Lehre des Erlösers vollkommen in sich und bedarf
nichts weiter, da sie Gottes Kraft uns Weisheit ist. Daher macht der Hinzutritt
der griechischen Philosophie die Wahrheit nicht stärker; da sie aber die
Gegenbeweise der Sophisten entkräftet und die hinterlistigen Anschläge gegen
die Wahrheit abweist, wurde sie ein passender Zaun und eine Mauer des
Weinberges genannt21. In der Tat, wie die Feinde des katholischen Namens, um
die Religion zu bekämpfen, ihre Waffen gemeinhin der Philosophie entlehnen, so
schöpfen die Verteidiger der göttlichen Wissenschaften vielfach aus dem Gebiete
der Philosophie dasjenige, womit sie die geoffenbarten Lehren nachdrücklich
verteidigen. Und es ist dies als kein geringer Triumph des christlichen
Glaubens zu erachten, daß die menschliche Vernunft selbst wirksam und leicht
die Angriffe der Gegner, die sich auf Scheingründe der Vernunft stützen,
zurückweist. Auf diese Art des religiösen Kampfes, deren der Heidenapostel
selbst sich bediente, weist der heilige Hieronymus hin, indem er an Magnus
schreibt: Der Führer des Christenheeres und unbesiegbare Prediger Paulus
benutzte in seinem Streite für die Sache Christi sogar eine zufällig sich
findende Inschrift zum Beweise des Glaubens; denn er hatte von dem, der in Wahrheit
ein David war, gelernt, das Schwert den Händen des Feindes zu entreißen und das
Haupt des übermütigen Goliath mit dessen eigener Waffe abzuhauen22. Und die Kirche selbst rät nicht
bloß, sondern befiehlt sogar, daß die christlichen Lehrer der Philosophie zur
Verteidigung des Glaubens zu Hilfe rufen sollen. Denn nachdem die fünfte
Kirchenversammlung vom Lateran erklärt hatte, daß jede dem erleuchteten Glauben
widersprechende Aufstellung durchaus falsch sei, weil das Wahre dem Wahren
keineswegs widerspreche23, gebietet sie den Lehrern der Philosophie, sich mit
Eifer mit der Lösung von täuschenden Einwendungen zu beschäftigen, da, wie
Augustinus bezeugt, jeder Grund, welcher gegen die Autorität der heiligen
Schriften vorgebracht wird, wenn er auch noch so spitzfindig sein sollte, durch
Wahrscheinlichkeit täuscht; denn wahr kann er nicht sein24.
2. Die Philosophie soll als Dienerin der göttlichen
Lehre folgen
8 Damit aber die Philosophie im Stande sei, diese
kostbaren Früchte, die Wir erwähnten, hervorzubringen, ist durchaus notwendig,
daß sie niemals von der Bahn abweicht, welche das ehrwürdige Altertum [der
Väter] gegangen ist. Und die Kirchenversammlung vom Vatikan feierlich durch
ihre Autorität gutgeheißen hat.
Denn da es keinem Zweifel
unterliegt, daß die übernatürliche Ordnung sehr viele Wahrheiten enthält,
welche weit hinausragen über die Fassungskraft jedweder Intelligenz, so darf
die menschliche Vernunft im Bewusstsein ihrer Schwäche es nicht wagen, sich
über ihre Schranken zu erheben, noch diese Wahrheiten zu leugnen, noch sie mit
ihrem eigenem Maße zu messen, noch nach Willkür zu erklären; vielmehr soll sie
dieselben mit vollem du demütigem Glauben annehmen, und es sich zur höchsten
Ehre rechnen, daß sie gleich einer Dienerin den himmlischen Lehren nachfolgen,
ihnen ihre Dienste leisten und von ihnen durch Gottes Gnade einigermaßen ein
Verständnis gewinnen darf. Bezüglich jener Lehrpunkte dagegen, welche die
menschliche Intelligenz auf natürlichem Wege erkennen kann, hat, wie ganz
billig, die Philosophie ihrer Methode, ihrer Prinzipien und Beweise zu
bedienen, doch nicht derart, daß es den Anschein gewinnt, als wolle sie keck
der göttlichen Autorität sich entziehen. Da es vielmehr feststeht, daß das, was
die Offenbarung lehrt, höchst gewiß, und was ihr entgegengesetzt ist, auch der
gesunden Vernunft widerstreitet, so soll der katholische Philosoph der
Überzeugung sein, daß er die Rechte des Glaubens und der Vernunft zugleich
verletzt, wenn er einen Satz annimmt, von dem er weiß, da er der Offenbarung
widerspricht.
B) Sie ist
nicht irrtumlos
9 Wir wissen wohl, daß manche die Fähigkeiten der
menschlichen Natur über Gebühr erheben und behaupten, durch die Unterwerfung
unter die göttliche Autorität verliere sie ihre ursprüngliche Würde und werde
gewissermaßen unter da Joch der Knechtschaft gebeugt und so in ihrem
Aufschwunge zur höchsten Wahrheit und Vollkommenheit vielfach zurückgehalten
und gehemmt. Doch das ist alles Irrtum und Täuschung und zielt nur dahin, daß
die Menschen in höchst törichter Weise, und nicht ohne des Verbrechens der
Undankbarkeit sich schuldig zu machen, die höheren Wahrheiten verwerfen und die
göttliche Wohltat des Glaubens freiwillig von sich weisen, aus dem doch alle
Güter, auch für die bürgerliche Gesellschaft, hervorgegangen sind. Denn da der
menschliche Geist in gewisse und dazu recht enge Grenzen eingeschränkt ist, ist
er verschiedenen Irrtümern ausgesetzt und in Bezug auf viele Dinge unwissend.
