Predigt:
Unsere Talente sind Gaben Gottes
33. Sonntag im Jahreskreis A (13.11.2005)
L1: Spr 31,10-13.19-20.30-31; L2: 1 Thess 5,1-6; Ev: Mt 25,14-30
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das Evangelium des 33. Sonntags im Jahreskreis setzt die Reihe jener Texte aus der Heiligen Schrift fort, in denen uns entsprechend der liturgischen Ordnung der Kirche die Ausrichtung unseres Lebens auf das letzte Ziel – die Vollendung in Gott – besonders klar vor Augen tritt. Die Zeit auf Erden ist kurz; wir sind angehalten, zu wachen, zu beten und zu wirken. Es ist die Zeit der Bewährung, darauf folgt – wenn wir in der Gnade Gottes sterben – der himmlische Lohn. Möge uns Gott davor bewahren, die Zeit der Gnade verstreichen zu lassen und unser Heil zu verwirken!
Das Gleichnis von den Talenten, die ein jeder vom Herrn erhalten hat und mit denen es zu arbeiten gilt, zeigt uns, wie wunderbar und groß die Lebensaufgabe und Berufung jedes einzelnen ist. Als Menschen verbindet uns eine grundlegende Gleichheit der Würde. Ob geboren oder ungeboren, ob jung oder alt, ob gesund oder krank, ob Mann oder Frau – jeder Mensch ist nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen und dazu berufen, ein Kind Gottes zu sein und einmal die ewige Glückseligkeit bei Gott zu erlangen.
Verschieden sind aber die konkreten und individuellen Ausprägungen unseres Menschseins. Jeder hat bestimmte und ganz besondere Qualitäten. Wir ergänzen und brauchen einander. Nur zusammen können wir unser Leben gestalten und bewältigen und das Heil wirken. Das beginnt in der Familie, der grundlegenden Gemeinschaft, welche sich auf die Ehe als Bund der Liebe zwischen Mann und Frau gründet. Bereits hier lernen die Familienmitglieder, wie wichtig es ist, aufeinander Rücksicht zu nehmen, einander zu helfen und beizustehen. Hier wird die ursprüngliche Erfahrung des Gemeinsamen, aber auch der Unterschiede vermittelt. Unterschiede sind keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung, wenn sie in Achtung und Liebe angenommen und gelebt werden.
Als wir vor kurzem das Hochfest Allerheiligen gefeiert haben, ist uns erneut bewusst geworden, wie vielfach die Berufungen zur Heiligkeit sein können. Ein(e) jede(r) darf und soll sich so entfalten, wie es vom Schöpfer in ihm (in ihr) grundgelegt ist. Die Talente, die wir erhalten haben, sollen wir zum eigenen Wohl, aber auch zum Wohl unserer Mitmenschen einsetzen.
Dabei denken wir nicht nur an besondere körperliche oder geistige Fähigkeiten und Fertigkeiten, die es auszubilden und anzuwenden gilt. In den verschiedenen Berufen ist es dann möglich, so zu wirken, wie es den eigenen Begabungen und Neigungen entspricht. Wir wollen auch an die Gaben des Herzens denken, die Gott in einem jeden von uns grundgelegt hat: die Fähigkeit zuzuhören, für andere Verständnis und Anteilnahme aufzubringen, die Gabe, Streit zu schlichten und Versöhnung zu stiften, der Geist des Gebets und der stillen Einkehr, die spontane und selbstlose Hilfsbereitschaft, die mutige Bereitschaft des Dienstes an der Gemeinschaft und vieles andere – all das zeigt uns, dass es keinen Menschen gibt, der nicht irgendeine besonders kostbare Gabe erhalten hätte, die in dieser Form und Qualität bei ihm allein vorhanden ist. Ein jeder ist unverwechselbar und eine Kostbarkeit in sich! Danken wir Gott für jeden Menschen und freuen wir uns, dass uns Gott so großartig beschenkt hat.
Daraus aber folgt nun der Auftrag, mit den vielen und großen Gaben Gottes in rechter Weise zu wirken. Es wäre verkehrt, würden wir die Chancen der Entfaltung, die damit verbunden sind, nicht anerkennen und die Hände in den Schoß legen. Wer nur auf die gebratenen Tauben wartet, die ihm in den Mund fliegen sollen, vertut sein Leben. Zurück bleibt am Ende nur Öde und Langeweile. Außerdem ist Müßiggang aller Laster Anfang. Wer keine positiven Ziele kennt und sich nur treiben lässt von momentanen Wünschen und Gelüsten, gerät leicht auf Abwege. Statt die Talente des Menschseins zu entfalten, richtet er sich selbst und andere zugrunde.
In besonderer Weise gilt dies von der Berufung zur Liebe, die wir alle in uns tragen. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. hat in seinem Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ vom 22. November 1981 festgestellt (in Nr. 11): „Gott hat den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen: den er aus Liebe ins Dasein gerufen hat, berief er gleichzeitig zur Liebe.“ Weil Gott selbst die Liebe ist, darum hat er auch in den Menschen die Fähigkeit zur Liebe als personale Hingabe eingestiftet. Gott prägt daher „der Menschennatur des Mannes und der Frau die Berufung und daher auch die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein. Die Liebe ist demnach die grundlegende und naturgemäße Berufung jedes Menschen.“
Eine besondere Form dieser Berufung zur Liebe ist ihre Verwirklichung in der Ehe und der Familie. Es gibt aber auch die Berufung zur gottgeweihten Jungfräulichkeit und zum ehelosen Leben. Hier wie dort gilt es, die Gaben des Herzens zu entfalten und offen zu sein für den Ruf Gottes. Hier wie dort ist der Mensch aufgerufen, nicht nur an sich zu denken, sondern sein Leben zu einer Gabe der Liebe für andere zu machen. Wer sein Leben einsetzt und hingibt, wird reiche Frucht bringen. Diese Frucht wird bleiben für das ewige Leben, wenn wir sie der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria anvertrauen. Möge uns einst die Fülle und Seligkeit des ewigen Lebens bei Gott geschenkt werden! Amen
