Sozialhirtenbrief
der katholischen Bischöfe Österreichs
15. Mai 1990
Herausgegeben vom
Sekretariat der Österreichischen Bischofskonferenz, A-1010 Wien, Wollzeile 2
„Der Mensch ist der Weg der Kirche“
(Johannes Paul II.)*
Im Internet auf www.stjosef.at veröffentlicht am 15. Januar
2004.
HTML-Version erstellt von Dr. Josef Spindelböck.
Lesen Sie auch den einführenden Kommentar zu diesem Sozialhirtenbrief!
Inhaltsverzeichnis
Anliegen
und Anfragen
II. Der Weg des Menschen in Arbeit und Wirtschaft
1.
Der
Dienst unseres Hirtenwortes
2.
Glaube,
Arbeit und Wirtschaft
3.
Mehr Mensch werden in Arbeit und Wirtschaft
5.
Lohn
– Einkommen – Eigentum
7.
Schöpfung, Natur und Umwelt
III.
Gesellschaft
in Solidarität und Verantwortung
1. Glaube, Gemeinschaft
und Gesellschaft
3. Frauen
4. Jugend
IV.
Sinnfragen,
Werte und Ziele
3. Aus Werten leben – die
Zukunft gestalten
1. Heilsbotschaft und Option
für die Armen
Projekt Sozialhirtenbrief
(1)
Es ist Aufgabe der Bischöfe, „zu den Menschen zu gehen und das Gespräch mit
ihnen zu suchen“.[1]
Dieses Wort des II. Vatikanischen Konzils hatten wir österreichischen Bischöfe
vor Augen, als wir im Herbst 1988 zu einem Gespräch über einen in Aussicht
genommenen Sozialhirtenbrief eingeladen haben.
Kirchliche
Stellungnahmen zur sozialen Lage
(2)
Die österreichischen Bischöfe haben nach dem Zweiten Weltkrieg mehrmals sowohl
einzeln als auch gemeinsam zu wirtschaftlichen, sozialen, politischen und
kulturellen Fragen Stellung genommen. Wir erinnern an den Katholikentag von
1952 mit seinen grundsätzlichen Überlegungen über eine freie Kirche in einer
freien Gesellschaft und der Forderung an die Kirche, ihre Verantwortung für die
Gesellschaft wahrzunehmen. Als Österreich 1955 seine Freiheit wiedererlangt
hatte, entschlossen sich die Bischöfe Österreichs zu einem gemeinsamen
Sozialhirtenbrief. Als Papst Johannes XXIII. 1961 das bedeutende Rundschreiben Mater et Magistra
veröffentlichte, haben die österreichischen Bischöfe in einem eigenen Sozialhirtenbrief
diese Botschaft auf Österreich angewendet. Im Synodalen Vorgang von 1974 hat
sich die Kirche in Österreich neu zum gesellschaftlichen Engagement
verpflichtet.
100 Jahre Rerum
novarum
(3)
Dieser Sozialhirtenbrief erscheint zur Vorbereitung des 100-Jahre-Jubiläums des
Sozialrundschreibens Rerum novarum.
Papst Leo XIII. hat 1891 in diesem Rundschreiben die Kirche in einer Zeit des
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs in ganz neuer Weise zur
gesellschaftlichen Verantwortung aufgerufen. Die Welt von heute befindet sich
wiederum in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Strukturwandel.
Wirtschaft und
Gesellschaft heute
Angesichts
dieses Wandels wäre — wie damals — das Stillschweigen eine Verletzung Unserer
Pflicht“.[2]
Es
ist in einem Sozialhirtenbrief unmöglich, auf alle wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Probleme Österreichs einzugehen. Wir haben uns deshalb
entschlossen, einige Fragen herauszugreifen, die uns hinsichtlich einer
menschengerechten Gestaltung von Arbeit und Wirtschaft sowie eines Lebens in
Solidarität und Verantwortung besonders bedeutsam erscheinen.
I.
„DAS GESPRÄCH SUCHEN“
Anliegen und Anfragen
“Grundtext“ löste breite Diskussion aus
(4)
Es war für uns eine erfreuliche Erfahrung, daß der Grundtext „Sinnvoll arbeiten
— solidarisch leben“[3] ein
so großes Interesse fand. Unsere Einladung zu einem vorbereitenden Gespräch zum
Sozialhirtenbrief wurde bereitwillig angenommen. Rund 2.400 Stellungnahmen
wurden uns zugesandt, an deren Abfassung mehr als 15.000 Personen beteiligt
waren. Darüber hinaus haben viele an Gesprächsgruppen und Veranstaltungen
teilgenommen. Die Medien berichteten eingehend über den Verlauf der
Diskussionen. Dies hat uns gezeigt, wie viele Menschen in Österreich an der
Lösung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme interessiert sind.
Daß der Grundtext weniger auf die positiven Aspekte unserer wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Situation einging, sondern vor allem Probleme und
Herausforderungen aufzeigte, lag in der Zielsetzung des Textes, das Gespräch
zur sozialen Lage anzuregen.
Die
Gespräche verliefen zumeist in einem Klima der Offenheit und Toleranz. Die
Teilnehmer bekannten sich zwar eindeutig zur eigenen Position, waren aber auch
bereit, andere Meinungen zu hören. Es hat sich in diesem Vorgang innerhalb der
Kirche eine Gesprächskultur entwickelt, die in die Zukunft weist.
Soziallehre gefragt
In diesem Gesprächsprozeß
zeigte sich ein wachsendes Interesse für die katholische Soziallehre. Es wurde
deutlich, daß auch unter den Katholiken ein großer Nachholbedarf besteht. Wir
Bischöfe wurden gebeten, in unserem Sozialhirtenbrief die katholische
Soziallehre auf die aktuelle Situation anzuwenden. Dieser Wunsch ist für uns
mit ein Grund, in unserem Hirtenwort immer wieder auf die Sozialrundschreiben
der Päpste und auf die sozialen Aussagen des II. Vatikanischen Konzils
einzugehen.
„Zusammenfassung der
Stellungnahmen“ zeigt:
Unterschiedliche Beurteilung der gesellschaftlichen Probleme
(5)
Für Inhalt und Ergebnisse des Diskussionsprozesses verweisen wir auf die
Dokumentation „Sinnvoll arbeiten — solidarisch leben. Zusammenfassung der
Stellungnahmen“[4].
Die Diskussion zum ersten Themenschwerpunkt „Sinnvoll arbeiten“ erbrachte eine
breite Übereinstimmung: Arbeit und Wirtschaft befinden sich auch in Österreich
in einem tiefgreifenden Umbruch. Deshalb ist es notwendig, nach neuen
Orientierungen zu suchen, und zwar nicht nur nach solchen
wirtschaftlich-technischer, sondern auch sozialer und ethischer Art. Durch
viele Beispiele aus dem Leben einzelner wie auch Gruppen wurden wir auf neue
Formen von Diskriminierung und Unrecht in der Arbeitswelt aufmerksam gemacht.
Keineswegs einheitlich war die Beurteilung der geschilderten Situation und die
Formulierung der Aufgaben für die Zukunft. Es gab beachtlich viele Stimmen,
welche die im Grundtext vorgelegte Analyse als zutreffend bezeichneten und
tiefgreifende Reformen verlangten. Es gab aber auch solche, die eine Reihe von
dort gegebenen Perspektiven als utopisch kritisierten.
Für
unseren Hirtenbrief war es bedeutsam, daß im Vorbereitungsprozeß auch auf
Themen hingewiesen wurde, die im Grundtext fehlten oder zu kurz behandelt
wurden: zum Beispiel die Rolle des Unternehmers, die neue technische Revolution
sowie die tiefgreifende Problematik der Umwelt.
Kluft zwischen Religion und Arbeitswelt
Eine
Reihe von Stellungnahmen machte deutlich, daß für viele Menschen die Sinngebung
für Arbeit und Wirtschaft nicht aus dem Glauben kommt. Die Kluft zwischen
Religion und Arbeitswelt hat sich anscheinend vertieft. Es braucht eine neue
Begegnung zwischen Kirche und Welt der Arbeit. Dieser Wunsch ist durch einen
Hirtenbrief allein nicht zu erfüllen. Es bedarf vielmehr erneuter Anstrengungen
in der Pastoral für die Menschen in der Arbeitswelt.
Notwendigkeit einer neuen
Solidarität
(6)
Die Auseinandersetzung mit dem zweiten Zentralthema »Solidarisch leben“ ergab
eine weitere Übereinstimmung: All das, was mit Arbeit und Wirtschaft
zusammenhangt, hat auch eine „technische Seite“. Es gibt sachliche
Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten, die berücksichtigt werden müssen. Aber
diese Eigenständigkeit ist relativ: Denn Arbeit und Wirtschaft stehen in einem
sittlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang.[5] Darum
wurde im Vorbereitungsprozeß immer wieder die Notwendigkeit einer neuen
Solidarität ausgesprochen; einer Solidarität, die es nicht zuläßt, daß einzelne
und Gruppen wirtschaftlich diskriminiert und vom gesellschaftlichen Leben
ausgeklammert werden.
Unterschiedlich
waren die Auffassungen über das Ausmaß des Verlustes an Solidarität und über
den Weg, sie neu zu begründen und zu verwirklichen. Einerseits spürten wir mehr
die Tendenz zur Stärkung — aber nicht notwendig zur Ausweitung — des
Sozialstaates, andererseits wurden vorrangig Eigenverantwortung und
Selbstregulierung durch gesellschaftliche Mechanismen betont.
Auch
hier wurden neue Themen vorgeschlagen und Ergänzungen gewünscht: zum Beispiel
über die Jugend, über alte und kranke Menschen, über neue gesellschaftliche
Randschichten.
Suche nach Werten und Sinn
Wiederholt wurde der Wunsch geäußert,
es möge auf Sinnfragen, auf sittliche Werte und Ziele eingegangen werden. Es
ist bezeichnend, daß diese Anfragen gerade auch von jungen Menschen kamen, und
nicht bloß von praktizierenden Gläubigen, sondern auch von Menschen, die der
Kirche fernstehen.
Wertvoller Dienst der
Stellungnahmen
Dank für die Beteiligung
(7) Wir können mit diesen Beispielen
aus der Diskussion keineswegs den Reichtum der Aussagen und Anregungen
ausschöpfen, der im Vorbereitungsprozeß zum Ausdruck kam. In der Abfassung des
Hirtenbriefes haben uns diese Stellungnahmen wertvolle Dienste geleistet. Wir
sagen allen, die sich an diesen Gesprächen beteiligt haben, ein herzliches Wort
des Dankes. Dieser Dank gilt in besonderer Weise denen, die an der Vorbereitung
und Durchführung dieses Projektes mitgearbeitet haben.
II.
DER WEG DES MENSCHEN IN ARBEIT UND WIRTSCHAFT
Am Beginn unseres Sozialhirtenbriefes wollen wir ein klärendes Wort über das
Anliegen dieses Hirtenwortes sagen.
1. Der Dienst unseres
Hirtenwortes
Die religiöse Sendung der Kirche
(8)
Es ist Aufgabe der Kirche, der Menschheit „die Liebe Gottes und das ihr durch Christus
geschenkte Heil“[6]
zu verkünden. Geschaffen nach dem Bild und Gleichnis des liebenden Gottes, ist
der Mensch für ein Leben bestimmt, das in seiner Fülle über diese Welt
hinausweist. Darum betont das II. Vatikanische Konzil ausdrücklich: „Die Sendung,
die Christus der Kirche übertragen hat, bezieht sich ... nicht auf den
politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich: das Ziel, das Christus ihr
gesetzt hat, gehört ja der religiösen Ordnung an.“[7]
Irdisches Leben entscheidend für
das Heil
Das
den Menschen zugesagte Heil wird als freies Geschenk Gottes empfangen.
Gleichzeitig aber entscheidet sich seine Verwirklichung im Leben des Christen
inmitten der Welt: Indem er in der Liebe und Gnade des dreifaltigen Gottes
fähig wird, das Gute zu tun und das Böse zu bekämpfen. Diese Lebensaufgabe
ereignet sich auch im konkreten Alltag: im Zusammenleben, in der Arbeit, in der
Freizeit.
Orientierungshilfen der Kirche
(9)
Die Kirche hat den Auftrag, den Menschen nicht nur das von Christus geschenkte
Heil zu verkünden, sondern sie auch wegweisend in der Verwirklichung dieses
Zieles zu begleiten. Sie hat das Recht und die Pflicht, den Menschen für die
Gestaltung ihres konkreten Lebens sittliche Orientierung und geistliche Hilfe
anzubieten.
Die
geschichtlich gewachsenen Formen von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft üben
einen entscheidenden Einfluß auf das sittliche Handeln des Menschen aus. Sie
können es erleichtern und fördern, sie können es auch behindern und gefährden.
Es gibt gesellschaftliche Situationen, die es einer „ungeheuer großen Zahl von
Menschen“ außerordentlich schwer machen, „ihr ewiges Heil zu wirken“.[8]
Aus Evangelium und christlichem
Menschenbild
Die
Kirche hat in den vergangenen hundert Jahren eine Reihe von Sozialrundschreiben
veröffentlicht, um den Menschen in der Ordnung des gesellschaftlichen Lebens
„nach dem Heilsplan der Frohbotschaft“[9] die
sittlichen Grundsätze zu vermitteln. Diese Grundsätze entspringen letztlich
„der christlichen Lehre vom Menschen“.[10]
Die
Zuständigkeit der Kirche
(10)
Wenn die Kirche aufgrund ihrer religiösen Sendung den Anspruch erhebt, für das
wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Leben sittliche Weisungen zu
geben, anerkennt sie zugleich die Grenze ihrer Zuständigkeit. Sie macht keine
Aussagen darüber, mit welchen Mitteln die den Menschen vorgegebenen Ziele am
erfolgreichsten zu verwirklichen sind. Die Kirche muß aber Einspruch erheben,
wenn Mittel angewendet werden, die dem Sittengesetz und dem Evangelium
widersprechen.
In
unserem Hirtenwort werden wir immer wieder auf die Grundsätze der katholischen
Soziallehre zurückgreifen. Es genügt dabei nicht, allgemeine sittliche
Grundsätze zu verkünden. Die Kirche muß sich auch dafür einsetzen, daß diese
verwirklicht werden. Das verlangt eine Anwendung auf die verschiedenen
Situationen in den Teilkirchen. „Sie müssen die Verhältnisse ihres jeweiligen
Landes objektiv abklären, müssen mit dem Licht der unwandelbaren Lehre des
Evangeliums hineinleuchten ..., (um) darüber zu befinden, welche Schritte zu
tun und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und politischen Reformen herbeizuführen, die sich als wirklich
geboten erweisen.“[11]
Unterschiedliche Verbindlichkeit
der Aussagen
(11) Wir haben diesen
Auftrag im Dialog des Vorbereitungsprozesses aufgegriffen und wollen ihn in
unserem Hirtenwort weiterführen. Wo es um die Anwendung sittlicher Grundsätze
geht, wird es Meinungsverschiedenheiten geben. Darum unterscheiden wir in
unserem Hirtenwort zwischen der Verbindlichkeit der sittlichen Grundsätze und
den Maßnahmen zur Umsetzung.
Umsetzung in konkrete Modelle
(12) Die Verwirklichung der
katholischen Soziallehre hangt wesentlich vom Einsatz unserer Brüder und
Schwestern ab. Ihre Aufgabe ist es, die Kirche „an jenen Stellen und in den
Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie Salz
der Erde werden kann“.[12]
Darum soll unser Sozialhirtenbrief für ihren Einsatz eine Ermutigung, aber auch
Orientierung sein. Wir wünschen sehr, daß die Christen nach konkreten Wegen
suchen, die sittlichen Prinzipien gegenwarts- und zukunftsbezogen in die Praxis
umzusetzen.
Berechtigte Vielfalt
Vom selben Evangelium inspiriert,
können Christen bei der Suche nach konkreten Lösungen zu unterschiedlichen
Entscheidungen kommen. Die Kirche anerkennt diese Tatsache, verlangt aber, daß
sich jeder Christ in diesem Bemühen ernsthaft mit ihren sozialen Weisungen
auseinandersetzt, ohne aber die Autorität der Kirche ausschließlich für die
eigene Meinung in Anspruch zu nehmen.[13]
Die Hoffnung auf das Reich Gottes
begründet den Einsatz in der Welt
(13)
Die menschengerechte Gestaltung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft hat
eine große Bedeutung für das Reich Gottes, das alle menschlichen Bemühungen um
Gerechtigkeit übersteigt. Die Wirklichkeit der Sünde erweist die Machbarkeit
eines innerweltlichen Paradieses als Illusion. Sie wirkt im persönlichen
Verhalten wie auch in den „Strukturen der Sünde“[14]
hemmend, störend und zerstörend. Durch Christi Tod und Auferstehung ist jedoch
die Macht der Sünde gebrochen. Der Mensch wird frei zum Einsatz für die
Gerechtigkeit, deren Vollendung er in Gott erwartet. In solcher Freiheit und
endzeitlicher Hoffnung gründet der gesellschaftspolitische Einsatz der
Christen. Religiöse Sendung und gesellschaftliche Verantwortung sind darin
zuinnerst verbunden.
Diese gesellschaftliche Verantwortung verbindet Christen mit allen Menschen in
der Sorge um eine menschengerechte Gestaltung von Arbeit, Wirtschaft und
Gesellschaft. Gemeinsam müssen wir uns mit ganzer Kraft dafür einsetzen.
2. Glaube, Arbeit und Wirtschaft
Religiöse Aspekte der Arbeit
(14)
Wenn die Kirche über Arbeit und Wirtschaft spricht, dann geht es ihr nicht
zuerst um Investitionen und Rentabilität, um Kosten und Gewinn. Arbeit und
Wirtschaft haben für sie wesentlich mit dem „Plan Gottes mit den Menschen“[15] zu
tun.
Mitwirkung am Plan Gottes
Sein
Auftrag, die Erde „zu bebauen und zu behüten“ (Gen 2,15), enthält einen
Lebensentwurf: Im verantwortungsbewußten Gestalten der Erde entfaltet der Mensch
das, was Gott mit der Welt vorhat.
Entfaltung der Talente
Indem
der Mensch auch durch seine Arbeit an der Vollendung des Werkes Gottes
mitwirkt, verschafft er sich nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern
entfaltet zugleich sich selbst. Im schöpferischen Tun weckt er die verborgenen
Talente, die der Schöpfer ihm geschenkt hat. Durch die Arbeit verwirklicht der
Mensch nicht nur den Plan Gottes mit der Welt, sondern auch den Plan Gottes mit
den Menschen: mehr Gott ähnlich werden, „mehr Mensch werden“.[16]
Ein Dienst für andere
(15)
Diese persönliche Seite der menschlichen Arbeit hat aber gleichzeitig eine
zwischenmenschliche Bedeutung. Sie verwirklicht sich zuerst in ihrer Beziehung
zu Ehe und Familie. Die Hinordnung der Arbeit auf die materielle Sicherung der
Familie, die Sorge für die Zukunft der Kinder haben einen entscheidenden
Einfluß auf die Sinngebung und Sinnerfahrung der Arbeit.
Die
soziale Dimension der Arbeit hat aber ganz wesentlich auch eine Beziehung zum
Dienst am Gemeinwohl. Durch seine Arbeit trägt der Mensch dazu bei, daß die
materiellen Voraussetzungen geschaffen werden, damit alle ein menschenwürdiges
Leben führen können.[17] Wer
nicht erlebt, daß er sich durch seine Arbeit für andere nützlich macht, beginnt
nur allzuleicht an seinem Selbstwert zu zweifeln. Zugleich fehlt ihm dann auch
die gesellschaftliche Anerkennung.
Jesus –
der Sohn des Zimmermanns
(16)
Dieses religiös-ethische Grundwissen über die Würde der menschlichen Arbeit
erhält für den Christen durch Christus eine neue Tiefe. Gott ist in Jesus
Christus unmittelbar in die Welt der Arbeit eingetreten. Das Wort der Bibel, er
war „der Sohn des Zimmermanns“ (Mt 13,55), ist reich an Bedeutung. Jesus selber
hat durch seine Arbeit ein Stück Welt mitgestaltet und damit die Arbeit mit
einem neuen religiösen Sinn erfüllt. Durch sein Sterben am Kreuz hat er all das
erlöst, was der Mensch als Folge der Erbsünde an Entfremdung und an Unheil in
der Welt der Arbeit erfährt. Die vom Glauben her verstandene und verrichtete
Arbeit dient trotz aller weiterbestehenden innerweltlichen Mühsal nicht nur zur
Verwirklichung des eigenen Heiles, sondern auch zur Verwirklichung eines neuen
Himmels und einer neuen Erde.
