Predigt:
4. Fastensonntag A (10.03.2002)
L1: 1 Sam 16,1b.6-7.10-13b; L2: Eph 5,8-14; Ev: Joh 9,1-41
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In dieser Welt machen wir immer wieder die Erfahrung, daß es nicht nur Schönes und Gutes gibt. Kein Mensch kann am Leiden einfach so vorübergehen und sagen: Das interessiert mich nicht! Entweder betrifft es ihn persönlich oder er ist indirekt beteiligt, wenn er seine Mitmenschen leiden sieht. Das Evangelium vom heutigen 4. Fastensonntag möchte uns helfen, die Zusammenhänge recht zu sehen und die Dinge so zu deuten, wie sie der Glaube lehrt.
Am Beispiel der Heilung des Blindgeborenen erläutert uns Jesus, daß wir bei Vorliegen von Krankheit, Behinderung oder sonstigen Leiden nicht einfach sagen können: Der Betroffene oder irgend jemand sonst hat persönliche Schuld auf sich geladen, darum geht es ihm jetzt so schlecht!
In der jüdischen Gesellschaft von damals war ja die Verknüpfung von Leiden und Schuld auf sehr persönliche Weise gedeutet worden. Man meinte, der Betroffene oder vielleicht seine Eltern oder Vorfahren trügen für das ihm widerfahrene Elend unmittelbar die Verantwortung. Dies führte zur Stigmatisierung gerade jener, denen es schlecht ging; wirksame Hilfe und Verständnis wurden so erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Diesen Teufelskreis wollte Jesus durchbrechen!
Er hilft den Menschen, die in Not sind, unabhängig davon, wie sie in ihre mißliche Lage geraten sind oder sich eine bestimmte Krankheit oder ein bestimmtes Leiden zugezogen haben.
Natürlich: Wir sind uns bewußt, daß der Mensch Verantwortung für sein Leben und seine Gesundheit trägt und auch für das seiner Mitmenschen. Tatsächlich kann es vorkommen, daß durch eigene oder fremde Schuld jemand Schaden leidet und in der Folge krank oder behindert ist. Denken wir nur an die Folgen der Drogensucht oder des Alkoholismus, wo wir realistischerweise zugeben müssen, daß wenigstens am Anfang noch die Möglichkeit bestand, in Freiheit „Nein“ zu sagen. Sobald der Mensch aber einmal in die Abhängigkeit der Sucht gelangt ist, tut er sich schwer, davon loszukommen. Er braucht die Hilfe der anderen, die er umso lieber annehmen wird, als er von seinen Mitmenschen nicht nur Vorwürfe hört, sondern wahre und echte Anteilnahme, Verständnis und Liebe erfährt.
Jesus Christus, der Erlöser, ist der Arzt für Seele und Leib. Er hilft überall dort, wo Notleidende und Hilfsbedürftige seine Hilfe annehmen wollen. Und das ist beim Blindgeborenen der Fall! Jesus geht es um den ganzen Menschen: nicht nur um die Heilung des körperlichen Gebrechens, sondern um das umfassende Heil-Werden vor Gott. Darum verbindet sich bei seinen Heilstaten die Forderung nach Umkehr und Glaube. Nur wer bereit ist, Gott sein ganzes Vertrauen zu schenken, sein Leben zu ändern und Gutes zu tun, hat die rechte Einstellung und innere Verfassung, um das von Gott geschenkte Heil zu empfangen.
Das zeigt auch der von Jesus geheilte Blindgeborene. Er wirft sich vor dem Herrn nieder und bekennt in demütigem Vertrauen: „Ich glaube, Herr!“ Er ist wahrhaft sehend geworden: Nicht nur das irdische Licht der Sonne erkennt er jetzt, sondern er sieht mit den Augen des Herzens. Er erkennt, das Jesus wahrhaft der Messias ist. Wie unser Herr selbst sagt, ist er gekommen, damit die Blinden sehend werden.
Dann aber folgt ein Wort, das uns erschüttern sollte: Jesus ist auch gekommen, damit Sehende blind werden. Wie ist das zu verstehen? An Jesus Christus scheiden sich die Geister. Er ist ein Zeichen, dem widersprochen wird. Nur wer glaubt, wird wahrhaft sehend. Der Unglaube macht blind. Die Herzenshärte beläßt den Menschen im Bösen. Wir stehen vor der Entscheidung: Glauben wir an den menschgewordenen Sohn Gottes oder sind wir lieber „blind“, indem wir uns weigern, das Herz für die frohe Botschaft zu öffnen?
Lassen wir uns von der Sonne der göttlichen Liebe einladen zur gläubigen Hingabe unseres Herzens. Die heilige Gottesmutter Maria und viele andere haben und durch ihr Beispiel gezeigt, wie groß es ist, dem lebendigen Gott zu vertrauen und ihm zu dienen. Dann dürfen wir wahrhaft „sehen“, jetzt schon auf Erden in der Dunkelheit des Glaubens und einst im ewigen Licht der Anschauung Gottes in der Herrlichkeit des Himmels. Leiden und Tod haben keine Zukunft, denn der Sohn Gottes hat durch sein Leiden und Sterben alles Böse besiegt und uns eine ewige Erlösung geschaffen. Ihm vertrauen wir unser Leben im Glauben an! Amen
