Rundschreiben
unseres
Heiligen Vaters
Leo XIII.
durch göttliche
Vorsehung Papst
An alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen,
Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Welt, welche in Gnade und
Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen,
über
das Studium der Heiligen Schrift
18.11.1893
Quelle : Rundschreiben Leo XIII., Vierte Sammlung
(1891-1896), S. 91-155, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau
1904; Die Nummerierung folgt der englischen
Fassung, aus welcher die Überschriften übersetzt und daraus die
Inhaltsübersicht erstellt wurde. Die Rechtschreibung ist der gegenwärtigen Form
angeglichen. Einzelne Wörter wurden zum besseren Verständnis durch
gebräuchliche Wörter ersetzt. Digitalisiert von Armin Jauch. HTML-Format
erstellt am 24.04.2005 von Dr. Josef Spindelböck. Irrtum vorbehalten.
I. Einleitung (1)
II. Die Heilige Schrift ist gewinnbringend für Lehre und Sitte
(3)
III. Die katholische Kirche und die Bibel (6)
IV.
Wie die Heilige Schrift studiert werden soll (9)
V. Die Heilige Schrift und die Theologie; die Interpretation; die
Väter (14)
VI. Die Autorität der Heiligen Schrift; die „höhere Kritik“
(17)
VII. Die physikalische Wissenschaft (18)
VIII. Die Unvereinbarkeit der Inspiration mit dem Irrtum (20)
Anmerkungen
1 In seiner
allweisen Vorsehung hat Gott, der in einem wunderbaren Ratschluss seiner Liebe
das Menschengeschlecht von Anfang an zur Anteilnahme an der göttlichen Natur
erhob und es sodann durch die Erlösung von dem allgemeinen Sündenverderben
wieder in die ursprüngliche Würde einsetzte, ihm deshalb auch dieses
außerordentliche Schutzmittel verliehen, dass er auf die übernatürlichen Wege
die Geheimnisse seiner Gottheit, Weisheit und Barmherzigkeit kund tat. Denn
obwohl die göttliche Offenbarung auch Wahrheiten enthält, welche der
menschlichen Vernunft zwar nicht unzugänglich, aber den Menschen darum
geoffenbart sind, „damit sie ohne alle Beimischung von Irrtum von allen leicht,
sicher und gewiss erkannt werden können, so darf man doch nicht behaupten, dass
aus diesem Grunde die Offenbarung unumgänglich notwendig sei, sondern deshalb,
weil Gott in seiner unendlichen Güte den Menschen zu einem übernatürlichen
Ziele bestimmt hat.“1 Diese
„übernatürliche Offenbarung ist nach dem Glauben der allgemeinen Kirche“ sowohl
„in ungeschriebenen Überlieferungen“, als auch „in geschriebenen Büchern“
enthalten, die deshalb heilige und kanonische heißen, weil sie „unter Eingebung
des Heiligen Geistes verfasst, Gott zum Urheber haben und als solche eben der
Kirche übergeben worden sind.“2 Diese Lehre ist es, welche die Kirche von den Büchern
beider Testamente ununterbrochen festgehalten und offen vorgetragen hat. Auch
sind jene höchst bedeutsamen Zeugnisse des Altertums bekannt, welche klar
aussagen, dass Gott zuerst durch die Propheten, dann durch sich selbst, hernach
durch die Apostel geredet und die sogenannte kanonische Schrift ins Dasein
gerufen habe.3, und dass gerade es ist, welche die göttlichen
Weissagungen und Aussprüche enthält4, ein Brief, den der himmlische Vater an das fern vom
Vaterlande pilgernde Menschengeschlecht gerichtet und durch die heiligen
Verfasser übersendet hat.5 Da nun
die Erhabenheit und Würde der Schriften so groß ist, dass sie unter Gottes
Urheberschaft selbst zu Stande gekommen, zugleich seine tiefsten Geheimnisse,
Ratschlüsse und Werke enthalten, so ergibt sich daraus die Folge, dass auch
jenem Teil der heiligen Theologie, welcher sich mit der Verteidigung und
Auslegung eben dieser göttlichen Bücher befasst, in Hinsicht auf ihre
Vorzüglichkeit und Nützlichkeit eine ausgezeichnete Stelle gebühre.
2 Wie wir nun bisher besorgt waren, und zwar mit Gottes
Hilfe nicht ohne Erfolg, einige Wissenschaften anderer Art, solche nämlich, die
nach Unserer Meinung zur Förderung der Ehre Gottes und des Heiles der Menschen
überaus viel beitragen können, durch wiederholte Schreiben und Ansprachen in
Aufschwung zu bringen, so tragen Wir uns schon lange mit dem Gedanken, in
gleicher Weise auch das hochedle Studium der heiligen Schriften zu wecken und
zu empfehlen, indem Wir ihm zugleich in Rücksicht auf die Bedürfnisse der Zeit
angemessene Bahnen anweisen. Bestimmend, ja fast zwingend wirkt hierbei die
Obsorge für das Apostolische Amt. Im Bewusstsein derselben hegen Wir einerseits
den Wunsch, dass viele vorzügliche Quellen der katholischen Offenbarung zum
Nutzen der Herde des Herrn sicherer und reichlicher sich erschließe, anderseits
aber können Wir durchaus nicht zugeben, dass dieselbe in irgendeiner Beziehung
eine Schädigung von Seiten derer erfahre, welche in frevlem Wagnis offen gegen
die Heilige Schrift losziehen oder gewisse Neuerungen auf trügerische und
unkluge Weise ins Werk setzen. Wir sind uns wohl bewusst, Ehrwürdige Brüder,
dass es unter den Katholiken viele Männer gibt, reich an Talent und
Gelehrsamkeit, die von Eifer beseelt, dahin trachten, die Verteidigung der
göttlichen Bücher zu führen oder eine größere Kenntnis und ein tieferes
Verständnis derselben zu gewinnen. Aber obwohl Wir ihre Bestrebungen und
Erfolge nach Verdienst beloben, können Wir doch nicht umhin, auch die übrigen,
deren Geschicklichkeit, Gelehrsamkeit und Frömmigkeit hierin zu den schönsten
Hoffnungen berechtigt, nachdrücklich zu ermuntern, sich derselben heiligen und
löblichen Aufgabe zu widmen. Ja, es ist Unser dringender Wunsch, es möge sich
eine größere Zahl Männer finden, welche die Sache der heiligen Schriften
gebührend vertreten und mit Ausdauer fortführen; ferner dass vornehmlich jene,
welche die göttliche Gnade zum göttlichen Stand berufen hat, von Tag zu Tag,
wie es recht und angemessen ist, größeren Fleiß und Eifer auf ihre Lesung,
Betrachtung und Erklärung verwenden.
3 Denn der vorzügliche Grund, warum dieses Studium so
nachdrücklicher Empfehlung Wert scheint, liegt, abgesehen von seiner
Erhabenheit und der dem Worte Gottes schuldigen Ehrfurcht, in dem vielfachen
und mannigfaltigem Nutzen, des Unseres Wissen daraus entströmen wird, wofür Uns
der Heilige Geist der zuverlässige Bürge ist mit den Worten: „Jegliche Schrift,
von Gott eingegeben, ist nützlich zur Belehrung, zur Beweisführung, zur
Zurechtweisung, zum Unterrichte in der Gerechtigkeit, damit vollkommen sei der
Mensch Gottes, zu jedem guten Werke ausgerüstet.“6 Denn das ist ja die
Absicht, in welcher die Schriften von Gott den Menschen gegeben worden sind.
Beweis hierfür ist das Beispiel Christi des Herrn und der Apostel. Denn er, der
sich „durch Wunder sich Ansehen verschaffte, durch sein Ansehen Glauben fand,
durch den Glauben die Volksmenge an sich zog.“7, pflegte sich bei seinem göttlichen
Missionsamte auf die heiligen Schriften sich zu berufen. Aus ihnen nämlich
beweist er gelegentlich sogar seine göttliche Sendung und seine Gottheit, aus
ihnen nimmt er Beweise zum Unterrichte seiner Jünger her, zur Bestätigung
seiner Lehre. Eben ihre Zeugnisse verteidigt er gegen die Verleumdungen ihrer
Widersacher; den Sadduzäern und Pharisäern aber stellt er sie zur Überführung
entgegen; selbst gegen den Satan, der ihn in unverschämter Weise versuchte,
kehrt er sie. Auch hat er sie unmittelbar vor seinem Scheiden im Munde geführt
und seinen Jüngern nach der Auferstehung erklärt, bis er zur Herrlichkeit
seines Vaters emporstieg. In seinem Wort und seinen Vorschriften unterwiesen,
haben die Apostel, obwohl er selbst, „Zeichen und Wunder durch ihre Hände
wirken“8
ließ, doch mittels der göttlichen Bücher diese großen Erfolge erzielt, dass sie
die Völker weithin von der christlichen Weisheit überzeugten, die
Hartnäckigkeit der Juden brachen und auftauchende Irrlehren überwältigten. Dies
geht klar aus ihren eigenen Predigten, besonders denen des heiligen Petrus
hervor, die sie zum sichersten Beweise für die neue Gesetzesordnung fast nur
aus Sprüchen des Alten Testamentes zusammenfügten; das Gleiche ergibt sich aus
den Evangelien des Matthäus und Johannes, sowie aus den sogenannten
katholischen Briefen; am allerklarsten aber aus dem Zeugnisse dessen, der „sich
rühmt, zu den Füßen Samaliels das Gesetz des Moses und die Propheten gelernt zu
haben, so dass er dann, mit geistigen Geschossen bewaffnet, voll Zuversicht
sagen konnte: „Die Waffen unseres Kriegsdienstes sind nicht fleischlich,
sondern Macht Gottes.“9 Durch das Beispiel Christi des Herrn und der Apostel
also mögen alle, besonders die Zöglinge der heiligen Kriegsschar, inne werden,
welche Hochschätzung sie den göttlichen Schriften schulden, und mit welchem
Eifer und mit welcher Gewissenhaftigkeit sie selbst sozusagen zu dieser
Rüstkammer hinzutreten sollen. Denn den Männern, welche die Lehre der
katholischen Wahrheit bei Gelehrten oder Ungelehrten vorzutragen haben, wird
sonst nirgends ein solcher Gedankenreichtum oder eine so umfassende Beweisfülle
über Gott, das höchste und vollkommenste Gut, und über die Werke, welche seine
Herrlichkeit und Liebe verkünden, zu Gebote stehen. Was aber der Erlöser des
Menschengeschlechtes betrifft, so gibt es nichts so Ausführliches und
Bestimmtes, als das, was im gesamten Schrifttext enthalten ist. Mit Recht hat
daher Hieronymus die Behauptung aufgestellt: „Unkenntnis der Schriften sei
Unkenntnis Christi.“10 Tritt uns ja doch bei ihnen sein Bild mit frischem
Lebenshauch entgegen, und auch aus diesem strömt Erleichterung in Leiden,
Ermunterung zur Tugend und Einladung zur Gottesliebe auf ganz wunderbare Weise
aus. Was aber die Kirche betrifft, so werden darin die Stiftung, das Wesen, die
Ämter, die Gnadenspenden derselben so häufig in Erinnerung gebracht, und liegen
die Beweise für sie so zahlreich und in solcher Stärke vor Augen, dass
Hieronymus wiederum ganz richtig bemerkt hat: „Wer mit den Zeugnissen der
heiligen Schriften gewappnet ist, der ist ein Bollwerk der Kirche.“11 Wenn es sich aber um die Gestaltung
des Lebens und die Zucht der Sitten handelt, so können die apostolischen Männer
daraus reichliche und vorzügliche Hilfsmittel entnehmen: Vorschriften, voll von
Heiligkeit, Mahnungen, gewürzt mit Lieblichkeit und Kraft, ausgezeichnete
Tugendbeispiele jeder Art. Höchst wichtig ist endlich die im Namen Gottes und
mit seinen Worten gegebene Verheißung ewiger Belohnungen und die Ankündigung
ewiger Strafen.