Das Ziel der Wirtschaft
(17)
Grundlegend für die Gestaltung von Arbeit und Wirtschaft ist die Aussage des
II. Vatikanischen Konzils: Das eigentliche Ziel der Wirtschaft besteht „weder
in der vermehrten Produktion als solcher noch in der Erzielung von Gewinn oder
Ausübung von Macht, sondern im Dienst am Menschen, und zwar am ganzen Menschen
im Hinblick auf seine materiellen Bedürfnisse, aber ebenso auf das, was er für
sein geistiges, sittliches, spirituelles und religiöses Leben benötigt. Das
gilt ausdrücklich für alle Menschen und für jeden einzelnen ... ist doch der
Mensch Urheber, Mittelpunkt und Ziel der Wirtschaft.“[18] Aus
diesem Grundverständnis der Wirtschaft ergeben sich drei Folgerungen:
Gegenwärtiger Bedarf und künftige
Lebenschancen
(18) Erstens: Nach der katholischen
Soziallehre besteht das Ziel der Wirtschaft nicht in einem beliebigen, grenzenlosen
Wachstum, sondern in der Versorgung der Menschen mit preiswerten Gütern und
Diensten des täglichen Bedarfs: ausreichende Nahrung, Kleidung und
menschenwürdiges Wohnen zählen dazu. Worin dieser Bedarf des Menschen näherhin
besteht, kann nicht für alle gleich verpflichtend festgeschrieben werden. Trotz
dieser Offenheit ergeben sich aber aus der körperlich-geistigen Einheit des
Menschen Grundorientierungen und Grundverpflichtungen für den Wirtschaftsprozeß
— auch in der Verpflichtung für die Lebenschancen der kommenden Generationen
und für die Erhaltung der Schöpfung.
Einzelinitiativen
und Handeln des Staates
(19)
Zweitens: Der Mensch als Person ist „Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller
Wirtschaft“18a. Für die Gestaltung
des Wirtschaftsprozesses ist darum nicht zuerst der Staat, sondern die
Initiative der einzelnen und der gesellschaftlichen Gruppen zuständig. Das
Recht auf persönliches Eigentum und wirtschaftliche Initiative gehört somit zu
den Menschenrechten.[19] Die Vielfalt
der Einzelinitiativen und Einzelinteressen führt aber nicht automatisch zur
Verwirklichung des Gesamtzieles der Wirtschaft: Dienst am Menschen und an allen
Menschen. Darum braucht es das gestalterische Handeln des Staates, um den
Wirtschaftsprozeß auf das Gemeinwohl hinzuordnen, einen Ausgleich zwischen
Leistungsstarken und Leistungsschwachen zu schaffen und Unrecht abzubauen oder
zu verhindern.
Sachgesetze der Wirtschaft und
Würde des Menschen
(20)
Drittens: In der Wirtschaft geht es nicht nur um die Bereitstellung von Gütern
und Diensten, sondern wesentlich um die Zusammenarbeit von Menschen. Die
soziale Ausgestaltung des Wirtschaftsprozesses gehört deshalb zu den zentralen
Aufgaben einer menschengerechten Wirtschaftsordnung. Das schließt keineswegs
aus, daß die Erstellung von Gütern und Diensten ihre Sachgesetze hat. Wo aber
nach Gottes Bild geschaffene, freie, selbstverantwortliche Personen im
Wirtschaftsprozeß zusammenarbeiten, sind die Achtung vor der Würde des
Menschen, das Recht auf Mitverantwortung und Mitbestimmung und die
Vermenschlichung der Arbeitswelt vorrangig.
Überprüfung der Wirtschaft an
ihrer Zielbestimmung
(21) Diese von der menschlichen
Vernunft und vom Glauben her vorgegebene Zielbestimmung von Arbeit und Wirtschaft
verpflichtet die Kirche, Wirtschaftssysteme und Wirtschaftspraxis dahin zu
überprüfen, ob sie die Erreichung dieser Ziele ermöglichen und fördern oder sie
behindern und verhindern.
Kritik
an Wirtschaftssystemen
Die Kirche hat von ihrem Menschenbild
her wiederholt zu Wirtschaftssystemen und wirtschaftlicher Praxis Stellung
bezogen. Sie hat den liberalistischen Kapitalismus des vergangenen Jahrhunderts
abgelehnt, weil er für ein „nahezu sklavisches Joch“[20]
des Proletariates verantwortlich war. Sie hat das kollektivistische
Wirtschaftsystem verurteilt, weil es die
Person des Menschen zu einem Objekt entwertete.[21] Die
Kirche muß aber auch zu anderen Wirtschaftssystemen ihre kritische Stimme
erheben, wenn sie überzeugt ist, daß einzelne Menschen oder gesellschaftliche
Gruppen in ihren Rechten bedroht sind. Solche Kritik erfolgt in der
Überzeugung: Nur eine menschengerechte Wirtschaft kann auf weite Sicht gesehen
eine sachgerechte Wirtschaft sein.
Anerkennung für wirtschaftliche
Leistungen und Solidarität der Sozialpartner
(22)
Wenn wir in unserem Sozialhirtenbrief zu konkreten Fragen der Arbeit und
Wirtschaft in unserem Land Stellung nehmen, dann tun wir das in der gleichen
Absicht. Wir sagen es in Anerkennung alles dessen, was auf wirtschaftlichem
Gebiet in den Nachkriegsjahren geschaffen wurde. Wir denken dabei an die
schweren Zeiten des Wiederaufbaues, der in entscheidender Weise auch durch
Opferbereitschaft und Sinn für das Gemeinwohl von Seiten der Arbeitnehmer
ermöglicht wurde. Wir anerkennen den Beitrag der Gewerkschaften für den
wirtschaftlichen und sozialen Aufbau und für die Erhaltung des sozialen
Friedens.
Ohne
die solidarische Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, wie sie
sich in Österreich in der Sozialpartnerschaft bewährt hat, wäre es unmöglich
gewesen, den heutigen Wohlstand und die soziale Sicherheit zu erwirtschaften.
Wir anerkennen darum nicht weniger all das, was durch das verantwortliche
Handeln der Unternehmer geschaffen wurde. Insbesondere verweisen wir dabei auf
die eindrucksvollen Leistungen der vielen Klein- und Mittelbetriebe, die nicht
nur in wirtschaftlicher, sondern auch in sozialer Hinsicht zum Fortschritt und
sozialen Frieden unseres Landes entscheidend beigetragen haben.
Herausforderungen
für Arbeit und Wirtschaft
(23)
Arbeit und Wirtschaft in Österreich stehen vor großen Herausforderungen. Die
wissenschaftlich-technischen Innovationen zwingen zu massiven
Strukturveränderungen und Anpassungen innerhalb der einzelnen Wirtschaftszweige
und infolge dessen zu großen beruflichen Veränderungen innerhalb der
arbeitenden Bevölkerung. Die Internationalisierung der Märkte bedeutet auf der
einen Seite eine Verschärfung der Konkurrenz und Bedrohung der kleineren
Wirtschaftseinheiten, auf der anderen Seite neue wirtschaftliche Chancen. Die
Entwicklung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hat auch für Österreich
tiefgreifende Folgen und bedeutet eine Herausforderung für die Sozialpartner.
Sie muß von ihnen mit sachkundigen wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen
beantwortet werden. Dazu braucht es auch den Willen zur Selbstkritik und die
Bereitschaft zu jeweils neuen Initiativen. Es braucht aber ebenso ethische
Orientierungen sowohl für die Gestaltung der wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Strukturen als auch für das Verhalten der Menschen.
Die Aufgaben des Unternehmers
(24)
Österreich braucht Unternehmer, die über hohe Sachkompetenz verfügen;
Unternehmer, die nicht nur die wirtschaftlichen Notwendigkeiten von heute
erkennen, sondern auch die Entwicklung von morgen mitberücksichtigen und den
Mut zu unternehmerischem Risiko besitzen. Österreich braucht aber auch
Unternehmer, die über ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und Initiative
verfügen; Unternehmer, die in den Arbeitnehmern nicht Produktionsfaktoren,
sondern Mitarbeiter sehen; Unternehmer, die imstande sind, ein Betriebsklima zu
schaffen, das den Arbeitnehmern die Überzeugung gibt, „in eigener Sache“[22] zu
arbeiten. Dazu gehört wesentlich die Möglichkeit der Mitverantwortung und
Mitbestimmung. Wer produktive Arbeit leistet, soll auch imstande sein, „den
Gang der Dinge mitzubestimmen“.[23]
in Verantwortung für das
Gemeinwohl
Bei
all dem können sich Unternehmer nicht auf die Lösung rein ökonomischer Probleme
beschränken, wie etwa Produktionsverfahren und Absatzstrategien. Sie müssen
auch bereit sein, Verantwortung für das Gemeinwohl auf nationaler und
internationaler Ebene zu übernehmen. In ihren wirtschaftlichen Entscheidungen
sind immer auch die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen mitzuberücksichtigen:
die Bewältigung des Problems der Arbeitslosigkeit, die Erhaltung des sozialen
Friedens, die Sorge für die Anliegen der Jugend und die Verantwortung für die
Umwelt. Für die katholische Soziallehre gilt darum: Der verantwortungsbewußte
Unternehmer soll nicht
nur sachgerecht, sondern immer auch menschengerecht und gesellschaftsgerecht
handeln. Diese Aussage soll nicht bloß als Appell für die Zukunft, sondern auch
als Anerkennung der bisherigen Bemühungen verstanden werden.
Der Beitrag der Arbeitnehmer
(25) Österreichs Wirtschaft braucht
nicht weniger den Beitrag der Arbeitnehmer, die ihre Verantwortung in der Welt
der Wirtschaft wahrnehmen. Dies beinhaltet nicht nur den persönlichen Einsatz
im Arbeitsprozeß, sondern auch die Mitverantwortung für die Gestaltung der
Gesamtwirtschaft.
Ihre Organisation
Seit ihrem ersten Sozialrundschreiben
hat die Kirche das Recht der Arbeitnehmer auf eine unabhängige Organisation
verteidigt. Sie hat dieses Recht auch in den folgenden Rundschreiben gefordert.
Im Rundsehreiben über die menschliche Arbeit bezeichnet Johannes Paul II. die
Organisation der Arbeitnehmer als „unentbehrliches Element des
gesellschaftlichen Lebens“.[24]
Die Kirche kennt eine zweifache Aufgabe
der Organisation der Arbeitnehmer. Sie muß einerseits die „berechtigten
Forderungen“ der Arbeitnehmer in allen Bereichen, wo ihre Rechte ins Spiel
kommen, wirksam vertreten.[25]
Sie muß andererseits auch einen „wirksamen Beitrag“ zur Gestaltung des
Wirtschaftslebens leisten.[26]
Spannungen
und Konflikte
Die Verwirklichung dieser zweifachen Aufgabe
kann zu Spannungen und Konflikten führen. Schon das Sozialrundschreiben Quadragesimo anno
spricht von der Möglichkeit und sogar Notwendigkeit des „Kampfes“ zur
‘Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit. Der große Unterschied gegenüber der
marxistischen Theorie des Klassenkampfes besteht darin, daß die bestehenden
Gegensätze nicht als unüberwindbar betrachtet werden. Es wird klar erkannt, daß
Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufeinander angewiesen sind. Der Kampf wird „im
Hinblick auf das Gut der sozialen Gerechtigkeit“ geführt, zur „Durchsetzung
berechtigter Ansprüche“.[27]
Das darf allerdings nicht in der Haltung eines Gruppen- oder Klassenegoismus
und auch nicht in bloßer Abhängigkeit von den Willensentscheidungen politischer
Parteien geschehen, sondern im Dienst am Gemeinwohl des ganzen Landes.
Mitarbeit
in den Gewerkschaften
Wenn
wir heute von neuen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen
und von einer neuen sozialen Frage sprechen, dann hoffen wir, daß die
Gewerkschaften, in denen viele Menschen aus christlicher Verantwortung
mitarbeiten, diese „Zeichen der Zeit“ in ihrem Aktionsprogramm berücksichtigen.
Anerkennung der demokratischen
Ordnung
(26) Der wirtschaftliche Aufstieg und
der soziale Friede unseres Landes wurde wesentlich durch den Aufbau und Ausbau
einer neuen politischen Kultur mitgestaltet. Die demokratische Grundverfassung
unseres Staates bildete die Voraussetzung und Garantie dafür, daß auch im
Bereich der Wirtschaft und Gesellschaft demokratische Prozesse in Gang gesetzt
werden konnten. Wenn wir heute den Beitrag der Sozialpartner zur
Vermenschlichung von Arbeit und Wirtschaft anerkennen, dann gilt diese
gleicher Weise den politischen Kräften unseres Landes. Wir wissen aus
Vergangenheit und Gegenwart um die Bedrohungen der demokratischen Ordnung.
Darum wollen wir es
nicht bloß bei einem Wort der Anerkennung belassen. Wir appellieren vielmehr an
die Mitverantwortung der Christen für die Erhaltung und den Ausbau unseres
demokratisch verfaßten Staates.
Solidarität mit Minderheiten
Die
demokratische Reife einer Gesellschaft zeigt sich gerade am Umgang mit
Minderheiten, wie sie Rechte und kulturelle Eigenart ethnischer Gruppen
anerkennt und fördert. Bei aller berechtigten Sorge von Minderheiten um die
Erhaltung ihres Volkstums werden sie ihrerseits bemüht sein, am Gesamtwohl der
Gesellschaft solidarisch mitzuwirken.
3. Mehr Mensch werden in Arbeit und Wirtschaft
Sinnerfüllung in der
Erwerbsarbeit?
(27)
Heute wird viel vom Wandel des Sinnes der Arbeit gesprochen. Manche sind der
Meinung, Erwerbsarbeit sei nur noch ein notwendiges Übel, die menschliche
Entfaltung werde oft nur in der Freizeit gesucht. Andere anerkennen durchaus,
daß die Freizeit eine neue Bedeutung erhalten habe und daß die Erwerbsarbeit
keineswegs den einzigen Lebenssinn darstelle. Trotzdem sei sie für viele auch
heute noch ein zentraler Wert für Lebenssinn und Lebenserfüllung.
Recht auf Arbeit — Pflicht zur
Arbeit
(28)
Weil die menschliche Arbeit wesentlich mit einem Auftrag Gottes verbunden ist,
gibt es sowohl ein Recht,[28] wie
auch eine Pflicht zur Arbeit. Das Recht, das besagt, daß den
Menschen der Zugang zur Arbeit nicht verwehrt werden darf. Die
gesellschaftlichen Kräfte und der Staat sind dazu verpflichtet, wirtschaftliche
Voraussetzungen zu schaffen, aufgrund derer der Mensch Arbeit finden kann. Denn
durch die persönliche Arbeit verschafft der Mensch sich selber und seiner
Familie den Lebensunterhalt und trägt unmittelbar zum Gemeinwohl bei. Es gibt
aber auch eine Pflicht zur Arbeit, welche in vielen Fällen Erwerbsarbeit sein
wird, die in Gewissenhaftigkeit, Leistungsbewußtsein und Verantwortung zu
verrichten ist.
Belastende Arbeitsbedingungen
(29) Zweifellos gibt es in Österreich viele Menschen, die mit ihrer Arbeit
zufrieden sind, die ganz zu ihrem Betrieb stehen und das vielfältige
Entgegenkommen von Seiten der Betriebsleitung zu schätzen wissen. Wir begegnen
aber auch Aussagen, die uns besorgt machen. Es handelt sich dabei nicht um
seltene Ausnahmen, sondern um eine beachtliche Zahl. Männer, Frauen und
Jugendliche klagen über Arbeitszeiten, welche die gesetzlich festgelegten
Normen bei weitem überschreiten. Leistungsdruck und Arbeitsstreß werden zu
einer Bedrohung der Gesundheit. Akkord oder stundenlange Bildschirmarbeit
führen nicht selten zu körperlich-geistiger Überbelastung mit gesundheitlichen
Dauerschäden. Unhygienische Arbeitsbedingungen widersprechen nicht nur dem
Gesetz, sondern auch der Menschenwürde. Aus Angst vor dem Verlust des
Arbeitsplatzes werden Situationen in Kauf genommen, die eine schwere Belastung
darstellen. Wir hören da und dort von einer Entlohnung, die in keinem
Verhältnis zur geleisteten Arbeit steht. Es werden gelegentlich Formen von
Anstellungen und Entlassungen praktiziert, die Sonderzahlungen und
Urlaubsansprüche umgehen. Pendler sind besonderen Belastungen ausgesetzt und
leiden schwer an den verkürzten Kontakten zur eigenen Familie und an der
Verarmung anderer sozialer Beziehungen. Wir wissen von politischem
Gesinnungsdruck, dem man sich unterwerfen muß, um den Arbeitsplatz zu behalten
und beruflich weiterzukommen.
Schlechtes Betriebsklima
(30)
Eine besondere Bedeutung hat im Leben vieler Menschen, denen wir begegnen, das
soziale Klima am Arbeitsort. Selbst schwere und eintönige Arbeit wird nicht als
Dauerbelastung empfunden, wenn am Arbeitsplatz unter der Belegschaft ein gutes
Klima besteht und die einzelnen bei der Betriebsleitung Achtung und Anerkennung
finden. Man wird über Vorgänge im Betrieb informiert, kann Mitverantwortung
tragen und mitbestimmen. Wir hören aber auch von Enttäuschung und Verbitterung.
Nicht wenige klagen über ein schlechtes Betriebsklima. Es bestehen Spannungen
und Rivalitäten innerhalb der Belegschaft, Arbeitnehmer werden gegeneinander
ausgespielt. Wo keine Möglichkeit zu Mitverantwortung und Mitbestimmung
besteht, fehlt dem Menschen die Beziehung zum Betrieb, und er empfindet die
Arbeit als schwere Last. Verbitterung am Arbeitsort wirkt nicht zuletzt hinein
ins Familienleben und in die Freizeitgestaltung.
Zurückbleiben der Mitgestaltung
(31) In seinem Rundschreiben
über die menschliche Arbeit sagt Johannes Paul II.: „Wenn der Mensch arbeitet
und sich dabei aller verfügbaren Produktionsmittel bedient, so möchte er
zugleich, daß die Früchte dieser Arbeit ihm und anderen zugute kommen und daß
er bei diesem Arbeitsprozeß Mitverantwortlicher und Mitgestalter an dem
Arbeitsplatz sein darf, an dem er tätig ist.“[29] Wir
teilen die Sorge und die Enttäuschung vieler unserer Brüder und Schwestern
darüber, daß in unserem Land die soziale Ausgestaltung von Arbeit und
Wirtschaft hinter dem technisch-wirtschaftlichen Fortschritt oft zurückbleibt.
(32)
Pauschalurteile wären unberechtigt. Wir wissen, daß sich manche Betriebe in
Schwierigkeiten befinden und daher von der Belegschaft Verständnis und Opfer
verlangen müssen. Wir wissen ebenso, daß manches Entgegenkommen mißdeutet und
mißbraucht werden kann.
Menschengerechte Gestaltung der Arbeit auch wirtschaftlich
richtig
Trotzdem
erheben wir unsere Stimme für Vermenschlichung von Arbeit und Wirtschaft und
können feststellen, daß wir in diesem Anliegen nicht alleingelassen sind. Mehr
denn je wird klar: eine menschengerechte Gestaltung von Arbeit und Wirtschaft
führt auf weite Sicht auch zum bestem wirtschaftlichen Erfolg.
Arbeitslosigkeit
trotz günstiger Wirtschaftslage
(33)
Arbeitslosigkeit zählt zu den Geißeln der modernen Menschheit. Den von ihr
Betroffenen schafft sie schwere, in Einzelfällen unerträgliche Belastungen.
Trotz anhaltend günstiger Konjunktur und beachtlichen Wirtschaftswachstums ist
es nicht gelungen, das Problem der Arbeitslosigkeit befriedigend zu lösen.
Sicher ist die Situation der Arbeitslosigkeit nicht überall die gleiche. Die
Zahl der Langzeitarbeitslosen aber ist deutlich angestiegen und hat sich
verfestigt.
