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Predigt:

Groß war der Glaube dieser Fremden

20. Sonntag im Jahreskreis A (17.08.2008)

L1: Jes 56,1.6-7; L2: Röm 11,13-15.29-32; Ev: Mt 15,21-28


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Gott hat sich im Alten Bund das Volk Israel in besonderer Weise erwählt und ihm seine Liebe und sein Erbarmen geschenkt. Trotz der Untreue der Menschen bleibt Gott treu, denn – wie es in der Lesung aus dem Römerbrief heißt – „unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.“

Wir würden aber den Heilsplan Gottes völlig missverstehen, wenn wir die besondere Erwählung des Volkes Israel durch Gott als einseitige Bevorzugung deuten würden. Gott ist ja nicht ungerecht; er ist der Vater aller Menschen, und er liebt alle Menschen und alle Völker.

Das Geheimnis der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen lautet vielmehr: Wenn Gott einzelne Menschen (wie Abraham) oder ein einzelnes Volk (wie Israel) erwählt und beruft, dann tut er das immer um der „Vielen“ willen. Wer von Gott erwählt wird, erhält keine Bevorzugung, die nur ihm selber gilt, sondern die Annahme des Heils soll sich auswirken als Gnade für möglichst viele andere.

Und so ist den vielen anderen Völkern kein Unrecht geschehen, als Gott im Alten Bund das Volk Israel auserwählt hat, um sich dieses Volk als sein besonderes Eigentum zu schaffen. Der Bund Gottes mit gerade diesem Volk (geschlossen ohne dessen Verdienste) sollte vielmehr ein Zeichen des Heils sein für die anderen Menschen und Völker. In der Lesung aus dem Buch Jesaja heißt es ausdrücklich: „Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.“ In der Apostelgeschichte (10,34–35) wird berichtet, dass Petrus sagt: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“

Genau in diesem Sinn müssen wir auch das heutige Evangelium verstehen, wo von der kanaanäischen Frau die Rede ist, die zu Jesus kam und ihm ihr Leid klagte, weil ihre Tochter krank war und von einem Dämon bedrängt wurde. Zuerst sieht es aus, als ob Jesus sie zurückweisen will, wenn er feststellt, dass er „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ ist. Aber diese Antwort ist bloß vorläufig: Ja, zuerst ist Jesus zum Volk gesandt, das in besonderer Weise von Gott erwählt ist. Aber Gott schließt niemanden von seiner Gnade aus, der dafür offen und bereit ist. Und so erreicht es die Frau mit ihrem drängenden und vertrauensvollen Bitten, dass Jesus ihr gewährt, worum sie ihn bittet. Es folgt dann sogar noch ein Lob für diese Frau, die nicht dem jüdischen Volk angehört: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Der Evangelist fügt hinzu: „Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“

Liebe Brüder und Schwestern, wenn die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden gleichsam das „neue Israel“ ist, d.h. dessen Erfüllung, dann können auch wir sagen: Gott hat die Kirche in die Welt hineingestellt, dass sie wie ein Sauerteig Zeugnis ablegt für das Evangelium. Es braucht inmitten der einander oft widerstreitenden Meinungen den Fels der Orientierung, wo wir Halt finden können in den Bedrängnissen des Lebens. Die Kirche – und hier vor allem der Papst als Nachfolger Petri, aber auch alle übrigen Bischöfe, Priester, Diakone und insgesamt alle Getauften – bekennt den einen und wahren Gott, der die Menschen liebt und sie zur Vollendung führen will. Alle Menschen sind eingeladen, die frohe Botschaft anzunehmen, sich taufen zu lassen und damit einzutreten ins Reich Gottes. Freilich genügt hier nicht eine bloß äußerliche Zugehörigkeit; das christliche Leben soll sich bewähren und seine Echtheit erweisen durch Werke der Liebe.

Gott hat uns den Erlöser gesandt, Jesus Christus den Herrn. „Und in keinem anderen ist das Heil zu finden“, verkündet der Apostel Petrus (Apg 4,12). „Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“ Weil Gott aber die Herzen aller Menschen kennt, die guten Willens sind, dürfen und sollen wir ihm auch all jene Menschen anempfehlen, die nicht an Gott glauben, die sich nicht zu Jesus Christus bekennen und die nicht zur Kirche Christi gehören.

Wer ehrlichen Herzens auf den Ruf Gottes hört, wie er ihn im Gewissen wahrnimmt, und sich nach Kräften bemüht, die Wahrheit zu suchen und an ihr festzuhalten, wer auf diese Weise – von Gottes Gnade unterstützt – Taten der Liebe vollbringt, der ist Gott bereits nahe, auch wenn er ihn noch nicht ausdrücklich gefunden hat. Und so mancher, der ganz aus der Ferne kommt, hat schon diejenigen mit seinem Glauben beschämt, die ganz nahe waren: so wie im Evangelium die Frau aus Kanaan, welche nicht zum auserwählten Volk gehörte, aber dennoch den Herrn im Glauben annahm und dadurch Gnade und Heil für sich und andere erfahren hat. Amen