4 Gerade diese eigentümliche und einzigartige Kraft
der Schriften, welche von dem göttlichen Hauche des Heiligen Geistes ausströmt,
ist es, welche dem geistlichen Redner Autorität verschafft, apostolischen
Freimut der Sprache verleiht und seine Beredsamkeit kraftvoll und siegreich
macht. Ja, wer in seiner Rede den Geist der Kraft des göttlichen Wortes
vorträgt, der „redet nicht bloß im Worte, sondern in Kraft und im Heiligen
Geiste und in großer Fülle.“12 Deshalb handeln sicherlich jene Prediger verkehrt und
unvorsichtig, welche in der Art religiöse Vorträge halten und die göttlichen
Gebote verkünden, dass sie fast nur Worte menschlicher Wissenschaft und
Klugheit vorbringen, indem sie mehr auf ihren eigenen Scharfsinn als die
göttlichen Beweisgründe bauen. Natürlich muss eine solche Predigt, wenn sie
auch an oratorischen Glanzpunkten reich ist, matt sein und kalt lassen, da sie
ja des Feuers des göttlichen Wortes13 entbehrt, und muss weit von jener Kraft und Stärke
entfernt sein, welche das göttliche Wort besitzt: „Denn lebendig ist das Wort
Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend
bis zur Scheidung von Seele und Geist.“14 Übrigens muss jeder Vernünftige
anerkennen, dass sich in den heiligen Schriften eine außerordentlich
mannigfache, reiche und des erhabenen Stoffes würdige Beredsamkeit finde. Das
hat Augustinus klar erkannt und ausführlich nachgewiesen.15 Tatsächlich finden wir dies bestätigt
an den ausgezeichnetsten Vertretern der geistlichen Beredsamkeit, welche es
dankerfüllt gegen Gott ausgesprochen haben, dass sie ihre Berühmtheit
vornehmlich der fortgesetzten Beschäftigung mit der Bibel und ihrer frommen
Betrachtung verdanken.
5 Von all dem waren die heiligen Väter vollkommen
überzeugt und haben diese ihre Überzeugung durch die Erfahrung bestätigt
gefunden. Deshalb waren sie im Lobe der heiligen Schriften und ihres großen
Nutzens unerschöpflich. Denn sie nennen dieselben an zahllosen Stellen einen
reichen Schatz himmlischer Lehren16, unversiegbare Quellen des Heiles17, oder schildern sie als fruchtbare
Wiesenfluren und paradiesische Gefilde, auf welchem die Herde des Herrn
wundervolle Erquickung und Ergötzung findet.18 Zutreffend sind die Worte des
heiligen Hieronymus an den jungen Kleriker Nepotian: „Lies öfter die göttlichen
Schriften, ja niemals lege diese heilige Lesung aus den Händen; lerne, was du
lehren sollst, ... Die Rede des Priesters sei mit der Schriftlesung gewürzt.“19 Hierzu passt der Satz des heiligen
Gregor des Großen, der weiser als alle die Obliegenheiten der Hirten der Kirche
geschildert hat: „Wer im Predigtamte Wache hält, der darf Schriftlesung und
Studium niemals verlassen.“20 – Doch hier möge die Mahnung des heiligen Augustinus
Platz finden: „der sei ein unnützer Prediger des Wortes Gottes nach außen, der
es nicht im eigenen Innern vernehme“21, sowie auch die Vorschrift, welche der eben genannte
Gregor den geistlichen Rednern gibt, sie sollten bei Verkündigung des
göttlichen Wortes, bevor sie es andern vortragen, sich selbst erforschen, damit
sie nicht bei der Rüge der Handlungen anderer sich vergessen“22 Aber das hatte nach dem
Beispiele und Lehrvortrage Christi, der „anfing zu wirken und zu lehren“, schon
früher die Stimme des Apostels weithin verkündet, die sich nicht an Timotheus
allein, sondern an den ganzen geistlichen Stand wendet mit dem Auftrage: „Habe
acht auf dich und die Lehre, verharre dabei; tust du dies, so wirst du dich
selbst retten und die, welche dich hören.“23 In der Tat liegen in den heiligen
Schriften für unserer und anderer Heil und Vervollkommnung vorzügliche
Hilfsmittel bereit, welchen die Psalmen gar reiches Lob spenden, freilich nur
für jene, welche für die göttlichen Aussprüche nicht bloß einen gelehrigen und
aufmerksamen Sinn, sondern auch eine unverdorbene und fromme Willensrichtung
mitbringen. Denn viele Bücher haben nicht eine ähnliche Beschaffenheit wie die
gewöhnlichen. Nein, sie sind vielmehr vom Heiligen Geist diktiert und enthalten
Dinge von höchster Wichtigkeit, welche in vielen Stücken verborgen und gar
schwierig sind. Deshalb haben wir zu ihrem Verständnis und ihrer Auslegung
immer „den Beistand“ desselben Geistes „vonnöten“24 d.h. seine Erleuchtung und Gnade;
diese Gaben aber muss man, dafür steht das Ansehen des göttlichen
Psalmensängers an vielen Stellen ein, durch demütiges Gebet erflehen und durch
heiligmäßiges Leben bewahren.
6 Glänzend bewährt sich demnach hier die Vorsehung der
Kirche, welche stets durch die besten Einrichtungen und Gesetze verhütet hat,
„dass jener himmlische Schatz der heiligen Bücher, welchen der Heilige Geist
aus höchster Freigebigkeit den Menschen übergeben hat, vernachlässigt
darniederliegt“,25 Denn sie hat verordnet, dass alle ihre Geistlichen im
täglichen Offizium des heiligen Psalmengesangs einen großen Teil derselben
lesen und mit frommem Sinn betrachten, ja noch mehr, dass taugliche Männer an
den Kathedralkirchen, in Klöstern und Konventen anderer Ordensleute, in welchen
Studien geeignete Pflege finden können, ihre Auslegung und Erklärung besorgen;
endlich hat sie die strenge Vorschrift gegeben, dass die Gläubigen wenigstens
an den Sonn- und Festtagen an den Heilsworten des Evangeliums Nahrung finden
sollen. 26
Ebenso ist jene durch alle Jahrhunderte lebendige und außerordentlich
nutzbringende Pflege der Heiligen Schrift der Klugheit und Sorgfalt der Kirche
zu verdanken.
7 Hier ist es, schon zur Bestätigung Unserer
Belehrungen und Mahnungen, förderlich, in Erwähnung zu bringen, wie von
Anbeginn des Christentums her alle durch Heiligkeit des Lobes und der
Gotteswissenschaft ausgezeichneten Männer sich viel und ununterbrochen mit den
heiligen Schriften beschäftigt haben. Die unmittelbaren Apostelschüler, unter
ihnen Klemens von Rom, Ignatius von Antiochia, Polykarp, besonders die
Apologeten, namentlich Justin und Irenäus, schöpften, wie wir sehen, in ihren
Briefen und Büchern, mochten sie zur Verteidigung oder zur Empfehlung
katholischer Lehrsätze dienen, zumeist aus den heiligen Schriften den Glauben,
die Kraft und jegliche Anmut ihrer Frömmigkeit. In den Katechetenschulen und
theologischen Anstalten aber, die an vielen Bischofsitzen entstanden, besonders
an den hochberühmten zu Alexandria und Antiochia, befasste sich hier der
stattfindende Unterricht fast nur mit der Lesung, Erklärung und Verteidigung
des geschriebenen Wortes Gottes. Daraus gingen die meisten Väter und
Schriftsteller hervor, durch deren mühsame Studien eine solche Fülle
ausgezeichneter Werke entstand, dass nahezu die drei folgenden Jahrhunderte mit
Fug und Recht den Namen goldenes Zeitalter der Exegese erhielten. - Im
Morgenland behauptet den ersten Rang Origenes, der durch geniale Begabung und
eisernen Fleiß Bewunderung verdient. Aus seinen zahlreichen Schriften und den
großartigen Werke Herapla haben in der Folge fast alle geschöpft. Dazu kommt
eine größere Zahl solcher, welche die Grenzen dieser Wissenschaft erweitert
haben. So hat, um nur die Vorzüglichsten zu nennen, Alexandria einen Klemens
und Cyrill hervorgebracht, Palästina den
Eusebius und den anderen Cyrill, Kappadozien Basilius der Große, die beiden
Gregore von Nazianz und Nyssa, Antiochia den berühmten Johannes Chrysostomus,
bei welchem die Kenntnis dieser Wissenschaft mit der höchsten Beredsamkeit
wetteiferte. Nicht minder glänzend steht es bei den Abendländern. Zu den vielen
Männern, die sich in hohem Grade bewährten, zählen die berühmten Namen eines
Tertullian und Cyprian, des Hilarius und Ambrosius, der beiden großen Leo und
Gregor; die hochberühmten Namen des Augustin und Hieronymus, von welchen der
erste eine wunderbare Schärfe im Ergründen des Sinnes des Wortes Gottes besaß
und überaus fruchtbar war in dessen Verwertung zur Stütze der katholischen
Wahrheit, der zweite aber von seiner einzigartigen Kenntnis der biblischen
Bücher und von den großen Leistungen zu ihrer Fruchtbarmachung den Ehrennamen
Doctor maximus durch die feierliche Erklärung der Kirche erhielt. – Obwohl von
da an bis zum 11. Jahrhundert die biblischen Studien nicht mit dem gleichen
Wetteifer und Erfolg wie früher blühten, so blühten sie doch, insbesondere
durch die Bemühungen von Männern des geistlichen Standes. Denn diese waren
bedacht, Ausbeute aus dem zu machen, was ihnen die Vorzeit hierin Nutzbares
hinterlassen hatte, und dieselbe geschickt geordnet und mit eigenen Zutaten
vermehrt zu veröffentlichen, so namentlich Isidor von Sevilla, Beda, Alkuin,
oder den biblischen Text mit lichtvollen Noten zu versehen, wie Walafrid Strabo
und Anselm von Laon, oder erneuerte Sorgfalt auf ihre Unverfälschtheit zu
verwenden, wie Petrus Damiani und Lanfranc. – Im 12. Jahrhundert aber haben die
meisten die allegorische Schrifterklärung in lobenswerter Weise betrieben.