Arbeitslosigkeit
bedeutet Ausgrenzung
(34)
Unsere Sorge um die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen entstammt
letztlich dem religiösen Anliegen. Nach Aussage der Bibel ist die
Verpflichtung, die Erde zu gestalten, an alle Menschen ergangen. Darum ist es
sittlich unzulässig, wenn eine beachtliche Gruppe von Menschen keinen Zugang
zur Erwerbsarbeit findet. Diese Tatsache wird zu einer gesellschaftlichen
Bedrohung, wenn es sich um junge Menschen handelt, denen schon der Einstieg in
die eigene Lebensgestaltung und gesellschaftliche Mitverantwortung unmöglich
gemacht wird. Selbst wenn den Arbeitslosen ein Existenzminimum zugesichert ist:
das größere sittliche Problem besteht darin, daß Menschen aus der Beteiligung
am gesellschaftlichen Arbeitsprozeß schuldlos ausgeklammert werden, mit all den
Folgen für die Erfüllung des an jeden einzelnen ganz persönlich ergangenen
Auftrages. Darum ist ein gesellschaftlicher Zustand, der Menschen von der
Arbeit ausschließt, als menschenunwürdig zu bezeichnen.[30]
Weitreichende soziale Folgen
(35)
Gewiß ist das Problem der Arbeitslosigkeit äußerst komplex. Es kann auch
menschliches Versagen eine Rolle spielen. Die Kirche anerkennt alle ernsten
Bemühungen, dieses schwerwiegende soziale Problem zu lösen. Wir Bischöfe fühlen
uns aber verpflichtet, eindringlich unsere Stimme zu erheben, weil wir den
Eindruck haben, als hätte man sich mit einer bestimmten Arbeitslosenrate
bereits abgefunden. Wir wissen um Krisen in Ehen und Familien, die durch die
Arbeitslosigkeit ausgelöst oder verschärft werden. Wir kennen das Leid älterer Arbeitnehmer,
die nach jahrelanger, treuer Arbeit unter einem wirtschaftlichen Vorwand
entlassen wurden und keine Arbeit mehr finden. Wir begegnen Menschen, die man
zu schnell als „nicht mehr vermittelbar“ einstuft und den gesellschaftlichen
Problemgruppen zuordnet, obwohl ihnen eine sorgfältigere Umschulung und
Weiterbildung vielleicht eine neue Einstiegschance in die Arbeit ermöglichen
könnte. Viele unserer Arbeitslosen machen die schmerzliche Erfahrung, daß sie
nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich isoliert werden. Es
droht ein Zerbrechen der Solidarität zwischen den Arbeitslosen und jenen, die
einen Arbeitsplatz besitzen.
Gegen Resignation ankämpfen
(36)
Am meisten Sorge machen uns Resignation und Abgestumpftheit der
Arbeitslosigkeit gegenüber. Gegen diese Haltungen muß sowohl von seiten der
gesellschaftlichen Kräfte, als auch von seiten des Staates angekämpft werden.
Auch unser Hirtenwort soll dazu beitragen. Wir dürfen die Arbeitslosigkeit
nicht einfach als gegeben hinnehmen und unser Vertrauen allein auf den
Marktmechanismus setzen.
Initiativen der Kirche
Die
Kirche darf es bei diesem so schwerwiegenden Problem nicht bei einem bloßen
Appell belassen. Sie muß sich selber verpflichten, nicht zuletzt deshalb, weil
die Kirche in Österreich selbst ein bedeutender Arbeitgeber ist. Auch wenn wir
zahlenmäßig keine großen Erfolge aufweisen können, bewirken die von den
kirchlichen Stellen unternommenen Initiativen zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit vor allem eine Bewußtseinsveränderung und Überwindung
unchristlicher Gleichgültigkeit.
5. Lohn — Einkommen — Eigentum
Gerechte
Verteilung des Wohlstands
(37)
Grundüberzeugung der katholische Soziallehre ist es, „daß der wirtschaftliche
Wohlstand eines Volkes weniger zu bemessen ist nach der äußeren Fülle von
Gütern, über die seine Glieder verfügen, als vielmehr nach ihrer gerechten
Verteilung, so daß alle im Land etwas davon für die Entfaltung und
Vervollkommnung ihrer Persönlichkeit erhalten; denn das ist das Ziel, auf das
die Volkswirtschaft ihrer Natur nach hingeordnet ist“.[31]
Prüfstein: Gerechter Lohn
Heute
wissen wir besser als früher, daß die Lohnfrage eine zentrale
gesamtwirtschaftliche Frage darstellt. Von ihr hängt nicht nur das Los der
Lohnempfänger ab. Sie hat einen entscheidenden Einfluß auf die Unternehmen und
die Gesamtwirtschaft. Deshalb ist der gerechte Lohn „Prüfstein für die
Gerechtigkeit des gesamten ökonomischen Systems“.[32]
Ungerechtfertigte Lohnunterschiede
(38)
In Österreich gibt es eine beachtliche Zahl von Menschen, deren Lohn nicht
ausreicht, für sich selber und die eigene Familie einen Lebensunterhalt zu
garantieren, der ein menschenwürdiges Leben im Rahmen der gesellschaftlichen
Möglichkeiten erlaubt. Wir dürfen es nicht hinnehmen, daß gerade Frauen in der
Lohnbemessung in vielfacher Weise benachteiligt werden. Wir wissen um Fälle von
Entlohnung von Flüchtlingen und Gastarbeitern, die als Ausbeutung zu bezeichnen
sind.
Es
macht uns ebenfalls besorgt, wenn die Zuteilung von Lohn nicht ausschließlich
aufgrund von Leistung, sondern aufgrund gesellschaftlicher Macht erfolgt.
Gruppen, die Zugang zu gesellschaftlicher Macht besitzen, erhalten Vorteile und
Privilegien. Andere, die diesen Zugang nicht haben, werden benachteiligt und an
den gesellschaftlichen Rand gedrängt.
Regionale Einkommensgefälle
(39)
Es gibt in Österreich Regionen, die über eine hohe Beschäftigung, sichere
Arbeitsplätze und überdurchschnittliche Einkommen verfügen, und es gibt
Gebiete, die sich aus einer Reihe von Gründen in ökonomischer Dauerkrise
befinden. Selbstverständlich bestehen in jedem Land nicht nur persönliche,
sondern auch regionale Unterschiede.
Mit
Recht ist zu fragen, ob übergroße Unterschiede und offenkundige
Benachteiligungen mit einer Gesellschaftsauffassung übereinstimmen, die auf den
Grundsätzen der Menschenwürde, der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität
aufgebaut ist.
Eigentumsbildung in
Arbeitnehmerhand
(40)
Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde auch in Österreich viel über Eigentumsbildung
in Arbeitnehmerhand gesprochen. Damals wurden mutige Schritte unternommen,
diese Forderung einzulösen. In dem durchaus berechtigten Bemühen um die
wirtschaftliche Mitbestimmung und um den Ausbau der sozialen Sicherheit trat
auch in Österreich die Frage nach der Beteiligung der Arbeitnehmer an der
volkswirtschaftlichen KapitaIbildung zurück. Dazu kam, daß Arbeitnehmer die
Möglichkeit erhielten, Geldvermögen zu erwerben. Andere haben sich ein
Eigenheim oder eine Eigentumswohnung geschaffen. Dennoch sollte das Anliegen
der Eigentumsbildung in Arbeitnehmerhand nicht in den Hintergrund gedrängt
werden.
Immer
noch gilt das Wort des Sozialrundschreibens Quadragesimo anno:
Man muß „mit aller Anstrengung dahin ... arbeiten, daß wenigstens in Zukunft
die neugeschaffene Güterfülle nur in einem billigen Verhältnis bei den
besitzenden Kreisen sich anhäufe, dagegen aber im breiten Strom der
Lohnarbeiterschaft zufließe“.[33]
Soziale Verpflichtung des
Eigentums
Die
Freiheit und Verantwortung der Person und damit auch die Freiheit und
Verantwortung einer demokratisch verfaßten Gesellschaft dürfen nicht bloß in
formalen Rechtsansprüchen bestehen, sondern müssen auch im persönlichen
Eigentum begründbar sein. Freilich besagt das persönliche Eigentum nie ein
absolutes Recht, sondern enthält immer auch eine soziale Verpflichtung: Das
Recht auf Eigentum darf nie vom ursprünglichen Nutzungsrecht aller an den
Erdengütern losgelöst werden.
Dienst an der Natur
(41)
Wenn wir von der Vermenschlichung der Arbeit und der Wirtschaft als sittlicher
Grundforderung sprechen, dann gilt unsere besondere Sorge der Landwirtschaft
und dem ländlichen Raum. Die Bauern haben den Auftrag Gottes zum „Bebauen und
Behüten“ der Erde im wörtlichen Sinn zu ihrer persönlichen Aufgabe gemacht. Sie
erfüllen in dieser Arbeit den Schöpfungsauftrag Gottes und erweisen dadurch der
Menschheit einen unersetzlichen Dienst.
Sorgen der Landwirte
(42)
Es kann nicht übersehen werden, daß sich die Landwirtschaft heute in Österreich
in einer schweren Krise befindet, auch wenn sich diese Krise nicht überall in
gleicher Weise darstellt. Nicht wenige Bauern klagen über einen massiven
Einkommensschwund, der sie gegenüber anderen Bevölkerungsschichten
benachteiligt. Eine Reihe von Bauern mußte schwere Verschuldungen auf sich
nehmen. Eine große Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe wurde aufgelassen oder
in Nebenerwerbsbetriebe umgewandelt. Der Mangel an Arbeitskräften führt zu Überbelastungen,
insbesondere der Frauen. Wir stellen in der bäuerlichen Bevölkerung nicht
selten eine Hoffnungslosigkeit fest, verbunden mit einer wachsenden
Unsicherheit über die Zukunft der Landwirtschaft, besonders im Hinblick auf die
Folgen des gemeinsamen Europäischen Marktes.
Wir
wissen, daß sowohl von seiten der Landwirtschaft selber als auch von seiten der
öffentlichen Hand mit allem Ernst an der Lösung der Agrarfrage gearbeitet wird,
die heute ein europa-, ja weltweites Problem darstellt.
Bäuerliche
Landwirtschaft oder industrielle Nahrungsmittelproduktion
(43)
Wir sind davon überzeugt, daß die bäuerlich strukturierte Landwirtschaft auch
in Zukunft für die Versorgung der Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln die
unmittelbare Verantwortung tragen soll. Dazu kommt aber als gleichwertige
Aufgabe die Erhaltung und Pflege des ländlichen Naturhaushaltes und der
natürlichen Lebensgrundlagen. Beide Leistungen müssen in engem Zusammenhang
gesehen werden. Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen wie Boden, Wasser,
Luft und Wald ist von solcher Bedeutung, daß sie nicht bloß einer rationellen
Nahrungsmittelproduktion untergeordnet werden darf.
Die Bedeutung für den ländlichen
Raum
(44)
Für den ländlichen Raum hat eine lebensfähige bäuerliche Landwirtschaft besondere
Bedeutung. Die Bindung an das persönliche Eigentum hat eine wesentliche
gesellschaftsstiftende Aufgabe; persönliche Verantwortung und Initiative werden
zur alltäglichen Erfahrung. Der bäuerliche Familienbetrieb erbringt Leistungen,
die nicht nur in wirtschaftlichen Größen, sondern auch in ihrer
gesellschaftlichen Bedeutung gemessen werden müssen. Trotz allem Wandel in der
bäuerlichen Wirtschaft und im ländlichen Raum gibt es dort noch bedeutende
kulturelle Werte: nachbarschaftliche Beziehungen erfahrbare Solidarität,
religiöse und kulturelle Gemeindebildung. Sie dürfen in ihrer Auswirkung auf
die Gesamtgesellschaft nicht unterschätzt werden.
Neue Formen der Partnerschaft und
der Solidarität
(45)
Daraus ergibt sich die Gemeinwohlbezogenheit der heutigen Agrarfrage. Die
Lösung der Krise der Landwirtschaft kann nicht ausschließlich der ländlichen
Bevölkerung aufgelastet, aber auch nicht dem bloßen Mechanismus des Marktes
überlassen werden. Selbstverständlich werden auch die Bauern und ihre
Berufsvertretungen ihren Beitrag leisten und sich um situationsgemäße Formen
der Partnerschaft und Solidarität untereinander bemühen müssen. Das wird gerade
für die Einrichtungen der bäuerlichen Selbsthilfe eine neue Herausforderuflg
darstellen und sie zu einer Überprüfung und Neubesinnung verpflichten. Es
besteht die Gefahr, daß Einrichtungen, die seinerzeit zur Selbsthilfe der
Bauern gegründet wurden, mehr und mehr zum Selbstzweck werden.
Umweltgerechte Produktion
Verantwortung der Konsumenten
(46)
Einen Strukturwandel hat es in der Landwirtschaft immer wieder gegeben, und er
wird gerade im Blick auf die neu entstehenden größeren Wirtschaftsräume auch
heute gefordert. Das kann im Einzelfall schmerzliche Opfer erfordern. Die
größere Verantwortung aber liegt bei einer weitschauenden Agrar- und
Regionalpolitik. Sie wird darüber mitzuentscheiden haben, ob einer
Landwirtschaft, die bodenbezogen, kreislauforientiert und umweltverträglich
arbeitet, der Vorzug gegeben wird oder einer industrielle betriebenen
Nahrungsmittelproduktion. Die technisch-wirtschaftliche Entwicklung sollte in
die Richtung einer umweltgerechten Produktion und einer artgerechten
Tierhaltung gelenkt werden. Entscheidet man sich aber aus den oben angeführten
Gründen für den Vorrang einer bäuerlichen Landwirtschaft, dann wird man um eine
entsprechende Markt- und Preispolitik nicht herumkommen. Eine besondere
Verantwortung kommt dabei den Konsumenten zu. Das steigende Bewußtsein über die
Zusammenhänge zwischen gesunder Umwelt und gesunder Ernährung verlangt
solidarische Unterstützung der Erzeuger von Lebensmitteln durch die
Konsumenten.
Förderung des ländlichen Raumes
(47)
Es müssen aber ebenso die landeskulturellen Leistungen anerkannt und finanziell
abgegolten werden. Es ist notwendig, im ländlichen Raum neue Arbeitsplätze zu
schaffen, damit eine bäuerliche Landwirtschaft die gesamte ländliche
Bevölkerung in der Vielfalt von Voll-, Neben- und Zuerwerbsbetrieben existieren
können. Der ländliche Raum kann nur durch moderne Infrastruktur, durch
erweiterte Möglichkeiten der Bildung und Weiterbildung, der Kranken- und
Altenbetreuung und der Freizeitgestaltung seine Anziehungskraft beibehalten und
die Erfahrung von Solidarität vermitteln. Die Eindämmung der Abwanderung vieler
Menschen, vor allem der Jugend, wird ein untrügliches Zeichen für eine neue
soziale Gerechtigkeit im ländlichen Raum sein.
7. Schöpfung, Natur und Umwelt
Die Natur bedroht
(48)
Wie nie zuvor sind die Menschen heute in Sorge um die Zukunft der Natur und
Umwelt. Durch Jahrtausende wurde der Mensch von den Naturkräften bedroht. Jetzt
bedroht der Mensch die Natur in einem Ausmaß, daß ihr kaum heilbare Schäden
zugefügt werden und sie ihrerseits in neuer Weise den Menschen bedroht. Wir
teilen die Sorgen und Ängste, die viele unserer Brüder und Schwestern
bestimmen, und anerkennen ihren Einsatz für die Erhaltung der Schöpfung.
Bewahrung und Gestaltung der
Schöpfung – ein religiöser Auftrag
(49)
Wenn wir in unserem Sozialhirtenbrief zu den Fragen der Schöpfung, Natur und
Umwelt Stellung nehmen, dann tun wir es entsprechend unserem religiösen
Auftrag. Der biblische Schöpfungsbericht ist geprägt von der wiederkehrenden
Aussage: „Und Gott sah, daß es gut war“ (Gen 1—2). Diese gute Schöpfung übergab
Gott dem Menschen, daß er sie „bebaue und behüte“. Daraus folgt das Recht des
Menschen, die Erde so in seinen Dienst zu nehmen, daß sie ihm dazu dient, „mehr
Mensch zu werden“. Indem der Mensch in der Vielfalt seines persönlichen und
gemeinschaftlichen Schaffens mehr Mensch wird, verherrlicht er seinen Schöpfer,
dessen Bild und Gleichnis er ist. Bebauen und Behüten kann aber nicht bedeuten,
den Garten Gottes zu gefährden und zu verwüsten, sondern stellt die Aufgabe,
ihn in der Art der Vorsehung und Fürsorge Gottes zu pflegen und zu vollenden.
Indem der Mensch durch das Werk seiner Hände und die Kraft seines Geistes die Geheimnisse der Natur entdeckt
und die Welt sinnvoll ordnet, trägt er dazu bei, daß die Schöpfung immer
eindrucksvoller die Größe und Nähe des Schöpfers darstellt.
Verantwortung für die kommenden
Generationen
(50)
Wenn immer Gott seinem auserwählten Volk Verheißungen, aber auch Mahnungen
zukommen ließ, verband er sie mit dem Hinweis auf das Leben der kommenden
Generationen. Er wollte nicht, daß sein Volk sich in die Gegenwart verlor,
sondern daß es sich der Verantwortung für die Nachkommenschaft bewußt blieb.
Wenn wir darum sagen, daß die Güter dieser Erde für alle Menschen bestimmt
sind, dann gilt das nach dem Willen Gottes nicht nur für die Menschen von
heute, sondern auch für die kommenden Generationen. Wir haben nicht das Recht
auf schrankenlosen Gebrauch und Verbrauch, sondern die Pflicht und
Verantwortung für die Welt und die Menschen von morgen.
In Christus erneuerte Schöpfung
(51) Schon der Schöpfungsbericht
spricht darum von der Ursünde des Menschen, die nicht nur zu einer Entfremdung des Menschen von Gott und von sich selber führte,
sondern auch zu einem „Aufruhr der Erde“.[34] Der Mensch
tritt der Schöpfung nicht mehr in „Liebe und Weisheit“,[35]
sondern in der Haltung des Egoismus und der Ausbeutung gegenüber.
Als
Christen wissen wir, daß durch den Tod und die Auferstehung Christi nicht nur
die Menschheit mit Gott versöhnt wurde, sondern daß es dem Vater gefallen hat,
durch ihn alles zu versöhnen, „alles im Himmel und auf Erden“ (Kol 1,20). Damit
wurde auch die Schöpfung erneuert und all das, was einst dem Tod und dem
Verfall ausgeliefert war, erhielt ein neues Leben bis hin zur Erwartung eines
neuen Himmels und einer neuen Erde. Wenn auch die Menschheit trotz des durch
Christus geschenkten Heiles bis zu seiner Wiederkunft weiterhin dem Gesetz der
Sünde unterworfen bleibt, so enthält sein Evangelium eine Frohbotschaft und
eine Wegweisung für den Umgang mit der Schöpfung: es besteht eine innere
Beziehung zwischen dem Frieden mit Gott und dem Umgang mit der Schöpfung.
Eigenwert der Schöpfung
Spannung zwischen Ökonomie und Ökologie
(52)
Aus dieser religiösen Botschaft ergibt sich für den Christen ein ethisches
Leitbild für den Umgang mit der Schöpfung. Zu allererst gilt es zu lernen, daß
die Schöpfung und alles, was lebt, einen gottgewollten Eigenwert besitzt und
nicht allein zum Nutzen des Menschen da ist. Der Ideologie eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums
durch willkürliche Ausbeutung der Natur ist die Ehrfurcht vor der und die
Verantwortung für die Schöpfung entgegenzusetzen. Wo es zu Spannungen zwischen
ökonomischen Wachstumsinteressen und ökologischen Erhaltungsinteressen kommt,
muß dafür gesorgt werden, daß eine menschenwürdige Umwelt gesichert bleibt.
Darum ist jeder wissenschaftlich-technische Fortschritt darauf zu überprüfen,
ob er umweltverträglich ist und nicht zu Folgen führt, die eine schwere
Gefährdung für den Menschen darstellen.
Kritische Selbstprüfung in
ökologischen Fragen
(53)
Aus diesem religiös-ethischen Leitbild ergeben sich Verpflichtungen für das
konkrete Handeln:
Die Verantwortung für Schöpfung, Natur und Umwelt gehört zu den ganz
persönlichen Pflichten des Einzelmenschen und seiner unmittelbaren
Lebensgemeinschaft. Im persönlichen Lebensstil, im selbstkritischen Gebrauch
der technischen Mittel, in der sparsamen Verwendung von Rohstoffen und Energie,
im sorgfältigen Umgang mit Schadstoffen, in der Vermeidung von Abfällen, welche
die Umwelt belasten, entscheidet sich bereits ein wesentlicher Teil der
Verantwortung für Natur und Umwelt. Ohne eine kritische Selbstprüfung und
Umkehr auf der persönlichen Ebene lässt sich die ökologische Frage nicht
menschengerecht lösen. Es braucht eine „Bekehrung in der Art des Denkens und
des Verhaltens“.[36]
Initiativen
von Gruppen und Organisationen
(54)
Auch in der ökologischen Frage darf nicht alles vom Staat erwartet werden. Es gilt
auch hier das Subsidiaritätsprinzip, das Grundgesetz der gestuften Selbsthilfe.
