Dr. theol. habil. Josef Spindelböck
Gottes Bund ist unwiderruflich
Predigt am 19. Sonntag im
Jahreskreis A
10. August 2008
L 1: 1 Kön
19,9a.11-13a; L 2: Röm 9,1-5;
Ev: Mt 14,22-33
Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die heutige Lesung aus dem Brief
an die Römer gibt uns Gelegenheit, über den Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk nachzudenken.
Gott will das Heil aller Menschen und
Völker, und er hat darum die ersten Menschen (Adam und Eva) von
vornherein in den „Stand der Gnade“ gesetzt.
D.h. sie waren in einem Zustand innigster Gemeinschaft mit Gott und einer damit
verbundenen Überfülle von natürlichen und übernatürlichen Gaben („Paradies“). Durch die Sünde trennten sich unsere
Stammeltern jedoch von Gott, wodurch es zu den bekannten Folgen von Tod, Leid und Mühsal für alle
Menschen kam. Vielleicht fragt jemand: Was können die Nachgeborenen dafür,
wenn die Eltern versagt haben? Aber es ist nun einmal eine Tatsache der
Erfahrung: Die Eltern können nur das an ihre Kinder weitergeben, was sie selber
besitzen. Dies gilt im materiellen Bereich, aber in gewisser Weise auch im
geistigen Bereich. Weil die ersten Menschen – also unsere Stammeltern – nach
dem Zeugnis der Heiligen Schrift die Gemeinschaft mit Gott freiwillig
aufgekündigt haben, leben alle
Nachgeborenen von vornherein (d.h. „von Natur aus“) in einem Zustand der Gottferne und des Unheils,
sind also – wie die Theologie und die Lehre der Kirche sagt – der „Erbsünde“ unterworfen. Paulus sagt im
Epheserbrief sogar, wir waren „von Natur
aus Kinder des Zorns“ (Eph 2,3).
Wollten wir bei dieser düsteren Bestandsaufnahme halt machen, dann wäre
dies eine arge Verkürzung und Einseitigkeit, ja sogar eine Missachtung des
göttlichen Heilswirkens. Denn wie es im
Vierten Hochgebet der Heiligen Messe heißt, hat Gott die Menschen trotz ihrer Schuld und ihres Versagens nicht
aufgegeben und sie nicht ihrem traurigen Schicksal überlassen. Im Gegenteil
hat Gott „voll Erbarmen allen geholfen“, ihn „zu suchen und zu finden“. Eben
deshalb hat er den Menschen seinen „Bund
angeboten und sie durch die Propheten gelehrt, das Heil zu erwarten.“
In besonderer Weise hat Gott zuerst die Patriarchen erwählt (wir denken besonders an Abraham, Isaak und
Jakob) und dann durch Mose das Volk
Israel aus der Knechtschaft Ägyptens befreit und mit ihm am Berg Sinai
einen Bund geschlossen. Zum Ausdruck
dieses Bundes wurden dem Gottesvolk die 10
Gebote als Wegweisung zum Leben
übergeben.
Leider ist das Volk Israel oft
untreu geworden; die Propheten mussten es ermahnen und haben oft vergeblich
versucht, es auf den rechten Weg zurückzuführen. So manche Katastrophe kam infolge
der Gottlosigkeit über das auserwählte Volk, wenn wir beispielsweise an die
70 Jahre der babylonischen Gefangenschaft denken. Gott selbst aber gab sein Volk nie auf, und gerade seine
Heimsuchungen sind ein besonderer Beweis seiner Treue zum „auserwählten Rest“. Sein Bund der Liebe ist unwiderruflich;
auch die Sünde der Menschen macht sein Heilsangebot nicht zunichte.