Hierin hat der heilige Bernhard alle
anderen weit übertroffen; auch seine Reden haben fast nur den Beigeschmack der
heiligen Schriften. – Doch einen neuen und erfreulichen Aufschwung nahm die
Exegese mit dem Unterricht der „Scholastiker“. Obwohl ihr Augenmerk darauf
gerichtet war, die echte Leseart der lateinischen Übersetzung aufzuspüren, wie
die von ihnen angelegten „biblischen Korrektorien“ klar bekunden, verwandten
sie doch noch größeren Eifer und Fleiß auf die Auslegung und Erklärung.
Wohlgeordnet und deutlich, besser als je zuvor, wurden die verschiedenen
Bedeutungen des heiligen Textes unterschieden, die Tragweite eines jeden Wortes
in theologischer Beziehung abgewogen, die Teile der Bücher und der Inhalt genau
begrenzt. Aufgespürt wurde das Thema der Schriften, entwickelt der logische
Zusammenhang der Gedanken. Daraus sieht jedermann klar, welches Licht über
dunkle Stellen verbreitet wurde. Außerdem geben die theologischen Werke und die
exegetischen Kommentare von der aus den heiligen Schriften geschöpften Fülle
der Gelehrsamkeit Zeugnis; auch in dieser Beziehung hat Thomas von Aquin unter
ihnen die Palme gerungen.
8 Nachdem aber Unser Vorgänger Klemens V. an den Äthenäum
in Rom und an allen berühmten Universitäten Lehrstühle für die orientalischen
Sprachen errichtet hatte, begann man unserseits sorgfältiger den Urtext der
Bibel und die lateinische Version zu bearbeiten. Als dann die Gelehrsamkeit der
Hellenen bei uns wieder aufblühte, und mehr noch nach der glücklichen Erfindung
der Buchdruckerdkunst, nahm die Pflege der Heiligen Schrift einen ungeheuren
Aufschwung. Denn es ist erstaunlich, in wie kurzem Zeitraum die durch die
Presse vervielfältigten Exemplare des heiligen Textes, besonders der Vulgata,
den katholischen Erdkreis gleichsam überschwemmt haben. In dem Grade standen
eben in dieser Zeitperiode, ganz im Gegensatz zu den Verleumdungen der Feinde
der Kirche, die göttlichen Bücher in Ehre und Liebe. – Erwähnung verdient auch,
welch große Zahl gelehrter Männer, zumeist Ordensangehörige, vom Konzil von
Vienne bis zum Konzil von Trient zum Gedeihen der Bibelstudien gewirkt hat. Mit
Benutzung neuer Hilfsmittel, im Verein mit der mannigfachen Saat der
Gelehrsamkeit und scharfsinnigen Kritik vermehrten sie nicht bloß die
angehäuften Schätze der Vorzeit, sondern bahnten auch den Weg zu den
ausgezeichneten Leistungen des nachfolgenden, mit dem Konzil von Trient
anhebenden Jahrhunderts, wo das berühmte Zeitalter der Väter fast
wiedergekommen zu sein schien. Denn jedermann weiß, und Uns macht die
Erinnerung Freude, dass unsere Vorgänger von Pius IV. bis Klemens VIII. es
waren, welche jene vorzüglichen und herrlichen Ausgaben der alten
Übersetzungen, nämlich der Vulgata und der Septuaginta herstellen ließen. Diese
wanderten dann im Auftrag und mit Gutheißung Sixtus´ V. und des genannten
Klemens hinaus, und sind noch allgemein im Gebrauch. Um dieselbe Zeitepoche
wurden bekanntlich andere alte Bibelübersetzungen, insbesondere die Polyglotten
von Antwerpen und Paris, mit größter Sorgfalt herausgegeben, die zur richtigen
Sinnesbestimmung in hohem Grade brauchbar sind. Ferner gibt es nicht ein Buch
im Alten und Neuen Testament, das nicht mehrere tüchtige Erklärer gefunden
hätte, und keine biblische Frage von einigem Gewicht, welche nicht den
Scharfsinn zahlreicher Kritiker mit glücklichem Erfolg beschäftigte. Nicht
wenige unter ihnen, und gerade jene, welche tiefer in das Väterstudium
eindrangen, haben sich einen berühmten Namen erworben. Auch von dieser
Zeitperiode an hat es den Unsrigen nicht an Geschicklichkeit gemangelt; denn
von nun an haben sich immer berühmte Männer um die biblischen Studien
wohlverdient gemacht und die heiligen Schriften gegen die Hirngespinste des
„Rationalismus“ welche aus der Philologie und den verwandten Disziplinen
hergeleitet waren, durch ein ähnliches Beweisverfahren siegreich verteidigt. –
Wer das alles gebührend erwägt, wird sicherlich zugeben müssen, dass die Kirche
es niemals an Fürsorge jeder Art hat fehlen lassen, um die Quellen der Heiligen
Schrift zum Heil für ihre Kinder in das rechte Bett zu leiten, und dass sie
jene Schutzwehr, auf die sie von Gott zu deren Verteidigung und Zier gesetzt
ist, ununterbrochen behauptet und mit Hilfe aller Studien ausgeschmückt hat, so
dass sie keines Sporns vonseiten der Außenstehenden bedurft hat oder jetzt
bedarf.
IV. Wie die Heilige Schrift studiert werden soll
9 Nun macht es Uns der Plan Unseres Themas zur
Aufgabe, Euch, Ehrwürdige Brüder, Unsere Meinung über die beste Methode beim
Betrieb dieser Studien mitzuteilen.
10 Doch zuerst ist es von Interesse, an dieser Stelle
zu erfahren, welche Art Gegner uns bedrängt, und auf welche Kunstgriffe oder
Waffen sie ihr Vertrauen setzen. – Früher nämlich hatte man es vornehmlich mit
Leuten zu tun, welche auf ihr Privaturteil gestützt die göttlichen
Überlieferungen und das Lehramt der Kirche verwarfen und die Schrift als
einzige Offenbarungsquelle und als höchste Glaubensrichterin betrachteten.
Heutzutage aber haben wir gegen die Rationalisten zu kämpfen, welche
gewissermaßen deren Söhne und Erben sind und ebenfalls auf ihre subjektive
Ansicht bauen. Sie haben sogar noch diese von ihren Vätern ererbten Überreste
des christlichen Glaubens gänzlich beiseite geworfen. Denn die Existenz einer
göttlichen Offenbarung, einer Inspiration und Heiligen Schrift stellen sie ganz
und gar in Abrede; das sind nach ihrer Behauptung durchweg nur Erzeugnisse des
Menschengeistes und Erdichtungen. Ja, sie sollen nicht wahre Erzählungen
historischer Tatsachen sein, sondern einfältige Phantasiegebilde oder
Geschichtslügen; nicht Prophetien und göttliche Aussprüche, sondern teils
erdichtete, den Ereignissen nachfolgende Vorhersagungen, teils durch
Naturkräfte erzeugte Vorahnungen; nicht Wunder im wahren Sinne und Erweise
göttlicher Kraft, sondern Staunen erregende Dinge, welche die Naturkräfte
keineswegs übersteigen, oder Blendwerke von Mythen; die Evangelien und
apostolischen Schriften sollen ganz andern Verfassern angehören. – Dergleichen
ungeheuerliche Irrtümer sind es, durch welche, wie sie sich träumen, die
hochheilige Wahrheit der göttlichen Bücher erschüttert werden soll; diese
nötigen sie als die ausgemachten Entscheidungen einer neuen Art, der
sogenannten „freie Wissenschaft“ auf. Und doch halten sie dieselben für so
ungewiss, dass sie selbst in den nämlichen Punkten häufig Änderungen und
Ergänzungen vornehmen. Trotz dieser freventlichen Ansichten und Äußerungen über
Gott, über Christus, über das Evangelium und die übrige Schrift, fehlt es unter
ihnen doch nicht an Leuten, welche für die christliche und evangelische
Theologen gelten wollen und mit diesem Ehrennamen die Dreistigkeit ihrer
unbändigen Geistesrichtung verhüllen. Zu diesen gesellen sich als Teilnehmer
und Förderer ihrer Pläne nicht wenige Vertreter anderer Wissensgebiete, welche
ein ähnlicher Zug des Widerwillens gegen die Offenbarungswahrheiten zum Angriff
auf die Bibel drängt. Wir können nicht genug beklagen, dass dieser Kampf von
Tag zu Tag an Umfang und Festigkeit zunimmt. Geführt wird er gegen gebildete
und gesetzte Männer, obwohl sich diese ohne große Schwierigkeit dagegen
schützen können; am meisten jedoch stürmen die ergrimmten Feinde mit
zielbewusster Planmäßigkeit auf die große Waffe der Ungebildeten ein. Bücher,
Broschüren, Tagesblätter benutzen sie, um ihr tödliches Gift auszugießen; dies
träufeln sie ein in Volksreden und in Privatunterhaltungen. In alle Kreise sind
sie schon eingedrungen und haben viele von der schützenden Hand der Kirche
losgerissene Schulen im Besitz, wo sie die empfänglichen und bildsamen Herzen
der Jugend sogar durch Spott, Possenreißen und Scherze zur Verachtung der
Schrift verleiten und sie kläglich verderben. – Das ist es, Ehrwürdige Brüder,
was den Eifer der Hirten allesamt erwecken und entzünden soll, so zwar, dass
dieser neuen, „fälschlich so genannten Wissenschaft“27 jene alte und wahre entgegengestellt
wird, welche die Kirche durch die Apostel von Christus empfangen hat, und dass
bei diesem erbitterten Kampf tüchtige Streiter zur Verteidigung der Heiligen
Schrift erstehen.
11 Demnach soll sich Unsere Sorge in erster Linie
darauf richten, dass der Unterricht der heiligen Schriften in den theologischen
Seminaren oder Hochschulen durchaus so erteilt werde, wie es der Würde dieses
Lehrzweiges und dem drängenden Zeitbedürfnis entspricht. Zur Erreichung dieses
Zieles ist sicherlich eine kluge Auswahl der Lehrer von allergrößter
Wichtigkeit. Denn zu diesem Amte dürfen nicht die erst besten aus den Vielen,
sondern nur Männer berufen werden, welche sich durch große Liebe und anhaltende
Beschäftigung mit den biblischen Büchern und durch entsprechende Ausstattung
mit gelehrter Bildung empfehlen, Männer, die ihrem hohen Berufe gewachsen sind.
