Liebst du Maria?
Vom Reimmichl
Das ist eine sehr müßige Frage. Von unserer zartesten Kindheit an, von der Stunde, als wir das erstemal Marias Bild sahen, haben wir sie geliebt. Und mag ein Mensch religiös noch so abgestanden und kalt sein, ein kleinwinziges Fünklein Liebe zu Maria trägt er immer noch im Herzen. Wen unter allen erschaffenen Personen, Menschen und Engeln sollten wir denn auch lieben, wenn nicht Maria? Sie ist die Königin, die Kaiserin des Himmels und der Erde, nach Gott die höchste Majestät und Hoheit, die mächtigste und vornehmste Frau aller Zeiten und aller Völker. Maria hat aber auch unter allen Geschöpfen die größte persönliche Schönheit. Wenn wir Sie einmal im Himmel sehen, nicht nur mit unseren körperlichen Augen, sondern auch mit den Augen unserer Seele, die viel schärfer und klarer und tiefer blicken als die Augen des Leibes, werden wir ganz hingerissen sein von ihrer wundervollen Schönheit. Mit ihr verglichen ist alle Schönheit der Erdenmenschen, ja aller Engel und Heiligen des Himmels nur ein Dämmerschatten gegenüber dem strahlenden Sonnenlicht. Es gibt außer Gott im Himmel und auf Erden nichts Schöneres, nichts Entzückenderes als die Persönlichkeit Marias. Im Himmel wird einmal das Wort des Dichters sich vollkommen erwahren:
„Ich sehe dich In tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
doch keins von allen kann dich schildern,
wie meine Seele dich erblickt.“
Neben aller Majestät und Schönheit ist Maria voll Güte und Milde und Liebe und Barmherzigkeit. Schon da sie noch auf Erden wandelte, tat sie nichts lieber als die Traurigen zu trösten, den Armen zu helfen, den Schwachen beizustehen. Das sehen wir bei ihrem Besuch im Hause des Zacharias, bei der Hochzeit in Kana und besonders, als sie nach der Auffahrt des Herrn den Aposteln und den Gläubigen die sorgsamste Mutterliebe angedeihen ließ. Und jetzt im Himmel ist sie mehr denn je das Heil der Kranken, die Zuflucht der Sünder, die Trösterin der Betrübten, die Hilfe der Christen. Es gehört zu ihren größten Himmelsfreuden, daß sie jetzt im umfangreichsten Maße helfen, Menschenleid lindern, Menschennot beheben kann. Hunderte Bücher erzählen von Ihren Gnadenerweisungen an die Menschen. Seit fast zweitausend Jahren wird sie an erster Stelle und mehr als alle Engel und Heiligen von den leidbedrückten Menschkindern mit größtem Vertrauen um Hilfe angerufen.
Das wäre gar nicht möglich, wenn sie nicht hunderttausendfach und millionenfach geholfen hätte und immer wieder helfen würde. Auch uns — allen ohne Ausnahme — hat sie unzählige Male schon ihre barmherzigen Augen zugewandt und uns unzählige Guttaten erwiesen; wir werden erst in der anderen Welt einmal so recht daraufkommen. Sie übersieht kein Erdenweh, sie hegt Mitleid für jede Not, selbst für das Elend der Sünder, sie verschließt sich keiner Bitte, und wenn sie unserm Bittruf oftmals nicht in dem Sinne willfährt, wie wir ihn meinen, erhören tut sie uns doch immer: Sie erhört uns in einer Weise, die viel mehr und viel besser zu unserem Glück gereicht, als wir es verstehen und verlangen; denn sie ist die Mutter der Barmherzigkeit.
Und damit haben wir jetzt das süßeste Wort ausgesprochen. Die wunderschön-prächtige, holde und mächtige, liebreich-holdselige, gute, barmherzige, himmlische Frau ist unsere Mutter, und wir sind ihre Kinder. Von der Mutter haben die Kinder ihr Leben. Uns hat Maria den Heiland geschenkt und mit ihm das übernatürliche Leben der heiligmachenden Gnade, übergehend ins Leben der ewigen Glorie, das tausendmal besser und kostbarer ist und unendlich länger dauert als das traumkurze leibliche Leben auf Erden. Durch das Blut unseres Herrn Jesus Christus, ihres Sohnes, sind wir gleichsam blutsverwandt mit Maria geworden, sie steht uns näher als irgendein menschlicher Angehöriger, sie liebt uns stärker und heißer als irgendein Erdenmensch, ja selbst als unsere leibliche Mutter. In der ewigen Seligkeit wird es nach der Anschauung Gottes unsere größte Freude sein, immer bei der lieben, süßen Himmelsmutter zu weilen, an ihrer Schönheit uns zu entzücken, ihre freundliche Stimme zu hören, ihre Herzensliebe wonnig zu fühlen. Und da ist es nun wohl selbstverständlich, daß auch wir unsere himmlische Mutter schon hier auf Erden herzensheiß lieben.
