Dr. theol.
habil. Josef Spindelböck
Advent als hoffnungsvolles Warten
Predigt am 1. Adventsonntag
2. Dezember
2007 - Lesejahr A
L 1: Jes 2,1-5; L 2: Röm
13,11-14a; Ev: Mt 24,29-44
Alle liturgischen Texte online im Schott-Messbuch
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Mit dem 1. Adventsonntag treten wir ein in die liturgische Zeit der Vorbereitung
auf das Weihnachtsfest. Wir gehen hoffnungsvoll
und mit großer Erwartung dem Kommen Christi entgegen, das sich nicht
nur vor 2000 Jahren im Stall von
Bethlehem ereignet hat, sondern das auch
in unserem Herzen stets neu Wirklichkeit werden soll.
Die Mentalität vieler
Menschen von heute ist darauf ausgerichtet, möglichst alles sofort zu haben. Wer einen Wunsch hat und das
entsprechende Geld (soweit die Sache überhaupt käuflich ist), wartet nicht
lange zu, sondern schaut, dass er seine Bedürfnisse befriedigt. Umgekehrt
dauert es oft nicht lange, bis eine Sache nicht mehr interessant ist oder sie
sich gleichsam erschöpft hat; dann wird sie auf die Seite gelegt oder
weggeworfen bzw. mehr oder weniger umweltfreundlich entsorgt. Man spricht nicht
umsonst von der „Konsummentalität“,
die uns alle mehr oder weniger ergriffen hat, weil wir einfach Kinder unserer
Zeit sind und dem allgemeinen Trend nicht ganz entfliehen können.
Wie schnell aber geschieht es in dieser vordergründigen Sichtweise, dass
wir auf jene „Dinge“ und Werte vergessen, die nicht zu kaufen sind! Der Mensch
will immer nur mehr „haben“, und doch wächst die eigentliche Qualität des Lebens nicht durch dieses „Mehr-Haben“,
sondern nur durch ein „Mehr-Sein“.
Dazu aber gehört ein inneres Loslassen,
ein Zur-Ruhe-Kommen, ein Sich-Beschenken-Lassen durch andere und
vor allem durch Gott. Es hat darum seinen tiefen Sinn, wenn die Kirche uns im Advent einlädt, stille zu werden und
die Hast und Hektik des Alltags etwas hinter sich zu lassen. Keine Angst, wir
versäumen nichts Wesentliches, wenn wir etwas kürzer treten! Im Gegenteil: Erst
dann lernen wir zu unterscheiden
zwischen dem, was wirklich wesentlich
und wichtig ist, und dem, was uns eher belastet, als dass es uns weiterhilft im
Leben. Gerade im Gebet als Hinhören auf
Gottes Willen erfahren wir, worauf es in unserem Leben ankommt und was
eigentlich zählt.
Die großen Dinge im Leben, so
sagt uns die Kirche besonders im Advent, sind nicht machbar; sie müssen uns geschenkt werden bzw. wir müssen sie
uns auch schenken lassen. Dies gilt
in einzigartiger Weise von jener zentralen Wahrheit des Glaubens, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden
ist. Gott ist aus Liebe einer von uns geworden; er wollte unser Leben mit uns
teilen. Deshalb ist das Wort Gottes Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,
um uns Menschen mit dem göttlichen Leben zu beschenken. Wenn wir die Liebe des menschgewordenen
Gottes annehmen, dann gewinnt unser Dasein auf Erden eine neue Qualität. Wir werden über den Augenblick hinausgehoben und
sind im Unvergänglichen und Bleibenden gegründet; denn Gottes Liebe währet ewiglich.
Der Advent ist gleichsam eine „Übungszeit“, ein „Training“ für die
Begegnung mit Gott. Und so wie es bei allem Großen im Leben eine Zeit des
Wachstums und der Vorbereitung braucht, so ist es auch mit unserer Gottesbeziehung. Auch diese muss wachsen und reifen. Geduld ist nötig; diese aber gründet in der Hoffnung, welche sich
ausrichtet auf das, was sie noch nicht besitzt, sondern erwartet. Die
christliche Hoffnung, der unser Heiliger Vater Papst Benedikt nun seine zweite
Enzyklika („Spe salvi“ – durch Hoffnung gerettet) gewidmet hat, ist
keine leere Vertröstung auf den „Sankt-Nimmerleins-Tag“. Es handelt sich
vielmehr um eine Gewissheit des
künftigen Heils und der Vollendung, die sich bereits jetzt machtvoll auswirkt in unserem Leben. Letztlich kann
nur Gott selber dem tiefsten Sehnen
des menschlichen Herzens nach Liebe und Geborgenheit genügen. Nur wenn wir
diese große und unvergleichliche, ja letztlich unzerstörbare Hoffnung im Herzen tragen, können wir das oft mühsame
Leben in der Verwirklichung des Guten auf uns nehmen; nur dann haben wir die
Kraft im Guten durchzuhalten.
Das Evangelium dieses
Sonntags weist uns hin auf die besondere
Bedrängnis in der Geschichte der Menschheit, bevor das „Ende der Welt“
kommt. Zugleich sind die Worte Jesu ein Trost
und eine Aufmunterung für alle, die an
Gottes Verheißung glauben. Wachsamkeit
ist gefordert, ein „Sich-Bereit-Halten“ für Gottes rettende Nähe.
Wer auf Jesus Christus hofft, gewinnt
ein „Mehr“ an „Sein“; dessen Leben
erfährt eine neue Qualität, die durch keine menschliche Weisheit und Fertigkeit
und schon gar nicht um Geld zu erwerben ist. In der Haltung der Kindschaft vor Gott wollen wir uns diese Freude auf
Vollendung von Gott selbst schenken lassen; die heilige Gottesmutter Maria begleitet uns dabei mit ihrer Fürbitte! Amen.