Pfarrgemeinden, Ortsgemeinden, Sozialverbände und andere Vereinigungen haben
Verantwortung wahrzunehmen. Wenn es darum geht, unsere natürlichen
Lebensgrundlagen zu verteidigen, dann muß auch manchmal ein klares Nein zu
bestimmten Vorhaben gesagt werden. Eine besondere Aufgabe haben hier die
Verantwortlichen der Wirtschaft. Wir alle werden uns noch kritischer fragen
müssen, ob wir den Raubbau an gewissen Ressourcen noch hinnehmen dürfen, oder
ob wir nicht bereits zu einem radikalen Umdenken gezwungen sind.
Staatliche Maßnahmen
(55)
Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Bedrohung von Schöpfung, Natur und
Umwelt bereits ein solches Ausmaß angenommen hat, daß ein direktes Eingreifen
des Staates notwendig geworden ist. Die Erhaltung und Wiederherstellung einer
menschenfreundlichen Natur und Umwelt werden Opfer und Verzicht auch
wirtschaftlicher und finanzieller Art verlangen. Sie müssen in solidarischer
Haltung eingefordert und geleistet werden. Dazu ist der Staat im Namen des
Gemeinwohles berechtigt und verpflichtet.
Weltweite Zusammenarbeit
(56)
Die Bedrohung von Schöpfung, Natur und Umwelt läßt sich heute nicht mehr bloß
innerstaatlich bewältigen. Die Ursachen sind überstaatlich und weltweit
geworden und darum müssen auch weltweite Lösungen angestrebt werden. Die Kirche
begrüßt und unterstützt dieses Bemühen. Sie weist dabei aber auch auf eine
andere Aufgabe hin, die ebenso vordringlich ist: Die Bedrohung der Natur und
Umwelt auf weltweiter Ebene hängt mit dem Elend der Entwicklungsländer
zusammen. Die Ausbeutung des Bodens, das Abholzen der Wälder, das
unkontrollierbare Wachstum der Städte, können nur durch eine schrittweise, aber
sehr bewußte wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Völker
eingedämmt werden. Solange diese „Strukturen der Armut“[37]
weiterbestehen und sogar noch anwachsen, wird auch die Bedrohung der Natur und
Umwelt weiterbestehen und zunehmen.
Mitarbeit der Kirche am
Bewußtseinswandel
(57)
Wir sind uns bewußt, daß diese Umkehr und Bekehrung auf verschiedenen Ebenen
eine umfassende Bewußtseins- und Gewissenbildung erfordert. Ohne eine breite
Zustimmung von seiten der Bevölkerung lassen sich die dringend erforderlichen
Maßnahmen weder auf innerstaatlicher, noch auf weltweiter Ebene durchführen.
Wir wollen mit aller Entschiedenheit an diesem Bewußtseinswandel mitarbeiten.
Für die Kirche geht es dabei keineswegs um eine bloß profane Angelegenheit,
sondern um einen Auftrag, der mit dem Willen Gottes zu tun hat.
III.
GESELLSCHAFT IN SOLIDARITÄT UND VERANTWORTUNG
Arbeit und Wirtschaft prägen das
Zusammenleben
(58)
In Arbeit und Wirtschaft entscheidet sich Wesentliches für die soziale Kultur
unseres Landes. Gelingt es, in Arbeit und Wirtschaft „mehr Mensch zu werden“,
so wirkt sich diese Erfahrung befreiend und befruchtend auf die übrigen
Bereiche des gesellschaftlichen Leben aus: auf Ehe und Familie, auf das Leben
in Nachbarschaft und Gemeinde, auf die Gestaltung der Freizeit, auf die
Einstellung zum Staat. Erfährt der Mensch Arbeit und Wirtschaft als Bedrückung
und Entfremdung, dann bestimmt diese negative Erfahrung nur allzuoft auch sein
Verhalten im Alltagsleben.
1. Glaube, Gemeinschaft und Gesellschaft
Leben in Gemeinschaft nach dem
Auftrag Gottes
(59)
Leben in Gesellschaft ist für die Christen nicht zuerst ein Problem der
Organisation und der Rechtsordnung, wie wichtig diese auch sein mögen. Leben in
Gemeinschaft und Gesellschaft hat für sie wesentlich mit dem Willen des
Schöpfers und dem Auftrag Christi zu tun. Von dort bezieht die Kirche letztlich
die Berechtigung, aber auch die Verpflichtung zu ihren Aussagen über das
gesellschaftliche Leben.
Das
Wort des Schöpfers „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt“ (Gen 2,18),
hat eine umfassende Bedeutung. Es bezieht sich ursprünglich auf die Kernzelle
jeder Gesellschaft, auf Ehe und Familie: „Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen
1,27). Dann aber hat dieses Wort auch eine grundsätzliche Bedeutung für jedes
zwischenmenschliche Leben.
Entfaltung des Menschen in
Gemeinschaft
(60)
Geschaffen nach dem Bild des dreifaltigen Gottes kann der Mensch den in ihm
grundgelegten Reichtum nur in Begegnung und Austausch mit der Vielheit und
Verschiedenheit der Mitmenschen verwirklichen: in Liebe und Freundschaft, in
Wohngemeinschaft und Nachbarschaft, in der gemeinsamen Arbeit, in den Werken
der Kultur, in der religiösen Gemeinde, im Leben des Staates. Der Mensch sucht
das „Du“ und braucht das „Du“, um jenes „Ich“ zu werden, das Gott ihm zugedacht
hat.
Deshalb
gilt: „Es ist nicht gut für den Menschen, daß er allein bleibt“, oder wie das
II. Vatikanische Konzil formuliert: „Da das gesellschaftliche Leben für den
Menschen nicht etwas äußerlich Hinzukommendes ist, wächst der Mensch nach all
seinen Anlagen und kann seiner Berufung entsprechen durch Begegnung mit
anderen, durch gegenseitige Dienstbarkeit und durch den Dialog mit den
Brüdern.“[38]
Entfaltung der Person und Entfaltung der Gesellschaft bedingen sich
gegenseitig.
Im Zusammenleben die
Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren
(61)
Leben in Gemeinschaft und Gesellschaft dient nach dem Plan Gottes nicht nur der
Entfaltung und Vollendung des Menschen, sondern wesentlich auch der Darstellung
und Verkündigung dessen, der der Geber alles Guten ist. Wo immer im Zusammenleben
und Zusammenwirken von Menschen Liebe, Freude Kraft, Trost und Hoffnung
geschenkt und empfangen werden, ereignet sich in Teilhabe Offenbarung der Liebe
und Menschenfreundlichkeit Gottes. Wir wissen aus der Alltagserfahrung, wie
leicht Menschen durch die Erfahrung von Kälte und Grausamkeit in den
zwischenmenschlichen Beziehungen, von Unrecht und Lüge im gesellschaftlichen
Leben an Gott irre werden, wie oft sie aber auch durch ein geglücktes Leben in
Gemeinschaft die Größe und Güte Gottes erfahren. Durch das Leben in
Gemeinschaft wird nicht nur der ganze Reichtum des Geschöpfes Mensch entfaltet,
in ihm spiegelt sich auch die Vollkommenheit des liebenden Gottes, die sich im
isolierten Einzelmenschen nicht darstellen kann.[39]
Jesus –
und sein neues Gebot der Liebe
(62)
Für Christen erhält das Leben in Gemeinschaft eine neue Begründung und
Zielsetzung durch Christus, der in allem uns gleich geworden ist, außer der
Sünde (Eucharistisches Hochgebet IV). Er ist Mensch geworden im Kreis der
Familie und aufgewachsen in der dörflichen Gemeinschaft. Er sammelte einen
Freundeskreis von Jüngern und Frauen um sich und gab ihnen ein neues Gebot:
„Liebet einander, so wie ich Euch geliebt habe“ (Joh 15,12). Nach seinem
Evangelium gründet das Leben in Gemeinschaft in den brüderlichen und
schwesterlichen Beziehungen der Menschen zueinander.
Das Geschenk der Erlösung
(63)
Daß Egoismus als Mangel an Solidarität die große Bedrohung des Lebens in
Gemeinschaft darstellt, erfuhr Christus selber. Er hat diese Erfahrung auf ihre
letzte Wurzel zurückgeführt: auf die Sünde und in ihr auf die Angst des
unerlösten Menschen um sich selbst. Darum schafft sein Sterben am Kreuz auch
die grundsätzliche Überwindung alles dessen, was Leben in Gemeinschaft
gefährdet und zerstört. Und darum bringen seine Auferstehung und das Geschenk
seines Pfingstgeistes eine neue Hoffnung und neue Kraft für ein gottgesegnetes
Leben in Gemeinschaft und Gesellschaft. Trotz allem Weiterbestehen von
Egoismen, Aggressionen und unmenschlichen Strukturen ist dem Leben in
Gemeinschaft die verwandelnde Kraft der Erlösung geschenkt. Das gibt den
Christen die zuversichtliche Kraft, sich für eine menschengerechte Gestaltung
des gesellschaftlichen Lebens einzusetzen.
Kirche stiftet Gemeinschaft
(64)
Damit ist eine weitere Zusage des Evangeliums verbunden: Christus hat sein
geoffenbartes Wort und das von ihm gestiftete Heil der Gemeinschaft der Kirche
anvertraut. Er ist als Haupt seiner Kirche und durch die Kirche als lebendige
Gemeinschaft gegenwärtig. So bestätigt er endgültig, wie bedeutsam und
heilbringend nach Gottes Plan Leben in seiner Gemeinschaft ist.
Lebendiges Anliegen
(65)
Eine Tatsache hat uns im Vorbereitungsprozeß dieses Hirtenbriefes besonders
beeindruckt: Das Thema Ehe und Familie wurde am häufigsten angesprochen. Dabei
ging es nicht bloß um wirtschaftliche Probleme der Familie. Immer wieder wurde
betont, daß die Problematik der heutigen Ehe und Familie viel umfassender und
grundsätzlicher Natur ist.
Stellungnahmen der Kirche
Wir
können in diesem Sozialhirtenbrief nicht alle Probleme der Ehe und Familie
behandeln. Wir müssen auf eine Reihe anderer kirchlicher Dokumente verweisen[40] und
beschränken uns hier auf jene Fragen, die aus Anlaß dieses Hirtenbriefes an uns
herangetragen wurden und die wir selber im Blick auf die Gestaltung des
gesellschaftlichen Lebens als vorrangig ansehen.
Neue Akzente
(66)
Es ist erwiesen, daß Ehe und Familie in der Überzeugung und im Leben unseres
Volkes nach wie vor eine vorrangige Bedeutung haben. Das gilt keineswegs nur
für die ältere Generation, sondern auch für die Jugend. Das schließt durchaus
ein, daß in der Bewertung und noch mehr In der praktischen Gestaltung von Ehe
und Familie bedeutende Veränderungen angestrebt werden: Genannt seien das
Bemühen um mehr Selbstbestimmung der Ehepartner, um verantwortete Elternschaft,
um die Gleichberechtigung von Mann und Frau und um die Verwirklichung der
ehelichen Gemeinschaft, auch in Form einer partnerschaftlichen Arbeitsteilung
in Erwerbstätigkeit und Familientätigkeit.
Zentrale Bedeutung in Frage
gestellt
Alle
diese Gesichtspunkte lassen aber nicht übersehen, daß wir dennoch von einer
Krise der Ehe und Familie sprechen müssen. Sie hat viele Ursachen
geistig-religiöser ‚ wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Art.
Unter diesen sind solche, welche die Kirche in besonderer Weise betreffen und
herausfordern. Hier geht es uns vor allem um die Krise des gesellschaftlichen
Standortes von Ehe und Familie.
Wirtschaftliche Benachteiligung
(67)
Wir müssen feststellen, daß Familien mit mehreren Kindern immer noch erhebliche
wirtschaftliche Benachteiligungen erfahren. Wir erleben die Schwierigkeiten
vieler Familien, insbesondere der Frauen, die Familienarbeit mit der
außerhäuslichen Berufsarbeit in Einklang zu bringen. Wir hören Klagen über den
Mangel an familienergänzenden Hilfen bei der Betreuung und Erziehung von
Kleinkindern, bei der Pflege von alten und kranken Menschen und nicht zuletzt
bei der häuslichen Begleitung von Sterbenden. Wir verweisen auf die immer noch
mangelhafte Berücksichtigung der Erziehungszeiten in der gesetzlichen
Altersversorgung. Wir sind in Sorge über die Wohnungsnot kinderreicher
Familien, aber auch jener junger Menschen, die am Beginn ihrer Ehe stehen.
Gegenläufige Tendenzen
Wir
sehen, daß in Österreich die Familie als Kernzelle einer gesunden Gesellschaft
zurückgedrängt wird. Das geschieht, obwohl in der Bevölkerung der Wunsch nach
einem geordneten Familienleben außerordentlich hoch ist. Zugleich leiden aber
immer mehr Menschen darunter, daß dieser ihr Wunsch aus persönlichen und
gesellschaftlichen Gründen immer schwerer lebbar ist. Dazu tragen auch
kulturelle Tendenzen bei, die sich mehr am Leitbild individueller
Selbstverwirklichung und persönlichen Wohlergehens orientieren als an der
Stärkung der gesellschaftlichen Kernzelle Familie. Das mag zwar kurzfristig zu
einem breiten Konsens und zu äußerem politischen Erfolg führen, auf weite Sicht
gesehen hat aber die Gesellschaft selber an den schwerwiegenden schädlichen
Folgen zutragen. Die Kirche kann auch nicht hinnehmen, daß Ehe und Familie
durch die Begünstigung konkurrierender Lebensformen in Bedrängnis geraten. Es
schadet am Ende sowohl den Erwachsenen wie den heranwachsenden Kindern, wenn es
immer weniger Lebensräume gibt, die von Stabilität durch Treue und Liebe
geprägt sind.
Ehe und
Familie in der Schöpfungsordnung
(69) Wir sind der Überzeugung, daß Ehe
und Familie nicht nur einem erst vom Christentum geschaffenen Leitbild entsprechen,
sondern eine Einrichtung sind, die in ihrem innersten Kern der
Schöpfungsordnung entspringt und darum für das gesellschaftliche Leben der
Menschen allgemein verpflichtend ist. In der ehelichen Liebe erfahren Menschen
am tiefsten den Reichtum des Lebens in Gemeinschaft. In der Familie werden den
Kindern zuerst die Grundwerte des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens
vermittelt. Durch das Wort Gottes und die Botschaft Christi erhält dieses
Leitbild einen neuen religiösen Inhalt und eine neue Verpflichtung. Die
christliche Ehe bezeichnet „das Geheimnis der Einheit und der fruchtbaren Liebe
zwischen Christus und der Kirche“.[41]
Eine gesellschaftsstiftende Kraft
(70)
Ausdrücklich erklärt das II. Vatikanische Konzil: „Das Wohl der Person sowie der
menschlichen und christlichen Gesellschaft ist zuinnerst mit einem Wohlergehen
der Ehe und Familiengemeinschaft verbunden.“[42] Die
Entfaltung und Verwirklichung des Menschen wird also primär in der gebenden und
empfangenden Begegnung innerhalb der Familie grundgelegt. Die menschliche
Gesellschaft als solche empfängt durch die gesellschaftsstiftende Kraft der Ehe
und Familie in ihrer Grundlegung, in ihrem Zusammenhalt und in ihrer
menschengerechten Gestaltung einen Beitrag, der aus anderen Kräften nicht bezogen
werden kann.
Anerkennung und Sorge
Wenn
wir die gesellschaftliche Bedeutung von Ehe und Familie mit solcher
Deutlichkeit betonen, dann sind wir uns der vielfältigen Krise der heutigen
Gestalt von Ehe und Familie durchaus bewußt. Wir wollen damit auch kein
voreiliges Urteil über die persönliche Notlage einzelner Menschen aussprechen.
Wir anerkennen das Bemühen der öffentlichen Hand und anderer gesellschaftlicher
Kräfte, die sich gerade in letzter Zeit für das Wohl von Ehe und Familie
eingesetzt haben. Trotzdem fühlen wir uns zu dieser besorgten Aussage
verpflichtet.
Wirtschaftliche Benachteiligung
ausgleichen
(71)
Daraus ergeben sich drei Folgerungen, die wir kurz so zusammenfassen möchten:
Erstens: Die Familie braucht mehr denn je einen gesicherten wirtschaftlichen
Lebensraum. Die Familie erweist durch die Erziehung der Kinder der Gesellschaft
von morgen einen unersetzlichen Dienst. Die Gesellschaft ist darum
verpflichtet, alles zu tun, um nicht die Familie, insbesondere die kinderreiche
und die Familie Alleinerziehender, wirtschaftlich zu diskriminieren.
Wenn
sich Eltern dafür entscheiden, daß ein Teil entweder ganz oder zeitweise nicht
berufstätig ist, um sich ganz der Familie, der Erziehung der Kinder, der Pflege
von alten und kranken Menschen und der häuslichen Begleitung von Sterbenden zu
widmen, dann muß in der Familienpolitik dafür Sorge getragen werden, daß die
damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Nachteile ausgeglichen werden.
Das kann konkret in Form einer familienfreundlichen Steuerpolitik, von
Kindergeld, Erziehungsgeld, Anerkennung der Erziehungszeiten in der
Sozialversicherung und für den Pensionsanspruch geschehen. Auf keinen Fall
dürfen materielle Zuwendungen an die Familie als bloßes Entgegenkommen oder
Gunsterweis angesehen werden. Sie sind ein Rechtsanspruch der Familie an die
Solidarität der Gesellschaft, für deren Zukunftssicherung sie die unersetzliche
Voraussetzung schafft.
Familiengerechte Gestaltung der
Arbeitswelt
(72)
Zweitens: Die Familie braucht aber auch ihren sozialen Lebensraum. Gewiß
bestehen in Arbeit und Wirtschaft Notwendigkeiten, die berücksichtigt werden
müssen. Aufgrund des technisch-wissenschaftlichen Wandels eröffnen sich aber
neue Möglichkeiten, Arbeitsformen und Arbeitszeiten mehr den Bedürfnissen der
Menschen anzupassen. Wir
möchten in aller Dringlichkeit die Forderung stellen, Arbeitsformen und
Arbeitszeiten so zu gestalten, daß der soziale Lebensraum der Familie
wiederhergestellt und erweitert wird, daß sich Eltern und Kinder wieder
regelmäßiger begegnen können, daß der Familie wieder längere Zeiten des
gemeinsamen Lebens und Erlebens zur Verfügung stehen. Hier eröffnet sich ein
weites Feld der Verantwortung der Wirtschaft für gesamtgesellschaftliche
Anliegen.
Die
Sicherung und Erweiterung des sozialen Lebensraumes der Familie erschöpfen sich
aber nicht in wirtschaftlichen Reformen. Es braucht dazu auch gesellschaftliche
Initiativen. Je mehr der moderne Wirtschafts- und Arbeitsprozeß den sozialen
Lebensraum der Familie einengt, um so mehr braucht er ergänzende
zwischenmenschliche Einbindungen. Das kann in vielen Formen der Freundschaft
der Familien untereinander, aber auch durch familienfreundliche Angebote von
seiten der Nachbarschaft, der Pfarren, Ortsgemeinden und freiwilliger Gruppen
geschehen.
Sittliche und kulturelle Werte
fördern
(73)
Drittens: Die Familie braucht schließlich auch einen kulturellen Lebensraum.
Ehe und Familie geraten nicht nur in wirtschaftliche Engpässe und in eine
Verarmung ihres sozialen Lebensraumes. Auch der geistig-kulturelle Lebensraum
der Ehe und Familie wird enger, ihr sittlicher Wert ausgehöhlt, relativiert und
aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verdrängt. Die Sexualität, insofern
sie zwischenmenschliche Liebe zum Ausdruck und zum Wachsen bringt, wird weithin
von ihrer Hinordnung auf die Ehe getrennt. Aus kommerziellen Interessen wird
sie zum allgemeinen Konsumgut herabgewürdigt, in der Werbung mißbraucht und in
der menschenentwürdigenden Pornographie entstellt.
… und schützen
Die
geistigen Werte einer Gesellschaft können nicht obrigkeitlich verordnet werden.
Damit ist aber keineswegs gesagt, daß nicht auch das geistig-sittliche
Gemeinwohl der ergänzenden Hilfe und des wirksamen Schutzes des Staates bedarf.