12 Desgleichen ist frühzeitig Fürsorge zu treffen, wer
in der Folge auf den Platz dieser
Exegeten nachrücken soll. Darum möchte es zweckdienlich sein, dass man
Möglichkeit manche von den hoffnungsvollsten Zöglingen, welche die theologische
Studienlaufbahn mit Lob zurückgelegt haben, die Erlaubnis zu einer weiteren
gründlichen Ausbildung für einige Zeit erhalten und sich ganz und gar in den
Dienst des Studiums der göttlichen Bücher stellen. Lehrer, welche in solcher
Weise ausgewählt und unterrichtet sind, mögen das anvertraute Amt mit
Zuversicht antreten. Damit sie desselben aufs beste walten und entsprechende
Erfolge erziele, scheint es angemessen, ihnen etwas
ausführlicher einige belehrende Winke zu geben.
13 Demzufolge sollen sie sofort an der Schwelle des
Studiums für die Verstandesschärfe der jungen Theologen in der Art Vorsorge
treffen, dass sie das kritische Urteil in ihnen fleißig schulen und ausbilden,
damit es ebenso geeignet sei, die Verteidigung der göttlichen Schriften zu
führen als den darin liegenden Gedanken zu erfassen. Dahin zielt die Behandlung
der sogenannten „biblischen Einleitung“ ab, woraus der Zögling ein zweckmäßiges
Hilfsmittel gewinnt, die Unverfälschtheit und das Ansehen der biblischen Bücher
siegreich dazulegen, ihren echten Sinn zu erforschen und zu gewinnen,
verfängliche Trugschlüsse zu entlarven und mit der Wurzel auszurotten. Von
welch hoher Bedeutung ist es, dass gleich von Anfang an über diese Fragen mit
Ordnung und Verständnis, in Begleitschaft und unter dem Beistand der Theologie
gehandelt werde, ist kaum nötig zu sagen, da sich die ganze übrige
Schriftbehandlung fortwährend hierauf als ihre Grundlage stützt oder davon ihr
helles Licht empfängt. – Ferner wird sich der Lehrer mit allem Eifer angelegen
sein lassen, den Teil dieses Lehrfaches, welcher von der Auslegung handelt,
recht fruchtbar zu gestalten, damit die Hörer daraus lernen, in welcher Weise
sie nachher die Reichtümer des göttlichen Wortes zum Gedeihen der Religion und
Frömmigkeit verwerten können. Wir begreifen zwar, dass weder der Umfang des
Stoffes, noch die Zeit es gestattet, die heiligen Schriften sämtlich in den
Schulen zu erklären. Aber gerade weil eine bestimmte Methode nötig ist, die
Auslegung in nützlicher Weise zu fördern, soll ein vernünftiger Lehrer die
beiden Fehler vermeiden, einerseits derjenigen, welche von den einzelnen
Büchern flüchtig kosten lassen, andererseits jener, welche bei einem bestimmten
Teile eines Buches sich übermäßig lang aufhalten. Denn wenn sich die meisten
Schulen jenes hohe Ziel nicht erreichen lässt, wie in den größeren
theologischen Anstalten, dass das eine oder andere Buch in seinem
ununterbrochenen Zusammenhang und seiner ganzen Ergiebigkeit ausgelegt wird, so
ist doch recht angelegentlich danach zu trachten, dass die zur Erklärung
ausgewählten Teile der Bücher eine hinreichend erschöpfende Behandlung
erfahren, damit die Schüler hierdurch wie durch ein Muster entzogen und
belehrt, das übrige selbst durchlesen und im ganzen Leben lieb gewinnen.
Derselbe wird ferner, im Anschluss an das Verfahren der Vorzeit, hierbei zu
maßgebenden Text die Vulgata-Übersetzung zu Grunde legen, von der das Konzil
von Trient erklärt hat, sie habe „in öffentlichen Vorlesungen, Disputationen,
Predigten und Auslegungen als authentisch“ zu gelten28, und welche ja überdies der
alltägliche Gebrauch der Kirche empfiehlt. Doch ist auch die gebührende
Rücksicht auf die übrigen Übersetzungen zu nehmen, welche das christliche
Altertum hochgeschätzt und gebraucht hat, besonders auf die Stammhandschriften.
Denn obwohl sich, wenigstens für den Hauptinhalt, der Sinn des hebräischen und
griechischen Urtextes aus der Sprache der Vulgata ergibt, so wird doch an
Stellen, wo in derselben ein zweideutiger und minder genauer Ausdruck steht,
nach dem Rat des Augustinus die „Einsichtnahme einer früheren Sprache“
förderlich sein29. Somit ist schon an un d für sich klar, wie viel Fleiß
zu all diesem Not tut, da es ja die „Pflicht des Erklärers ist, nicht seine
persönlichen Meinungen, sondern die Gedanken des Schriftstellers, den er
auslegt, darzustellen“30. – Wenn die Leseart, wo es nötig ist, mit allem Fleiß
erwogen ist, dann hat die Erforschung und Darlegung des Sinnes anzufangen.
Unser erster Ratschlag geht dahin, dass die allgemein erprobten Regeln der
Auslegung mit größter Wachsamkeit und Sorgfalt beachtet werden, und zwar umso
mehr, je hartnäckiger der Kampf von Seiten der Gegner tobt. Daher soll sich mit
der sorgfältigen Erwägung, was die Worte an sich bedeuten, was die
Gedankenfolge, was die Parallelstellen und anderes derart besagen, auch die von
Außen kommende Aufklärung durch Beiziehung verwandter Wissenschaften. Hierbei
ist jedoch Vorsicht nötig, dass auf solche Fragen nicht mehr Zeit und Mühe
verwendet werde, als zur gründlichen Kenntnis der göttlichen Bücher dient, und
dass die massenhaft angehäuften Realkenntnisse verschiedenster Art für den
Geist der Jünglinge nicht mehr Nachteil als Nutzen bringen.
V. Die Heilige Schrift und die Theologie;
14 Ist dies geschehen, so kann man sicheren Weges zur
Nutzbarmachung der göttlichen Schriften in theologischer Beziehung schreiten.
Hierbei ist jedoch wohl darauf zu achten, dass bei den heiligen Büchern zu den
übrigen Ursachen der Schwierigkeit, welche sich gewöhnlich dem Verständnisse
des alten Schrifttums jeder Art entgegenstellen, noch einige besondere
hinzukommen. Denn den Worten derselben liegen infolge Eingebung des Heiligen
Geistes viele Dinge zu Grunde, welche die
Fassungskraft und Schärfe der menschlichen Vernunft himmelweit
übersteigen, nämlich göttliche Geheimnisse und vieles andere, was damit
zusammenhängt; ja zuweilen ist ein Gedanke zu umfassend und zu verborgen, als
dass ihn der Buchstabe ausdrücken könnte und die Gesetze der Hermeneutik ihn
erraten ließen. Zugleich erweckt der Wortsinn sicherlich noch andere Gedanken,
teils um Glaubenssätze zu beleuchten, teils um Lebensvorschriften zu empfehlen.
Demnach ist nicht zu verkennen, dass die heiligen Bücher in ein gewisses
religiöses Dunkel eingehüllt sind, so dass man ihnen nur unter Führung eines
Wegmeisters vordringen kann31. Dieses aber geschah durch göttliche Fügung (das ist
nämlich die allverbreitete Ansicht der heiligen Väter), damit man sie mit
größerem Verlangen und Eifer durchforschte und die daraus mit Mühe entnommenen
Dinge tiefer in Geist und Herz einpräge. Insbesondere aber sollten wir dadurch inne werden, dass Gott der Kirche die Schriften übergeben
hat, damit wir uns ihrer als der zuverlässigsten Führerin und Lehrerin bei der
Lesung und Erklärung seiner göttlichen Aussprüche bedienen. Dass da, wo die
Gnadengaben des Herrn hinterlegt sind, die Wahrheit zu lernen ist, und dass von
jenen, bei welchen sich die apostolische Amtsnachfolge findet, die Schriften
ohne alle Gefahr ausgelegt werden, das hat schon der heilige Irenäus gelehrt32 und mit ihm alle übrigen Väter. Ihre
Lehre ist es, welche die Synode vom Vatikan aufgenommen hat, als sie unter
Erneuerung des Dekrets des Trienter Konzils über die Auslegung des
geschriebenen Wortes Gottes „erklärte, das sei der Gedanke desselben, dass in
Sachen des Glaubens und der Sitten, welche zum Gebände der christlichen Lehre
gehören, als der wahre Sinn der Heiligen Schrift jener zu gelten habe, welchen
unsere heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält; denn ihr steht es
zu, über den wahren Sinn die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen; und
dass es deshalb niemand erlaubt sei, die Heilige Schrift im Widerspruch mit
diesem Sinn oder auch mit der einmütigen Übereinstimmung der Väter zu erklären“33. – Durch dieses Gesetz voll Weisheit
hemmt und schränkt die Kirche keineswegs die wissenschaftliche Bibelforschung
ein, sondern stellt sie vielmehr vor Irrtum sicher und fördert im hohen Grade
ihren wahren Fortschritt. Denn jedem einzelnen Gelehrten ist ein weites Feld
eröffnet, auf welchem er seinen persönlichen Eifer im Auslegungsgeschäft mit
sichern Schritten betätigen und einen ruhmvollen Wettstreit zum Nutzen der
Kirche bestehen kann. Bei Stellen der Heiligen Schrift nämlich, welche noch auf
eine sichere und bestimmte Erklärung harren, kann es nach einem gütigen
Ratschluss der göttlichen Vorsehung dahin gebracht werden, dass durch den
vorausbetätigten Eifer der Gelehrten die Entscheidung der Kirche rascher zur
Reife kommt. Bei den bereits bestimmt erklärten Stellen aber kann ein einzelner
Lehrer gleichen Nutzen stiften, wenn er dieselben deutlicher und schlicht vor
dem gläubigen Volke und scharfsinniger vor den Gelehrten entwickelt oder sie
glänzender und siegreich gegen die Widersacher verficht.
