Dr. theol. habil. Josef Spindelböck
Vom Hauptgebot
der Liebe
hängt alles übrige ab
Predigt am
30. Sonntag im Jahreskreis A
26. Oktober 2008
L 1: Ex 22,20-26; L 2: 1 Thess 1,5c-10; Ev: Mt 22,34-40
Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Heuer trifft es sich, dass der österreichische Nationalfeiertag auf einen Sonntag fällt. Wir danken Gott dem Herrn, dass wir in
einem freien Land und in Frieden und Sicherheit leben dürfen. Zugleich bitten wir Gott auf die Fürbitte
der Rosenkranzkönigin, der heiligen Jungfrau Maria, um Schutz und Segen für
dieses Land und seine Bewohner!
Was sind die eigentlichen Fundamente für das Bestehen
eines Gemeinwesens? Worauf kann sich auf Dauer eine staatliche Gemeinschaft
gründen? So manches fällt uns ein, was
wichtig ist: eine gut funktionierende Wirtschaft,
genügend Arbeitsplätze, der soziale Friede, die Absicherung des Gesundheits- und Pensionssystems,
stabile Familien, der Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte und noch so manches
andere. Wir wissen um all dies, was nötig ist für das Funktionieren einer
staatlich organisierten Gesellschaft, und die politischen Parteien haben noch
vor kurzem um unsere Stimme geworben für das, was aus ihrer Sicht von
besonderer Bedeutung und unterstützenswert ist.
Wir anerkennen all das Angeführte und noch mehr als wertvoll,
ja unerlässlich für Staat und Gesellschaft. Zugleich aber wissen wir um die Brüchigkeit menschlicher Sicherungen
und um die Vorläufigkeit allen Bemühens. Gerade die gegenwärtige internationale
Finanzkrise zeigt uns dies wieder drastisch auf. Letztlich ist es ja doch so,
wie es in der Heiligen Schrift im Psalm
127 zum Ausdruck gebracht ist: „Wenn
nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut. Wenn
nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter umsonst.“ Oder anders
gesagt könnten wir auch sagen: „An
Gottes Segen ist alles gelegen.“
Wir leben also von grundlegenden Voraussetzungen, die wir
uns nicht selber schaffen können und die wir nicht selber garantieren können. Nicht wir Menschen bauen uns unsere
Zukunft, sondern wir sind aufgerufen dort mitzuarbeiten, wohin uns Gott
gestellt hat, der uns einen Auftrag in dieser Welt gegeben hat und uns seinen
Beistand und Segen verheißt.
Die Worte Jesu im
heutigen Evangelium lenken unseren Blick auf dieses einzig Wesentliche des
menschlichen Lebens. Was er sagt, gilt für den Einzelmenschen, aber auch für
die Menschen in Gemeinschaft. Das wichtigste
Gebot, so sagt er, ist die Gottes-
und Nächstenliebe. Darauf gründet alles übrige, und darin ist letztlich
alles zusammengefasst. Es geht darum, Gott
zu lieben aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele, mit allen unseren
Kräften. Zugleich sind wir aufgerufen, den
Nächsten so zu lieben wie uns selbst.
Was einfach klingt und vielen auch einsichtig ist, lässt
sich nicht immer leicht ins Leben umsetzen. Gerade bei der Erfüllung des
Gebotes der Liebe dürfen wir nicht auf unsere eigenen Kräfte bauen, sonst sind
wir bald am Ende. Eine rein
innerweltlich begründete Humanität wird sicher einen gewissen Anstand
wahren und bestimmte Grundsätze vertreten. Was aber geschieht, wenn man selber
keinen Vorteil mehr davon hat, indem man sich für den Mitmenschen einsetzt und
Gutes tut? Da resigniert der Mensch leicht und vergisst seine Ideale. Gerade die
Armen und Schwachen der Gesellschaft sind auf uns angewiesen und können uns das
nicht vergelten, was wir ihnen tun. Um uns hier auf Dauer und wirksam für das Gute einzusetzen und wirklich die Liebe zu üben, genügt es
nicht, auf das eigene Vermögen zu bauen. Wir brauchen die Hilfe Gottes!
So werden wir durch das Gebot der Nächstenliebe letztlich
auf die Gottesliebe verwiesen. Nur wenn
Gott im Mittelpunkt unseres Lebens steht, wenn er unser Ein und Alles ist,
erweisen wir ihm die gebührende Ehre. Nur dann kann seine Liebe uns ergreifen
und innerlich verwandeln, sodass wir zu Boten
des Heils werden für unsere
Mitmenschen.
Gerade hier liegen die Kraftquellen für die Erneuerung unserer Gesellschaft, allem
Pessimismus zum Trotz, der manchmal auch den glaubenden Menschen ergreifen mag.
Jeder einzelne und alle gemeinsam sind
wir aufgerufen, unser Herz zu Gott zu erheben und uns von ihm jeden Tag
aufs neue die Liebe schenken zu lassen.
Die Liebe ist zuerst eine Gabe, die
wir von Gott erhalten, bevor sie zur
Aufgabe wird, indem wir auch gegenseitig in Liebe füreinander da sind und
füreinander sorgen, in schönen und in schweren Stunden.
Tatsächlich hängt
von diesen beiden Geboten – der Gottes- und der Nächstenliebe – unsere Zukunft
ab und das Wohl und Wehe unseres
Landes, ja der ganzen Menschheit. Möge Gott der Herr alles menschliche
Bemühen segnen und zur ewigen Vollendung in seinem Reiche führen!
Amen.
Karol Wojtyła / Johannes Paul II.,
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