Predigt:
26. Sonntag im Jahreskreis A (29.09.2002)
L1: Ez 18,25-28; L2: Phil 2,1-11; Ev: Mt 21,28-32
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn uns jemand fragt, ob wir Christen uns als die besseren Menschen fühlen dürfen, dann werden wir ehrlicherweise antworten müssen: „Nein, natürlich nicht!“ Denn das Leben mit seinen Prüfungen und Schwierigkeiten ist für alle gleich, und als Mensch darf sich keiner über den anderen erhaben dünken.
Wenn wir allerdings auf Jesus Christus schauen, von dem wir den Ehrennamen „Christen“ erhalten haben, dann müssen wir sagen: Es ist ein sehr hoher Anspruch, der in dieser Zugehörigkeit zu Jesus Christus liegt. Es ist eine große Würde, ein Geschenk, eine Gnade, daß wir durch die Taufe Kinder Gottes sind und uns als katholische Christen bekennen dürfen. Es ist zugleich auch ein Auftrag, eine Verpflichtung, unser Leben diesem Glauben entsprechend zu ordnen und zu vollbringen.
Damit unser Leben als Christen gelingen kann, gibt der Apostel Paulus im Brief an die Philipper wichtige Ratschläge. Er hat natürlich die Situation jener besonderen Gemeinde vor sich, und dennoch gelten seine Worte auch für uns. In diesen Hinweisen spiegelt sich etwas wider von der Kraft und dem Glanz der Heilsbotschaft, wie sie uns in der Menschenfreundlichkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus geschenkt worden ist.
Vor allem ist es die Einheit der Gesinnung, die der Apostel hervorhebt. In der Gemeinde Gottes darf es keine Spaltung und keinen Unfrieden geben. Niemand soll sich auf Kosten des anderen hervortun oder wichtig machen. „Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst.“ Ein wahrhaft heroischer Rat, der uns gewiß zu provozieren vermag! Aber letztlich werden wir sagen müssen: Ohne Selbstbescheidung, ohne Nachgeben und Verzeihen-Können wird es nicht gehen. Zukunft hat eine Gemeinde nur, wenn sie wirklich „eines Sinnes“ ist, wenn alle „einander in Liebe verbunden“ sind, „einmütig und einträchtig“.
Freilich sind wir uns bewußt, daß wir dies in der Kirche als ganzes und in der Kirche vor Ort, d.h. in der Diözese und in der Pfarrgemeinde immer nur ansatzweise und bruchstückhaft leben und verwirklichen können. Es wird immer das Menschliche geben und leider auch das Anstößige, das Ärgernis, das, was eigentlich nicht sein darf und doch störend dazwischentritt in das geordnete Verhältnis der Menschen zueinander und zu Gott!
Man wird aber wohl sagen können: Solange es das aufrichtige Bemühen um das Zueinander und Miteinander gibt, solange man gemeinsam nach Wegen sucht, um Schwierigkeiten zu überwinden, Mißverständnisse auszuräumen und Feindseligkeiten abzubauen, solange ist „Kirche“ glaubwürdig und authentisch. Solange stehen wir wirklich in der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn!
Eben hier setzt der Apostel Paulus an. Nach dem Hinweis darauf, daß jeder nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen achten solle, richtet Paulus an uns den guten Rat, die herzliche und aufrichtige Ermahnung: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.“
Das heißt mit anderen Worten: Nicht wir selber sind die besseren Menschen, sondern Jesus Christus muß uns besser machen. Seine Gesinnung der Liebe und Hingabe muß auch uns erfüllen und leiten. Um diese Gesinnung zu veranschaulichen, folgt der großartige urchristliche Hymnus über die Entäußerung und Erhöhung Christi um des Heiles der Menschen willen.
Christus „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein“, heißt es da gleich zu Beginn. Hier geht es um die ewige Gottessohnschaft Jesu Christi. Als Gott ist er dem Vater gleich von Ewigkeit. Dieses Gleichsein hielt er aber nicht fest wie einen Raub, sondern er glich sich in Liebe uns Menschen an durch seine Fleischwerdung aus der Jungfrau Maria. Selbstverständlich verlor der Sohn Gottes durch die Menschwerdung seine ewige Gottessohnschaft nicht, aber er verbarg seine Herrlichkeit vor den Menschen.
Darum setzt der Hymnus fort: „Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.“ Wenn wir diesen Abstieg aus der Höhe des Himmels in unsere erdenhafte Niedrigkeit bedenken, dann müssen wir staunen über die Herablassung des gnädigen Gottes, über die Demut des menschgewordenen Sohnes Gottes. Er, der Sohn, wurde wie ein Sklave, um uns aus der Sklaverei der Sünde und des Todes zu befreien und zu Söhnen und Töchtern des lebendigen Gottes zu machen!
„Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ Hier geschieht Selbstentäußerung aus Liebe; dies ist der Gipfel der Hingabe des Erlösers für die Menschen, der Tod am Kreuz!
Wie der Philipperhymnus dann freudig bekennt, war das Leiden und der Tod des Gottessohnes am Kreuz nicht das Ende, sondern der Anfang der Vollendung: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr – zur Ehre Gottes, des Vaters.“ In der Auferstehung und Himmelfahrt hat Gott der Vater seinen eingeborenen Sohn verherrlicht durch die Kraft des Heiligen Geistes. Wir dürfen im Glauben bekennen, daß in unserem Herrn die neue Schöpfung bereits Wirklichkeit geworden ist. Er ist der Anfang unseres neuen Lebens bei Gott, an dem wir alle seit der Taufe teilhaben dürfen durch den Glauben und die heiligen Sakramente.
Liebe Gläubige! Wenn wir diese wenigen Zeilen aus dem Philipperbrief noch einmal überdenken, dann werden wir sagen können, daß die Worte des heiligen Paulus viel Zuversicht und Freude ausstrahlen. Die ersten Christen hatten es bestimmt nicht leicht in einer oft feindlichen heidnischen Umgebung. Sie waren zahlenmäßig nicht viele, und dennoch war in ihrem Herzen eine Hoffnung lebendig, die ihnen Kraft gab in aller Not und Bedrängnis. Sollten nicht auch wir in jeder Lebenslage unser Herz zu Gott erheben und ihm alle Sorgen anvertrauen? Er wird auch uns stärken zum guten Werk und einst alles in der Herrlichkeit des Himmels vollenden. Die Voraussetzung ist, daß wir hier auf Erden die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus Christus suchen, so wie es uns die Kirche verkündet und es uns die Heiligen vorgelebt haben.
Möge uns die Fürbitte der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria allezeit begleiten und zum ewigen Leben führen! Amen