Das gilt in besonderer Weise für den Schutz der Familie. Die Bischofssynode von
1980 betonte ausdrücklich, daß die Familien und die gesellschaftlichen Kräfte
selbst die unmittelbare Verantwortung für die Erhaltung und Verteidigung des
Grundwertes Familie haben. Sie sagte aber ebenso eindeutig: „In der Überzeugung,
daß das Wohl der Familie einen unersetzlichen und unverzichtbaren Wert für das
Zusammenleben der Bürger darstellt, müssen die staatlichen Autoritäten ihr
Möglichstes tun, um den Familien alle jene Hilfen auf wirtschaftlichem,
sozialem, erzieherischem, politischem und kulturellem Gebiet zu sichern, die
sie brauchen, um in menschenwürdiger Weise ihrer vollen Verantwortung
nachkommen zu können.“[43]
Familienfreundliche Kirche
(74)
Wir wollen uns dieser Verantwortung für die Familien selber verpflichten: Wir werden
in Zukunft der Ehe und Familie in ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen,
kulturellen und
religiösen Not weiterhin die volle Aufmerksamkeit zu widmen haben. Die Kirche
wird auch in ihrem eigenen Bereich die Voraussetzungen verbessern müssen, so
daß es für ihre Mitglieder möglich ist, Ehe und Familie überzeugend zu leben.
Zeichen der Zeit
(75)
Schon 1963 zählte Johannes XXIII. in seinem Rundschreiben über den Frieden
folgende drei Zeichen der Zeit auf, die die Welt von heute charakterisieren:
der eindrucksvolle Aufstieg der werktätigen Menschen, das Ringen der
Entwicklungsländer um wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fortschritt,
das neue Bewußtsein um die Würde der Frau und ihre gesellschaftliche Stellung.[44]
Wenn
das II. Vatikanische Konzil die Kirche dazu verpflichtet, die Zeichen der Zeit
im Licht des Evangeliums zu interpretieren, dann muß sie heute ein deutliches
Wort zu dieser neuen Stellung der Frau sagen. Sie hat das in
theologisch-religiöser Sicht in einer Reihe von neueren Dokumenten getan.[45] In
diesen Dokumenten ist die Grundposition der Kirche hinsichtlich der
fundamentalen Gleichheit der Geschlechter in ihrer Würde so eindeutig
ausgesprochen, daß sie nicht wiederholt werden muß. Uns geht es hier um einige
konkrete Auswirkungen für unser Land.
Frauen prägen die Gesellschaft
(76)
Wir Wissen um die große Mehrheit der Frauen in Österreich, die – sei es in Ehe
und Familie, sei es als Unverheiratete – trotz aller Belastungen in einer
eindrucksvollen christlichen Haltung mutig ihr eigenes Leben gestalten und in
Familie und im öffentlichen Leben einen unersetzlichen Beitrag zum Bestand und
Wohlergehen unseres Volkes leisten.
werden aber vielfach benachteiligt
(77)
Im Wissen um diese positiven Werte müssen wir dennoch auch einer ernsten Sorge
Ausdruck geben. Im kirchlichen Dokument über die Berufung und Sendung der Laien
wird gefordert, daß „auf die vielen Diskriminierungen, denen die Frau zum Opfer
fällt“, eine „umfassendere und entschiedenere Antwort“ gegeben werden müsse.[46]
Diskriminierungen, die die Frau deshalb erfährt, „weil sie Frau ist“, treten in
verschiedener Weise in Erscheinung: wenn die Frau am Arbeitsplatz benachteiligt
wird; wenn sie für die gleichwertig geleistete Arbeit einen niedrigeren Lohn
erhält als der Mann; wenn ihre Erziehungsarbeit in der Familie in der
Sozialgesetzgebung nicht die entsprechende Anerkennung findet; wenn sie nach
den Jahren der Mutterschaft wieder in die Berufsarbeit zurückkehren will und
keine Einstiegs- und Aufstiegsmöglichkeiten mehr vorfindet; wenn man sie als
ein Werkzeug des egoistischen Interesses und der Lust versteht, das man kaufen
oder verkaufen kann.
Besonders alleinerziehende Frauen
Solche
Formen der Diskriminierung belasten in besonderer Weise alleinerziehende Frauen.
Viele Probleme der Familie treffen sie in verschärfter Weise. Die Verantwortung
für die Erziehung und den Unterhalt der Kinder bedeutet für sie eine doppelte
Belastung. Oft sind sie zur Ganztagsarbeit gezwungen, finden aber nicht die
notwendigen familienergänzenden Hilfen wie Kindergärten, Heime und Horte vor.
Dazu kommen häufig gesellschaftliche Vereinsamung und zwischenmenschliche
Isolation.
Neubestimmung von Familien- und
Erwerbsarbeit
(78
Unsere grundsätzliche Stellungnahme zum gesellschaftlichen Standort der Frau
geht in eine zweifache Richtung:
Die
erste bezieht sich auf die gesellschaftlichen Einrichtungen und Strukturen.
Grundsätzlich darf die Gesellschaft eine Mutter mit Kindern nicht dazu zwingen,
aus wirtschaftlicher Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit zu übernehmen. Das
Sozialrundschreiben über die menschliche Arbeit bezeichnet das im Blick auf das
Gemeinwohl der Familie und der Gesellschaft als „widersinnig“.[47]
Dabei ist sich die Kirche bewußt, daß Frauen keineswegs nur aus materiellen
Überlegungen außerhäusliche Arbeiten annehmen. Oft wird dies für Frauen nur
dann ohne Überlastung und schlechtes Gewissen möglich sein, wenn die Männer
ihrerseits sich mehr als bisher ihrer familiären Aufgaben annehmen. Dies wird
den Männern nicht gelingen ohne entsprechende Veränderungen in Arbeit und
Wirtschaft.
Flexible Aufgabenteilung
Es
geht in der heutigen Auseinandersetzung in Wirtschaft und Gesellschaft darum,
der Frau in weithin von Männern dominierten Einrichtungen und Strukturen die
Gleichberechtigung zu verschaffen. Wirtschaftliche und gesellschaftliche
Einrichtungen wären so zu beeinflussen und zu verändern, daß sie eine
flexiblere Aufgabenteilung von Mann und Frau in Familie, Arbeit und Freizeit
ermöglichen. Daß es sich hier keineswegs um utopische Forderungen handelt,
zeigen die heutigen Bemühungen um flexible Arbeitszeiten und Teilarbeitszeiten,
um einen wahlweisen Karenzurlaub, um Unternehmensplanungen, die bewußt den
Wiedereinstieg der Frau in die Berufsarbeit verbunden mit neuen Aufstiegschancen
berücksichtigen.
Bewußtseinswandel
bei Frauen und Männern
(79) Die zweite Forderung des
Rundschreibens über die menschliche Arbeit lautet: Wenn Frauen berufstätig
sind, gleich ob verheiratet oder alleinstehend, dann sollen sie dies tun können
„ohne Diskriminierungen und ohne Ausschluß von Stellungen, für die sie befähigt
sind“.[48]
Diese Forderung betrifft vor allem eine Änderung des Bewußtseins in der
Gesellschaft.
Es ist äußerst mühsam, geschichtlich
bedingte Vorurteile, die sich in gesellschaftlichen Strukturen verfestigt
haben, abzubauen und „durch die wahre Ehrfurcht vor den Menschenrechten der
Frau“ zu ersetzen.[49]
Dieser Bewußtseinswandel läßt sich nicht verordnen, er muß in der
Hausgemeinschaft beginnen und von den gesellschaftlichen Kräften mitgefördert
werden. Die Frauen selber haben in diesem Bemühen eine große Aufgabe,
insbesondere die christlichen Frauen und ihre Organisationen. Weil aber diese
Veränderungen, die die Frauen wünschen, nicht ohne die Mitarbeit der Männer
vorankommen, sind auch die Männer und ihre Organisationen sowohl aus eigenem
Interesse wie aus Solidarität mit den Frauen gehalten, gestaltend mitzuwirken.
auch
in der Kirche
(80) Die Kirche ist zu diesem
Bewußtseinswandel in besonderer Weise verpflichtet. Würde und Rechte der Frau
haben nicht nur in der Geschichte der Menschheit, sondern auch in der
Geschichte der Kirche nicht immer die gebührende Anerkennung gefunden. Wenn
aber heute die Kirche die volle Anerkennung der Würde und Rechte der Frau als
Zeichen der Zeit erkennt, dann muß das für die Kirche zum unüberhörbaren
Imperativ werden.
Herausforderungen in Wirtschaft
und Gesellschaft
(81) Wir haben in unserem
Sozialhirtenbrief besonders auch die jungen Menschen im Blick, beschränken uns
dabei aber auf jene Fragen, die unmittelbar mit ihrer Stellung in Wirtschaft
und Gesellschaft zu tun haben. Beim österreichischen Katholikentag 1983
formulierte Johannes Paul II. die Anliegen der Jugend so: „Ihr wollt eine
Gesellschaft mit mehr Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Ihr
wollt eine Gesellschaft mit mehr Verantwortungsbewußtsein gegenüber Mensch und
Umwelt, mit mehr Toleranz und vor allem mit mehr Frieden“ (10.9.1983). Nicht nur auf die gängigen Klagen und
Anklagen über die Jugend hat sich der Papst eingelassen, sondern auf ihre
positiven Ziele und Aufgaben. Dies
wollen auch wir versuchen.
Die
tiefgreifenden Veränderungen in Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft stellen vor
allem für junge Menschen eine große Herausforderung dar. Man ruft nach
Nachwuchskräften, die über eine hohe Berufsqualifikation, eine breit angelegte,
fachübergreifende Ausbildung, über Anpassungsfähigkeit und Kreativität
verfügen. Auch bei hoher Motivation, ehrlichem Interesse und großer
Einsatzbereitschaft kann dies zur Überforderung werden.
Sorge um die Jugend
(82) Wenn wir heute von der
Notwendigkeit einer neuen Solidarität sprechen, dann muß sich diese gerade in
der Sorge um die Jugend bewähren: nicht in allgemeinen Deklarationen, sondern
in konkreten Maßnahmen. Jeder Jugendliche hat das Recht auf eine qualifizierte
Erstausbildung, die seiner Begabung und seiner Neigung entspricht und
gleichzeitig realistische Arbeitschancen eröffnet. Dazu braucht es eine
umfassende Beratung und eine enge Zusammenarbeit zwischen den Jugendlichen
selber, den Eltern, den Schulen und den öffentlichen Einrichtungen. Sie darf
sich nicht auf eine flüchtige Beratung am Ende der Schulzeit beschränken,
sondern muß die jungen Menschen in einer mehrstufigen Berufsorientierung
begleiten. Den Eltern, aber auch den Jugendlichen selber muß in aller
Deutlichkeit klargemacht werden, daß die Chancen auf dem Arbeitsmarkt
wesentlich von der qualifizierten Ausbildung und einer realistischen
Berufsentscheidung abhängen.
Hilfen für Schwächere
Es darf nicht aufgrund des Versagens der
Gesellschaft und des Staates zu einer Klassentrennung zwischen Gutausgebildeten
und jugendlichen Randschichten kommen, die einer erhöhten Gefahr der
Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind. Die Solidarität mit der jungen Generation
verlangt, daß gerade den Schwächeren im Wettbewerb durch gezielte
Hilfsmaßnahmen Chancengerechtigkeit verschafft wird. Das gilt in besonderer
Weise für jugendliche Behinderte.
Orientierung
in der Gesellschaft
(83)
In unseren Begegnungen mit jungen Menschen erfahren wir immer wieder: Sie
kommen aus einer Umwelt, die ihnen durch Familie, Schule und Medien nur
Fragmente von Lebensorientierung vermittelt hat. Sehr früh wurden sie in die
Konflikte der Erwachsenen hineingezogen. Es wurden Fragen aufgeworfen, aber
keine Antworten gegeben. Sie wuchsen auf in einer Gesellschaft mit
rivalisierenden Gruppeninteressen und sich wiederholenden Skandalen, die
lähmende Hilflosigkeit hervorrufen. Nicht wenige Jugendliche beschreiten einen
naheliegenden Weg: Sie richten sich aus der Fülle der aufgedrängten Angebote
ihren Lebensplan selber zurecht. Attraktives wird angenommen, Hindernisse
werden umgangen. Bindungen werden vermieden, um jederzeit aussteigen zu können.
Aber auch diese unsere Erfahrung beschreibt oft nur die äußere Erscheinung. Sie
ist ein Ausdruck eines viel tieferen Konfliktes bei ihrer Selbstfindung
inmitten einer Gesellschaft mit wenig glaubwürdigen Orientierungshilfen.
Soziales Engagement von
Jugendlichen
(84)
Wir begegnen auch vielen jungen Menschen mit einer sehr kritischen und selbstkritischen
Grundhaltung, mit einer ausgesprochenen Bereitschaft zum sozialen Engagement
und mit einem Durchhaltevermögen, das beeindruckt. Sie leiden an der
Zerrissenheit unserer Gesellschaft, am Widerspruch zwischen äußeren Fassaden
und innerer Leere, an der Erstarrung der Institutionen. Trotzdem lassen sie
sich nicht entmutigen und glauben an ihre Zukunft. Dies gibt auch uns viel
Zuversicht.
Verantwortung für die Zukunft
(85)
Niemand kann der Jugend ihre eigene Verantwortung für die Zukunft abnehmen oder
ihr etwas aufzwingen, was sie nicht innerlich bejaht. Unsere Gesellshaft kann
und muß aber Voraussetzungen dafür schaffen, daß sich die Jugend angesprochen
und herausgefordert erfährt. Unsere Jugend soll erfahren, daß sie gerade dort,
wo über ihre eigenen Anliegen entschieden wird, gebraucht und zur
Mitverantwortung gerufen wird; daß sie im wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Leben Werte und Ziele erkennen kann, die gelebte
Wirklichkeit sind; dass es sich lohnt, sich im öffentlichen Leben einzusetzen,
weil Reformen nicht bloß zu Propagandazwecken versprochen werden, sondern
überprüfbare Wirklichkeit geworden sind; daß junge Menschen erfahren, daß
unsere Gesellschaft nicht nur das eine Ziel kennt: Steigerung des materiellen
Wohlstandes, sondern daß es auch Wahrheiten, Werte und Ziele gibt, die über den
engen Egoismus hinausführen: Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität mit den
Armen und Verantwortung für die Schöpfung.
Glaubwürdigkeit
der gesellschaftlichen Einrichtungen
(86)
Die Solidarität mit den Anliegen der Jugend muß in den gesellschaftlichen
Gebilden und Strukturen konkrete Gestalt annehmen. Deshalb haben wir sosehr die
Bedeutung von Ehe und Familie betont, darum haben wir die Ausbildung und die
Vermittlung von Berufschancen für die Jugend hervorgehoben. Darum erscheint es
uns so wichtig, daß die öffentliche Meinung nicht einseitig von Korruption und
Skandalen bestimmt wird, sondern von glaubwürdigen Versuchen zur
Vermenschlichung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Bereitschaft junger Menschen
zur gesellschaftlichen Verantwortung ist ein zu kostbares Gut, als daß sie aufs
Spiel gesetzt werden darf.
Anfragen an die Kirche
(87)
In der Sorge um die Jugend besinnen wir uns auch auf unsere eigene
Verantwortung. Wir erfahren in den Kontakten mit vielen jungen Menschen, daß
sie es auch schwer haben — so sagen sie — in der Begegnung mit der Kirche, daß
sie in ihr Strukturen begegnen, die sie ablehnen, Haltungen, die sie abstoßen.
Es ist unmöglich, in diesem Rahmen eine ausreichende Antwort zu geben. Kritische
Anfragen nehmen wir aber sehr ernst.
Verantwortung in der Kirche
Wenn
wir von Wirtschaft und Gesellschaft heute eine neue Solidarität mit der Jugend
verlangen, dann muß das auch für die Kirche gelten. Wir wollen die Jugend in
ihrer Suche nach einem sinnvollen Leben nicht allein lassen. Wir teilen ihre
Enttäuschung über die Widersprüche unserer Gesellschaft. Wir bestärken sie in
ihrer Bereitschaft zum Einsatz für eine menschenwürdigere Zukunft. Wir wollen
sie in der unvermeidlichen Auseinandersetzung mit sich selber begleiten. Wir
sind überzeugt, daß die Begegnung mit der Person und dem Wort Christi für viele
eine neue Lebensentscheidung bedeuten wird. Aus dieser Begegnung werden sie
nicht nur Werte, sittliche Orientierung und Zuversicht für die Gestaltung des
eigenen Lebens und die Vermenschlichung der Gesellschaft erhalten. Sie werden
auch bereit zu einer neuen Verantwortung in der Kirche, die in allem
geschichtlichen Wandel auch heute und morgen die Kirche Jesu Christi ist. Wir
wollen den jungen Menschen unseren Dienst dazu anbieten, daß sie ihm begegnen,
der für sie „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) sein will.
(88)
Als Papst Leo XIII. vor 100 Jahren das erste Sozialrundschreiben über die Arbeiterfrage
veröffentlichte, war die soziale Frage noch eindeutig bestimmbar durch das
Gegenüber einer kleinen Gruppe von Besitzern großen Kapitals und einer Masse
ausgebeuteter Proletarier. Als Pius XI. vierzig Jahre später das
Sozialrundschreiben Quadragesimo anno schrieb, war die soziale Frage immer noch
durch zwei Fronten gekennzeichnet. Als das II. Vatikanische Konzil im Dokument
„Kirche in der Welt von heute“ die Eigenart der sozialen Frage neu zu bestimmen
suchte, ging die Antwort in eine zweifache Richtung: Die neue soziale Frage hat
eine innerstaatliche Dimension, die sich vor allem auf die Industrieländer
bezieht, aber ebenso eine weltweite Dimension, die sich auf die
Entwicklungsländer erstreckt.
Vielfältige
privilegierte und benachteiligte Gruppen
Menschen am Rand
(89)
Die neue innerstaatliche soziale Frage unterscheidet sich deutlich von der
sozialen Frage der Vergangenheit. Damals standen sich Kapital und Arbeit klar
abgegrenzt im Klassenkampf gegenüber. Die neue soziale Frage kennt diese erstarrten
Fronten nicht mehr. Wir haben es vielmehr mit einem gesellschaftlichen Wandel
zutun, der die erstarrten Fronten aufgelöst und zu einem neuen Netz der
sozialen Beziehungen und Abhängigkeiten geführt hat. Dieses Netz verbindet eine
Vielzahl von aufsteigenden und absteigenden Gruppen quer durch die
Gesamtgesellschaft. Es gibt bevorzugte und benachteiligte
Bevölkerungsschichten. Es gibt Gruppen, die im Verhältnis zum Ganzen überstark
belastet sind, und andere, die sich einer privilegierten Stellung erfreuen. Es
gibt Menschen, die neue Aufstiegschancen vorfinden, und es gibt solche, die
absteigen, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und in Armut leben.
Dazu gehören oft: Alleinverdiener mit Familie, Arbeitnehmer mit niedrigen
Löhnen und in Leichtlohngruppen, Mindestrentner, Sozialhilfeempfänger,
Arbeitslose, Bewohner wirtschaftlich schwacher Regionen, Behinderte,
Obdachlose, alte und kranke Menschen, Gastarbeiter und Flüchtlinge.
Organisierte Gruppeninteressen
(90)
War die alte soziale Frage durch ein hohes Maß an Klassensolidarität
gekennzeichnet, so wird die neue soziale Frage wesentlich stärker vom
persönlichen und vom Gruppeninteresse bestimmt. Man sucht sich, einzeln oder in
Gruppen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile zu verschaffen, auch
auf Kosten anderer Gruppen, die nicht über die gleiche organisatorische Macht
verfügen. Diese Rivalität der Gruppeninteressen führt keineswegs von selber zu
einer größeren sozialen Gerechtigkeit. Sie erzeugt vielmehr neue Ungleichheiten
und Diskriminierungen und damit eine neue soziale Frage.
Flüchtlinge und Einwanderer
(91)
Zu dieser neuen sozialen Frage gehört heute in besonderer Weise das Problem der
Flüchtlinge und Einwanderer. Wir wissen, daß sowohl einzelne wie auch Gemeinden
ein hervorragendes Zeugnis der Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft abgelegt
haben. Wir wissen aber auch um bedauerliche Ereignisse und um unchristliche
Vorurteile. Wir werden uns noch viel mehr bemühen müssen, die Vorurteile
Fremden und Ausländern gegenüber abzubauen und solchen Menschen nicht nur eine
wirtschaftliche, sondern auch eine mitmenschliche Heimat zu geben. Dazu bedarf
es der Solidarität aller, auch der Bereitschaft zu einem innerstaatlichen
Lastenausgleich. Es ist nicht hinzunehmen, daß Flüchtlinge und Einwanderer in
ein Ghetto abgesondert werden. Sie brauchen Teilhabe am wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Leben. Wir gehen auf eine Welt zu, in der die
nationalen und politischen Grenzen durchlässiger werden. Wir brauchen noch
wesentlich mehr Aufgeschlossenheit, christliche Nächstenliebe und Bereitschaft
zum Teilen. Jeder Rückfall in eine nationale Überheblichkeit widerspricht dem
Geist der Menschenrechte und ist zutiefst unchristlich. Auch das gehört zur
neuen sozialen Frage.
