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Predigt:

15. Sonntag im Jahreskreis A (14.07.2002)

L1: Jes 55,10-11; L2: Röm 8,18-23; Ev: Mt 13,1-23


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Das Leben des modernen Menschen ist angefüllt mit Informationen, Konsumgütern und Aktionen der Selbstverwirklichung. So könnte man – zugegebenermaßen plakativ – eine gewisse Charakterisierung unserer Zeit vornehmen. Dabei muß die Frage erlaubt sein, ob denn der dermaßen sich selbst verwirklichende Mensch wirklich frei ist und ob er weiß, wofür er eigentlich lebt.

Zum ersten Bereich: Wir streben alle nach Wissen und Information. Wir wollen immer mehr wissen, immer mehr können und tun. Dabei übersehen wir leicht, daß unser Wissen auch geordnet und überprüft sein muß. Nicht alles, was uns die sogenannten Informationsmedien täglich vorsetzen, entspricht wirklich der Wahrheit des Daseins. Auch ist zu fragen, ob uns das Wissen ohne Weisheit menschlich weiter bringt. Dieser Anfrage müssen sich besonders jene stellen, die die Erkenntnisse der Wissenschaft umsetzen in die Praxis des Lebens: Wollen und sollen wir alles tun, was wir können und was machbar ist? Dient es wirklich dem Wohl des Menschen?

Ein weiterer Lebensinhalt ist für viele das Streben nach Gütern des Konsums. Alles – so scheint es jedenfalls – ist plötzlich verfügbar und konsumierbar geworden, vorausgesetzt man hat genügend Geld. Die Spirale des wirtschaftlichen Wachstums sowie von Angebot und Nachfrage muß sich immer schneller drehen, und kaum jemand darf die Frage stellen: Wozu? Werden wir tatsächlich menschlicher, wenn wir täglich die Gehetzen und Getriebenen unserer wirklichen oder durch die Werbung eingeredeten Bedürfnisse sind? Lebensqualität – das spüren wir immer mehr – hängt von anderen Dingen ab, von echten Lebenswerten; Liebe und Freundschaft lassen sich nicht kaufen. Bestimmte Güter und Werte des Lebens lassen sich nicht konsumieren oder nur genießen: dann verlieren sie ihren eigentlichen Sinngehalt.

Ein dritter Bereich ist die schrankenlose Selbstverwirklichung. Es muß sich immer etwas rühren – „Action“ um jeden Preis –, und diese Aktionen gewinnen ihre einzige Rechfertigung dadurch, daß man eben das und nur das tut, „was Spaß macht“. Weniger angenehme Dinge des Lebens schiebt man da beiseite, und da kann es schon vorkommen, daß man lieber riskiert, jemanden seelisch oder sogar körperlich zu verletzen, als daß man die eigenen Wünsche zurückstellt. Die hohe Zahl an geschiedenen Ehen sowie die leider auch unter uns Christen weitverbreitete Praxis der Abtreibung spricht leidvoll von dieser unseligen Idee der Selbstverwirklichung um jeden Preis.

Wir sehen ein, daß unter solchen Umständen des Lebens wenig Platz ist und wenig Bedarf besteht nach – Gott! Die Krise der heutigen Gesellschaft ist vor allem eine „Gotteskrise“, wenn man darunter die generelle Verdunkelung des religiösen Bewußtseins versteht. Sicher, es gibt Gegenbewegungen, und immer wieder flüchten Menschen aus der kühlen Rationalität des Alltags in die phantastische Welt zweifelhafter, ja auch okkulter Sinnangebote. Derart verstandene Religiosität setzt aber allzu oft nur unter anderen Vorzeichen das fort, was im Leben sonst an Fehlhaltungen und Fehlentwicklungen zu beobachten ist. Im „esoterischen Supermarkt der religiösen Angebote“ sucht sich jeder das aus, was gefällt, und braucht sich selber in der schrankenlosen Gier nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung nicht zurückzunehmen. Denn Gebote Gottes kennt man nicht mehr, sie sind nur hinderlich und ein Störfaktor geworden.

Liebe Brüder und Schwestern, angesichts einer so schwierigen Zeitlage sind manche versucht zum Pessimismus. Die Frage ist ja nur allzu berechtigt, wie unter solchen Umständen das göttliche Wort bei den Menschen Gehör finden kann. Wie kann es gelingen, daß auch die Menschen unserer Zeit wieder aufmerken und ihr Herz Gott zuwenden, damit sie die Frohbotschaft vernehmen und ihr Leben mit Gott gelingt und seine eigentliche Erfüllung und Vollendung findet?

Menschlich gesprochen hätten wir bisweilen allen Grund zu resignieren; doch Gottes Heiliger Geist gibt uns Hoffnung. Jesus Christus, der Herr der Kirche, ist auch heute in ihr anwesend und leitet sie. Die Gnade Gottes erreicht letztlich jeden Menschen und klopft an der Tür seines Herzens.

Es mag schon stimmen, daß viele keine Predigt mehr hören oder kein religiöses Buch mehr lesen. In dieser Situation gilt dann aber um so mehr, daß wir alle gleichsam wie ein offenes Buch oder ein lebendiger Brief unseres Herrn Jesus Christus an die Welt sind. Sie alle, wir alle sind aufgerufen, das Evangelium zu leben und das gehörte Wort in die Tat umzusetzen. Daran kann letztlich niemand vorbeigehen. Dieses Zeugnis vernehmen auch die Entferntesten und können so darüber nachdenken und vielleicht die Einladung vernehmen, selber an Jesus Christus zu glauben und sich seiner Kirche zuzuwenden.

Auf diese Weise kann das Wort, von dem Jesus im Evangelium spricht, wie ein Same die Herzen der Menschen erreichen. Freilich, bei manchen wird es in den Dornen ersticken oder nicht aufgehen. Bei anderen hingegen fällt es auf guten Boden und findet reiche Frucht. Wir sollen nie sagen: Dieser oder jener Mensch hat vor Gott keine Chance. Denn Gott der Herr liebt uns alle als seine Kinder und beruft uns zur Teilnahme am himmlischen Reich. Jeden und jede kann die Gnade Gottes ansprechen, und wäre er/sie der größte Sünder(in). Die Geschichte der Kirche und des Christentums ist voll von solchen Beispielen.

Wir sind dazu aufgerufen, wie ein Sauerteig mitten in dieser Welt zu wirken. Das Vertrauen trägt uns, daß Gott es gut mit uns meint und mit allen Menschen. Die Fürsprache der Gottesmutter Maria, der Mutter unseres Vertrauens und Glaubens, möge uns begleiten, damit wir jeden Tag des Lebens dankbar sind für die vielen Gaben Gottes und einst das ewige Heil in Fülle genießen dürfen. Amen