1. "Hodie natus est nobis Salvator mundi"
(Antwortgesang).
Seit zwanzig Jahrhunderten bricht aus
dem Herzen der Kirche diese Frohe Botschaft hervor. In dieser Heiligen
Nacht richtet sie der Engel an uns, die Männer und Frauen am Ende
des Jahrtausends: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch
eine große Freude: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter
geboren" (Lk 2,10-11). Wir haben uns im Advent darauf vorbereitet, diese
tröstlichen Worte aufzunehmen: In ihnen wird das "Heute" unserer Erlösung
Wirklichkeit. In dieser Stunde erhält das "Heute" einen besonderen
Klang. Denn wir gedenken nicht nur der Geburt des Erlösers. Wir stehen
am feierlichen Beginn des Großen Jubiläums. Im Geist verbinden
wir uns mit jenem besonderen Augenblick der Geschichte, da Gott Mensch
wurde und unser Fleisch annahm. Ja, der Sohn Gottes, eines Wesens mit dem
Vater, Gott von Gott und Licht vom Licht, von Ewigkeit her vom Vater gezeugt:
Er nahm unsere menschliche Natur an, einen menschlichen Leib von der Jungfrau
Maria. Er wurde hineingeboren in die Zeit. Gott ist eingetreten in die
Geschichte. Das unvergleichliche ewige "Heute" Gottes wurde in den alltäglichen
Dingen des Menschen gegenwärtig.
2. "Hodie natus est nobis Salvator mundi"
(vgl. Lk 2,10-11).
Wir beugen unser Knie vor dem Sohn Gottes.
Wir vereinen uns im Geist mit dem Staunen, das Maria und Josef erfüllte.
Wir beten Christus an, der in einem Stall geboren wurde. Mit den Hirten
von damals teilen wir ihren Glauben, der voll war von Überraschungen.
Dabei dürfen wir dasselbe Wunder und das gleiche Glück erfahren.
Man muß sich vom Eindruck dieses Ereignisses einfach überwältigen
lassen: Wir können nur staunen. Denn wir erfahren den Augenblick der
Liebe, der die Ewigkeit mit der Geschichte verbindet: das "Heute", das
die Zeit des Jubels und der Hoffnung eröffnet, denn "ein Sohn ist
uns geschenkt. Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter" (Jes 9,5). So lesen
wir beim Propheten Jesaja. Zu Füßen des Wortes, das Fleisch
geworden ist, legen wir unsere Freuden und Sorgen, unsere Tränen und
Hoffnungen nieder. Nur in Christus, dem neuen Menschen, wird das Geheimnis
des Menschseins wirklich gelüftet. Mit dem Apostel Paulus halten wir
uns vor Augen, dass in Betlehem "die Gnade Gottes erschienen (ist), um
alle Menschen zu retten" (Tit 2,11). Das ist der Grund, weshalb in der
Weihnachtsnacht überall auf Erden und in allen Sprachen der Welt frohe
Lieder erklingen.
3. In dieser Nacht erfüllt sich vor
unseren Augen das, was das Evangelium verkündet: "Gott hat die Welt
so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der
an ihn glaubt, ... das ewige Leben hat" (Joh 3,16). Seinen einzigen Sohn
hat Gott hingegeben! Du, o Christus, bist der eingeborene Sohn des lebendigen
Gottes, der im Stall von Betlehem zu uns gekommen ist! Nach zweitausend
Jahren erleben wir dieses Geheimnis neu als einzigartiges und unwiederholbares
Ereignis.
Unter so vielen Menschenkindern, die in
diesen Jahrhunderten auf die Welt gekommen sind, bist allein Du der Sohn
Gottes: Deine Geburt hat den Lauf der Menschheitsgeschichte in unaussprechlicher
Weise verändert. Das ist die Wahrheit, die in dieser Nacht die Kirche
dem dritten Jahrtausend weitergeben will. Ihr alle, die ihr nach uns kommen
werdet, sollt diese Wahrheit annehmen. Sie hat die Geschichte ganz und
gar verwandelt. Seit der Nacht von Betlehem ist sich die Menschheit bewußt,
dass Gott Mensch geworden ist: Gott ist Mensch geworden, um dem Menschen
an seiner göttlichen Natur Anteil zu geben.
4. Du bist Christus, der Sohn des lebendigen
Gottes! An der Schwelle zum dritten Jahrtausend entbietet Dir die Kirche
ihren Gruß: Sohn Gottes, Du bist in die Welt gekommen, um den Tod
zu überwinden. Du bist gekommen, um durch das Evangelium in das menschliche
Leben Licht zu bringen. Dich begrüßt die Kirche. Zusammen mit
Dir möchte sie ins dritte Jahrtausend eintreten. Du bist unsere Hoffnung.
Du allein hast Worte des ewigen Lebens. Du, der Du in der Nacht von Betlehem
zur Welt gekommen bist, bleibe bei uns! Du, der Du der Weg, die Wahrheit
und das Leben bist, geleite uns! Du, der Du vom Vater gekommen bist, führe
uns im Heiligen Geist zu ihm! Wähle den Weg, den allein Du kennst
und den Du uns offenbart hast, damit wir das Leben haben und es in Fülle
haben. Du, Christus, Sohn des lebendigen Gottes, sei für uns die Tür!
Sei für uns
die wahre Tür - dargestellt von jener
Tür, die wir in dieser Nacht feierlich geöffnet haben! Sei für
uns die Tür, die uns in das Geheimnis des Vaters einführt. Gib,
dass niemand ausgeschlossen bleibt, wenn der Vater seine erbarmenden Hände
zum Friedensgruß ausbreitet! "Hodie natus est nobis Salvator mundi":
Christus ist unser einziger Retter! Das ist die Botschaft der Weihnacht
1999: Das "Heute" dieser Heiligen Nacht eröffnet das Große Jubiläum.
Maria, Morgenröte der neuen Zeit, begleite uns, wenn wir mit Zuversicht
die ersten Schritte im Jubeljahr gehen. Amen!
Quelle: ZENIT-Nachrichtendienst
Der Vatikan
Enzykliken und Apostolische Schreiben von Papst Johannes Paul II.
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