Der christliche Glaube dagegen ist der zuverlässigste Lehrer der Wahrheit, da
er auf der Autorität Gottes ruht; wer ihm daher folgt, wird weder von Irrtümern
umstrickt noch von den Wogen ungewisser Meinungen hin- und hergeworfen. Jenen
philosophieren daher am besten, welche das Studium der Philosophie mit der
Hingabe an den christlichen Glauben verbinden, indem der Glanz der göttlichen
Wahrheiten, welcher die Seele durchdringt, auch die Intelligenz selbst erhebt,
und sie in ihrer Würde nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern dieselbe
vielmehr in hohem Grade adelt, schärft und kräftigt. In würdiger und nützlicher
Weise machen sie aber von ihrer Vernunft Gebrauch, wenn sie zur Widerlegung von
Sätzen , die dem Glauben widerstreiten, und zur Begründung jener, die mit dem
Glauben im Einklange stehen, den Scharfsinn ihres Geistes aufbieten; bezüglich
jener decken sie die Ursachen des Irrtums auf und legen die Fehler in der
Beweisführung dar, auf welche sie sich stützen; bezüglich dieser aber erfassen
sie die Beweise, welche sie gründlich erhärten und einen jeden Vernünftigen
überzeugen.
C) Der
Glaube ist kein Feind der Vernunft
Wer aber leugnet, daß durch
solche Bestrebungen und Tätigkeit die Kräfte des Geistes sich stärken und
entwickeln, der muß törichterweise behaupten, daß der Unterschied zwischen Wahr
und Falsch für die geistige Ausbildung keine Bedeutung habe. Mit Recht weist
darum die Kirchenversammlung vom Vatikan mit diesen Worten auf die herrlichen
Wohltaten hin, welche durch den Glauben der Vernunft zu Teil werden: Der Glaube
befreit die Vernunft von Irrtümern und bewahrt sie vor ihnen und bereichert sie
mit mannigfaltigen Kenntnissen25. Der Einsichtige wird darum den Glauben nicht tadeln,
als sei er ein Feind der Vernunft und der natürlichen Wahrheiten, sondern muß
vielmehr Gott deswegen Dank sagen, und sich hoch erfreuen, daß bei den vielen Ursachen
zur Unwissenheit und mitten unter den Wogen der Irrtümer ihm der hochheilige
Glaube leuchtet, der wie ein freundliches Gestirn ohne jede Furcht vor
Verirrungen auf den Hafen der Wahrheit hinweist.
D) Die
Geschichte der Philosophie beweist:
a) Ohne Glauben geht die Philosophie in die Irre
10 Wenn Ihr daher, Ehrwürdige Brüder, auf die Geschichte
der Philosophie zurückblicket, werdet Ihr alles, was Wir eben gesagt haben, in
der Tat bestätigt finden. Wahrhaftig, auch jene unter den alten Philosophen,
welche für die weisesten gehalten wurden, aber die Wohltat des Glaubens nicht
genossen, fielen in verschiedene, höchst schmähliche Irrtümer. Denn neben
einigem Wahren haben sie, wie Ihr wisst, so oft Falsches und Widersinniges, so
viel Ungewisses und Zweifelhaftes gelehrt über das wahre Wesen Gottes, den
ersten Ursprung der Dinge, die Regierung der Welt, die göttliche Vorsehung, die
Ursache und den Grund des Bösen, das letzte Ziel des Menschen und seine ewige
Seligkeit, in Bezug auf Tugend und Laster und anderes, was in Wahrheit und mit
Gewissheit zu erkennen dem menschlichen Geschlechte mehr als alles andere
notwendig ist.
b) Mit dem Glauben leistete sie Großes
Dagegen haben die ersten
Väter und Lehrer es unternommen, die Schriften der alten Weisen zu
durchforschen und ihre Meinungen mit den Lehren der Offenbarung zu vergleichen,
indem sie wohl eingesehen hatten, dass Christus, Gottes Kraft und Gottes
Weisheit26, in dem alle Schätze der Weisheit und
Wissenschaft verborgen sind27, nach dem Plane
der göttlichen Vorsehung auch die Wissenschaft erlöst hat; und was sie an
wahren Aussprüchen und weisen Gedanken in ihnen fanden, das wählten sie
sorgfältig aus und nahmen es mit Verbesserung oder Verwerfung alles übrigen an.
Denn wie Gott in seiner höchst weisen Vorsehung zur Verteidigung der Kirche die
todesmutigen Martyrer, die freudig ihr Leben dahingaben, der Wut der Tyrannen
gegenüber erweckte, so stellte er den falschen Philosophen oder Häretikern
durch Weisheit hervorragende Männer entgegen, welche den Schatz der
geoffenbarten Wahrheiten auch durch die Waffen der menschlichen Vernunft
verteidigten. So standen gleich bei Gründung der Kirche höchst erbitterte
Gegner des katholischen Glaubens auf, welche, die christlichen Lehren und
Einrichtungen verspottend, mehrere Götter annahmen, einen Anfang und Urheber
der Materie leugneten und behaupteten, dieser Weltlauf sei durch eine blinde
und unabänderliche Notwendigkeit bestimmt, und werde nicht nach dem Plan der
göttlichen Vorsehung geregelt.
α) Die Apologeten
11 Mit diesen Lehrern einer wahnsinnigen Meinung nun
nahmen alsbald weise Männer den Kampf auf, die wir Apologeten nennen, welche
unter der Leitung des Glaubens auch der menschlichen Weisheit die Beweisgründe
entlehnten, durch welche sie die Notwendigkeit eines einzigen vollkommenen
Gottes begründeten, sowie die Schöpfung aller Dinge aus dem Nichts durch dessen
allmächtige Kraft, die dann durch seine Weisheit bestehen und sämtlich zu den
ihnen bestimmten Zielen hingelenkt und bewegt werden. Unter diesen nimmt der
heilige Martyrer Justinus die erste Stelle in, der die berühmtesten
griechischen Akademien, gleichsam um sie zu prüfen, durchwandert und eingesehen
hatte, daß, wie er selbst gesteht, nur die geoffenbarte Lehre den Durst nach
Wahrheit vollständig stillt, der dann mit ganzer Glut seiner Seele sich ihr
hingab und sie den Verleumdungen gegenüber rechtfertigte, vor den römischen
Kaisern nachdrücklich und mit Gelehrsamkeit verteidigte und die Übereinstimmung
nicht weniger Aussprüche der griechischen Philosophen mit ihr nachwies.
