Apostolisches Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“
von
Papst Johannes Paul II.
über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe
vom 22.
Mai 1994
Verehrte Brüder im Bischofsamt!
1. Die Priesterweihe, durch welche das von Christus seinen Aposteln anvertraute
Amt übertragen wird, die Gläubigen zu lehren, zu heiligen und zu leiten, war in
der katholischen Kirche von Anfang an ausschließlich Männern vorbehalten. An
dieser Tradition haben auch die Ostkirchen getreu festgehalten.
Als die Frage der Ordination von Frauen in der anglikanischen Gemeinschaft
aufkam, war Papst Paul VI. darauf bedacht, in Treue zu seinem Amt, die
apostolische Überlieferung zu schützen und ebenso in der Absicht, ein neues
Hindernis auf dem Weg zur Einheit der Christen zu vermeiden, den anglikanischen
Brüdern in Erinnerung zu rufen, worin der Standpunkt der katholischen Kirche
besteht: "Sie hält daran fest, daß es aus prinzipiellen Gründen nicht
zulässig ist, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Zu diesen Gründen gehören:
das in der Heiligen Schrift bezeugte Vorbild Christi, der nur Männer zu
Aposteln wählte, die konstante Praxis der Kirche, die in der ausschließlichen
Wahl von Männern Christus nachahmte, und ihr lebendiges Lehramt, das beharrlich
daran festhält, daß der Ausschluß von Frauen vom Priesteramt in Übereinstimmung
steht mit Gottes Plan für seine Kirche".[1]
Da die Frage jedoch auch unter Theologen und in manchen katholischen Kreisen
umstritten war, beauftragte Paul VI. die Kongregation für die Glaubenslehre,
die diesbezügliche Lehre der Kirche darzulegen und zu erläutern. Das geschah
durch die Erklärung Inter Insigniores, deren Veröffentlichung der Papst nach
Bestätigung des Textes anordnete.[2]
2. Die Erklärung wiederholt und erläutert die von Paul VI. dargelegten Gründe
dieser Lehre, wobei sie schlußfolgert, daß die Kirche für sich nicht die
Vollmacht in Anspruch nimmt, "Frauen zur Priesterweihe zuzulassen".[3]
Zu solchen fundamentalen Gründen fügt jenes Dokument noch theologische Gründe
hinzu, die die Angemessenheit jener göttlichen Verfügung für die Kirche
erläutern, und es zeigt deutlich, daß die Handlungsweise Christi nicht auf
soziologischen oder kulturellen Motiven der damaligen Zeit beruhten. So führte
Papst Paul VI. dann erläuternd aus, "der wahre Grund liegt darin, daß Christus
es so festgelegt hat, als er die Kirche mit ihrer grundlegenden Verfassung und
ihrer theologischen Anthropologie ausstattete, der dann in der Folge die
Tradition der Kirche stets gefolgt ist".[4]
In dem Apostolischen Schreiben Mulieris dignitatem habe ich selbst
diesbezüglich geschrieben: "Wenn Christus nur Männer zu seinen Aposteln
berief, tat er das völlig frei und unabhängig. Er tat es mit derselben
Freiheit, mit der er in seinem Gesamtverhalten die Würde und Berufung der Frau
betonte, ohne sich nach den herrschenden Sitten und nach der auch von der
Gesetzgebung der Zeit gebilligten Tradition zu richten".[5]
In der Tat bekunden die Evangelien und die Apostelgeschichte, daß diese
Berufung gemäß dem ewigen Plan Gottes erfolgte: Christus erwählte die, die er
wollte (vgl. Mk 3,13-14; Joh 6,70), und er tat das zusammen mit dem Vater
"durch den Heiligen Geist" (Apg 1,2), nachdem er die Nacht im Gebet
verbracht hatte (vgl. Lk 6,12).
Darum hat die Kirche bei der Zulassung zum Amtspriestertum[6]
stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung
der zwölf Männer anerkannt, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte
(vgl. Offb 21,14). Sie übernahmen in der Tat nicht nur eine Funktion, die dann
von jedem beliebigen Mitglied der Kirche hätte ausgeübt werden können, sondern
sie wurden in besonderer Weise und zutiefst mit der Sendung des
fleischgewordenen Wortes selbst verbunden (vgl. Mt 10,1.7-8; 28,16-20; Mk
3,13-15; 16,14-15). Die Apostel taten das gleiche, als sie Mitarbeiter wählten,[7]
die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten.[8]
In diese Wahl waren auch jene eingeschlossen, die durch die Zeiten der
Geschichte der Kirche hindurch die Sendung der Apostel fortführen sollten,
Christus, den Herrn und Erlöser, zu vergegenwärtigen.[9]
3. Im übrigen zeigt die Tatsache, daß Maria, die Mutter Gottes und Mutter der
Kirche, nicht den eigentlichen Sendungsauftrag der Apostel und auch nicht das
Amtspriestertum erhalten hat, mit aller Klarheit, daß die Nichtzulassung der
Frau zur Priesterweihe keine Minderung ihrer Würde und keine Diskriminierung
ihr gegenüber bedeuten kann, sondern die treue Beachtung eines Ratschlusses,
der der Weisheit des Herrn des Universums zuzuschreiben ist.
