Dr. theol.
habil. Josef Spindelböck
Ein Segen sollst du sein
Predigt am 2. Sonntag der
Fastenzeit A
17. Februar 2008
L 1: Gen 12,1-4a; L 2: 2 Tim 1,8b-10; Ev: Mt 17,1-9
Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wegziehen von daheim, Aufbrechen zu neuen Zielen – das war der göttliche
Auftrag, wie er an Abram ergangen
ist, der später Abraham genannt
werden sollte. Abram wanderte zusammen mit seinem Vater Terach, seinem Neffen
Lot und seiner Frau Sarai aus Ur in
Chaldäa aus, um in das Land Kanaan zu ziehen (vgl. Gen 12,31). Vorübergehend
ließen sie sich in Haran nieder, wo Abrams Vater Terach starb.
Da erging das Wort des Herrn an
Abram, er solle nun wegziehen aus seinem
Land und von seiner Verwandtschaft in
ein Land, das Gott ihm zeigen werde. In der Weise, wie Abram hier
gehorchte, zeigte sich sein Glaube. Er
sah das verheißene Land noch nicht und gab doch alle bisherigen Sicherheiten
auf. Seine Sicherheit, sein Vertrauen sollte von nun an allein gegründet auf Gottes Zusage sein, auf sein
Wort, seine Verheißung. Er glaubte und vertraute Gott, der ihn nicht in die Irre führen würde. So erreichte er schließlich
sein Ziel.
Ganz entscheidend aber waren
jene Worte, in denen Gott dem Abram zugleich ein Versprechen machte und auch
einen Auftrag gab. Dieses Versprechen lautete: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß
machen. Ein Segen sollst du sein.“
Ja, ein Segen sollte Abraham sein
für viele andere! Sein Leben war nicht wertlos oder unbedeutend, sondern in
dem Maße, als er dieses Leben Gott schenkte und anvertraute, würde es auch für
andere zum Segen werden.
Segen bedeutet Leben von Gott her,
Leben in Fülle, Leben ohne Ende. Segen bedeutet Gemeinschaft des Friedens und der Liebe, Hoffnung über den Tod hinaus, ewiges
Leben. All das wurde Abraham zuteil, der Gott glaubte und vertraute. Es wurde
ihm geschenkt nicht bloß für sich, sondern auch für andere. Ein Mittler des Segens sollte Abraham
werden und damit den wahren
Segensmittler der Menschheit ankündigen,
unseren Herrn Jesus Christus (vgl. Gal
3,14). In ihm ist uns allen Gottes Segen geschenkt worden, wenn wir auf sein
Wort hören: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat
uns mit allem Segen seines Geistes
gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.“ (Eph 1,3)
Liebe Brüder und Schwestern! Könnte das nicht auch für unser Leben
gleichsam ein Motto sein, ein Leitspruch,
ein Stern der Orientierung: dass wir zum
Segen sein sollen für uns und
andere? Wenn wir dieses Wort in seiner tiefsten Bedeutung erfassen, dann werden
wir es nicht bloß im irdischen Sinn verstehen, sondern auf Gott beziehen: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene
Geschenk kommt von oben, vom Vater der Gestirne, bei dem es
keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt“ (Jak 1,17). Segen sein und werden
für andere können wir nur, wenn wir zuvor selber Segen empfangen haben. Um dafür bereit und offen zu sein, müssen
wir „nach oben“ blicken. Wir sollen
unser Herz dorthin wenden, wo wir
das wahre Glück und die wahre Freude finden: zu Gott, dem Guten und Vollkommenen, dem nichts fehlt und der in reicher Segensfülle seine Gaben ausgießt
und sie allen spendet, die dafür bereit sind!
Die „Fastenzeit“ ist eine gute Gelegenheit, für diesen himmlischen Segen
neu offen zu werden und diesen dann – so gut es uns gelingt – auch in Liebe weiterzugeben an unsere
Mitmenschen. Machen wir doch wieder
einmal jemandem eine Freude! Schenken wir jemandem ein gutes Wort,
zeigen wir durch eine hilfreiche Geste,
wie viel uns am anderen liegt – und tun wir dies in Einheit mit unserem Herrn Jesus Christus, der uns in der Taufe
zu Kindern Gottes gemacht hat, wodurch wir wahrhaft auch „Kinder Abrahams“
geworden sind.
Es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen von der Gnade Gottes
geheimnisvoll berührt werden. Wie viele
sind es schon gewesen, die gleichsam
umhergeirrt sind auf der Suche nach dem wahren Glück und es nirgendwo
gefunden haben! Nach bitteren Erfahrungen
und Enttäuschungen war da irgendetwas oder irgendjemand, der sie aufmerksam
gemacht hat auf das Wirken Gottes und ihnen wieder Mut und Hoffnung geschenkt hat. So konnten sie ihr Leben, wie immer es ausgesehen hat, ganz Gott anvertrauen, der in seiner Liebe das bewirkt hat, was wir
wirklich „Neuschöpfung“ nennen: die Gnade des Neuanfangs, auch wenn man
zuvor die Scherben des alten Lebens unter Tränen beweinen musste …
Ganz sicher steht uns vom Himmel aus die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria mit ihrer Fürbitte bei. Sie möge
uns bei Gott die Gnade vermitteln,
dass auch wir wie Abraham „zum Segen werden“
für andere und so die Güte und Liebe Gottes ausstrahlen in dieser Welt. Amen.
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