Predigt:
19. Sonntag im Jahreskreis A (11.08.2002)
L1: 1 Kön 19,9a.11-13a; L2: Röm 9,1-5; Ev: Mt 14,22-33
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Als Jesus die vielen Menschen über die Geheimnisse des Himmelreiches belehrt hatte und sie durch das Wunder der Brotvermehrung satt geworden waren, schickte er die Menge weg und auch seine Jünger. Er selber stieg auf einen Berg, um zu beten. Er suchte die Einsamkeit, um dort als der vom Heiligen Geist Gesalbte mit seinem himmlischen Vater das Zwiegespräch des Gebetes zu suchen und die Sorgen und Nöte aller Menschen Gott zu empfehlen.
In der Zwischenzeit – so haben wir es eben im Evangelium gehört – mühten sich die Jünger im Boot voranzukommen, denn es war infolge des starken Windes ein sehr unruhiger Wellengang. Obwohl die meisten von ihnen als Fischer durchaus mit den Widrigkeiten von Wind und Wetter vertraut waren, schien ihnen doch in dieser Nacht die Lage sehr dramatisch.
Plötzlich taucht gleichsam aus dem Nichts eine helle Gestalt auf, die über den See wandelt. Der erste Gedanke der verschreckten Jünger: Das kann nur ein Gespenst sein! Furchtsam und abergläubisch waren sie ja. „Sie schrien vor Angst.“ Als Jesus aber mit ihnen redet, beruhigen sie sich: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet auch nicht!“
Liebe Brüder und Schwestern, so ein Gang über den See ist nichts Alltägliches. Es ist dies eines der besonders herausragenden Wunder Jesu, das ihn persönlich betrifft. Hier zeigt er, daß er in einer wahrhaft göttlichen Weise auch Macht hat über seinen eigenen Leib, mit dem er über den See schreitet. Normalerweise ist es die Schwerkraft, die so etwas nicht zuläßt. Der Sohn Gottes hat dieses Wunder aber gewirkt, um die Jünger auf seine besondere Sendung hinzuweisen, die er vom himmlischen Vater hat. Er wollte ihnen zeigen, daß er gekommen ist, um bereits hier auf Erden das Reich Gottes beginnen zu lassen.
Was uns freilich noch mehr verwundert als der Gang Jesu über den See, ist die kühne Reaktion des Apostels Petrus. Er hat offenbar keine Probleme, Jesus zuzurufen: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme.“ Sein Vertrauen ist unerschütterlich, so scheint es jedenfalls. Als Jesus ihn auffordert: „Komm!“, so steigt er aus dem Boot und geht über das Wasser auf Jesus zu.
Unser „gesunder Menschenverstand“ sagt uns: Das darf und kann es doch nicht geben! Zuerst schon Jesus, und jetzt auch noch Petrus ...!? Jedoch: Der Glaube trägt. Solange Petrus glaubt und vertraut, geht er nicht unter. Solange er auf den Herrn blickt, der vor ihm steht und ihn erwartet, können ihn die Stürme und Wellen nicht erschrecken. Erst als er zu zweifeln beginnt und ängstlich um sich schaut, droht er zu sinken. Er ruft voll Angst: „Herr, rette mich!“ Jetzt erkennt er die eigene Kleinheit und Not und wendet sich an den Herrn, der ihn sofort rettet, indem er ihm die Hand entgegenstreckt.
Liebe Gläubige! Können wir in diesem Apostel Petrus und den übrigen Jüngern nicht auch unser eigenes Leben entdecken? Wie oft trauen wir uns selber so manches zu, und es gelingt uns auch. Dann aber kommt der Moment der Ernüchterung und der Verzagtheit. Wir verlieren den Mut und die Kraft. Da ruft uns doch das heutige Evangelium dazu auf, in jedem Fall auf Gottes Hilfe und Schutz zu vertrauen. Mögen auch die Stürme des Lebens mitunter heftig sein, so kann uns doch nichts ängstigen, solange wir auf Gott vertrauen. Er ist unser guter Vater, der uns nicht verläßt.
So ist das heutige Evangelium vor allem ein Lehrstück über den Glauben, der sich nicht erschüttern lassen darf durch so manche Zweifel und die Schwierigkeiten, die uns täglich begegnen. Wie mußte die Gottesmutter Maria in ihrem Leben doch auch so manche Nöte und Ausweglosigkeiten erdulden; sie hat nicht verzagt, sondern vertraut und ist so auch beim Kreuz Jesu gestanden. Die Auferstehung des Herrn hat dann gezeigt, daß ihr Glaube nicht vergeblich war, sondern von Gottes Verheißungen erfüllt und übertroffen wurde!
Unsere Antwort kann immer nur in einem Glaubensbekenntnis bestehen. Wir sollen vor Jesus niederfallen wie die Apostel im Boot und bekennen: „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“ Amen
