Predigt:
Der Liebe Gottes keine Grenzen setzen
20. Sonntag im Jahreskreis A (14.08.2005)
L1: Jes 56,1.6-7; L2: Röm 11,13-15.29-32; Ev: Mt 15,21-28
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Unser Erlöser Jesus Christus wurde von Gott dem Vater im Heiligen Geist zuerst zum Volk Israel gesandt, dem der Messias verheißen war und das auf ihn wartete. Wir wissen um die unterschiedliche Aufnahme, die dem menschgewordenen Sohn Gottes bei seinem eigenen Volk zuteil geworden ist. Die einen glaubten an ihn, andere lehnten ihn ab, sodass sich die Worte aus dem Prolog des Johannesevangeliums (1,11) erfüllten: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Jesus wollte nicht der politische Messias sein, der das jüdische Volk von der verhassten Römerherrschaft befreien würde und zu neuer nationaler Größe führen konnte. Seine Sendung war es, das Reich Gottes zu verkünden, das nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36). Es ist das Reich der Liebe und des Friedens von Gott her. Um die rettende Versöhnung anzunehmen, muss der Mensch umkehren und glauben. Im Herzen geschieht Erlösung, und diese vollendet sich im ewigen Leben, das der Sohn Gottes verheißt.
Das heutige Evangelium ist ein Beispiel dafür, dass der Erlöser zwar zuerst „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ ist (Mt 15,24), er aber über dieses Volk und sein Schicksal hinaus seine Sendung und Botschaft ausweitet zu den Menschen aller Völker und Zeiten. Dies macht er seinen Aposteln und Jüngern nach seiner Auferstehung kund: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,19–20)
Wie die Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau zeigt, müssen die Heiden vorerst noch etwas zuwarten. Jesus scheint ihr anfangs gar nicht zuzuhören, als sie ihm nachläuft und ihn um Heilung ihrer Tochter anfleht, die von einem Dämon bedrängt wird. Als er dann auf Zureden seiner Jünger doch zu einem Gespräch mit der Frau bereit ist, betont er zuerst, dass er „nur“ zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt sei, und er stellt die Frage, ob es denn recht sein könne, das Brot den Kindern wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen. Das klingt hart und provokant, entsprach aber der damals üblichen Überzeugung und Redeweise, wonach nur das auserwählte Volk zu den Kindern des Reiches zählte, die Heiden aber als unrein galten und mit den Hunden verglichen wurden.
Nun aber geschieht etwas, das der Herr bestimmt vorausgesehen hat und den großen Glauben der Frau offenbart. Sie gibt Jesus Recht, räumt aber ein, dass doch auch die Hunde etwas davon bekämen, was von den Tischen der Kinder zu Boden falle. Gegen ein solches Vertrauen und eine solche Glaubensüberzeugung kann und will Jesus nicht weiter argumentieren. Er bestätigt feierlich den Glauben der Frau aus Kanaan und sagt: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt, schreibt der Evangelist.
Auf den vertrauensvollen, unerschütterlichen, festen Glauben an die rettende Macht Gottes kommt es also an. Wo immer Menschen diesen Glauben haben, dort sind sie Jesus willkommen – ob nun bei den Juden oder bei den Heiden. Ohne Glauben ist es nicht möglich, ins Himmelreich einzutreten. Und so wollen wir uns fragen: Haben wir diesen festen und unerschütterlichen Glauben, der sich auch in Schwierigkeiten und Not bewährt, der nicht allein abhängt von frommen Gefühlen und schnellen, wunschgemäßen Erhörungen? Trauen wir es Gott zu, dass er unser Leben zu einem guten Ende bringt und wir einmal heimkehren dürfen ins himmlische Vaterhaus? Wahrscheinlich muss ein jeder, der sich selber nur ein wenig kennt, gestehen: „Ich bin oft so schwach im Glauben und Vertrauen.“ Wie nötig ist es da, auf die Fürbitte Marias die Hilfe Gottes anzurufen, wie es im Einleitungsgebet des Rosenkranzes geschieht, wo wir darum beten, dass uns Jesus „den Glauben vermehre“, die „Hoffnung stärke“ und die „Liebe entzünde“!
Wer nur halbherzig bittet und sich dann gleich von Gott abwendet, wenn er das Erbetene nicht sofort erlangt, der zeigt nur, dass er gar nicht wirklich geglaubt und vertraut hat. Echter Glaube und wahres Vertrauen wachsen, wenn sie auf die Probe gestellt werden. Und wir sollen dem Glauben an die göttliche Liebe wirklich keine Schranken setzen! Denn unermesslich sind Gottes Gaben; unermesslich ist vor allem die Allmacht und Güte dessen, der uns erschaffen hat und uns liebt, der unser Leben lenkt und leitet und zur seligen Vollendung im Reiche Gottes führen will. Amen