Jetzt ergibt sich aber gleich eine andere Frage. Wenn man
jemanden recht von Herzen liebt, fühlt man sich gedrängt; ihm, so oft als man
kann, ein Geschenk zu machen.
Was soll ich ihr denn schenken, sagst du, sie hat ja ehedem schon alles; sie
ist umgeben von den unendlichen Reichtümern des Himmels, und alles steht ihr zu
Gebote, was sie nur wünschen kann. So schenk ihr wenigstens eine duftige,
schöne Blume oder ein zartes, farbenfrisches Blumensträußlein als augenfälliges
Zeichen deiner Liebe und sei überzeugt, daß du ihr damit wirklich eine Freude
machst. Maria hat die Blumen immer gern gehabt. Ist sie doch selbst die
geistliche Rose, die schönste Blume im Himmelsgarten, und wird in der Heiligen Schrift
mit den verschiedensten Blume verglichen.
Nun klagst du vielleicht, du habest keine Blumen und könntest mit Blumen gar
nicht umgehen, zur Winterszeit wären überhaupt keine zu bekommen und im Sommer
welkten Sie gar schnell, auch wüßtest du nie und nimmer, wie du es angehen
solltest, der Muttergottes Blumen zu überreichen. Das hat nun gar keine
Not. Blumen stehen dir mehr als genug zur Verfügung, die herrlichsten,
duftigsten, farbenprächtigsten – Blumen, die Winter und Sommer hindurch blühen,
die niemals erfrieren und niemals verwelken. Nur darfst du sie nicht in
irdischen Gärten suchen, sondern im Paradiesgarten des Himmels, der dir
jederzeit offensteht. Ich meine die Blumen des heiligen Rosenkranzes. Wenn du
den Rosenkranz in der Absicht, Maria eine Ehre und Liebe zu erweisen, richtig
und gut betest, nimmt sie es genauso an und hat eine so große Freude, als wenn
du ihr das farbenprächtigste und duftigste Blumensträußlein mit einem zärtlichen
Handkuß darreichen würdest.
Der heilige Rosenkranz ist die Große Ehrung der Muttergottes, er ist jene Gebetsweise, an der Maria das größte Wohlgefallen hat, weil sie durch den Rosenkranz ihre Kinder besonders eng an sich heranziehen kann und ihnen ein ausgezeichnetes Heilmittel für ihre geistlichen und leiblichen Nöte zuwenden kann. Schon von seiner Wurzel an stammt der Rosenkranz aus dem Herzen Marias. Laut einer alten Überlieferung hat sie ihn selbst dem hl. Dominikus gelehrt und ihm wärmstens empfohlen, diese Gebetsweise in der Christenheit einzuführen. Und fast wie ein Wunder mag es erscheinen, daß sich der heilige Rosenkranz in verhältnismäßig kurzer Zeit über die ganze Welt ausgebreitet hat und zum großen Volksgebet aller Länder und aller Sprachen in der katholischen Kirche geworden ist. Kein anderes Gebet wird so häufig und von so vielen Menschen verrichtet wie der heilige Rosenkranz.
Daß der Rosenkranz eine solche Hochschätzung, eine solch allgemeine Geltung und schließlich den Rang des großen Volksgebetes in der Christenheit erlangte, wurde nur darum möglich, weil Maria ihn durch die Jahrhunderte her mit ganz außerordentlichen Gnadenerweisungen begleitet hat.
Der Rosenkranz ist ein wahrer Schatz für das christliche Volk, er ist ein köstliches Kleinod unter den Andachtsübungen der Kirche. Schon seiner Zusammensetzung nach nötigt er uns Bewunderung ab. Er stellt uns in fünfzehn großen Bildern die wichtigsten und lehrreichsten Geheimnisse unseres GIaubens vor Augen: die Menschwerdung des Sohnes Gottes mit ihren ungemein lieblichen Zusammenhängen, das große Erlösungswerk im Leiden des Herrn und die Frucht der Erlösung, die ewige Glorie, die in der Verherrlichung Jesu und Marias dargestellt wird. Diese fünfzehn Bilder sind von einem golden-silbernen Kranz prächtig umrahmt, nämlich vom Vaterunser und dem oft wiederholten Ave Maria. Lieblich und leicht sind hier das innere und äußere, das betrachtende und mündliche Gebet ineinander verflochten.
Aber nicht nur ein Schatz, sondern auch ein mächtiger Schutz für das christliche Volk ist der Rosenkranz. Wie eine feste, gewaltige Mauer, an der alle Anstürme des bösen Feindes abprallen, umgibt er die christlichen Länder, Gemeinden, Familien und die einzelnen Menschen. Im Jenseits erst werden wir daraufkommen, aus wie vielen und welch furchtbaren Gefahren des Leibes und der Seele er uns errettet hat. Der heilige Rosenkranz ist das Ehrenzeichen des Katholiken.
Quelle: Reimmichls Volkskalender 1969, S.30-32.