Schließlich kam Jesus Christus,
der Erlöser, in die Welt, als wahrer
Nachkomme Davids geboren von der Jungfrau Maria. Dem Fleische nach kommt er
aus dem Volk der Juden und ist ein Jude. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“, heißt
es im Johannesevangelium (1,12). Dennoch gab es Menschen aus dem jüdischen Volk
und auch aus dem Heidentum, die den Erlöser annahmen und an ihn glaubten. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird von
der Macht der Sünde befreit und empfängt das göttliche Leben. Das ist die frohe Botschaft des Heils, die uns
Jesus Christus gebracht hat.
Die Lesung aus dem Römerbrief des Apostels Paulus zeigt uns, wie sehr der Apostel innerlich leidet und zerrissen ist, weil aus seinem eigenen Volk
viele den Messias nicht angenommen haben. Paulus sagt, er
ist „voll Trauer, unablässig leidet mein Herz.“ Er möchte wünschen, lieber selber ausgeschlossen zu sein vom Reich Gottes
und vom Bund der Liebe, den Gott in Jesus Christus mit den Menschen geschlossen
hat, wenn wenigstens seine „Brüder dem Fleische nach“, d.h.
die übrigen Juden, zum Glauben finden würden. Ganz drastisch drückt es Paulus aus:
„Ja, ich möchte selber verflucht und von
Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit
mir verbunden sind.“
Und dann führt der Apostel all das
Wunderbare an, das Gott im Alten Bund an seinem Volk getan hat und was
dieses Volk in gewisser Weise auch weiterhin ohne sein Verdienst bewahrt hat,
denn Gott nimmt sein Wort und seine
Gaben ja nicht zurück: „Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen,
ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der
Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit.“
Die katholische Kirche hat sich auf dem 2. Vatikanischen Konzil um
ein neues und verbessertes Verhältnis zum jüdischen
Volk bemüht, da diesem Volk ja bekanntlich in der Geschichte – auch durch
Christen – vielfaches Unrecht geschehen
ist. Unter anderem wurden sie pauschal als „Gottesmörder“ abqualifiziert; unfassbar
ist schließlich die Katastrophe der Shoah. Und so spricht das Konzil davon,
dass auch wir Christen gleichsam „Söhne
(und Töchter) Abrahams dem Glauben nach“ sind. Die
Kirche kann daher „nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus
unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten
Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schösslinge
eingepfropft sind.“
Auch wenn „ein großer Teil der
Juden … das Evangelium nicht angenommen“ hat, „ja nicht wenige … sich
seiner Ausbreitung widersetzt“ haben, sind die Juden dennoch „nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich“, so
ausdrücklich das 2. Vatikanische Konzil in „Nostra aetate“.
Und die Hoffnung der Kirche
lautet, dass doch eines Tages „alle
Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ‚Schulter an Schulter
dienen’ (Zef 3,9).“ Genau in diesem Sinn betet ja die Kirche am
Karfreitag in besonderer Weise für das jüdische Volk, dass Gott die
Juden „in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen“ bewahre, „damit
sie das Ziel erreichen, zu dem sein
Ratschluss sie führen will.“ Auch das einst von Gott besonders auserwählte Volk
möge in Christus „zur Fülle der Erlösung“ gelangen.
Ganz deutlich bringt dies die neue lateinische Karfreitagsfürbitte für die
außerordentliche Form des römischen Ritus zum Ausdruck, in der es wörtlich
heißt:
„Lasst uns auch beten für die
Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen
erleuchte, damit sie Jesus Christus
erkennen, den Retter aller Menschen. … Allmächtiger ewiger Gott, der Du
willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit
gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine
Kirche ganz Israel gerettet wird.“
Ja, das ist eine große Hoffnung,
der wir uns von Herzen im Gebet anschließen wollen – auch die heilige Märtyrin und jüdische Volksangehörige Edith Stein (Theresia Benedicta a Cruce) legt dafür Zeugnis ab: dass einst alle Völker in der Familie Gottes vereint sind, wenn Christus
der Herr in Herrlichkeit kommt und auch uns in seinem Reich vollendet. Amen.