In Anbetracht dieser Gründe soll es für den katholischen Ausleger als
vornehmste und heilige Aufgabe gelten, jene Zeugnisse der Schrift, deren Sinn
bereits authentisch erklärt ist, selbst in derselben Art auszulegen, mag jene
Erklärung durch die heiligen Verfasser unter Inspiration des Heiligen Geistes
gegeben sein, wie es in vielen Stellen des Neuen Testaments der Fall ist, oder
unter dem Beistand desselben Heiligen Geistes durch die Kirche, „sei es in Form
eines feierlichen Urteils, sei es durch das ordentliche allgemeine Lehramt“34; ja er soll durch die Hilfsmittel
seines Faches unwiderleglich dartun, dass dies die einzige Erklärung ist, die
sich nach den Gesetzen der gesunden Hermeneutik als richtig beweisen lässt. Im übrigen muss er der Glaubensanalogie folgen und die
katholische Lehre so, wie man sie von der Autorität der Kirche überkommen hat,
als oberste Richtschnur anwenden. Denn das Gott zugleich der Urheber der
heiligen Bücher und der in der Kirche hinterlegten Lehre ist, kann es in der
Tat nicht vorkommen, dass aus jenen durch regelrechte Auslegung ein Sinn
gewonnen werde, der mit dieser Lehre irgendwie nicht im Einklange steht. Daraus
geht klar hervor, dass jene Auslegung als widersinnig und falsch zu verwerfen
ist, welche die inspirierten Schriftsteller gewissermaßen in gegenseitigen
Widerstreit bringt oder der Kirchenlehre widerspricht. Ein Lehrer dieses Faches
muss sich daher auch durch diese ehrenvolle Eigenschaft auszeichnen, dass er
die gesamte Theologie gründlich inne habe und in den Kommentaren der heiligen
Väter, Kirchenlehrer und besten Exegeten wohl bewandert sei. Das ist ein Punkt,
den Hieronymus35 und ausführlich Augustinus einschärft, der die gerechte
Klage erhebt: „Wenn jedes einzelne Fach, so gewöhnlich und leichtbegreiflich es
auch ist, einen Lehrer oder Meister erfordert, was verrät dann ein größeres Maß
von Unverschämtheit und Hochmut als der Widerwille, die Brüder der göttlichen
Geheimnisse von ihren Auslegern kennen zu lernen!“36 Das eben war auch die Gesinnung und
das tatsächliche Verfahren aller übrigen Väter, welche „nicht ihrem eigenem
Ermessen folgten, um zum Verständnisse der göttlichen Schriften zu gelangen,
sondern dieses aus den Schriften und dem Ansehen ihrer Vorfahren schöpften; von
diesen aber stand fest, dass sie ihrerseits selbst die Regel für das
Verständnis aus der apostolischen Nachfolge entnahmen“37
Was nun die heiligen Väter betrifft, welche „als Pflanzer, Begießer,
Erbauer, Hirten und Ernährer in der nachapostolischen Zeit das Wachstum der
Kirche förderten“38, so ist ihr Ansehen in jenen Fällen von
entscheidendem Gewicht, wenn sie sämtlich irgend eine Bibelstelle, sofern diese
die Glaubens- und Sittenlehre betrifft, in ein und derselben Weise erklären.
Denn gerade aus ihrer Einmütigkeit geht unzweideutig hervor, dass dies auch katholischem Glauben eine von den Aposteln
stammende Tradition ist. Die Ansicht derselben Väter ist aber selbst dann
hochzuschätzen, wenn sie bezüglich dieses Stoffes als Gelehrte ihre persönliche
Meinung vortragen. In der Tat empfiehlt sie nämlich in hohem Grade nicht bloß
die Wissenschaft der Offenbarungslehre und die Kenntnis vieler Dinge, die um
Verständnis der apostolischen Schriften nötig sind, sondern Gott selbst hat sie
als Männer, hervorragend durch Heiligkeit des Lebens und Eifer für die
Wahrheit, reichlich mit dem Beistand seines Lichtes unterstützt. Deshalb wird
es ein Ausleger als seine Pflicht ansehen, in ihre Fußstapfen mit Ehrfurcht
einzutreten und ihre Arbeiten mit verständiger Auswahl zu benutzen.
15 Doch soll
er deshalb nicht wähnen, dass ihm der Weg verlegt sei, in der Forschung und
Erklärung, wo eine gerechte Ursache vorhanden ist, noch weiter zu gehen, wenn
er nur den von Augustinus wohlweislich gegebenen Vorschrift gewissenhaft
nachkommt, dass man nämlich von dem Literalsinn, der sich gewissermaßen
aufdrängt, keineswegs abgehen dürfe, sofern nicht ein Vernunftgrund sein
Festhalten hindert oder nicht zwingende Notwendigkeit vorliegt, ihn
preiszugeben39. Diese Vorschrift ist umso strenger festzuhalten, je
mehr bei der herrschenden Neuerungssucht und Meinungsfreiheit Gefahr zur
Verirrung droht. Zugleich hüte er sich, die Übertragungen auf den allegorischen
und einen ähnlichen Sinn, welche die heiligen Väter gemacht haben, außer acht zu lassen, besonders wenn diese Erklärungen aus dem
Wortsinne hervorgehen und sich auf zahlreiche Autoren von Gewicht stützen. Denn
diese Auslegungsmethode hat die Kirche von den Aposteln überkommen, und wie aus
der Liturgie erhellt, selbst durch ihr Beispiel gutgeheißen, nicht als ob die
Väter von den Gedanken und von dem Bestreben ausgegangen wären, daraus einen
direkten Beweis für die Glaubenslehren zu gewinnen, sondern weil sie aus
Erfahrung wussten, dass diese Methode zur Hebung der Tugend der Frömmigkeit
sehr ergiebig sei. – Was die übrigen katholischen Ausleger betrifft, so haben
sie zwar ein geringeres Ansehen. Weil jedoch die biblischen Studien in der Kirche
einen ununterbrochenen Fortschritt nehmen, ist in gleicher Weise auch ihren
Kommentatoren die gebührende Beachtung zu schenken, da sich aus ihnen füglich
mancherlei entnehmen lässt, um
entgegengesetzte Ansichten zu widerlegen und schwierige Punkte zu
entwirren. Aber ein großer Unfug ist es, mit Verkennung und Missachtung der
vortrefflichen und zahlreichen Werke, welche unsere Exegeten hinterlassen
haben, die Bücher der Andersgläubigen zu bevorzugen und bei ihnen mit
augenscheinlicher Gefahr für die gesunde Lehre und nicht selten mit
augenscheinlicher Gefahr für die gesunde Lehre und nicht selten zur Schädigung
des Glaubens die Erklärung von Stellen zu suchen, auf welche die Katholiken
schon längst ihren Scharfsinn und ihre Bemühungen mit dem besten Erfolge
verwendet haben. Wenn auch der katholische Ausleger durch kluge Beiziehung der
Studien Andersgläubiger zuweilen Beihilfe finden kann, so soll er doch
bedenken, wie auch die alten Schriftsteller häufig bezeugen40, dass sich der unverfälschte Sinn
der heiligen Schriften keineswegs außerhalb der Kirche finde und von jenen
nicht übermittelt werden könne, welche des wahren Glaubens bar bei der Schrift
nicht den Kern treffen, sondern nur die Rinde benagen41.
16 Das aber ist besonders wünschenswert und notwendig,
dass die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift ihren Einfluss äußere auf die
ganze Wissenschaft der Theologie und sozusagen ihre Seele sei. In diesem Sinne
haben sich zweifellos zu jeder Zeit die Väter und alle hochberühmten Theologen
offen ausgesprochen und dies durch die Tat bewiesen. Denn die Wahrheiten,
welche Gegenstand des Glaubens sind, und die Folgerungen daraus suchten sie
hauptsächlich aus den göttlichen Schriften geltend zu machen und fest zu
begründen. Ferner haben sie aus der Schrift, wie gleichzeitig aus der
göttlichen Überlieferung, die neuen Erdichtungen der Häretiker widerlegt und
die Idee, das Verständnis und den Zusammenhang der katholischen Dogmen
erforscht. Niemand wird dies auffallend finden, wenn er bedenkt, dass den
göttlichen Schriften ein so ausgezeichneter Platz unter den Offenbarungsquellen
gebührt, dass die Theologie nur bei fortwährendem Studium und Gebrauch
derselben richtig und ihrer Würde entsprechend betrieben werden kann.
Allerdings ist es richtig, wenn die Jünglinge in den Hochschulen und
theologischen Anstalten vorzüglich so geübt werden, dass sie das Verständnis
und die Wissenschaft der Glaubenslehren erlangen, indem die Beweisführung mit
den Glaubensartikeln anhebt, um daraus andere Sätze nach den Normen einer
erprobten und gediegenen Philosophie durch Schlussfolgerung abzuleiten.
Gleichwohl darf ein fachmännischer und gelehrter Theologe keineswegs versäumen,
den eigentlichen Beweis der Dogmen aus der Autorität der Bibel zu erbringen.
„Denn die Theologie empfängt ihre Prinzipien nicht von andern Wissenschaften,
sondern unmittelbar von Gott vermittels der Offenbarung. Und deshalb empfängt
sie nicht von andern Wissenschaften in dem Sinn, als ob diese höher stünden,
sondern sie bedient sich derselben, sofern diese niederer stehen und
Dienerinnen sind.“ Diese Methode, die heilige Wissenschaft zu betreiben, hat
zum Lehrer und Gewährsmann den Fürsten der Theologen, Thomas von Aquin42, der außerdem zufolge dieses richtig
erfassten Charakters der christlichen Theologie die Methode gelehrt hat, wie
ein Theologe seine eigenen Prinzipien, wenn sie etwa angegriffen werden,
verteidigen kann. „Wenn nämlich bei der Erörterung ein Gegner irgend eine von
den in der göttlichen Offenbarung enthaltenen Wahrheiten einräumt, führen wir
von diesem Punkte aus den Beweis; desgleichen stützen wir uns im Streite gegen
die Häretiker auf das Ansehen der Heiligen Schrift und auf den einen
Glaubensartikel jenen gegenüber, welche einen anderen leugnen. Wenn aber der
Gegner gar nichts von den göttlichen Offenbarungswahrheiten glaubt, gibt es
keinen Weg mehr zum Beweise der Glaubensartikel durch Vernunftgründe, sondern
es bleibt nichts übrig, als sich auf die Widerlegung der etwa gegen den Glauben
hervorgebrachten Gründe zu beschränken.“ 43 – Daher ist Fürsorge zu treffen,
dass die Jünglinge erst nach gehöriger Vorbereitung und erlangter Festigkeit
die biblischen Studien in Angriff nehmen, damit sie nicht gerechte Hoffnungen
täuschen, und was noch schlimmer ist, unvorsichtig in die Gefahr des Irrtums
geraten, eingenommen durch die Trugschlüsse der Rationalisten und den Schein
des Gelehrten Apparates. In der besten Verfassung aber werden sie sich
befinden, wenn sie den Unterricht in der Philosophie und Theologie auf dem von
Uns gezeigten und vorgeschriebenen Wege, unter Führung des genannten heiligen
Thomas gewissenhaft betrieben und in ihren Tiefen erfasst haben. So werden sie die
rechte Bahn wandeln, sowohl im Bibelfache als in der sogen. „positiven“
Theologie und in beiden die erfreulichsten Fortschritte machen.
VI. Die Autorität der Heiligen Schrift;
17 Die katholische Lehre durch regelrechte und
geschickte Auslegung der heiligen Bücher bewiesen, erklärt und ins Licht
gesetzt zu haben, das ist eine große Leistung. Doch erübrigt noch der zweite,
ebenso wichtige als mühevolle Teil, die volle Autorität dieser Bücher mit den
stärksten Beweisen darzutun. Dieses Ziel wird aber voll und allgemein nur durch
das lebendige und ihr ausschließlich eigene Lehramt der Kirche erreichbar sein.