Persönliche Initiativen gefordert
(92)
Die Lösung der neuen sozialen Frage muß durch eine Vielzahl von Kräften und
Initiativen angestrebt werden. Wenn der Mensch als Person „Ursprung, Träger und
Ziel“ des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ist, dann bedeutet das
auch seine unmittelbare Verpflichtung zur Mitarbeit an der Lösung der neuen
sozialen Frage. Das gilt sowohl für die Gestaltung seines eigenen Lebens als
auch für die Lösung sozialer Probleme. Die Bevormundung des Menschen durch den
Staat führt nicht nur zu einer Entstellung der Gesellschaft, sondern auch zu
einer Entwürdigung der menschlichen Person. Ohne die persönliche Initiative
können gesellschaftliche Probleme nicht menschengerecht gelöst werden. Das ist
in aller Deutlichkeit festzuhalten.
Subsidiäre Einrichtungen:
Organisationen und Verbände
(93)
Ebenso klar muß herausgestellt werden, daß der Einzelmensch in der
Verwirklichung seiner Lebensgestaltung und seiner mitmenschlichen Verantwortung
der Hilfe der Gesellschaft bedarf. Wir wollen hier bewußt nicht sofort auf die
staatliche Hilfe verweisen. Die katholische Soziallehre ist keineswegs gegen
das organisierte Gruppeninteresse. Sie weiß aufgrund des Subsidiaritätsprinzips
sehr wohl um die ordnende Kraft der gesellschaftlichen Gebilde und
Organisationen. Wo aber gesellschaftliche Verbände zu Machtzentren erstarren
und die Sorge für ihre Mitglieder und für das Gemeinwohl hintansetzen, stellen
sie selber ihre eigene Existenz in Frage. Wo sie aus Gruppenegoismus die
berechtigten Interessen anderer Gruppen behindern, hören sie auf,
gesellschaftliche Ordnungskräfte zu sein, und werden zur Bedrohung des
Gemeinwohls. Wir betonen dies, weil auch in Österreich die Gefahr besteht, daß
durch die Erstarrung gesellschaftlicher Verbände und Strukturen die neue
soziale Frage nicht hinreichend gelöst, sondern verschärft wird.
Vor
wenigen Jahren hat Johannes Paul II. die Herausforderung der neuen sozialen
Frage eindrucksvoll zusammengefaßt: Das heute so notwendige Bewußtsein der
Solidarität „hängt wesentlich von der Fähigkeit der gesellschaftlichen Verbände
und Organisationen ab, ihren Mitgliedern eine glaubwürdige Erfahrung der
Mitverantwortung und des Dienstes zu vermitteln. Sie dürfen nicht selber zu
bürokratischen Systemen erstarren, die zu einer sozialen Entfremdung des Menschen
führen und seine konsumistische Einstellung der Gesellschaft gegenüber
steigern. Man kann vom Menschen nicht eine voll entfaltete Solidarität
gegenüber dem Staat und der internationalen Gemeinschaft erwarten, wenn sie
nicht vorher auf der Ebene der gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen
erfahren und praktiziert wurde.“[50]
Handeln des Staates
(94)
Über eines besteht kein Zweifel: Das für die Lösung der neuen sozialen Frage so
notwendige Gemeinwohl ist nicht das automatische Ergebnis der rivalisierenden
Gruppeninteressen und auch nicht des Marktmechanismus. Dazu bedarf es auch des
ethisch orientierten sozialpolitischen Handelns des Staates. Weil die Lösung
der neuen sozialen Frage nicht einseitig auf den Staat abgewälzt werden darf,
sondern den unabdingbaren Beitrag des Einzelmenschen und der gesellschaftlichen
Kräfte wie Verbände und Organisationen verlangt, muß mit umso größerer
Deutlichkeit auch die Tätigkeit des Sozialstaates eingefordert werden. Es ist
nicht Aufgabe des Sozialstaates, einzelnen und gesellschaftlichen Gruppen ihre
Selbstverantwortung abzunehmen. Es ist ebenso nicht eine Aufgabe, die bereits
gesellschaftlich Mächtigen durch staatliche Förderung noch mächtiger werden zu
lassen.
Aufgaben des Sozialstaates
(95)
Aufgabe des Sozialstaates ist es, Diskriminierungen abzubauen und zu
verhindern, Lasten gerechter zu verteilen und dahin zu wirken, daß die
menschengerechten Lebenschancen allen zugänglich werden; daß gerade jenen
einzelnen und Gruppen geholfen wird, die Minderheiten darstellen und über keine
wirksame Organisation verfügen. Der Sozialstaat muß jene Güter und
Dienstleistungen zur Verfügung stellen, die für das Gemeinwohl notwendig sind,
über den Markt und die Gruppeninteressen aber nicht hinreichend erstellt werden
können.
Europaweite Mindeststandards
Es
geht also keineswegs darum, den Sozialstaat wahllos auszubauen und damit zu
überlasten. Wohl aber geht es immer wieder um die kritische Überprüfung
bisheriger Ziele und Leistungen und um den Mut zu neuen sozialen Initiativen. Weil
sich die neue soziale Frage nicht mehr in erstarrten Fronten, sondern in einer
Vielfalt von persönlicher Not und Gruppennot darstellt, braucht es einen
Sozialstaat, der imstande ist, spezifische Not zu erkennen und mit gezielten
Maßnahmen zu helfen. Im Blick auf künftige Entwicklungen im Zusammenhang mit
der Integration Europas wird es auch Aufgabe des Staates und der Staaten sein,
in allen Ländern für soziale Mindeststandards zu sorgen.
Freiwillige Hilfen
(96) Zweifellos kann und muß der Sozialstaat
Not lindern und soziale Gerechtigkeit schaffen. Aber er stößt an Grenzen: Je
gruppenspezifischer und vielfältiger die sozialen Probleme werden, umso weniger
reichen staatliche Mittel und Maßnahmen. Menschen in Not brauchen nicht nur
materielle Hilfe. Sie brauchen Zuwendung, Geborgenheit und Freundschaft. Wir
werden in Zukunft noch mehr an freiwilliger und nachbarschaftlicher Sozialhilfe
brauchen, um die neue soziale Frage zu lösen. Wir sagen bewußt: noch mehr, weil
wir wissen, daß bereits Eindrucksvolles geschieht. Wir werden aber noch mehr
freiwillige Initiativen zur Behebung sozialer Not brauchen: für unsere Alten
und Kranken, für gefährdete Jugendliche, für Drogenabhängige und
Haftentlassene, für gesellschaftliche Grenzschichten, für Flüchtlinge und
Gastarbeiter. Es muß freilich auch hier ein Konzept wirksamer finanzieller
Absicherung und unterstützender Einrichtungen gefunden werden.
Herausforderungen
für die Kirche
(97) Wir wissen uns als Kirche dabei
unmittelbar herausgefordert. Zweifellos geschieht
von seiten der Gläubigen schon sehr viel. Wir dürfen stellvertretend für viele
andere Werke auf die segensreiche Tätigkeit der Caritas hinweisen. Wir werden
uns aber in Zukunft noch entschiedener engagieren müssen. Gerade weil sich die
neue soziale Frage nicht mehr in den Formen des früheren Klassenkampfes äußert,
sondern in vielfacher Not vieler einzelner Menschen und gesellschaftlicher
Gruppen, bedarf es neben dem Sozialstaat des sozialen Dienstes vieler Menschen,
die sich aus christlicher Nächstenliebe für die Vermenschlichung der
Gesellschaft einsetzen. Denn alles, „was die Menschen zur Erreichung einer
größeren Gerechtigkeit, einer umfassenderen Brüderlichkeit und einer humaneren
Ordnung der gesellschaftlichen Verflechtungen tun, (ist) wertvoller als der
technische Fortschritt“.[51]
Soziale
Frage weltweit
(98)
„Heute ist — darüber müssen sich alle klar sein — die soziale Frage weltweit
geworden“, stellte Papst Paul VI. in seinem Sozialrundschreiben über den
Fortschritt der Völker fest.[52] Wenn
der Mensch „Ursprung, Träger und Ziel“ von Wirtschaft und Gesellschaft ist,
dann gilt diese Aussage nicht nur für de Industrieländer, sondern ebenso für
die Entwicklungsländer. Es müssen auch dort Voraussetzungen dafür geschaffen werden,
daß der Mensch „mehr Mensch“ werden kann. Gott kann nicht ein zweifaches Abbild
seiner selbst gewollt haben: eines, das in seiner Menschenwürde geschützt und
verteidigt wird, und ein anderes, das entstellt und geknechtet ist.
Verpflichtung gegenüber den
Ländern Ost-Mitteleuropas
(99)
Wenn wir heute zur Lösung der weltweiten sozialen Frage verpflichtet sind, dann
stehen wir in Österreich zunächst vor der besonderen Verantwortung für die
Länder Ost-Mitteleuropas. Die Kirche in Österreich muß sich aufgrund ihrer
Geschichte und ebenso aufgrund der geographischen Nähe in besonderer Weise für
diese Länder verantwortlich fühlen. Diese neue Herausforderung stellt für sie
selber auch in religiöser, geistiger und kultureller Hinsicht eine Bereicherung
dar. Wir werden darum alles tun müssen, unseren Brüdern und Schwestern im Osten
materiell und ideell helfen. Wir müssen ihnen aber auch Dienste für die so
dringende Evangelisierung angesichts der neugewonnenen Freiheiten anbieten.
Entwicklungsländer: die größere Verpflichtung
(100)
Diese große Aufgabe darf aber in keiner Weise unsere Verantwortung für die
Entwicklungsländer ablenken oder schwächen. Man wirft den Entwicklungsländern
oft vor, daß sie weithin selbst an ihrem Elend schuld seien: durch ihre
wirtschaftliche Rückständigkeit, durch die politische Korruption, durch das
asoziale Verhalten der eigenen Völker, durch die mangelhafte Bildung. Die
katholische Soziallehre weiß um solche Probleme und erwartet — je nach der sehr
unterschiedlichen Situation der einzelnen Länder — auch von den
Entwicklungsländern tiefgreifende Reformen. Die größere Verpflichtung liegt
aber zweifellos bei den Industrieländern, weil „die größere Verantwortung bei
dem liegt, der mehr hat und mehr kann“.[53]
Johannes Paul II. geht noch einen Schritt weiter. Er sagt, daß die
Industrieländer mit schuld sind am Elend der Entwicklungsländer. Denn ihre
wirtschaftlichen Strukturen sind so organisiert, daß sie immer zum Vorteil der
Industrieländer gereichen. Als Beispiele führt der Papst unter anderem die
unerträgliche Verschuldung der Entwicklungsländer und den Protektionismus der
Industrieländer an. Nach wie vor werden gigantische Summen für Rüstung
vergeudet, die für die Entwicklung der Völker fehlen.
Strukturen
der Sünde
Umkehr zur Solidarität
(101)
Diesen Zustand bezeichnet Johannes Paul II. als sündhaft und die dahinter
stehenden Strukturen als „Strukturen der Sünde“. Er erklärt mit aller
Entschiedenheit: In einer solchen sittlich verfehlten Grundhaltung gibt es
keinen anderen Ausweg als eine tiefgreifende persönliche Umkehr und Bekehrung:
aus der Haltung der Habsucht und Herrschsucht zu einer Haltung der Solidarität
– das neue Wort für Frieden.
Ausdruck
solcher Solidarität ist die selbstlose Arbeit unserer Missionare, Brüder,
Schwestern und Entwicklungshelfer, wie auch der Einsatz aller jener, die sich
im eigenen Land für einen notwendigen, aber auch mühsamen Bewußtseinswandel
einsetzen. Einen bedeutenden Beitrag zur Solidarität mit den Menschen in den
Entwicklungsländern stellen auch großmütige freiwillige Spenden dar. Wir müssen
aber feststellen, daß die Republik Österreich selbst unter den Geberländern
weit hintansteht. Mit aller Dringlichkeit appellieren wir darum nicht nur an
die Bevölkerung, in der Bereitschaft zum Teilen nicht nachzulassen. Wir fordern
vor allem auch auf, für einen größeren Beitrag des Staates zur internationalen
Solidarität einzutreten. Im Bereich der Kirche werden wir selbst uns bemühen,
daß kirchliche Einrichtungen und Gemeinschaften ihrer weltweiten Verantwortung
noch stärker gerecht werden.
Es
darf uns nicht nur darum gehen, wie wir unseren Wohlstand vermehren und unsere
soziale Sicherheit ausbauen können, auch nicht ausschließlich darum, wie wir
uns in dieser geschichtlichen Stunde um die neue Einheit Europas bemühen. Die
größere Herausforderung ist die Not der Entwicklungsländer. Vielleicht werden
der Ernst und die Aufrichtigkeit unserer gesellschaftlichen Verantwortung am
Beginn des dritten Jahrtausends daran gemessen werden, wie wir es mit dieser
Herausforderung gehalten haben.
Neues Bewußtsein für den Frieden
(102)
In der Welt von heute ist ein neues Bewußtsein für den Frieden wachgeworden.
Die Menschen haben erfahren, wie grausam und sinnlos die Kriege unseres
Jahrhunderts waren. Sie wissen aber ebenso, daß trotzdem neue Kriege
vorbereitet und Atomwaffen produziert werden, die eine Bedrohung der ganzen
Menschheit darstellen. Auch sogenannte christliche Staaten sind zu
Waffenproduzenten geworden, die durch den Waffenhandel schnelle Profite
erzielen.
Anerkennung von Friedensinitiativen
Wehrdienst – Dienst am Frieden
(103)
Christen nehmen das Beispiel und die Friedensbotschaft Christi ernst und wollen
dazu beitragen, daß weltweit Krieg und Kriegsvorbereitung geächtet, und Wege
des Friedens gesucht werden. Auch in Österreich beteiligten sich viele Christen
am Einsatz für den Frieden. Wir wollen ihren Einsatz anerkennen und sie zur
Weiterarbeit ermuntern. Wir begrüßen, daß die Angehörigen des Bundesheeres
ihren Dienst zum Schutz der österreichischen Neutralität und im Dienst der
Vereinten Nationen als Beitrag zur Erhaltung des Friedens verstehen.[54]
Der
Friedensauftrag Österreichs
Die
erfreuliche Entwicklung mit dem Abbau der für unüberwindlich gehaltenen Grenzen
sowie Fortschritte in den Abrüstungsbemühungen machen die Suche nach Frieden
keineswegs überflüssig. Österreich hat aufgrund seiner Geschichte und der
Erklärung seiner immerwährenden Neutralität eine besondere Sendung in der
Vermittlung des Friedens. Die Christen sollen sich dieser Aufgabe in besonderer
Weise bewußt sein, denn an sie ist der Auftrag ergangen, dahin zu wirken, daß
sich das Wort des Propheten erfülle: »Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren
Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert,
Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg“ (Jes 2,4).[55]
IV.
SINNFRAGEN, WERTE UND ZIELE
Einsatz für materielle Werte
(104)
Die Sorge um das tägliche Brot war Jesus so wichtig, daß er sie als Bitte in
das Vater Unser hineinnahm. Die Kirche bejaht darum voll und ganz das menschliche
Bemühen um das tägliche Brot. Es gilt aber auch das Wort Jesu: „Der Mensch lebt
nicht nur vom Brot“ (Mt 4,4). Er wußte, daß all das, was mit dem täglichen Brot
symbolhaft ausgedrückt ist, zur großen Versuchung des einzelnen und einer
ganzen Gesellschaft werden kann, daß der „zusammengeraffte äußere Reichtum“[56] zum
Selbstzweck und der materielle Fortschritt zum einzigen Maßstab des
Lebensglückes wird.
Gegen
diese Versuchung hat sich Jesus mit aller Kraft zur Wehr gesetzt. Wo er merkte,
daß seine Jünger dieser Versuchung zu unterliegen drohten, hat er sie hart zur
Rede gestellt und zur Umkehr ermahnt. Er verkündete, daß sich das Heil des
Menschen nicht im Diesseits erschöpft, daß hinter dem wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Alltag ein „Plan Gottes mit dem Menschen“ steht, daß der
Mensch zum Heil berufen ist und dieses Wissen ihm Lebenssinn, Orientierung und
Durchhaltekraft vermittelt. Dies macht den neuen Menschen aus: „Dem österlichen
Geheimnis verbunden und dem Tod Christi gleichgestaltet, geht er, durch
Hoffnung gestärkt, der Auferstehung entgegen.“[57]
Einsatz für geistige Werte
(105)
Es hieße vielen Menschen in unserem Land Unrecht tun, würden wir nicht den
Bestand an geistigen und sittlichen Werten anerkennen, aus dem sie leben.
Dieser Bestand entstammt einer Tradition durch viele Generationen. Er wurde im
Lauf der Jahrhunderte immer wieder bedroht, aber auch immer wieder verteidigt.
Er lebt im Gewissen der einzelnen, in den Familien, in den Pfarrgemeinden und
Ortsgemeinden, in den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen.
Dieses Gefüge an Werten ist tief verwurzelt im christlichen Glauben. Er gibt
Lebenssinn, sittliche Orientierung und Hoffnung. Wie das II. Vatikanische
Konzil feststellt, gibt es heute immer mehr Menschen, die „nach der Stellung
des Menschen im Universum, nach dem Sinn seines individuellen und kollektiven
Schaffens, schließlich nach dem letzten Ziel der Dinge und Menschen“ fragen.[58] Wir
brauchen daher keinem Pessimismus zu verfallen.
In Sorge
um die überlieferten Werte
(106) Dennoch sind wir in Sorge um den Bestand und um
die gesellschaftliche Wirkkraft der geistigen Werte unseres Landes. Wir
erfahren auch in Österreich die Tendenz zu einer Privatisierung und
Subjektivierung der geistigen und sittlichen Normen. Diese Entwicklung hat zwei
Seiten: Einerseits wachsen bei vielen Menschen das Gefühl für persönliche
Verantwortung, für ganzheitliche Gestaltung der zwischenmenschlichen
Beziehungen und der Wunsch nach Treue und Verläßlichkeit; andererseits
orientiert sich das Urteil über Gut und Bös oft nicht mehr an der von der
Kirche überlieferten sittlichen Ordnung. Das gilt für verschiedene Bereiche des
Lebens, auch für die Gestaltung menschlicher Sexualität. Hier werden die von
der Kirche für die Gewissensbildung verbindlich vorgelegten sittlichen Normen
oft außer acht gelassen.[59]
Wenn geistige und sittliche Werte mit
wirtschaftlichen Interessen in Konflikt geraten, werden sie oft dem materiellen
Vorteil hintangestellt. Und das keineswegs bloß im privaten Leben der einzelnen,
sondern auch in den Entscheidungen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher
Institutionen.
Geistige Werte schützen, nicht
untergraben
(107)
Wir wissen, daß es auch in den geistigen und sittlichen Werten eines Volkes
eine Entfaltung gibt. Wir wissen ebenso, daß geistige und sittliche Werte nicht
verordnet werden können. Aber wir wehren uns mit aller Entschiedenheit dagegen,
daß die in einem Volk vorhandenen, für ein menschenwürdiges Dasein
unabdingbaren und in vielfachen gesellschaftlichen Gebilden verwurzelten
sittlichen Werte untergraben, ausgehöhlt und an den Rand gedrängt werden. Es
ist ein folgenschwerer Irrtum, wenn man den gesellschaftlichen Pluralismus mit
Wertneutralität verwechselt. Manche glauben, auf die Verwendung von sittlichen
Begriffen wie Gut und Bös im öffentlichen Leben überhaupt verzichten zu können.
Die sittlichen Werte eines Volkes müssen stets neu vertieft, konkretisiert,
geschützt und verteidigt werden – auch durch das verantwortliche Handeln des
Staates. Darin besteht eine wesentliche Aufgabe der Sorge um das Gemeinwohl.
Die Verantwortung der Medien
(108)
Die modernen Kommunikationsmittel trifft eine große Verantwortung. Wir bejahen
die Pressefreiheit und das Recht auf Information. Wir appellieren aber
gleichzeitig eindringlich an das Gewissen der Verantwortlichen: Die
geistig-sittlichen Werte, einmal aufgelöst, sind nicht wiederzugewinnen. Sie
brauchen dringend den Dienst der Wahrhaftigkeit und Wahrheit, der Verpflichtung
und des Schutzes. Die öffentliche Meinung hat nicht nur ein Anrecht auf
kritische Kontrolle, sondern auch auf gesellschaftliche Leitbilder, auf Respekt
vor persönlichen Überzeugungen und auf Wahrheit.