12 Dasselbe leisteten in vortrefflicher Weise zu
derselben Zeit Quadratus und Aristides, Hermias und Athenagoras. Auch Irenäus,
der standhafte Martyrer und Bischof der Kirche von Lyon, erwarb sich auf
demselben Gebiete keinen geringern Ruhm, indem er die verkehrten Meinungen der
Orientalen, welche die Gnostiker über das gesamte römische Reich verbreitet
hatten, mit aller Kraft widerlegte und den verschiedenen Ursprung der einzelnen
Häresien (wie Hieronymus bezeugt) sowie ihre Quellen in den Lehren der
Philosophie, aus denen sie geflossen ... darlegte28. Allbekannt sind aber die Abhandlungen
des Clemens von Alexandrien, welche derselbe Hieronymus also ehrenvoll erwähnt:
Was ist in ihnen ohne Gelehrsamkeit? Vielmehr was ist nicht tief philosophisch?29 Hat er doch mit unglaublicher
Mannigfaltigkeit geschrieben, was für die Herstellung der Geschichte der
Philosophie, für die richtige Anwendung der Dialektik, für das einträchtige
Zusammengehen von Glaube und Vernunft von höchstem Nutzen ist. Origines, der
auf ich folgte, ausgezeichnet als Lehrer der Alexandrinischen Schule, sehr
erfahren in den Lehren der Griechen und Orientalen, veröffentlichte sehr viele
und mühevolle Werke, die wunderbar geeignet sind zur Erklärung der Heiligen Schrift und
Beleuchtung der christlichen Dogmen; wenn sie gleich, wenigstens wie sie
gegenwärtig vorliegen, nicht völlig irrtumslos sind, so enthalten sie dennoch
einen Reichtum von Ideen, welche die Anzahl und Gewissheit der natürlichen
Wahrheiten erhöhen. Tertullian kämpft gegen die Häretiker mit der Autorität der
Heiligen Schrift; mit den Philosophen, indem er die Art der Waffen wechselst,
auf philosophischem Wege; diese aber widerlegt er so scharfsinnig und gelehrt,
daß er ihnen öffentlich und mit Zuversicht den Vorwurf macht: Weder in der
Wissenschaft noch in den Sitten, wie ihr wähnt, kommt ihr uns gleich30. Auch Arnorbius, durch seine
Herausgabe der Bücher gegen die Heiden, und Lactantius, besonders durch seine
Unterweisungen, suchten eben so beredt als gründlich von den Lehren und
Vorschriften der katholischen Weisheit ihre Leser zu überzeugen, nicht indem
sie, wie die Akademiker pflegten, durch Verachtung der Philosophie31, sondern teils durch deren eigene
Waffen, teils durch jene, welche die Streitigkeiten der Philosophen unter sich
ihnen darboten, sie gewannen32. Was aber die menschliche Seele, die göttlichen
Eigenschaften und andere höchst wichtige Fragen der große Athanasius und
Chrysostomus, der Fürst der Redner, in ihren Schriften hinterlassen haben, ist
nach dem Urteile aller so hervorragend, daß sich, wie es scheint, in Hinsicht
und Scharfsinn und Fülle nichts hinzuzufügen läßt. Und um in Aufzählung der
einzelnen nicht zu weitläufig zu werden,
nennen wir unter der Zahl der großen Männer, deren wir bereits Erwähnung getan,
den großen Basilius und die beiden Gregorius, welche von Athen, der Heimat
aller Bildung, in dem Gesamtgebiete der Philosophie wohl unterrichtet,
ausgingen und ihr reiches Wissen, das sie in eifrigem Studium sich erworben
hatten, zur Widerlegung der Häretiker und zum Unterrichte der Christen
verwandten.
13 Allen aber scheint Augustinus gewissermaßen die Palme
entrissen zu haben, der mächtigen Geistes und voll tiefer Gelehrsamkeit in den heiligen
wie profanen Wissenschaften gegen alle Irrtümer seiner Zeit mit höchster
Glaubenskraft und ebenso großem Wissen tapfer gestritten hat. Welche
philosophische Frage hat er nicht berührt? Oder vielmehr, worüber hat er nicht
sorgfältige Untersuchung angestellt, mochte er die tiefsten Geheimnisse des
Glaubens sowohl den Gläubigen auseinandersetzen als auch gegen die törichten
Angriffe der Gegner verteidigen oder nach Vernichtung der Hirngespinste der
Akademiker und Manichäer die Grundlagen und Gewissheit der menschlichen
Erkenntnis sicherstellen, oder Wesen, Ursprung und Ursache der Übel, welche auf
dem Menschen lasten, untersuchen? Wie viele äußerst scharfsinnige
Untersuchungen hat er angestellt über die Engel, die Seele, den menschlichen
Geist, Wille und Freiheit, Religion und Seligkeit, Zeit und Ewigkeit, über das
Wesen der wandelbaren Körper selbst! Nachher haben im Orient Johannes
Damascenus, den Fußstapfen des Basilius und Gregors von Nazianz folgend, im
Okzident dagegen Boethius und Anselmus, auf Grund der Lehren des heiligen
Augustinus, das Gebiet der Philosophie vielfach bereichert.
β) Die Scholastiker. Der Ruhm der Scholastik ist groß
14 Hierauf haben die Lehrer des Mittelalters, welche
Scholastiker genannt werden, ein großes Unternehmen begonnen, nämlich die
reiche und fruchtbare wissenschaftliche Ernte, welche in den ausgedehnten
Werken der heiligen Väter sich zerstreut findet, sorgfältig zusammenstellen und
zum Nutzen und Gebrauch der Nachwelt gleichsam an einem Orte niederzulegen.
Ursprung, Wesen und Vorzug der Scholastik aber mögen hier, Ehrwürdige Brüder,
die Worte Unseres höchst weisen Vorgängers Sixtus´ V. eingehender dartun:
„Durch die Gnade dessen, welcher allein den Geist der Wissenschaft, der
Weisheit und des Verstandes verleiht, und seiner Kirche im Laufe der
Jahrhunderte nach Bedürfnis und Wohltaten spendet, neue Waffen bereitet, haben
unsere höchst weisen Voreltern die scholastische Theologie ausgebildet, welche
besonders zwei ruhmvolle Lehrer, er englische heilige Thomas und der seraphische
heilige Bonaventura, die berühmtesten Meister dieser Wissenschaft ... durch
ihre ausgezeichnete Geisteskraft, ihr unermüdliches Studium, viele Mühen und
Nachtwachen bearbeitet und vervollkommnet, in bester Weise gegliedert und mit
reichen und vortrefflichen Erklärungen versehen, der Nachwelt überliefert
haben.