Denn diese „ist ja schon an sich wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung,
ausnehmenden Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit an allem Guten,
wegen ihrer katholischen Einheit und unbesiegbaren Beständigkeit ein großes und
dauerndes Motiv ihrer Glaubwürdigkeit und ein unverbrüchlicher Beweis ihrer
göttlichen Sendung.“44 Weil aber das göttliche und unfehlbare Lehramt der
Kirche auch auf der Autorität der
Heiligen Schrift beruht, so muss aus diesem Grunde vorerst deren
Glaubwürdigkeit, wenigstens nach ihrer menschlichen Seite, geltend gemacht und
gerechtfertigt werden. Hernach kann man aus diesen Büchern als den bewährtesten
Zeugen des Altertums die Gottheit und Sendung Christi des Herrn, die Stiftung
der kirchlichen Hierarchie, die Übertragung des Primates an Petrus und seine
Nachfolger sicher und klar darstellen. Zu diesem Zwecke wird es gewiss sehr
förderlich sein, wenn ziemlich viele Geistliche besonders vorbereitet wären, um
auch auf diesem Gebiete für den Glauben zu streiten und die feindlichen
Angriffe abzuwehren, vornehmlich angetan mit der Waffenrüstung Gottes, wie der
Apostel anrät45, jedoch so, dass sie auch mit den neuen Waffen und
Kampfesarten der Feinde vertraut sind. Recht schön führt dieses Chrysostomus
unter den Pflichten der Priester auf, wenn er sagt: „Man muss gewaltigen Fleiß
aufwenden, dass ,Christi Wort reichlich in uns wohne´46. Denn nicht zu einer Kampfesart
müssen wir gerüstet sein, sondern mannigfach ist dieser Krieg und verschieden
sind die Feinde. Weder bedienen sie sich alle der nämlichen Waffen, noch
trachten sie auf eine einzige Weise mit uns zusammenzustoßen. Wer darum vorhat,
den Kampf gegen alle aufzunehmen, muss auch die Kriegslist und Kunstgriffe
aller kennen. Er muss zugleich Bogenschütze und Schleuderer sein, Feldhauptmann
und Rottenführer, Heerführer und Soldat, Fußgänger und Reiter, im Seekampf und
Belagerungskrieg Erfahrung besitzen. Denn wenn er nicht alle Kriegskünste
kennt, versteht es der Teufel, auf dem einzigen etwa vernachlässigtem Punkte
seine Räuber hineinzuführen und die Schafe zu erreichen.“47 Die vielfachen Listen und
Kunstgriffe, deren sich hierbei die Feinde zum Angriffe bedienen, haben wir
oben gekennzeichnet. Nun wollen wir daran erinnern, durch welche Mittel man die
Verteidigung anstreben muss. – Das erste liegt im Studium der alten
orientalischen Sprachen und zugleich in der sogenannten Kritik. Beiderlei
Wissensgebiete stehen heutzutage in hoher Wertschätzung und Achtung. Darum wird
der Klerus, welcher je nach den höheren und geringeren Anforderungen, die Land
und Leute stellen, hiermit geziert und ausgerüstet ist, seine Ehre besser
fördern und sein Amt erfolgreicher verwalten können. Denn der Geistliche soll
„allen alles“48 werden, „immer bereit zur Verantwortung
gegen jeden, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, welche in ihm ist“49. Daher ist es für die Lehrer der
Heiligen Schrift eine Notwendigkeit und für die Theologen eine Zier, jene
Sprachen gründlich zu kennen, in welchen die Kanonischen Bücher ursprünglich
von den heiligen Schriftstellern verfasst worden sind. Auch werden die Zöglinge
der Kirche sehr gut daran tun, wenn sie dieselben pflegen, besonders jene,
welche nach den akademischen Graden der Theologie streben. Ferner ist dafür
Sorge zu tragen, dass an allen Hochschulen, wie es löblicherweise an vielen
schon Übung ist, auch für die übrigen antiken Sprachen, insbesondere für die
semitischen, sowie für die hiermit in Verbindung stehenden Wissenszweige
Lehrstühle errichtet werden, in erster Linie im Interesse derer, welche sich
für ein öffentliches Lehramt der heiligen Schriften vorbereiten. – Gerade diese
Männer müssen zu dem gleichen Zwecke in der echten Kunst der Kritik besonders
unterrichtet und geübt sein. Verkehrt ist es und zum Schaden der Religion, dass
man ein künstliches Verfahren unter dem Ehrennamen „höhere Kritik“ eingeführt
hat. Hiernach soll das Urteil über den Ursprung, die Unverfälschtheit und das
Ansehen eines Buches aus bloß inneren Gründen, wie man sich ausdrückt,
geschöpft werden. Im Gegenteil ist es klar, dass in historischen Fragen, und
dahin gehören Ursprung und Erhaltung der Bücher, die Zeugnisse der Geschichte
alle anderen überwiegen, und dass diese deshalb mit größtem Eifer aufgesucht
und geprüft werden müssen. Jene inneren Gründe aber haben in den meisten Fällen
nicht so großes Gewicht, dass man sich für eine Frage auf sie berufen könnte,
als höchstens zur Verstärkung des Beweises. Aus dem entgegengesetzten Verfahren
ergeben sich ohne Zweifel große Nachteile. Die Feinde der Religion werden
nämlich an Zuversicht gewinnen, die Echtheit der heiligen Bücher anzufechten
und zu zerpflücken. Gerade jene viel gepriesene höhere Kritik wird endlich
dahin aufschlagen, dass ein jeder bei dem Auslegungsgeschäfte seiner eigenen
Neigung und vorgefassten Meinung folgt. Bei diesem Verfahren wird sich weder
über die Schriften das gesuchte Licht verbreiten noch ein Nutzen für die
Wissenschaft erwachsen; wohl aber jenes sichere Merkmal des Irrtums zu Tage
treten, welches das ist die Mannigfaltigkeit der Meinungen und die
Verschiedenheit der Auffassung, und wirklich bieten bereits die Väter dieser
neuen Methode selbst dieses Schauspiel. Weil ferner die meisten von den
Lehrsätzen einer falschen Philosophie und des Rationalismus angesteckt sind,
werden sie sich nicht scheuen, aus den heiligen Büchern die Weissagungen, die
Wunder und alles Übernatürliche zu beseitigen.
18 Gehen wir zum zweiten Punkte über, so hat man den
Kampf mit Leuten aufzunehmen, welche unter Missbrauch ihrer Kenntnisse in der
physikalischen Wissenschaft die heiligen Bücher nach allen Richtungen
durchspähen, um den Verfassern Unwissenheit in solchen Dingen vorzuwerfen und
die Schriften selbst zu tadeln. Da nun diese Verdächtigungen sinnfällige Dinge
betreffen, werden sie desto gefährlicher, wenn sie zur Kenntnis des Volkes und
besonders der studierenden Jugend gelangen. Ja wirklich, wenn diese einmal die
Ehrfurcht vor der göttlichen Offenbarung in einem einzigen Hauptpunkte verloren
hat, wird sie leicht in allen Stücken allen Glauben an dieselbe verlieren.
Allzu bekannt ist es ja, dass die Naturwissenschaften, so sehr sie sich bei
angemessenem Vortrage dazu eignen, die den Geschöpfen eingeprägte Herrlichkeit
des höchsten Werkmeisters erkennen zu lassen, ebenso mächtig sind, die
Grundlehren der gesunden Philosophie auszurotten und die Sitten zu verderben,
falls sie auf verkehrte Art in die zarten Gemüter eingesenkt werden. Deshalb
wird für den Lehrer der Heiligen Schrift die Kenntnis der Naturwissenschaften
ein gutes Hilfsmittel sein, um dadurch auch derartige gegen die göttlichen
Bücher gerichteten Trugschlüsse leichter zu entlarven
und zu widerlegen. – Sicherlich wird zwischen dem Theologen und Naturforscher
kein wahrer Zwiespalt eintreten, wenn nur beide sich auf ihr Grenzgebiet
beschränken, indem sie nach der Mahnung des heiligen Augustinus sich davor
hüten, „dass sie etwas ohne Grund behaupten und das Unbekannte als bekannt
ausgeben“50.
Wenn sie aber verschiedener Ansicht sind, hat derselbe Lehrer für das Verhalten
des Theologen die allgemeine Regel aufgestellt: „In allen Fällen, wo die
Gelehrten ihre Behauptungen über die Natur der Dinge durch stichhaltige Gründe
beweisen können, wollen wir zeigen, dass dieselben mit den Lehren der Heiligen
Schrift nicht in Widerspruch stehen. So oft sie aber in irgend einem ihrer
Werke eine unseren Schriften, d.h. dem katholischen Glauben widersprechende
Behauptung, vorbringen, wollen wir, wenn dies irgendwie möglich ist, zeigen
oder ohne allen Zweifel glauben, dass es grundfalsch ist.“51 Fragt man nach der Richtigkeit
dieser Regel, so ist zuerst in Erwägung zu ziehen, dass die heiligen
Schriftsteller, oder richtiger „der Geist, welcher durch sie redete, nicht
beabsichtigt habe, den Menschen darüber (nämlich über das innerste Wesen der
augenfälligen Dinge) Belehrungen zu geben, da sie niemand zum Heile nützen sollten“52, dass sie daher, statt direkt
Naturforschung zu betreiben, die Dinge manchmal lieber auf bildliche Weise
beschreiben und behandeln, oder auch so, wie es die vulgäre Ausdrucksweise in
jener Zeit mit sich brachte, eine Sprache, die noch jetzt bei vielen Dingen im
alltäglichen Leben, selbst unter den größten Gelehrten im Gebrauche ist. Da
aber die Volkssprache die sinnfälligen Dinge anfänglich im eigentlichen Sinne
ausdrückt, hat der heilige Schriftsteller (und das hat auch der englische
Lehrer bemerkt) in ähnlicher Art „nach der sinnlichen Erscheinungsform
berichtet“53
oder das mitgeteilt, was Gott selbst, zu den Menschen redend, nach ihrer
Fassungskraft und nach menschlichem Sprachgebrauch ausgedrückt hat.