Auch wenn die Gegenwart und die Rolle der Frau im Leben und in der Sendung der
Kirche nicht an das Amtspriestertum gebunden ist, so bleiben sie doch absolut
notwendig und unersetzbar. Wie von der Erklärung Inter Insigniores
herausgestellt wurde, wünscht die Heilige Mutter Kirche, "daß die
christlichen Frauen sich der Größe ihrer Sendung voll bewußt werden: ihre
Aufgabe ist heutzutage von höchster Bedeutung sowohl für die Erneuerung und
Vermenschlichung der Gesellschaft als auch dafür, daß die Gläubigen das wahre
Antlitz der Kirche wieder neu entdecken".[10]
Das Neue Testament und die ganze Kirchengeschichte erweisen umfassend die
Präsenz von Frauen in der Kirche, als wahre Jüngerinnen und Zeugen Christi in
der Familie und im bürgerlichen Beruf oder in der vollkommenen Weihe an den
Dienst für Gott und das Evangelium. "In der Tat hat die Kirche, indem sie
für die Würde der Frau und ihre Berufung eintrat, Verehrung und Dankbarkeit für
jene zum Ausdruck gebracht, die - in Treue zum Evangelium - zu allen Zeiten an
der apostolischen Sendung des ganzen Gottesvolkes teilgenommen haben. Es
handelt sich um heilige Märtyrerinnen, Jungfrauen, Mütter, die mutig ihren
Glauben bezeugt und dadurch, daß sie ihre Kinder im Geiste des Evangeliums
erzogen, den Glauben und die Überlieferung der Kirche weitergegeben
haben".[11]
Auf der anderen Seite ist die hierarchische Struktur der Kirche vollkommen auf
die Heiligkeit der Gläubigen ausgerichtet. Daher ruft die Erklärung Inter
Insigniores in Erinnerung, "das einzige höhere Charisma, das sehnlichst
erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12-13). Die Größten im
Himmelreich sind nicht die Amtsträger, sondern die Heiligen".[12]
4. Obwohl die Lehre über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe sowohl von
der beständigen und umfassenden Überlieferung der Kirche bewahrt als auch vom
Lehramt in den Dokumenten der jüngeren Vergangenheit mit Beständigkeit gelehrt
worden ist, hält man sie in unserer Zeit dennoch verschiedenenorts für
diskutierbar, oder man schreibt der Entscheidung der Kirche, Frauen nicht zu
dieser Weihe zuzulassen, lediglich eine disziplinäre Bedeutung zu.
Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die
göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich
kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche
keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle
Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.
Während sich auf euch, verehrte Brüder, und auf das ganze christliche Volk den
beständigen göttlichen Beistand herabrufe, erteile ich allen den Apostolischen
Segen.
Aus dem Vatikan, am 22. Mai, dem Pfingstfest des Jahres 1994, dem 16. meines
Pontifikates.
Joannes Paulus PP II
[1] Vgl. PAUL VI., Antwortschreiben an Seine Gnaden den Hochwürdigsten Herrn Dr. F. D. Coggan, Erzbischof von Canterbury, über das Priestertum der Frau, 30. November 1975: AAS 68 (1976), 599-600: "Your Grace is of course well aware of the Catholic Church's position on this question. She holds that it is not admissible to ordain women to the priesthood, for very fundamental reasons. These reasons include: the example recorded in the Sacred Scriptures of Christ choosing the Apostles only among men; the constant practice of the Church, which has imitated Christ in choosing only men; and her living teaching authority which has consistently held that the exclusion of women from the priesthood is in accordance with God's plan for his Church" (S. 599).
[2] Vgl. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung Inter Insigniores über die Frage der Zulassung von Frauen zum Amtspriestertum, 15. Oktober 1976: AAS 69 (1977), 98-116.
[3] Ebd., 100.
[4] PAUL VI., Ansprache über die Rolle der Frau im Heilsplan, 30. Januar 1977: Insegnamenti, Bd. XV, 1977, 111. Vgl. auch JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, 30. Dezember 1988, Nr. 51: AAS 81 (1989), 393-521; Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1577.
[5] Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem, 15. August 1988, Nr. 26: AAS 80 (1988), 1715.
[6] Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 28; Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2.
[7] Vgl. 1 Tim 3,1-13; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9.
[8] Vgl. Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1577.
[9] Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen Gentium, Nr. 20 und Nr. 21.
[10] KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung Inter Insigniores, VI: AAS 69 (1977), 115-116.
[11] JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem, Nr. 27: AAS 80 (1988), 1719.
[12]
KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Erklärung Inter Insigniores, VI: AAS 69
(1977), 115.
aus: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 117: Apostolisches Schreiben
von Papst Johannes Paul II. über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe
(1994); Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der
Zulassung der Frauen zum Priesteramt (1976), hg. vom Sekretariat der Deutschen
Bischofskonferenz, S. 4-7.
HTML-Format erstellt am 14.09.2000 von Dr. Josef Spindelböck. Irrtum vorbehalten.
Enzykliken und Apostolische Schreiben von Papst Johannes Paul II.