Für eine Wertekultur
(109)
Die Zerstörung der geistigen Werte eines Volkes hat nicht nur Folgen für den
Einzelmenschen, für seine Suche nach Lebenssinn und Lebensorientierung. Sie hat
auch tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen. Wir sprechen
heute viel von Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Wir sind
dabei überzeugt, daß es sich hier um Werte handelt, die nicht dem Belieben des
einzelnen überlassen sind, sondern allgemeine und ständige Geltung haben und
daher auch verteidigt werden müssen, auch mit persönlichen und
gesellschaftlichen Opfern. Wir werden die dringend notwendigen gesellschaftspolitischen
Ziele nur dann glaubwürdig und wirksam vertreten können, wenn sie unserer
geistig-sittlichen und religiösen Wertkultur entstammen und daran gemessen
werden können. Werte, die nicht mehr gelebt und begründet werden, zerfallen.
Aus
dieser Sicht und aus dieser Verantwortung wollen wir zu einigen aktuellen
Fragen Stellung nehmen.
Kirche – Anwalt für das Leben
(110)
Wenn wir in diesem Sozialhirtenbrief ein Wort zum Grundwert Leben sagen, dann können
wir nicht all das wiederholen, was wir bereits in anderen Dokumenten
ausführlich dargelegt haben. Wir dürfen aber diese Frage nicht übergehen, weil
wir überzeugt sind, daß es sich hier um ein überaus schwerwiegendes soziales
und ethisches Problem unseres Landes handelt. Mit Bedauern stellen wir fest,
daß es uns nicht gelungen ist, die Menschen unseres Landes zu überzeugen, daß
sie durch ihre Mehrheit die Voraussetzung für einen eindeutigen Schutz des
ungeborenen Lebens geboten hätten.
Umfassender Schutz des Lebens
Wenn
der Mensch der Weg der Kirche ist, dann muß sie zu diesem Menschen in all den
Stufen seines Lebens stehen: vom Beginn bis zum Tod. Diese Botschaft gründet im
Wissen aus dem Glauben um den göttlichen Ursprung jedes menschlichen Lebens und
um seine Berufung zur ewigen Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes. Damit ist
dieses Leben der Willkür des menschlichen Zugriffes bedingungslos entzogen.
Das Lebensrecht der Ungeborenen
(111)
Die Kirche verteidigt daher das Lebensrecht der Ungeborenen. Wir verurteilen
mit aller Entschiedenheit, daß in Österreich fortgesetzt eine große Zahl
ungeborener Menschen durch Abtreibung getötet wird. Es wird heute viel von der
Vermenschlichung von Wirtschaft und Gesellschaft gesprochen, von der Solidarität
gegenüber jenen, deren Lebenschancen verkürzt sind. Warum gibt es nicht mehr
Solidarität mit jenen, deren Lebenschancen ohne Schuld am meisten bedroht sind?
Warum werden bei Schwangerschaften in Konfliktsituationen nicht mehr
Anstrengungen unternommen, um günstigere Bedingungen für ein Annehmen des
Kindes oder auch für die Freigabe zur Adoption zu schaffen? Warum beteiligen
sich so viele Menschen gegen Gottes Gebot an der Tötung der Ungeborenen?
Gesetzlicher Schutz – veränderte
Einstellungen
Wenn
wir das Recht auf Leben zu den unantastbaren Grundwerten unserer zivilisierten
Welt erklären und in die internationale Rechtsordnung eingebaut haben, dann muß
das grundsätzlich für jedes Leben gelten, auch für das ungeborene. Dieses
Lebensrecht hat der Gesetzgeber ausreichend zu schützen. Allein schon die
Überalterung unserer Gesellschaft müßte allgemein Nachdenklichkeit hervorrufen
und den Willen bestärken, das Kind anzunehmen und ihm Wohlwollen, Schutz und
Erziehung zu schenken. Dazu wird es künftig auch erforderlich sein, daß die
Erwachsenen mehr bereit sind, ihren Lebensraum mit den Kindern zu teilen. Es
gilt, die Kinderfeindlichkeit vieler öffentlicher Lebensbereiche abzubauen.
Die Sorge um die alten Menschen
(112)
Die Ehrlichkeit des .Bekenntnisses zum Grundwert Leben zeigt sich am
deutlichsten in den Grenz- und Krisensituationen des Lebens. Diese bedrängen
nicht nur den Beginn, sondern auch das Ende des Lebens. Wir stehen vor einer
völlig neuen Situation der Lebensalter. Die Gruppe der alten Menschen erhält
einen wachsenden Anteil an der Gesamtbevölkerung. Das bedeutet einen
gesellschaftlichen Zuwachs und Gewinn, bringt aber auch Probleme und Aufgaben.
Obwohl die ernsten Bemühungen nicht unterschätzt werden sollen, reicht die
Sorge um die alten Menschen oft nicht aus. Man ist zu leicht geneigt, sie aus
der aktiven Gesellschaft auszuklammern und in ein Ghetto abzudrängen.
Menschenwürdiges Sterben
(113)
Für die letzte Lebensphase halten manche schon das Angebot des „schönen Todes“
(Euthanasie) bereit. Wie am Beginn, so soll auch am Ende des Menschen über sein
Leben verfügt werden. Die Kirche verurteilt solche Versuche ausnahmslos. Sie
muß aber gleichzeitig mit dafür Sorge tragen, daß Menschen auf ein Sterben in
Würde vorbereitet werden und den Tod aus der Kraft des Glaubens annehmen
können. Viele wünschen zu Recht, im Kreise ihrer Angehörigen, menschenwürdig
und medizinisch ausreichend versorgt, sterben zu können. Wir begrüßen, daß auch
in Österreich Hospize entstehen, in denen dies möglich ist. Es gilt, dafür
Wohnungen zur Verfügung zu stellen und auch die erforderlichen
sozialpolitischen Voraussetzungen zu schaffen. So wie Eltern ihre Kinder zur
Welt bringen, sollen Kinder ihrerseits ihre Eltern aus der Welt begleiten
können.
Der Umgang mit dem Leben zeigt den
Entwicklungsstand einer Gesellschaft
(114)
Wir sind davon überzeugt, daß der Entwicklungsstand einer Gesellschaft nicht
primär durch den materiellen Wohlstand und durch die Dichte ihrer sozialen
Organisationen, sondern durch die geistigen Werte bestimmt wird, aus denen sie
lebt und auf die sie sich verpflichtet weiß. Dies zeigt sich vor allem daran,
wie eine Gesellschaft unter den verschiedenen Bedingungen mit dem Leben umgeht.
„Wähle das Leben!“
Die
Achtung und der Schutz des Lebens verlangen einen hohen Grad von
Bewußtseinsveränderung und Gewissensbildung. Die Bibel überliefert uns ein
eindrucksvolles Wort, mit dem Mose in einer entscheidenden Stunde das Volk
Israel zur Bundestreue dem Gesetz Gottes gegenüber mahnt: „Leben und Tod lege
ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und
deine Nachkommen“ (Dtn
30,19).
Religiöse Bedeutung des Sonntags
(115)
Wir Bischöfe erfahren die hohe Einschätzung des Sonntags nicht nur bei den
Visitationen unserer Pfarrgemeinden. Wir wissen, daß der „Tag des Herrn“ in
weiten Kreisen eine tiefe religiöse Bedeutung behalten hat. Er erinnert an das
Wort der Bibel: „Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn
an ihm ruhte Gott‚ nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“
(Gen 2,3). Noch mehr erinnert der Sonntag an den Tod und die Auferstehung des
Herrn, an jenes österliche Geheimnis, das sich in jedem Christen immer neu
vollzieht. Darum treffen sich Gläubige als christliche Gemeinden zum Gebet, zum
Hören des Wortes und zum Brechen des Brotes, wie es ihnen der Herr aufgetragen
hat. Sie tragen die Freuden, aber auch das Kreuz des Werktages zum Herrn und
empfangen aus der christlichen Feier des Sonntags neue Kraft für den Alltag.
Aus der tiefen Begegnung mit Gott folgt eine neue Bereitschaft zur Begegnung
untereinander: in der eigenen Familie, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis
und auch mit Menschen, denen man sonst aus dem Weg ging.
Gesellschaftliche Bedeutung
(116)
Wenn wir hier von der Welt der Werte sprechen und nach Einrichtungen suchen, in
denen diese Werte in besonderer Weise zum Ausdruck kommen, dann treffen wir
immer wieder auf den Sonntag. Für den glaubenden Menschen gründet dieser Wert
in seinem religiösen Inhalt und in der daraus folgenden Sonntagspflicht zur
Mitfeier der Eucharistie. Dieser Tag hat aber auch eine gesamtgesellschaftliche
Bedeutung. Der Sonntag ist Tag der gemeinsamen Entspannung und Erholung. Er
schenkt den oft zerrissenen Familien die unersetzbare Zeit des Zusammenseins.
Er bietet den im Arbeitsprozeß vereinsamten Menschen die Möglichkeit
zwischenmenschlicher Erfahrung, und er schafft Raum zu geistigem Tun und
schöpferischer Pause.
Bedrohungen des Sonntags
(117)
Der Sonntag ist einem tiefgreifenden Wandel ausgesetzt. Zwei Bedrohungen machen
uns besorgt und rufen nach entschiedenen Maßnahmen.
Wirtschaftliche Überlegungen
Es
mehren sich die Stimmen, die eine Ausweitung der Nutzungszeiten der
hochtechnisierten Produktionsanlagen verlangen, um dadurch einen größeren
Spielraum für flexible Arbeitszeiten zu schaffen und in der wachsenden
internationalen Konkurrenz besser bestehen zu können. Aber auch im
Dienstleistungssektor und Handel gibt es eine wachsende Tendenz zur Lockerung
des Arbeitsverbotes für Sonn- und Feiertage. Man denke etwa an die
verkaufsoffenen Sonn- und Feiertage, an Märkte und Messen.
Die
Kirche nimmt die Anliegen unserer Wirtschaft durchaus ernst und weiß um die
Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und die damit
zusammenhängende Sicherung der Arbeitsplätze. Gewiß hat es immer Ausnahmen vom
Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit gegeben. Es wird diese auch in Zukunft
geben müssen, wenn ein kontinuierlicher Produktionsprozeß aus technisch zwingenden
Gründen notwendig ist oder dringend notwendige gesellschaftliche Bedürfnisse
die Sonn- und Feiertagsarbeit verlangen. Diese Ausnahmen müssen aber aus
strengen, sittlich gerechtfertigten Kriterien der Notwendigkeit begründet
werden. Wirtschaftliche Vorteile allein können keine Ausnahme vom Verbot der
Sonn- und Feiertagsarbeit rechtfertigen. Nicht eine Flexibilisierung der Sonn-
und Feiertage, sondern eine Reduzierung der Ausnahmen für Sonn- und
Feiertagsarbeit sollte durch den technischen Fortschritt erreicht werden.
Freizeitindustrie
(118)
Eine zweite Bedrohung des Sonntags ergibt sich aus den Mechanismen der
Freizeitgesellschaft. Freizeit an sich ist Ausdruck der Befreiung des Menschen
von den Zwängen der Zeit und enthält neue Chancen zwischenmenschlicher und
kultureller Entfaltung. Dieser Zuwachs an möglicher Freiheit und Entfaltung
enthält zugleich die Gefahr neuer Zwänge und Abhängigkeiten. Ausdrücke wie
„Freizeitindustrie“ und „Vergnügungsindustrie“ deuten an, daß der Mensch in
Gefahr gerät, in der gewonnenen Freizeit neuerdings Mechanismen und
Manipulationen unterworfen zu werden, die ihm seine Freiheit nehmen, ihn
ausbeuten. Es ist einsichtig, daß in einem solchen „Freizeitbetrieb“ auch der
Sonntag in eine Krise gerät. Er wird aus einem Feiertag zu einem der freien
Tage, die insgesamt der Hektik des Freizeitgeschäftes ausgeliefert sind. Er
verliert seinen religiösen Grundbezug, seine gemeinschaftstiftende Kraft und
wird zum Gegenstand individuellen Vergnügens. Der Sonntag wird zum Hauptgeschäftstag
der Freizeitindustrie und zum Spekulationsobjekt schnellen Profites. Dabei
spielt es scheinbar keine Rolle, daß durch das Eindringen der
Vergnügungsindustrie in den Sonntag immer mehr Menschen gezwungen werden,
Erwerbsarbeit zu leisten.
Für eine gemeinsame Sonntagskultur
(119)
Immer mehr Menschen suchen heute nach einer neuen Sonntagskultur. Die
gesellschaftliche Bedeutung liegt in der gemeinsamen Unterbrechung der Arbeit,
die im Bewußtsein gründet, daß der Mensch nicht für die Arbeit da ist und
Anbetung, Freude, Spiel, Feste und Gemeinschaft wesentlich sind. Zweifellos
bedarf es dazu auch der schützenden Hilfe des Staates. Sie reicht aber bei
weitem nicht aus. Vor allem dort nicht, wo es um das persönliche Verhalten der
Menschen und um die Verantwortung der gesellschaftlichen Kräfte geht. Eine neue
Sonntagskultur braucht einen breiten Konsens in der Bevölkerung. Ein solcher
kann nur durch die Mitverantwortung vieler gesellschaftlicher Kräfte aufgebaut
werden: von den Familien, Pfarren und Ortsgemeinden, von den Verbänden und
freien Vereinigungen bis hin zu den Sozialpartnern. Die Bewahrung des Sonntags
wird letztlich davon abhängen, ob es gelingt, ihn mit neuer Sinn- und
Werterfahrung und religiösem Inhalt zu erfüllen. Hier weiß sich die Kirche
unmittelbar verpflichtet.
3. Aus Werten leben — die Zukunft gestalten
Gegen soziale Illusionen
(120)
Die katholische Soziallehre hat sich immer gegen zwei Illusionen zur Wehr
gesetzt.
Die
erste Illusion besagt, es komme in der Welt heute einzig darauf an, die wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Strukturen zu verändern. Daraus erwachse wie von selber
der gute Mensch und das größte Glück der größten Zahl.
Die Bedeutung der sittlichen
Einstellung
Wenn
die Kirche sagt, daß der Mensch als Person „Ursprung, Träger und Ziel“ aller
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen ist, dann ist sie davon
überzeugt, daß die gesellschaftlichen Einrichtungen sowohl in ihrem Entstehen,
als auch in ihrem Funktionieren wesentlich von der sittlichen Einstellung der
Menschen abhängen. Die sittliche Verantwortung des Menschen läßt sich durch
technischen oder organisatorischen Fortschritt weder produzieren noch ersetzen.
Wir
wissen, daß in unserem Land noch ein wertvolles sittliches Erbe vorhanden ist
und gelebt wird: von Einzelmenschen, von Familien, am Arbeitsplatz, in der
Freizeit. Wir kennen aber auch das andere: Menschen können einem Laster
verfallen, fliehen aus ihrem unerträglichen Alltag in künstliche
Bewußtseinszustände, in die Droge, den Alkohol, aber auch in Krankheit und
Selbstmord; Familien zerbrechen und Kinder werden zu Scheidungswaisen; man tut
Mitmenschen Gewalt an; Menschen verlieren die Kontrolle im Konsum; die
Korruption ist zum öffentlichen Ärgernis geworden; man mißbraucht staatliche
Einrichtungen und lebt auf Kosten anderer.
Freiheit und Verantwortung
Weil
die Kirche davon überzeugt ist, daß der Mensch in entscheidender Weise der
verantwortliche Träger und Gestalter von Wirtschaft und Gesellschaft ist, muß
ihr die sittliche Kultur zutiefst am Herzen liegen. Als Kirche müssen wir dahin
wirken, daß der Sinn für Nächstenliebe, Verläßlichkeit, Treue,
Pflichtbewußtsein und Toleranz lebendig bleibt. Jeder Zugewinn an persönlicher
Freiheit bedeutet immer auch einen Zuwachs an mitmenschlicher Verantwortung.
(121)
Die katholische Soziallehre hat aber auch eine zweite Illusion zurückgewiesen:
Es genüge die Gesinnungsreform. Die Veränderung der gesellschaftlichen
Einrichtungen und Strukturen sei nicht notwendig, da sie vom reinen
Sachverstand bestimmt seien.
Die Bedeutung der
gesellschaftlichen Verhältnisse
Die
Kirche ist dagegen überzeugt, „daß die Menschen aus den gesellschaftlichen
Verhältnissen heraus, in denen sie leben und in die sie von Kindheit an
eingefangen sind, oft vom Tun des Guten abgelenkt und zum Bösen angetrieben
werden“.[60]
Es genügt nicht, an das sittliche Verhalten der Menschen zu appellieren und sie
zu einem Leben aus sittlichen Werten zu verpflichten, wenn sie im
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag Unrecht und Unmenschlichkeit
erfahren. Die sittlichen Werte dürfen nicht nur in den Herzen der Menschen
verankert sein. Sie müssen auch in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Strukturen Geltung haben.
Werte in gesellschaftlichen Einrichtungen leben
(122)
Die Werte, die wir als große Errungenschaft der heutigen Welt bezeichnen, wie
Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung für die
Schöpfung, dürfen sich nicht in feierlichen Deklarationen erschöpfen. Sie
müssen unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag formen: die
Betriebe, die Ortsgemeinden, die sozialen Einrichtungen, die politische Praxis.
Wertgebundenes Verhalten darf nicht nur von einzelnen eingefordert werden,
Werte müssen auch von den gesellschaftlichen Institutionen bejaht und von ihren
Trägern glaubwürdig vorgelebt werden. Mit Recht sagt das II. Vatikanische
Konzil: Wenn wir von den Bürgern heute verlangen, daß sie „zur Beteiligung am
Leben der verschiedenen Gruppen des Gesellschaftskörpers bereit seien, müssen
sie auch in diesen Gruppen Werte finden, die sie anziehen und zum Dienst für
andere willig machen“.[61]
Nur entschlossenes Handeln
überzeugt
Gesinnungsreform
und Zuständereform – gleichzeitig und in gleicher Intensität: mit diesen
Forderungen ist die katholische Soziallehre vor 100 Jahren angetreten. In
diesen 100 Jahren ist vieles geschehen. Vieles steht aber noch aus. Was wir für
die Zukunft dringend brauchen, ist der Wille zur sozialen Aktion. „Es genügt
nicht, allgemeine Grundsätze dem Gedächtnis der Menschen einzuhämmern, gute
Vorsätze zu beteuern, schreiende Ungerechtigkeiten anzuprangern, mit
prophetischem Freimut Strafgerichte anzukündigen; alles das bedeutet nichts,
wenn damit nicht verbunden ist das Ernstnehmen der eigenen Verantwortung und
ein entsprechendes entschlossenes Handeln.“[62]
(123)
Der Mensch ist der Weg der Kirche, „der Weg ihres täglichen Lebens und
Erlebens, ihrer Aufgaben und Mühen“.[63] Wir
haben in diesem Sozialhirtenbrief versucht, den Weg der Menschen in Arbeit, Wirtschaft
und Gesellschaft mitzugehen, ihre „Freude und Hoffnung“, ihre „Trauer und
Angst“ zu teilen und ihr Verlangen nach einem „erfüllten und freien Leben, das
des Menschen würdig ist“, ernstzunehmen.[64]
Die Kirche verpflichtet sich
selbst
Am Schluß unseres Hirtenbriefes schauen wir auf diesen Weg zurück. Wir wollen
nicht nur die Welt der Arbeit, der Betriebe, der Verbände und Organisationen
ansprechen und sittliche Orientierung geben. Wir wollen auch unseren eigenen
Weg bedenken und uns selber verpflichten.
Drei Forderungen
Das
Sozialrundschreiben über die menschliche Arbeit formuliert diese Verpflichtung
in drei Forderungen: die Kirche muß die Würde und die Rechte der Menschen
verteidigen; sie muß Situationen aufzeigen, in denen die Menschenwürde verletzt
wird; sie muß selbst dazu beitragen, daß die Würde und Rechte des Menschen in
Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft verwirklicht werden.[65]
1. Heilsbotschaft und Option für die Armen
Würde und Rechte des Menschen
verteidigen
(124)
Erstens: Der christliche Glaube ist kein soziales Aktionsprogramm. Er ist
göttliche Heilsbotschaft, „zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der
menschlichen Person“.[66] In
dieser Berufung zum endzeitlichen Heil besteht die größte Würde des Menschen,
und darin gründen letztlich auch seine unverletzlichen Rechte. Wenn die Kirche
den Menschen den Glauben verkündet, wenn sie ihnen in den Sakramenten das
göttliche Leben vermittelt und vertieft, wenn sie sie durch das Gebot der
Gottes- und Nächstenliebe wegweisend durch den Alltag begleitet, dann leistet
sie dadurch einen Beitrag zur Würde und zum Lebensglück der Menschen, der von
keinen anderen gesellschaftlichen Kräften gleichwertig vermittelt werden kann.