19 Wenn übrigens die Verteidigung der Heiligen Schrift
mit Ernst zu betreiben ist, so folgt daraus nicht, dass alle Ansichten auf
gleiche Weise aufrecht erhalten werden sollen, welche
jeder einzelne Vater oder die nachfolgenden Ausleger bei ihrer Erklärung
ausgesprochen haben. Denn diese haben je nach den Anschauungen ihrer Zeit
geurteilt und bei Erörterung von
Stellen, wo physische Dinge in Frage kommen, vielleicht nicht immer das
Richtige getroffen, so zwar, dass sie manches als sicher aufstellten, was jetzt
weniger Beifall finden könnte. Daher muss man bei ihren Auslegungen sorgfältig
unterscheiden, was sie wirklich als zum Glauben gehörig oder engstens mit ihm
verbunden vortragen, und was sie in einmütiger Übereinstimmung lehren. Den „in
Dingen“, die nicht notwendig zum Glauben gehören, durften die Heiligen, sowie
auch wir, verschiedener Ansicht sein“. Das ist ein Satz des heiligen Thomas54, der auch an einer anderen Stelle
die überaus kluge Bemerkung macht: „Mir scheint es sicher zu sein, derartige
Lehren, welche die Philosophen allgemein annehmen, und die unserem Glauben
nicht widersprechen, weder so zu behaupten wie Glaubenssätze, obwohl sie
manchmal unter dem Namen der Philosophen Eingang finden, noch auch als
glaubenswidrig zu verneinen, um nicht den Weisen dieser Welt Anlass zu bieten,
die Glaubenslehre zu verachten.55 Obwohl demgemäss der Ausleger
zeigen muss, dass das, was die Naturforscher durch sichere Beweise bereits
sicheres Ergebnis aufgestellt haben, der richtigen Schrifterklärung durchaus
nicht widerstreite, so darf er doch nicht vergessen, dass es bisweilen vorkam,
dass manches als sicheres Ergebnis von ihnen Vorgetragene hernach in Zweifel
gezogen und verworfen worden ist. Sollten daher die Physiker in ihren Schriften
die Grenzen ihres Faches überschreiten und sich mit verkehrten Aufstellungen
auf das Gebiet der Philosophen werfen, so soll sie der Ausleger als Theologe
zur Widerlegung an die Philosophen verweisen.
VIII. Die Unvereinbarkeit der Inspiration mit dem Irrtum
20 Diese Prinzipien können nach Belieben auf verwandte
Wissenszweige, besonders auf die Geschichte Anwendung finden. Denn es ist
beklagenswert, dass viele von den Männern, welche die Denkmäler des Altertums,
die Sitten und Einrichtungen der Völker und die Zeugnisse ähnlicher Art um den
Preis großer Anstrengungen durchforschen und zu Tage fördern, dies öfter in der
Absicht tun, um einen Makel des Irrtums in den heiligen Büchern zu entdecken
und dadurch ihr Ansehen in jeder Richtung zu schwächen und zu erschüttern.
Manche verfahren hierbei in allzu feindseliger Gesinnung und ohne die nötige
Unparteilichkeit. Sie setzen auf weltliche Schriften und geschichtliche
Denkmäler der alten Zeit ein solches Vertrauen, als ob bei ihnen nicht einmal
der Verdacht eines Irrtums vorhanden sein könne; bei den Büchern der Heiligen
Schrift aber genügt ihnen ein bloß vermeintlicher und scheinbarer Irrtum, um
ihnen ohne gehörige Prüfung allen Glauben zu versagen. Allerdings ist es
möglich, das die Kopisten beim Abschreiben der
Handschriften manchen Verstoß begingen; aber diese Schlussfolgerung ist nur
nach reiflicher Prüfung und nur über solche Stellen statthaft, für welche der
Fehler gehörig nachgewiesen ist. Auch kann es vorkommen, dass der echte Sinn
einer Stelle zweifelhaft bleibt; aber dann werden für dessen Enträtselung die
besten Regeln der Auslegung beste Dienste leisten. Doch bei alldem wäre es
durchaus frevelhaft, die Inspiration nur auf einige Teile der Heiligen Schrift
zu beschränken, oder zuzugeben, dass der heilige Verfasser selbst geirrt habe.
Denn auch das Verfahren jener Männer ist nicht zulässig, welche diese
Schwierigkeiten dadurch überwinden, indem sie ohne Anstand zugeben, dass die
göttliche Inspiration sich auf weiter nichts als auf Gegenstände des Glaubens
und der Sitten beschränke, weil sie von der falschen Ansicht befangen sind,
wenn es sich um die Wahrheit der Lehren handelt, sei nicht so sehr zu erforschen,
was Gott gesagt habe, als vielmehr zu erwägen, warum er es gesagt habe. Denn
die Bücher allesamt und vollständig, welche die Kirche als heilige und
Kanonische anerkennt, mit all ihren Teilen sind unter Eingebung des Heiligen
Geistes verfasst. Aber weit entfernt, dass bei der göttlichen Inspiration ein
Irrtum unterlaufen könne, schließt sie schon an und für sich nicht bloß jeden
Irrtum aus, sondern schließt ihn als verwerflich ebenso notwendig aus, als es
notwendig ist, dass Gott, die höchste Wahrheit, überhaupt nicht Urheber einer
Irrtums ist. – Das ist der alte und beständige Glaube der Kirche, wie er auch
durch feierliche Erklärung der Konzilien zu Florenz und Trient ausgesprochen,
zuletzt bekräftigt und noch deutlicher erklärt worden ist auf dem Vatikanischen
Konzil, welches geradezu gesagt hat: „Die Bücher des Alten und Neuen Testaments
müssen vollständig, mit all ihren Teilen, wie sie im Dekret desselben Konzils (von Trient) aufgezählt und in der
alten lateinischen Vulgata-Ausgabe enthalten sind als heilige und kanonische
anerkannt werden. Die Kirche aber hält sie für heilige und kanonische Bücher
nicht deshalb, weil sie durch bloß menschliche Tätigkeit zustande gekommen,
durch ihr Ansehen gutgeheißen worden wären, noch auch bloß deshalb, weil sie die
Offenbarung ohne Irrtum enthalten, sondern aus dem Grund, weil sie unter
Eingebung des Heiligen Geistes verfasst, Gott zum Urheber haben.“56 Daher nützt es durchaus nichts zu
sagen, dass der Heilige Geist Menschen als Werkzeuge zum Schreiben verwendet
habe, und dass zwar nicht dem Haupturheber, wohl aber den inspirierten
Verfassern etwas falsches habe entschlüpfen können.
Denn er selbst hat sie durch eine übernatürliche Kraft so zum Schreiben
angeregt und bestimmt, und den Verfassern also Beistand geleistet, dass sie all
das und nur das, was er sie hieß, richtig im Geiste erfassten, getreulich
niederschreiben wollten und passend mit unfehlbarer Wahrheit ausdrückten; sonst
wäre der Heilige Geist nicht selbst Urheber der gesamten Heiligen Schrift.
Diese Lehre haben die heiligen Väter immer als richtig angesehen. „Aus dem
Grund“, sagt Augustinus, „weil die Verfasser niederschrieben, was der Heilige
Geist ihnen zeigte und eingab, kann man durchaus nicht sagen, dass er selbst es
nicht geschrieben hat, denn seine Glieder haben das ausgeführt, was sie unter
Eingebung des Hauptes erkannt haben.“57 Der heilige Gregor der Große äußert
sich ähnlich: „Es ist eine sehr überflüssige Frage, wer dieses Buch geschrieben
hat, da nach treuem Glauben der Heilige Geist der Verfasser ist. Er also hat
dies geschrieben, der es zu schreiben angab; er hat es geschrieben, der das
Werk mit seinem Hauche beseelt hat.“58
21 Daraus folgt, dass jene, welche meinen, in den
echten Stellen der heiligen Bücher könne etwas Falsches enthalten sein, in der
Tat entweder den katholischen Inspirationsbegriff verdrehen oder Gott selbst
zum Urheber des Irrtums machen. Ja, alle Väter und Lehrer teilten die volle
Überzeugung, dass die göttlichen Schriften, wie sie von den heiligen
Schriftstellern ausgingen, von jedem Irrtum gänzlich frei seien. Deshalb haben
sie sich bemüht, nicht wenige von den Stellen, welche etwas Widersprechendes
oder Abweichendes zu enthalten schienen (und das sind ungefähr dieselben,
welche man jetzt im Namen der modernen Wissenschaft einwendet), ebenso
scharfsinnig als verehrungsvoll unter sich zu versöhnen und in Einklang zu
bringen. Hierbei bekannten sie einstimmig, dass diese Bücher im Ganzen und nach
ihren Teilen gleichmäßig von dem göttlichen Hauche beseelt seien, und dass Gott
selbst, der durch die heiligen Verfasser gesprochen, gar nichts von der
Wahrheit Abweichendes habe aufstellen können. Die Worte, welche ebenfalls
Augustinus an Hieronymus schrieb, sollen im allgemeinen maßgebend sein: „Ich
gestehe deiner Liebe, unter allen Büchern sind es einzig die Schriften, welche
bereits kanonische heißen, denen ich eine solche Hochachtung und Verehrung
darbringe, dass ich fest glaube, keiner ihrer Verfasser habe beim Schreiben in
einem Punkte geirrt. Und wenn ich diesen Schriften auf etwas stoße, was mit der
Wahrheit in Widerspruch zu sein scheint, so schließe ich daraus ohne Bedenken
nur so viel, dass entweder die Handschrift fehlerhaft ist, oder dass der
Übersetzer den Sinn der Worte nicht getroffen, oder dass ich sie gar nicht
verstanden habe.“59
22 Doch freilich mit dem ganzen Rüstzeug der
wichtigeren Wissenszweige für die Heiligkeit der biblischen Bücher die
erschöpfende und vollkommene Verteidigung zu führen, ist eine viel zu große
Aufgabe, als dass sie sich einzig und allein von der Geschicklichkeit der
Ausleger mit Recht erwarten ließe. Darum ist es wünschenswert, dass das gleiche
Ziel auch jene katholischen Männer einmütigen Sinnes anstreben, deren Namen in
den Profanwissenschaften guten Klang und Ansehen besitzt. An solch glänzenden
Talenten fehlt es mit Gottes Gnade wahrlich der Kirche ebenso wenig wie jemals
in der Vergangenheit. Ja, möchte ihre Zahl zum Schutze des Glaubens sich in
Zukunft noch mehren! Denn nichts ist nach Unserer Meinung nötiger, als dass die
Wahrheit Verteidiger gewinne, die an Zahl und Kraft ihre Widersacher
übertreffen. Auch ist nichts mehr im Stande, dem Volk Hochachtung vor der
Wahrheit einzuflößen, als wenn sich mit aller Offenheit Männer zu ihr bekennen,
die sich in einem berühmten Fache glänzend hervortun. Ja noch mehr! Leicht wird
auch der Hass unserer Verleumder verstummen oder sie werden wenigstens nicht
wagen, den Glauben ohne Hemmung als einen Feind der Wissenschaft künftig zu
brandmarken, wenn sie sehen, dass durch wissenschaftlichen Ruhm ausgezeichneten
Männer dem Glauben die höchste Anerkennung und Hochachtung zollen. – Weil also
jene Männer für die Religion so großen Nutzen stiften können, welchen Gott in
seiner Güte zugleich mit der Gnade des katholischen Bekenntnisses glückliche
Geistesanlagen verliehen hat, so mögen sie ohne Ausnahme bei dem jetzigen
lebhaften Betrieb der wissenschaftlichen Studien, welche wie immer auch die
Schrift berühren, ein ihnen zusagendes Studienfach auswählen, in welchem sie
künftig hervorragend die gegen jene geschleuderten Pfeile gottloser
Wissenschaft nicht ohne Ehre zurückweisen. – An dieser Stelle erweisen wir mit
Wohlgefallen nach Verdienst jenem Plan mancher Katholiken vollen Beifall,
welche, um gelehrten Männern die Möglichkeit zu bieten, solche Studien mit der
ganzen Fülle von Hilfsmitteln zu betreiben und zu fördern, Gesellschaften
gebildet haben und zu diesem Zwecke reichliche Geldspenden aufbringen. Das ist
führwahr die Beste und ganz zeitgemäße Verwendungsart des Geldes. Denn je
weniger die Katholiken auf Unterstützung für ihre Studien von Seiten des
Staates hoffen, desto bereitwilliger und reichlicher soll sich die Privatwohltätigkeit
entfalten, so dass diejenigen, welche Gott mit Reichtum gesegnet hat, diesen
zur Sicherstellung des Schatzes der göttlichen Offenbarung verwenden wollen.