15 Die Kenntnis nun und Übung in dieser so
heilbringenden Wissenschaft, welche ihre reichen Quellen in der Heiligen
Schrift, den Bestimmungen der Päpste, sowie den Lehren und Entscheidungen der
heiligen Väter und Kirchenversammlungen hat, konnte gewiß zu jeder Zeit der
Kirche von Nutzen sein, teils zum richtigen und gesunden Schriftverständnis und
deren Auslegung, teils um die Väter mit mehr Sicherheit und Nutzen zu lesen und
zu erklären, teils um die verschiedenen Irrtümer und Häresien aufzudecken und
zu widerlegen; in diesen jüngsten Tagen aber, da bereits jene gefährlichen
Zeiten gekommen sind, die der Apostel beschreibt, und die stolzen
Gotteslästerer und Verführer zum Verderben zunehmen, selbst im Irrtum und zum
Irrtum verleitend, ist sie wahrhaftig äußerst notwendig, um die katholischen
Lehrsätze zu erhärten und die Häresien zu widerlegen.“33
16 Wiewohl diese Worte sich nur auf die scholastische Theologie
zu beziehen scheinen, so ist doch klar, daß sie auch von der Philosophie und
ihrem Lobe gelten. Denn die herrlichen Eigenschaften, wodurch die scholastische
Theologie den Feinden der Wahrheit so furchtbar wird, nämlich, wie derselbe
Papst hinzusetzt, „jener richtige und innige Zusammenhang der Gegenstände und
Fragen unter sich, jene einer aufgestellten Schlachtreihe ähnliche
wohlgeordnete Gliederung, jene durchsichtigen Begriffsbestimmungen und
Unterscheidungen, jene Kraft in den Beweisen und äußerst scharfsinnige
Entwicklungen, durch welche das Licht von der Finsternis, das Wahre vom
Falschen unterschieden, die Lügen der Häretiker, die viele Kunstgriffe und
gewundene Redensarten gebrauchen, in ihrer Blöße aufgedeckt und enthüllt
werden“34;
alle diesen herrlichen und wunderbaren Eigenschaften, sagen wir, gehen einzig
aus dem richtigen Gebrauche jener Philosophie hervor, deren die Lehrer der
Scholastik mit Fleiß und reifer Überlegung auch bei theologischen Untersuchungen
vielfach zu bedienen pflegten. Da außerdem dies den scholastischen Theologen in
ganz besonderer Weise zukommt, daß sie zwischen der menschlichen und göttlichen
Wissenschaft den innigsten Bund schlossen, so hätte gewiß die Theologie, in
welcher jene sich auszeichneten, nicht so viel Ehre und Ruhm in der
öffentlichen Meinung erlangt, wenn sie eine mangelhafte oder unvollkommene oder
nur oberflächliche Philosophie angewendet hätten.
III. Der Fürst unter den Scholastikern
1. Er besaß großes Wissen in allen philosophischen Fächern
17 Unter den Lehrern der Scholastik ragt aber nun weit
hervor der Fürst und Meister aller, Thomas von Aquin, der, wie Cajetanus bemerkt,
weil er die alten heiligen Lehrer aufs höchste verehrte, darum gewissermaßen
dem Geist aller besaß35. Ihre Lehren sammelte und fasste Thomas, wie die
zerstreuten Glieder eines Körpers, in Eins zusammen, teilte sie nach einer
wunderbaren Ordnung ein und vervollkommnete sie vielfache derart, daß er mit
vollem Recht als ein ganz besonderer Hort und Schmuck der katholischen Kirche
gilt. Ausgerüstet mit einem gelehrigen und scharfsinnigem Geiste, einem leicht
fassenden und treuen Gedächtnisse, von höchst reinen Sitten, einzig die Wahrheit liebend, an göttlicher und
menschlicher Wissenschaft überreich, hat er der Sonne gleich den Erdkreis durch
die Glut seiner Tugenden erwärmt und mit dem Glanz seiner Lehre erfüllt. Es gibt
kein Gebiet der Philosophie, das er nicht scharfsinnig und zugleich gediegen
behandelt hätte; seine Untersuchungen über die Gesetze des Denkens, über Gott
un die unkörperlichen Substanzen, über den Menschen und die übrigen sinnlichen
Dinge, über die menschlichen Handlungen und ihre Prinzipien sind derart, daß in
ihnen sowohl eine Fülle von Stoff, als passende Anordnung der Teile, die
zweckmäßigste Methode, Sicherheit der Grundsätze und Kraft der Beweise,
Klarheit und Genauigkeit im Ausdrucke wie nicht minder eine Leichtigkeit sich
findet, ach das Dunkelste aufzuhellen.
2. Er zeigte die Harmonie von Vernunft und Glaube
18 Hierzu kommt, daß der englische Lehrer die
philosophischen Schlussfolgerungen aus den Ideen und Prinzipien der Dinge
ableitete, welche von der weittragendsten Bedeutung sind und eine Saat fast
unendlich vieler Wahrheiten gewissermaßen in ihrem Schoße bergen, welche die
nachkommenden Lehrer zur gelegenen Zeit und in fruchtbringendster Weise
entfalten sollten. Da er diese Methode zu philosophieren auch bei Widerlegung
der Irrtümer der Vorzeit anwandte, so ist es ihm gelungen, daß er allein alle
Irrtümer der Vorzeit überwand und zur Widerlegung jener, welche in beständigem
Wechsel in Zukunft auftreten, unbesiegbare Waffen dargeboten hat. Indem er
außerdem genau, wie es ich gebührt, zwischen Vernunft und Glaube unterschied,
beide aber in einem Freundesbunde einte, hat er sowohl die Rechte beider
gewährt, al für beider Würde Sorge getragen, so zwar, daß die Vernunft, auf den
Flügeln des heiligen Thomas zu ihrer höchsten menschlichen Vollendung
emporgetragen, nun kaum mehr höher zu steigen vermag, noch der Glaube von der
Vernunft kaum weitere oder triftigere Beweise fordern kann, als er schon durch
Thomas erlangt hat.