Damit leistet die Kirche aber zugleich auch einen entscheidenden Beitrag zum
„Aufbau und zur Festigung“ des gesellschaftlichen Lebens.[67] Die
Weckung der aus dem gelebten Glauben kommenden Liebesfähigkeit ist vielleicht
einer der wertvollsten Dienste der Kirche an der modernen Gesellschaft. An
dieser Überzeugung wird die Kirche Österreichs in aller Entschiedenheit
festhalten, und aus dieser religiösen Grundlegung wird sie die Würde und die
Rechte des Menschen auch im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben am
glaubwürdigsten verteidigen können.
Unrecht aufzeigen
(125)
Zweitens ist die Kirche auch verpflichtet, Situationen aufzuzeigen, in denen
diese Würde und die Rechte des Menschen verletzt werden. Die katholische
Soziallehre hat das in ihrem ersten Sozialrundschreiben getan, als sie von
einem sklavenähnlichen Los der Industriearbeiter sprach, und sie tat dies in
dem letzten Entwicklungsrundschreiben, wo sie „Strukturen der Sünde“
ankreidete, die zur Ausbeutung der Dritten Welt wesentlich beitragen.
Option für die Armen
Aus
dieser Verpflichtung ist auch die vorrangige Optioin der Kirche für die Armen
zu verstehen. Diese Option ist keine Erfindung sozialer Extremisten, sondern
Beispiel und Auftrag Christi. Sie ist keineswegs exklusiv, als ob sie andere
Gruppen ausschließen oder benachteiligen wollte. Die Armut ist auch nicht nur
materiell, sie kann „in verschiedenem Gewande auftreten“.[68] Aber
die Option für die Armen ist eindeutig und entschieden und „von der ganzen
Tradition der Kirche bezeugt“.[69] Sie
bedeutet eine Entscheidung zu besonderer Offenheit den Anliegen der Kleinen und
Schwachen, den Leidenden und Weinenden, gegenüber denjenigen, die gedemütigt
sind und am Rand der Gesellschaft leben müssen, damit ihnen geholfen wird, ihre
Würde als Menschen und Kinder Gottes zu erlangen“.[70] Die Option
für die Armen gilt auch für die Kirche in Österreich. Darum muß sie dort ihre
Stimme erheben, wo offen oder verborgen Armut besteht, wo Menschen Unrecht
erleiden, wo gesellschaftliche Strukturen Menschen benachteiligen und anderen
Privilegien erlauben. Und sie darf dabei nicht warten, bis Not und Armut an sie
herangetragen werden. Sie muß auf die Armut zugehen und sie aufdecken.
Die Armut aufdecken und bekämpfen
Wie
die Gesamtkirche, muß sich auch die Kirche in Österreich immer wieder kritisch
fragen,wie weit sie selber die Option für die Armen ernst nimmt. Es gehört „zur
ältesten Lehre und Praxis der Kirche ...‚ daß sie selbst, ihre Amtsträger und
jedes ihrer Glieder durch ihre Berufung dazu angehalten sind, das Elend der
Leidenden, ob nah oder fern, nicht nur aus dem ‚Überfluß’, sondern auch aus dem
‚Notwendigen’ zu lindern“.[71] Auch
die Kirche in Österreich muß in dieser Hinsicht zu jener Einsicht bereit sein,
die das II. Vatikanische Konzil für die Gesamtkirche ausgesprochen hat: „Auch
in unserer Zeit weiß die Kirche, wie groß der Abstand ist zwischen der von ihr
verkündeten Botschaft und der menschlichen Armseligkeit derer, denen das
Evangelium anvertraut ist. Wie immer auch die Geschichte über all dies Versagen
urteilen mag, wir selber dürfen dieses Versagen nicht vergessen, sondern müssen
es unerbittlich bekämpfen, damit es der Verbreitung des Evangeliums nicht
schade.“[72]
Beiträge der Kirche
(126)
Damit ist bereits die dritte Forderung angesprochen: Der positive Beitrag der Kirche
zur Verwirklichung der Würde und Rechte des Menschen. Dazu zählen
Stellungnahmen zur Vermenschlichung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft,
wie sie in diesem Sozialhirtenbrief enthalten sind, aber auch all das, was die
Kirche in Österreich für die Jugend, die Alten und Kranken, die Behinderten und
die gesellschaftlichen Randschichten tut.
Die Kirche wird sich gesellschaftspolitisch stärker engagieren
(127)
Die unmittelbare gesellschaftspolitische Verantwortung der Kirche in Österreich
wollen wir abschließend so formulieren:
Bewußtseins- und Gewissensbildung
— auch gegen Widerstände
Erstens:
Wir werden uns in Zukunft noch stärker um eine dem Evangelium entsprechende
gesellschaftspolitische Bewußtseinsänderung und Gewissensbildung bemühen
müssen. Die großen anstehenden sozialen Probleme wie Arbeitslosigkeit, die
Sorge für Alte und Kranke, die Beheimatung von Flüchtlingen und Zuwanderern,
die Entwicklung der Völker der Dritten Welt, die Verantwortung für die
Schöpfung und die Umwelt können nur gelöst werden, wenn es gelingt, zu einer
breiten sozialen Umkehr in der Bevölkerung zu kommen. Niemand gibt sich einer
Täuschung hin, wie schwierig es ist, diese Aufgabe zu erfüllen und mit wie
vielen Widerständen dabei zu rechnen ist. Mit dem Gebot der Nächstenliebe
verfügt die Kirche in ihrer religiösen Botschaft über ein hohes Maß an
Begründung und Motivation für innerstaatliche und weltweite Solidarität. Es
wird entscheidend darauf ankommen, daß auch in Österreich diese Anliegen in der
theologischen Wissenschaft, in der konkreten Seelsorge, in der Predigt, in der
Katechese, in der Bildungsarbeit, in der Gemeindepastoral eingebaut bleiben und
vertieft werden.
Neue Zusammenarbeit in Initiativen
Aufgabe der Ökumene
Die
Lösung der weltweiten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme
verlangt eine ganz neue Zusammenarbeit aller Christen, der großen Religionen
der Welt und aller Menschen guten Willens. Wir sind davon überzeugt, daß diese
Zusammenarbeit auch für die Lösung innerstaatlicher sozialer, Probleme von
großer Bedeutung ist. Dankbar anerkennen wir die bisherigen gemeinsamen
Initiativen. Wir werden uns in Zukunft noch mehr bemühen, daß der Geist der
Ökumene sich nicht nur auf religiöse Anlässe beschränkt, sondern in zunehmender
Weise auch zu gemeinsamen gesellschaftspolitischen Initiativen führt.
Bildungseinrichtungen fördern
(128)
Zweitens: Die innerstaatlichen und weltweiten wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Probleme sind äußerst komplex geworden. Wenn schon das II.
Vatikanische Konzil von der Tatsache der zunehmenden gesellschaftlichen
Verflechtung gesprochen hat, so ist dies heute zur weltweiten Wirklichkeit
geworden. Wir brauchen deshalb auch in der Kirche in Österreich ein zunehmendes
Maß an Sachkenntnis und Kompetenz. Das besagt unter anderem die Förderung von
Einrichtungen und Organisationen, die sich aus christlicher Verantwortung und
im Auftrag der Kirche für das Studium der gesellschaftlichen Probleme und die
Verwirklichung der katholischen Soziallehre einsetzen. Wenn dies heute auch
nicht durch Massenorganisationen möglich ist, so ist die Präsenz der Kirche in
der modernen Gesellschaft trotzdem von großer Bedeutung. Darum verdienen gerade
auch in Österreich jene Männer, Frauen und Jugendlichen ein Wort der
Anerkennung, die sich in den vergangenen Jahren diesem Apostolat zur Verfügung
gestellt haben und es auch in Zukunft tun werden.
Konkrete kirchliche Initiativen
Wir
haben in unserem Hirtenbrief versucht, die Grundsätze der katholischen
Soziallehre und die Richtung ihrer konkreten Verwirklichung für Österreich
aufzuzeigen. Diese Verwirklichung aber verlangt konkrete Initiativen. Wir
erwarten im
Anschluß an diesen Sozialhirtenbrief von den einzelnen Mitchristen, von den
Pfarren und Ordensgemeinschaften, von den katholischen Verbänden,
Organisationen und Bewegungen in verstärktem Ausmaß solche Initiativen. Sie
sollen im voraus wissen, daß wir ihren Einsatz und ihr Bemühen mit allen uns
zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen werden.
Anerkennung des Einsatzes der
Laien im öffentlichen Leben
(129) Drittens: Ebenso aber
verdienen alle jene Frauen und Männer
die volle Unterstützung der Kirche, die sich als katholische Laien in den
verschiedenen Bereichen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen
Lebens zum Wohl ihrer Mitmenschen einsetzen. „Die Kirche … zollt der Arbeit
jener, die sich zum Dienst an den Menschen für das Wohl des Staates einsetzen
und die Lasten eines solchen Amtes tragen, Anerkennung und Achtung.“[73]
Begleitende Hilfen
Die
Kirche in Österreich wird sich immer wieder kritisch befragen müssen, ob sie
jenen Männern und Frauen die nötige geistige und geistliche Hilfe zur Verfügung
stellt, die sich auf den verschiedenen Ebenen des wirtschaftlichen, sozialen
und politischen Lebens einsetzen. Es genügt nicht, gesellschaftliche Strukturen
zu kritisieren und über politische Skandale empört zu urteilen. Wenn der Mensch
„der erste und vorrangige“[74] Weg
der Kirche ist, dann muß sie gerade jenen ihre begleitende Hilfe anbieten,
deren Weg am meisten gefährdet ist.
Zusammenarbeit und Dialog mit
allen
(130)
Viertens: Die Kirche wendet sich mit ihrer Soziallehre nicht nur an die
Gläubigen, sondern an alle Menschen guten Willens. Sie ist davon überzeugt, daß
die Würde des Menschen und das Wohl der Gesellschaft nur durch die
Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Kräfte gesichert werden kann. Auch wenn
die Kirche nie ihre religiöse Sendung verfälschen darf, so „bekennt sie doch
aufrichtig, daß alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende, zum richtigen
Aufbau dieser Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten müssen“.[75] Die
Nachkriegsjahre haben gezeigt, wie entscheidend der wirtschaftliche,
gesellschaftliche und geistig-kulturelle Aufbau von der Zusammenarbeit aller
gesellschaftlichen Kräfte des Landes abhängt. Die Kirche in Österreich hat sich
an dieser Zusammenarbeit beteiligt, und sie wird auch in Zukunft den Dialog mit
allen gesellschaftlichen Kräften aufrecht erhalten und verstärken.
Die Kirche
– an kein politisches System gebunden
Die
Kirche in Österreich wird auch in Zukunft allen Wert darauf legen, daß ihre
Sendung unverfälscht religiöser Natur bleibt und daß sie daher „an kein
besonderes politisches, wirtschaftliches oder gesellschaftliches System
gebunden ist“.[76]
Recht und Pflicht zu Stellungnahmen
Die
Kirche wird aber auch daran festhalten müssen, daß sie aus ihrer religiösen
Sendung das Recht und die Pflicht ableitet, für die Würde und Rechte des
Menschen auch im öffentlichen Leben einzutreten. Sie wird das gelegen oder
ungelegen tun, nicht aus politischer Herrschsucht oder aus dem Streben nach
Privilegien, sondern aus Treue zu ihrem Auftrag, mit der Haltung des Dialogs
und des Dienstes.
Bekenntnis zur Demokratie
Dieses
Bekenntnis zur verantwortlichen Mitarbeit bedeutet für die Kirche gerade im 35.
Gedenkjahr der wiedererlangten Freiheit Österreichs eine neue Verpflichtung.
Wir Wissen aus der Erinnerung an die Tragödie der Unfreiheit unseres Landes,
wie sehr es darauf ankommt, daß alle
gesellschaftlichen Kräfte rechtzeitig und mit eindeutiger Entschiedenheit den
demokratischen Staat um des Menschen willen verteidigen. Wir wollen uns im
Blick auf die Zukunft keiner falschen Sicherheit hingeben. Wir wollen uns als
Bischöfe verpflichten, unsere Brüder und Schwestern in ihrem Einsatz für die
Sicherung, Entwicklung und Verteidigung unserer staatlichen Ordnung zu
bestärken.
Vor den Herausforderungen der
Zukunft
(131)
Fünftens: Wir befinden uns am Ende des zweiten Jahrtausends in der Welt eines
unvorhergesehenen Umbruchs: Weltanschauungen, die ein Jahrtausend prägen
wollten, brachen zusammen. Politische Systeme, die als unveränderlich galten,
wurden aufgebrochen. Mauern wurden abgetragen und Völker gehen aufeinander zu.
Die Zukunft zeigt sich reich an Möglichkeiten und Hoffnungen, aber auch bedroht
von Ratlosigkeit und der Gefahr des Rückfalls.
Mut in Wort und Tat
Wie
die Gesamtkirche, so sind wir Bischöfe mit unseren Brüdern und Schwestern davon
überzeugt, daß unsere soziale Botschaft nur dann glaubwürdig ist, wenn sie in
die Praxis umgesetzt wird. Das bedeutet, daß Christen im Angesicht der neuen
innerstaatlichen und weltweiten Herausforderung immer wieder aus der Lethargie
der Gewohnheit und der sozialen Trägheit aufbrechen und gesellschaftspolitisch
tätig werden, daß sie bereit sind, dafür auch Widerstand und Verfolgung in Kauf
zu nehmen. So haben es die großen Heiligen unserer Kirche getan, so tun es auch
heute noch Männer und Frauen im sozialen und politischen Einsatz.
Im
Vertrauen auf Gott
(132)
Wir wollen es am Schluß unseres Sozialhirtenbriefes im Namen unserer Brüder und
Schwestern sagen: Wir Katholiken in Österreich sind bereit, uns diesen
Herausforderungen zu stellen. Wir wissen um den Glauben unserer Brüder und
Schwestern, aus dem sie immer wieder die Kraft schöpften, Krisen zu bewältigen
und aufeinander zuzugehen. Sie werden auch den Weg zu einer neuen
Vermenschlichung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft finden. Die Menschen
unseres Landes haben sich trotz aller Anfechtungen nie in einem egoistischen
Wohlstandsdenken abgeschlossen. Sie wissen auch heute um ihre weltweite
Verantwortung und sind bereit, dafür Opfer zu bringen. Sie tun dies im
Vertrauen auf die Hilfe des Herrn, der uns die Zusage gegeben hat: „Was ihr für
einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).
Und gedenken dabei der Worte Mariens: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)
Mit den Menschen unterwegs
So
gehen wir Christen den Weg in das dritte Jahrtausend: den Weg der inneren
Solidarität und den Weg der weltweiten Verantwortung. So sind wir als Kirche
unterwegs mit den Menschen, denn durch Christus ist der Weg der Menschen auch
der Weg der Kirche.
Wien,
am 15. Mai 1990
+
Hans Hermann Kardinal Groer
Erzbischof von Wien
Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz
+ Georg Eder
Erzbischof von Salzburg
+ Stefan László
Bischof von Eisenstadt
+ Franz Žak
Bischof von St. Pölten
+ Johann Weber
Bischof von Graz-Seckau
+ Reinhold Stecher
Bischof von Innsbruck
+ Maximilian Aichern
Bischof von Linz
+ Egon Kapellari
Bischof von Gurk-Klagenfurt
+ Alfred Kostelecky
Militärordinarius
+ Klaus Küng
Bischof von Feldkirch
+ Kassian Lauterer
Abt von Wettingen-Mehrerau
+ Karl Moser
Weihbischof von Wien
+ Jakob Mayr
Weihbischof von Salzburg
+ Helmut Krätzl
Weihbischof von Wien
+ Florian Kuntner
Weihbischof von Wien
+ Kurt Krenn
Weihbischof von Wien
ZITATE nach folgenden Textausgaben:
Enzykliken: Texte zur Katholischen
Soziallehre. Die sozialen Rundschreiben 1891 der Päpste und andere kirchliche Dokumente.
Mit einer Einführung von
Oswald von Nell-Breuning SJ. Herausgegeben vom Bundesverband der Katholischen
Arbeitnehmerbewegung (KAB) Deutschlands. 7. Auflage, Köln 1989.
Die
Enzyklika „Redemptor hominis“ (1979) nach der Herder-Ausgabe (Freiburg-Basel-Wien,
1981).
Konzilstexte: Karl Rahner/Herbert Vorgrimler, Kleines
Konzilskompendium. Freiburg-Basel-Wien 1966.
Kirchliche Dokumente: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls.
Herausgeber:
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn.
L‘Osservatore Romano: Vatikanische Ausgabe und Wochenausgabe in deutscher
Sprache.
ZEITTAFEL ZUM PROJEKT „SOZIALHIRTENBRIEF
1990“:
6. November 1986 Bekanntgabe
des Vorhabens durch die Bischofskonferenz
Vorbereitungsarbeiten von
Aktions- und Beraterteam unter der Leitung von Welt von Bischof Maximilian
Aichern
9.
September 1988 Präsentation
des Grundtextes
Diskussionsprozeß bis Juni 1989 und Auswertung der schriftlichen Stellungnahmen
6.
November 1989 Veröffentlichung
der Zusammenfassung der Stellungnahmen
Erarbeitung des
Sozialhirtenbriefes und Beratung des Entwurfs auf einer a. o. Sitzung der
Bischofskonferenz am
2. März 1990
5.
April 1990 Approbation
des Entwurfes
15. Mai 1990 Erscheinen
des Sozialhirtenbriefes
ZEITTAFEL DER SOZIALDOKUMENTE DER WELTKIRCHE:
1891 Rerum novarum –
Über die Arbeiterfrage (Leo XIII.)
1931 Quadragesimo anno
– Über die Gesellschaftsordnung (Pius XI.)
1961 Mater et Magistra
– Über die jüngsten Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens (Johannes
XXIII.)
1963
Pacem in terris
— Über den Frieden unter allen Völkern (Johannes XXIII.)
1965 Gaudium
et spes — Über die Kirche in der Welt von heute
(II. Vatikanisches Konzil)
1967 Populorum
progressio – Über die Entwicklung der Völker (Paul VI.)
1971
De iustitia in mundo — Über die
Gerechtigkeit in der Welt (Paul VI.)
1975
Evangelii nuntiandi
— Über die Evangelisierung in der Welt von heute (Paul VI.)
1981
Laborem
exercens — Über die menschliche Arbeit (Johannes Paul II.)
1987 Sollicitudo rei
socialis — Über die soziale Sorge der Kirche (Johannes Paul II.)
* Vgl. Redemptor hominis 14 – Über den Erlöser des Menschen (1979).
[1] Christus Dominus 13 — Über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche (1965).
[2] Rerum novarum 13.
[3] Aktionsteam zur Vorbereitung des Sozialhirtenbriefes der österreichischen Bischöfe (Hg.), Sinnvoll arbeiten — solidarisch leben. Grundtext zur Diskussion, Linz, September 1988.
[4] Aktionsteam zur Vorbereitung des Sozialhirtenbriefes der österreichischen Bischöfe (Hg.), Sinnvoll arbeiten — solidarisch leben. Zusammenfassung der Stellungnahmen, Linz, November 1989.
[8] Quadragesimo anno 130.
[9] Quadragesimo anno, Überschrift.
[10] Mater et magistra 222.
[17] Laborem exercens 10.
[22] Laborem
exercens 15.
[24] Laborem
exercens 20.
[25] Ebd.
[27] Laborem
exercens 20.
[29] Laborem exercens 15.
[30] Johannes Paul II., Ansprache in Bottrop am 2.5.1987.
[32] Laborem exercens 19.
[35] Ebd.
[36] Ebd.
[37] Ebd.
[39] Divini redemptoris 29 – Über den Kommunismus.
[40] Besonders: Familiaris
consortio – Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von
heute (1981).
[44] Pacem in terris 40.
[45] Besonders: Mulieris dignitatem – Über die Würde und Berufung der Frau (1988).
[47] Laborem exercens 19.
[48] Ebd.
[50] Ansprache an die katholischen Juristen vom 22.11.1981, in: L’Osservatore Romano vom 10.2.1983.
[55] Vgl. auch Gaudium et spes 78.
[59] Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes 47-52; das Rundschreiben Humanae vitae vom 25.7.1968 und das Apostolische Schreiben Familiaris consortio vom 22.11.1981.
[64] Gaudium et spes 1 und 9.
[70] Johannes Paul II., Ansprache an die brasilianischen Bischöfe vom 31.7.1980.
[76] Ebd.