23 Damit aber solche Anstrengungen für die biblische
Wissenschaft in Wahrheit nützlich werden, sollen sich die Gelehrten auf die von
Uns oben aufgestellten Sätze als Prinzipien stützen. Außerdem sollen sie
getreulich festhalten, dass Gott, der Schöpfer und Regierer des Weltalls, auch
der Urheber der Schriften ist; dass sich deshalb aus der natürlichen
Beschaffenheit der Dinge oder aus den geschichtlichen Denkmälern kein Resultat
ergeben könne, das mit den Schriften wahrhaft in Widerspruch steht. Wenn sich
also ein solcher Widerspruch zu finden scheint, ist er mit allem Fleiße zu
beseitigen, sowohl durch Beiziehung des klugen Urteils der Theologen und
Ausleger, was der richtigere und wahrscheinlichere Sinn der fraglichen Schriftstelle sei, als auch durch
sorgfältigere Abwägung der Kraft der dagegen beigebrachten Beweisgründe. Doch
darf man aus dem Grund den Eifer nicht aufgeben, wenn nachher noch den Schein
für das Gegenteil zurückbleibt. Denn weil die Wahrheit der Wahrheit keineswegs
widerstreiten kann, hat man als gewiss festzuhalten, dass sich entweder in die
Auslegung der heiligen Worte oder in den andern Teil des Streitpunktes ein
Irrtum eingeschlichen habe. Wenn aber auch keines von beiden zur Genüge klar
ist, muss man unterdessen die Entscheidung aussetzen. Denn sehr vieles wurde
aus den Wissensgebieten jeder Art lange Zeit und häufig gegen die Schrift
vorgebracht, was jetzt als unbegründet ganz der Vergessenheit verfallen ist. In
gleicher Weise wurden über gewisse Stellen der Schrift (die nicht direkt zur
Glaubens- und Sittenregel gehören) ehedem nicht wenige Erklärungen vorgetragen,
worin später eine schärfere Untersuchung richtiger gesehen hat. Denn die
Gebilde der Meinungen zerstört der Tag, aber „die Wahrheit bleibt und gewinnt
an Stärke auf ewig“60. Wie daher niemand sich anmaßen soll, dass er die ganze
Schrift recht verstehe, von welcher der heilige Augustin61 bekannte, dass das, was er nicht
wisse, mehr sei, als was er wisse, so soll ein jeder, wenn etwas vorkommt, was
zur Erklärung allzu schwer ist, jene Vorsicht der Mäßigung dieses Lehrers
anwenden: „Besser ist es, unter unbekannte, aber nützliche Zeichen sich zu
beugen, als durch ihre zwecklose Auslegung den Nacken dem Joche der Herrschaft
zu entziehen und in den Schlingen des Irrtums zu verstricken.“62 – Wenn diejenigen, welche
diese Hilfswissenschaften öffentlich vortragen, Unsere Ratschläge und
Verordnungen gehörig und ehrfürchtig befolgen, wenn sie in Wort und Schrift die
Ergebnisse ihrer Studien dazu verwenden, die Feinde der Wahrheit zu widerlegen
und die Jugend vor jeder Schädigung im Glauben zu behüten, dann erst können sie
sich freuen, in würdiger Tätigkeit ihre Dienste der Heiligen Schrift zu widmen
und der katholischen Sache jene Hilfe zu leisten, welche sich die Kirche mit
Recht und der Frömmigkeit und der Wissenschaftlichkeit ihre Söhne verspricht.
24 Das, Ehrwürdige Brüder, sind die Mahnungen und
Vorschriften, welche Wir mit Gottes Beistand über das Studium der Heiligen
Schrift den Zeitbedürfnissen entsprechend geben zu sollen dachten. Nun ist es
an Euch zu sorgen, dass sie mit geziemender Gewissenhaftigkeit befolgt und
beobachtet werden. Hierdurch wird der Dank, den wir Gott für die Mitteilung der
Aussprüche seiner Weisheit an das Menschengeschlecht schulden, um so glänzender
sich bekunden; auch werden die gewünschten Vorteile umso reichlicher
ausströmen, zumal für die Bildung der jungen Geistlichkeit, welche der
besondere Gegenstand unserer Sorge und die Hoffnung der Kirche ist. Ja mit
Eurem Ansehen und Zuspruch bemüht Euch eifrig, dass die biblischen Studien in
den Seminaren und auf den Hochschulen, welche Euerer Gewalt untergeben sind, in
gehöriger Ehre und Blüte stehen. Unverfälscht und gedeihlich mögen sie blühen unter
der maßvollen Leitung der Kirche, im Einklang mit den heilsamen Lehren und
Beispielen der heiligen Väter und der lobwürdigen Gepflogenheit der Vorzeit; ja
im Verlauf der Zeit mögen sie einen solchen Aufschwung nehmen, dass sie
wirklich zum Schutz und zur Ehre der katholischen Wahrheit dienen, welche von
Gott zum ewigen Heil der Völker bestimmt ist. – Endlich ermahnen Wir alle
Zöglinge und Diener der Kirche in väterlicher Liebe, dass sie stets mit dem
Gefühle tiefster Ehrfurcht und Frömmigkeit zu den heiligen Schriften
hinzutreten. Denn es ist durchaus unmöglich, dass sich ihr Verständnis zum
Heile, wie es nötig ist, erschließe, wenn nicht vorher die Anmaßung der
irdischen Wissenschaft beiseite gesetzt und der Eifer für die von oben
stammende Weisheit gewissenhaft erweckt wird. Wenn sich der Geist mit diesem
Wissenszweig einmal befasst und von da Licht und Kraft empfängt, wird er eine
wunderbare Stärke erlangen, dass er auch die vorkommenden Trugschlüsse der
menschlichen Wissenschaft erkennt und meidet, gediegene Ergebnisse gewinnt und
sie auf das Ewige bezieht. Infolgedessen vornehmlich wird die Seele von Eifer
entflammt und so mit stärkerer Begeisterung nach dem Gewinn der Tugend und der
göttlichen Liebe trachten: Glückselig, die erforschen seine Zeugnisse, die ihn
suchen mit ihrem ganzen Herzen63.
25 Und nun auf die Hoffnung der göttlichen Hilfe
gestützt und im Vertrauen auf Euren Hirteneifer, erteilen Wir Euch allen, dem
gesamten Klerus und jedem von Euch anvertrauten Volke als Unterpfand der
göttlichen Gnaden und als Zeichen Unseres besonderen Wohlwollens in aller Liebe
im Herrn den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter am 18. November 1893,
im sechzehnten Jahre Unseres Pontifikates.
LEO PP. XIII.
1 Conc. Vatic.
Sess. III, cap. II, de revel.
2 Ebend.
3 S. Aug. de
civ. Dei XI, 3.
4 S. Clem.
Rom. I ad Cor. 45; S. Polycarp. Ad
Phil. 7; S. Iren adv. Haer. II, 28, 2.
5 S. Chrys. In Gen. hom. 2,2; S. Aug. in Ps. XXX, serm. 2,1; S. Greg. M. ad Theod. Ep. IV,
31.
6 2 Tim. 3,16.17.
7 August. De util. Ered. XIV, 32.
8 Apg. 14,3.
9 S. Hieron.
de studio Script. Ad Paulin. Ep. LIII, 3.
10 In Is. Prol.
11 In Is. LIV, 12.
12 1 Thess. 1,5.
13 Jerem. 23,29.
14 Hebr. 4,12.
15 De doctr. Christ. IV, 6, 7.
16 Chrys. In Gen. Hom. 60,3. August. De discipl. Christ. 2.
17 Athan. Ep. Fest. 39.
18 August. Serm. 26,24. Ambr. In Ps. CXVIII, serm. 19,2.
19 Hieron. De vita cler. Ad Nepot.
20 Greg. M. Regula past. II, 11 (al. 22); Moral. XVIII,
26 (al. 14).
21 August. Sermo 179, 1.
22 Greg. M. Regula past. III, 24 (al. 48).
23 1 Tim.
4,16.
24 Hieronymus
in Mich. 1,10.
25 Conc. Trid. Sess. V, decr. De ref. c. 1.
26 Conc. Trid. Sess. V, deer. De ref. c. 2. 2.
27 1 Tim. 6,20.
28 Sess. IV, decr. De
edit. et usu sacr. Libr.
29 De dotr. Christ. III,
4.
30 S. Hieron. ad Pammach.
31 S. Hieron. Ad Paulin, de studio script. Ep. LIII, 4.
32 Contra
haer. IV, 26, 5.
33 Sess. III, cap. II, de revel.; cf. Conc. Trid. Sess. IV, decr. de
edit. et usu sacr. libr.
34 Coc. Vat. Sess. III, cap. III de fide.
35 Ebend. 6,7.
36 Ad Honorat. de util. Cred. XVII, 35.
37 Rufinus, Hist. Eccl. II, 9.
38 S. August. Contra Iulian. II, 10,
37.
39 S. August. de Gen. Ad lit. lib. VIII, c. 7,13.
40 Cf. Clem. Alex. Strom. VII, 16; Orig. de princ. IV, 8; in Levit. hom. 4,8; Tertull.
de praecr. 15 sqq.; S. Hilar.
Pict. in Matth. 13, 1.
41 Greg. M. Moral. XX, 9 (al. 11).
42 Summa theol. p. I, q. I, a. 5 ad 2.
43
Ebend. a. 8.
44 Conc. Vatic. sess. III de fide.
45 Eph. 6,13ff.
46 Kol. 3,16.
47 S. Chrysost. de sacerd. IV, 4.
48 1 Kor. 9,22.
49 1 Petr. 3,15.
50 In Gen. op.
imperf. IX,
30.
51 De Gen. ad litt. I, 21, 41.
52 S. August. Ibid. II, 9, 20.
53 Summa theol. I, q.
LXX, a. 1 ad 3.
54 In Sent. II,
dist. II,
q. I, a. 3.
55 Opusc. X.
56 Sess. III, c. II de
revel.
57 De consensu
Evang. 1. I, c. 35.
58 Vorwort zu
Job n. 2.
59 Ep. 82, 1
und sonst öfter.
60 3 Edras 4,38.
61 Ad Ianuar. Ep. LV, 21.
62 De doctr. Chr. III, 9,
18.
63 Ps. 118,2.