3. Von allen katholischen Schulen wird sein Ruhm anerkannt
19 Aus diesen Ursachen haben die gelehrtesten Männer,
besonders in der Vorzeit, die in Theologie und Philosophie rühmlich
hervorragen, mit unglaublichem Eifer die unsterblichen Werke des heiligen Thomas
gesammelt und von seiner englischen Weisheit sich nicht so fast unterrichten,
als vielmehr vollständig durchdringen lassen. Wie bekannt, haben fast alle
Gründer und Gesetzgeber der religiösen Orden ihren Mitgliedern geboten, die
Lehren des heiligen Thomas zu studieren und gewissenhaft festzuhalten unter dem
strengen Verbote für jeden, auch nur im geringsten von den Fußstapfen dieses
großen Mannes abzuwenden. Um den Orden der Dominicaner zu übergeben, die dieses
hervorragenden Meisters mit Recht als des Ihrigen sich rühmen, sind die
Benedictiner, Carmeliter, Augustiner, die Gesellschaft Jesu und sehr viele
andere Orden, wie die Statuten der einzelnen ausweisen, durch das gleiche
Gesetz verpflichtet.
20 Da gedenkt denn unser Geist mit großer Freude jener
so berühmten Akademien und Schulen, welche ehedem in Europa blühten, jener von
Paris nämlich, Salamanca, Alcala, Douay, Toulouse, Löwen, Padua, Bologna,
Neapel, Coimbra und vieler anderer. Daß der Ruf dieser Akademien mit der Zeit
gewissermaßen nur noch gewachsen ist, und ihre Gutachten, welche man in
schwierigen Fragen einholte, überallhin ein sehr großes Ansehen genossen, ist
jedermann bekannt. Es ist aber außer allem Zweifel, daß Thomas an jenen großen
Stätten der menschlichen Weisheit gleichsam wie in seinem reiche thronte, und
die Gemüter aller, sowohl der Lehrer wie der Schüler, mit wunderbarer
Übereinstimmung auf der Lehre und Autorität des Einen englischen Lehrers
ruhten.
4. Die Päpste loben ihn
21 Doch, was noch mehr ist, die Römischen Päpste, Unsere
Vorfahren, haben die Weisheit des heiligen Thomas von Aquin durch ausgezeichnet
Lobsprüche und glänzende Zeugnisse geehrt. Denn Clemens VI.36, Nicolaus V.37, Benedict XIII.38 u. a.
bezeugen, durch seine wunderbare Lehre werde die ganze Kirche erleuchtet; der
heilige Pius V.39 aber gesteht, durch eben diese Lehren würden alle
Häresien zu Schanden gemacht, widerlegt und vernichtet und die ganze Erde mit
jedem Tage von verderblichen Irrtümern befreit; andere, wie Clemens XII.40, bekennen, seine
Schriften hätten für die Gesamtkirche die reichsten Früchte getragen, und ihm sei
gleiche Ehre zu erweisen, wie sie den größten Kirchenlehrern , einem heiligen
Gregorius des Großen, Ambrosius, Augustinus und Hieronymus, gezollt wird.
Andere endlich nahmen keinen Anstand, ihn den Akademien und großen Lyceen als
Vorbild und Meister vorzustellen, dem sie sichern Schrittes folgen könnten. In
dieser Beziehung scheinen besonderer Erwähnung wert die Worte des seligen
Papstes Urbanus V. an die Akademie von Toulouse: Wir wollen und gebieten euch
durch Gegenwärtiges, daß ihr der Lehre des heiligen Thomas als einer wahrhaften
und katholischen folgt und euch mit allen Kräften bemüht, dieselbe zu fördern41. Dem Beispiele Urbanus folgten
Innocentius XII.42 bezüglich der Universität Löwen und Benedict XIV.43 gegenüber dem Collegium des heiligen
Dionysius zu Granada. Diesen Urteilen der größten Päpste über Thomas von Aquin
möge aber das Zeugnis Innocentius´ VI. gleichsam die Krone aufsetzen: Diese (des
heiligen Thomas) Lehre zeichnet sich aus vor allen andern, jenen der
canonischen Bücher ausgenommen, durch Richtigkeit des Ausdrucks, Maßhaltung in
der Darstellung, Wahrheit der Lehrsätze, so daß, die ihnen folgten, niemals auf
einem Irrwege betroffen wurden, und wer sie angriff, immer im Verdacht des
Irrtums stand44.
5. Die Konzilien ehren ihn
22 Und selbst die allgemeinen Kirchenversammlungen, auf
denen die auserlesenen Geister aller Weltteile durch Weisheit hervorragen,
ließen es sich immer angelegen sein, den heiligen Thomas in besonderen Ehren zu
halten. Man kann sagen, daß in den Kirchenversammlungen von Lyon, Vienne,
Florenz, Vatikan der heilige Thomas zugegen war und nahezu ihnen vorstanden und
die Irrtümer der Griechen, Häretiker und Rationalisten mit unwiderstehlicher
Kraft und dem glücklichsten Erfolge bekämpfte. Aber ein höchstes und ihm ganz
eigentümliches Lob, das kein anderer katholischer Theologe mit ihm teilt, ist
ihm dadurch geworden, daß die Väter auf der Kirchenversammlung zu Trient mitten
im Versammlungssaale selbst zugleich mit den Büchern der Heiligen Schrift und
den Bestimmungen der Päpste die Summe des heiligen Thomas auf dem Altare
aufzulegen geboten, um aus ihr Rat, Beweisgründe und Aufschlüsse zu schöpfen.
6. Die Feinde der Kirche geben seine Geistesmacht zu
23 Auch die Ruhmespalme
endlich schien dem unvergleichlichen Manne vorbehalten zu sein, daß
selbst die Feinde des katholischen Namens ihm unfreiwillig ihre Huldigungen,
Lobpreisungen und Bewunderung zollten. Es unterliegt nämlich keinem Zweifel,
daß unter den Führern der häretischen Sekten es einige gab, welche öffentlich
bekannten, sie würden, wäre nur einmal die Lehre des heiligen Thomas von der
Welt verschwunden, mit allen katholischen Lehrern leicht den Kampf beginnen,
siegen und die Kirche stürzen45 können. – Eine nichtige Hoffnung zwar, aber kein
nichtiges Zeugnis.
