Predigt:
Korrektur des Mitmenschen und Selbstkorrektur
23. Sonntag im Jahreskreis A (06.09.2026)
L1: Ez 33,7-9; L2: Röm 13,8-10; Ev: Mt 18,15-20
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Um die Gottes- und Nächstenliebe geht es vor allem im christlichen Leben. Was immer wir tun – es soll letztlich der Liebe entsprechen und aus Liebe geschehen. Was immer wir an Bösem unterlassen – wir sollen es meiden um der Liebe willen.
Dies klingt fürs erste recht einfach und einleuchtend. Schwierig wird es, wenn es um die gegenseitige Ermutigung und fallweise Korrektur geht. Wir lassen uns ja gerne von anderen bestätigen, dass wir etwas gut gemacht haben. Kritik hingegen wehren wir ab. Es ist uns unangenehm, wenn uns jemand auf vermeintliche oder tatsächliche Fehler oder Defizite hinweist.
In der christlichen Tradition hat sich hier der Begriff der „brüderlichen Zurechtweisung“ herausgebildet. Von dieser handelt die Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel; von dieser spricht auch Jesus im Evangelium nach Matthäus. Es kann Fälle geben, wo wir um des Wohles und Heiles unseres Nächsten willen sogar verpflichtet sind, ihn in ernster Form auf Wichtiges hinzuweisen – so nämlich, dass eine Korrektur nötig ist, weil wir wahrnehmen, dass der Mitmensch durch seine Entscheidungen und Handlungen selber in Gefahr kommt, sei es in Bezug auf sein physisches Leben, aber auch in Bezug auf das geistliche Leben.
Wenn man aber selbst der Betroffene ist und von anderen ermahnt oder gerügt wird, ist man naturgemäß nicht erfreut und zuerst wahrscheinlich auch nicht dankbar. Im Rückblick aber kann sich dann doch zeigen, wie wichtig dieser Hinweis war, um nicht einen Irrweg zu gehen. Papst Franziskus hat einmal gesagt, die geschwisterliche Zurechtweisung solle jedenfalls aus Liebe geschehen. Das heißt, es darf nicht darum gehen, den Mitmenschen herabzusetzen.
Deshalb ist nach den Worten Jesu auch das diskrete Gespräch vorzuziehen. Erst wenn sich jemand nicht einsichtig zeigt und es wirklich um etwas Wichtiges geht, das die ganze Gemeinschaft betrifft, soll ein weiterer Kreis einbezogen werden. Die größte Form der Öffentlichkeit wäre dann die Einbeziehung der kirchlichen Gemeinschaft, der nach den Worten Jesu die Binde- und Lösegewalt anvertraut ist und die diese in besonderer Weise durch die Apostel und deren Nachfolger, also die Bischöfe in Einheit mit dem Papst, ausübt.
Die Liebe hat immer das Wohl und Heil des Nächsten im Blick; sie vergönnt und wünscht dem Mitmenschen nichts Böses, sondern nur Gutes. Wenn zum Beispiel Eltern in der Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgabe ihren noch unmündigen Kindern bestimmte Vorgaben machen, so tun sie dies deshalb, weil ihnen an der guten Entfaltung und Entwicklung ihrer Kinder etwas liegt. Später als Erwachsene werden sie ihre eigenen Wege gehen und selber verantwortlich sein für das, was sie tun.
Etwas gibt es auch zu bedenken: Wir sollen nicht den Splitter im Auge des Mitmenschen sehen und dabei den Balken im eigenen Auge übersehen, sagt Jesus einmal (vgl. Mt 7,3–5). An erster Stelle soll also bei Erwachsenen die eigene Gewissenserforschung stehen, also die Selbstprüfung, sowie der regelmäßige Empfang des Sakraments der Buße. Denn die vermeintlichen Fehler des Nächsten sind oft nur Dinge, die wir nicht verstehen oder nachvollziehen können. Da gilt es, ein weites Herz zu haben und tolerant zu sein mit den Meinungen und Verhaltensweisen anderer, auch wenn wir selber es anders machen würden oder etwas nicht billigen. Wie es der verstorbene Papst Franziskus formuliert hat: „Und sehr oft bedeutet das auch: die Probleme und Schwächen der anderen ertragen, in Stille und Gebet, um dann den richtigen Weg zu finden, um ihm zu helfen.“
Dort aber, wo Gefahr in Verzug ist, ist es tatsächlich ein Werk der Nächstenliebe, den Mitmenschen auf etwas Wichtiges hinzuweisen und ihm zugleich eine gute Möglichkeit der gesichtswahrenden Korrektur anzubieten. Er wird es uns letztlich danken, auch wenn er sich momentan mit einer solchen Ermahnung schwer tut.
Keiner steht über dem anderen, und doch tragen wir Verantwortung auch füreinander. Dies alles gilt es zu bedenken und im Geist geschwisterlicher Liebe ins Leben umzusetzen. Möge die Fürbitte der Gottesmutter Maria und des heiligen Josef dabei stets begleiten! Amen.