24 Im Hinblick auf diese Verhältnisse und Gründe,
Ehrwürdige Brüder, so ost wir die Trefflichkeit, Kraft und den vorzüglichen
Nutzen jener philosophischen Wissenschaft erwägen, welche unsere Altvordern
liebten, halten Wir es für ein unbesonnenes Verfahren, daß ihr die gebührende
Ehre nicht immer noch überall gewahrt blieb, zumal da es allgemein feststand,
daß sowohl die beständige Gewohnheit als das Urteil der bedeutendsten Männer,
als auch, was die Hauptsache ist, die Gutheißung der Kirche für die scholastische
Philosophie sprachen. Und an die Stelle der alten Schule trat hie und da eine
neue Methode zu philosophieren, die jedoch nicht die erwünschten und heilsamen
Früchte trug, welche die Kirche und selbst die bürgerliche Gesellschaft gern
gesehen hätten.
1. Die Neuerer des 16. Jahrhunderts sagten sich von Thomas los
Infolge der Bestrebungen der
Neuerer des sechzehnten Jahrhunderts liebte man es zu philosophieren ohne jede
Rücksicht auf den Glauben, indem man sich die Freiheit wechselseitig herausnahm
und gewährte, alles Beliebige nach Willkür und Gutdünken vorzubringen. Als
nächste Folge hiervon ergab sich eine ungesunde Vervielfältigung der
philosophischen Systeme mit verschiedenen und sich widersprechenden
Anschauungen auch bezüglich der Gegenstände, welche für die menschliche
Erkenntnis die wichtigsten sind. Diese Menge von Ansichten führte sehr häufig
zur Ungewissheit und zu Zweifeln; wie leicht aber der menschliche Geist vom
Zweifel in den Irrtum sinkt, sieht jedermann ein.
2. Einige katholische Gelehrte haben dasselbe getan
Diese Sucht nach Neuerung
scheint, da ein Nachahmungstrieb in der menschlichen Natur liegt, mancherorts
auch den Geist katholischer Philosophen angesteckt zu haben, da sie mit
Hintansetzung des Erbgutes der alten Weisheit es vorzogen, lieber Neues
auszudenken, als das Alte fortzubilden und zu vervollkommnen, was gewiß kein
weiser Gedanke war, noch ohne Schaden für die Wissenschaften. Denn diese
mannigfaltigen philosophischen Systeme haben ein wankendes Fundament, da sie auf dem Ansehen
und Gutdünken der einzelnen Lehrer beruhen, und schaffen eben deswegen keine
feste, dauernde und starke, sondern nur eine wankende und oberflächliche
Philosophie. Wenn sie daher kaum den Angriffen der Feinde gewachsen ist, so hat
sie hierfür sich selbst die Ursache und Schuld zuzuschreiben.
3. Die Errungenschaften der Neuzeit benutzen,
heißt nicht, vom Geiste des hl. Thomas abgehen
Was Wir hier sprechen, soll
gewiß jenen gelehrten und eifrigen Männern nicht zum Tadel gereichen, die ihren
Forscherfleiß und ihre Gelehrsamkeit und die Errungenschaften, welche die neuen
Erfindungen bieten, zum Ausbau der Philosophie verwenden; denn dies gehört, wie
Wir wohl wissen, zum Fortschritt der Wissenschaft. Aber wohl möge man sich
hüten, daß auf den Fleiß und jene Gelehrsamkeit nicht die ganze oder auch nur
die wichtigste Geistesarbeit sich beschränkt. Dasselbe gilt von der heiligen
Theologie, welche durch die Hilfe mannigfacher Gelehrsamkeit gefördert und
beleuchtet werden soll; durchaus aber ist es notwendig, sie in der ernsten,
gründlichen Weise der Scholastiker zu behandeln, damit sie die Kraft der
Offenbarung mit jener der Vernunft verbinde und so fortfahre, ein unbesiegbares
Bollwerk des Glaubens46 zu sein.
1. Die Priesterkandidaten sollen ihn studieren
25 Es war daher ein sehr guter Gedanke, daß nicht wenige
unter denen, welche die philosophischen Wissenschaften pflegen und in jüngster
Zeit auf eine zweckmäßige Erneuerung der Philosophie bedacht waren, dahin
strebten und streben, die herrliche Lehre des heiligen Thomas von Aquin wieder
in Aufnahme zu bringen und ihr den frühern Ruhm wieder zu verschaffen.
26 Daß mehrere Eurer Amtsgenossen, Ehrwürdige Brüder, in
gleicher Gesinnung denselben Weg betraten, haben Wir zur großen Freude Unseres
Herzens erfahren. Diesen spenden Wir sehr großes Lob und mahnen sie zugleich,
in dem begonnenen Werke auszuharren; alle übrigen aber aus Euch erinnern Wir,
daß Uns nichts so erwünscht ist und so sehr am Herzen liegt, als daß Ihr alle
aus dem reinsten Weisheitsstrome, welcher von dem englischen Lehrer gleich
einem fließenden reichen Quell ausgeht, der studierenden Jugend in vollem und
freigebigsten Maße mitteilt.
2. Dieses Studium wird zeigen, wie vernünftig der Glaube ist
27 Es sind aber mehrere Ursachen, warum wir dieses
angelegentlichst wünschen. Und zwar erstens, da an in dieser unserer Zeit den
christlichen Glauben durch die Kunstgriffe und Arglist einer trügerischen
Weisheit zu bekämpfen pflegt, so müssen alle Jünglinge, namentlich aber jene,
welche zur Hoffnung der Kirche heranwachsen, zu dem Zwecke mit der Speise einer
kräftigen und gesunden Lehre genährt werden, damit sie, rüstig an Geist und mit
Waffen aller Art reichlich versehen, frühzeitig sich gewöhnen, mit Nachdruck
uns Weisheit die Sache der Religion zu vertreten, immer bereit, wie der Apostel
mahnt, zur Verantwortung gegen jeden, der von uns Rechenschaft fordert über
unsere Hoffnung47 und in der gesunden Lehre zu unterrichten und die
Widersprecher zu widerlegen48. Sodann behaupten viele von denen, deren Gemüter dem
Glauben entfremdet sind und die darum die Einrichtungen der katholischen Kirche
hassen, daß sie bloß der Leitung und Führung der Vernunft folgen. Um diese nun
von ihrem Irrtum zu heilen und mit dem katholischen Glauben zu versöhnen, ist
nach unserem Dafürhalten außer dem übernatürlichen Beistande Gottes nicht so
sehr geeignet als die gründliche Lehre der Väter und Scholastiker, welche die
unerschütterlichen Fundamente des Glaubens, dessen göttlichen Ursprung, seine
gewisse Wahrheit, die Gründe, welche
denselben erhärten, die Wohltaten, die durch ihn dem menschlichen Geschlechte
zu Teil geworden, dessen vollständige Übereinstimmung mit der Vernunft so
augenscheinlich und nachdrücklich dartun, daß nichts zu wünschen übrig bleibt,
um selbst die noch so sehr widerstrebenden und dagegen ankämpfenden Geister zu
bewegen.
3. Die Lehre des hl. Thomas ist für den Staat sehr ersprießlich
28 Auch die häusliche und selbst die bürgerliche
Gesellschaft, welche, wie wir alle wohl einsehen, durch das Gift verderblicher Meinungen
in höchster Gefahr schwebt, würde ohne Zweifel viel mehr Ruhe und Sicherheit
gewinnen, wenn auf den Akademien und in den Schulen eine gesündere und dem
kirchlichen Glauben mehr entsprechende Lehre vorgetragen würde, wie sie die
Werke des heiligen Thomas von Aquin enthalten.
29 Denn was der heilige Thomas über die wahre Natur der
Freiheit, welche in unseren Tagen in Zügellosigkeit ausgeartet ist, über den
göttlichen Ursprung jedweder Autorität, über die Gesetze und ihre Kraft, über
die väterliche und heilige und billige Gewalt der höchsten Obrigkeit, über den
Gehorsam, den wir den höheren Gewalten schulden, über die gegenseitige Liebe,
was er über diese und verwandte Gegenstände lehrt, hat eine äußerst starke und
unbesiegbare Beweiskraft, zur Widerlegung aller jener Grundsätze des neuen
Rechtes, welche der Ruhe des Gemeinwesens und dem öffentlichen Wohle als
schädlich sich erweisen.
4. Sie ist ein Gewinn für jede Wissenschaft
Alle menschlichen
Wissenschaften endlich müssen im voraus auf Fortschritt hoffen und haben sich
eine ganz bedeutende Förderung von dieser Erneuerung der philosophischen
Disziplinen zu versprechen, die Wir Uns als Aufgabe gesetzt haben. Denn von der
Philosophie als von einer weisen Führerin pflegen die schönen Wissenschaften
ihre wahre Bedeutung und das richtige Maß zu empfangen und aus ihr, wie aus
einer gemeinsamen Lebensquelle, den
beseelenden Hauch zu schöpfen. Die Tatsachen und beständige Erfahrung beweisen,
daß die schönen Wissenschaften dann am meisten blühten, als der Philosophie die
volle Ehre gegeben wurde und sie selbst sich ein gesundes Urteil gewahrt hatte;
daß sie aber vernachlässigt und fast vergessen wurden, wenn die Philosophie
daniederlag und in Irrtümer oder Torheiten versank.
5. Sie ist keine Feindin des Forschritts in den Naturwissenschaften
Darum werden auch die
Naturwissenschaften, die man so schätzt und welche überall zu ihrer Bewunderung
hinreißen, durch die Wiederherstellung der Philosophie der Alten nicht bloß
keinen Nachteil erleiden, sondern sehr viel gewinnen. Denn zu dem fruchtbaren
Betriebe derselben und deren Fortschritt genügt nicht die bloße Erkenntnis der
Tatsachen und Betrachtung der Natur; vielmehr hat sie, stehen einmal die
Tatsachen fest, weiter vorzudringen und sorgfältig nach dem Wesen der
körperlichen Dinge zu forschen, die Gesetze zu untersuchen, denen sie folgen,
und die obersten Ursachen, aus denen die Ordnung derselben, die Einheit in der
Mannigfaltigkeit, und die gegenseitige Verwandtschaft in der Verschiedenheit
hervorgeht. Zu solchen Forschungen wird die scholastische Philosophie, wenn sie
in verständiger Weise betrieben wird, überraschend viel beitragen, Licht und
Hilfsmittel gewähren.
30 Hierbei wollen Wir nicht vergessen zu erinnern, daß
man in höchst ungerechter Weise dieser Philosophie es zum Vorwurfe gemacht hat,
als ob sie dem Fortschritt der Naturwissenschaften und dem Gedeihen entgegen
sei. Denn da die Scholastiker im Anschlusse an die Anschauung der Väter in der
Anthropologie gemeinhin lehrten, daß die menschliche Intelligenz nur auf Grund
der Sinnenwelt zur Erkenntnis der körper- und stofflosen Wesen sich erhebt, so
drängte sich ihnen von selbst die Erkenntnis auf, daß nicht so vorteilhaft für
den Philosophen sei, als die Geheimnisse der Natur fleißig zu erforschen und
mit dem Studium der Naturerscheinungen sich lange und viel zu beschäftigen.
Dies haben sie auch durch die Tat bewiesen; denn der heilige Thomas, der große
selige Albertus und die übrigen hervorragenden Scholastiker haben sich nicht
derart der philosophischen Betrachtung hingegeben, daß sie nicht auch vielen
Fleiß auf die Naturforschung verwandt hätten; wir haben vielmehr auf diesem
Gebiete nicht wendige Aussprüche und Grundsätze von ihnen, welche die neuern
Meister in dieser Wissenschaft anerkannt und als richtig bezeichnen. Außerdem
bezeugen gerade in der Gegenwart mehrere und
zwar hervorragende Kenner der Naturwissenschaften offen und ungescheut,
daß zwischen dem gewissen und feststehenden Sätzen der neueren Physik und den
philosophischen Prinzipien der Scholastik kein eigentlicher Gegensatz bestehe.
6. Die Kirche liebt den Fortschritt überall
31 Indem Wir daher erklären, daß Wir gern und dankbar
aufnehmen, was immer Weises gesagt, was immer Nützliches von irgend jemand
gefunden oder erdacht worden ist, ermahnen Wir dringend Euch alle, Ehrwürdige
Brüder, zum Schutz und Schmuck der katholischen Lehre, zum Besten der
Gesellschaft, zum Wachstum aller Wissenschaften die goldene Weisheit des
heiligen Thomas wieder einzuführen und so weit als möglich zu verbreiten. Die
Weisheit des heiligen Thomas sagen Wir; denn wenn Scholastiker in manchem zu
spitzfindig waren oder anders von ihnen weniger vorsichtig gelehrt worden ist,
wenn etwas mit den ausgemachten Lehrsätzen der späteren Zeit weniger
übereinstimmt, oder endlich in welcher Weise dies nur immer sein mag, unhaltbar
sich zeigt, so gedenken Wir das keineswegs unserer Zeit zur Nachfolge
vorzuhalten. Im übrigen mögen die Lehrer, die Ihr mit Umsicht auswählet, sich
bestreben, die Lehren des heiligen Thomas dem Geiste ihrer Schüler
einzupflanzen, und seine ganz besondere Gründlichkeit und Vorzüglichkeit recht
anschaulich zu machen. Die Akademien, die Ihr errichtet habt oder noch
errichten werdet, sollen sie erläutern und Verteidigen und zur Widerlegung der
um sich greifenden Irrtümer von ihr Gebrauch machen. Damit aber nicht eine
unterschobene statt er echten und eine entstellte statt der lautern aufgenommen
wird, traget Sorge dafür, daß die Weisheit des heiligen Thomas aus deren
Quellen selbst geschöpft werde, oder wenigstens aus solchen Bächen, welche nach
dem gewissen und einstimmigen Urteile der Gelehrten aus den Quellen selbst
geflossen und daher rein und ungetrübt geblieben sind; daher sorget dafür, daß
die Gemüter der Jünglinge von jenen
ferngehalten werden, welche als daraus geflossen ausgegeben werden, in
der Tat aber mit fremdem und Ungesundem Wasser vermischt ist.
VI. Vertrauen auf den „Gott der
Wissenschaften“
32 Wir wissen aber wohl, daß Unsere Bestrebungen eitel
sind, wenn Unserem gemeinsamen Beginnen, Ehrwürdige Brüder, der seinen Beistand
nicht verleiht, der in der Heiligen Schrift49 der Gott der Wissenschaften genannt
wird. Dieselbe erinnert auch, daß jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk
von oben herab, vom Vater des Lichtes ist50. Und wieder: Fehlt es jemand an
Weisheit, der erbitte sie von Gott, welcher allen sie reichlich gibt und es
nicht vorrückt, und sie wird ihm gegeben werden51.
33 Folgen Wir darum auch hierin dem Beispiele des
englischen Lehrers, der niemals dem Lesen oder Schreiben sich hingab, ohne
vorher Gott um seine Gnade angefleht zu haben, und der offen eingestand, was er
wisse, das habe er nicht so fast durch seine Mühe und Arbeit sich errungen, als
vielmehr von Gott empfangen; darum lasst uns in demütigem und einstimmigem
Gebete alle zumal Gott anflehen, daß er aussende über die Söhne der Kirche den
Geist der Weisheit und des Verstandes, und ihnen den Sinn öffne, die Weisheit
zu verstehen. Und um noch reichere Früchte der göttlichen Barmherzigkeit zu
erlangen, rufet auch die allerseligste Jungfrau Maria, welche Sitz der Weisheit
genannt wird, um ihren höchst wirksamen Beistand bei Gott an; zugleich stehet
um ihre Fürbitte zu dem reinsten Bräutigam der Jungfrau, dem heiligen Joseph,
und zu den großen Aposteln Petrus und Paulus, welche den Erdkreis, der von der
unreinen Seuche der Irrtümer verpestet war, durch die Wahrheit wieder erneuert
und mit dem Licht himmlischer Weisheit erfüllt haben.
34 So erteilen
Wir denn in der Hoffnung auf den göttlichen Beistand und im Vertrauen
auf Eure Hirtensorge von ganzem Herzen den apostolischen Segen im Herrn, als
Vorboten himmlischer Gaben und Zeugnis Unseres besonderen Wohlwollens, Euch
allen, Ehrwürdige Brüder, und dem gesamten Clerus, sowie dem Euch anvertrauten
Volke.
Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 4. August des
Jahres 1879,
dem zweiten Unseres Pontifikates.
LEO
PP. XIII.
1 Matth. XXVIII, 18.
2 Coloss. II, 8.
3 I Cor. II, 4.
4 De Trin. Lib. XIV, c. 1.
5 Clem. Alex.,
Strom. Lib. I, c. 16; I. VII, c. 3.
6 Orig. ad Greg.
Thaum.
7 Clem. Alex. Strom.
I, c. 6.
8 Röm. I, 20.
9 Röm. II, 14-15.
10 Orat. paneg. ad Origen.
11 Vit. Moys.
12 Carm. I, Iamb. 3.
13 Epist. ad Magn.
14 De doctr. christ. I.
II, c. 40.
15 Weish.
XIII, 1.
16 A. a. O. V.
5.
17 II Petr. I, 16.
18 Const. dogm. de Fid. Cath,. cap. 3.
19 Const. cit. cap
4.
20 Ebenda f.
21 Strom. lib. I. I,
c. 20.
22 Epist. ad Magn.
23 Bulla Apostolici
regiminis.
24 Epist. 143, (al.
7) ad Marcellin., n. 7.
25 Const. dogm. de Fid. Cath., cap. 4.
26 Cor. I, 24.
27 Coloss. II, 3.
28 Epist. ad Magn.
29 Loc. cit.
30 Apologet. § 46.
31 Inst. VII, cap. 7
32 De opif. Dei, cap. 21.
33 Bulla Triumphantis, an.
1588.
34 Bull. cit.
35 In 2m 2ae,
q. 148, a. 4 in fin.
36 Bulla In Ordine.
37 Breve ad FF. Ord.
Praedic 1451.
38 Bulla Pretiosus.
39 Bulla Mirabilis.
40 Bulla Verbo Dei.
41 Const. 5a dat. die 3 Aug.
1368 ad Cancell. Univ. Tolos.
42 Litt. In form. Brev., die 6. Febr. 1694.
43 Litt. In
form. Brev., die 21 Aug. 1752.
44 Serm. De S. Thom.
45 Beza-Buzer.
46 Sixtus V, Bull.
cit.
47 I Petr. III, 15.
48 Tit. I, 9.
49 I Kön. II, 3.
50 Jak. I, 17.
51 Ebd. V. 5.