Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Von der Sehnsucht
nach dem Himmelreich

Predigt am Allerheiligenfest
1. November 2008

L 1: Offb 7,2-4.9-14; L 2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a

Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Kein Mensch gleicht dem anderen. Dies gilt nicht nur im kleinen Kreis weniger Personen, sondern auch im Gesamt der Menschheit. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich voneinander: rein biologisch zwar nur wenigen Merkmalen, geistig-seelisch aber in jedem Fall. Und gebe es einmal, was Gott verhüten möge, 1000 Klone eines bestimmten Menschen: jeder von diesen wäre ein eigener Mensch und hätte das Recht auf eigene Entfaltung seines Lebens und Gestaltung seiner Geschichte!

Das hohe Fest „Allerheiligen“ macht uns dies aufs neue bewusst: Gott will uns alle als Persönlichkeiten; nicht die Kopie zählt, sondern das Original. Jeder soll der oder die sein, der er ist. Wir können viel voneinander lernen, doch braucht keiner im Leben das zu verwirklichen, was er nicht kann und nicht hat. Gottseidank gibt es viele Talente und Gaben, und wir alle brauchen einander!

So verschieden wir Menschen auch sind: uns verbindet doch viel. Vor allem ist es die Sehnsucht nach Wahrheit und Liebe, nach Glück, das nicht vergeht und bestehen bleibt, über den Tod hinaus! Wenn wir von den Heiligen des Himmels sagen, dass sie bei Gott für immer „selig“ sind, dann heißt dies: Sie haben ihr Glück wirklich und endgültig gefunden; niemand kann es ihnen mehr nehmen.

Das Wort „Himmel“ beschreibt in diesem Zusammenhang nicht den Wolken- oder Sternenhimmel, sondern das ewige Vollendet- und Erlöstsein jener Menschen, die ihr Ziel erreicht haben und nun bei Gott sind. Gott hat den Heiligen des Himmels, ja er hat uns allen schon im voraus „eine ewige Wohnung bereitet“. Nur dort kommt unsere Sehnsucht zur Ruhe; dort finden wir die Erfüllung im Tiefsten dessen, wonach wir uns von Herzen ersehnen.

So ist es bemerkenswert, dass es zwar nicht wenige Skeptiker und Ungläubige gibt, die das Dasein Gottes und das letzte Ziel des Menschen in der ewigen Gemeinschaft mit ihm in Frage stellen, man aber kaum einen Menschen findet, der zuzugeben bereit wäre, er wolle nicht glücklich werden. Sogar jener Mensch, der am Leben verzweifelt und keinen Ausweg mehr weiß, sehnt sich im tiefsten Herzen nach Glück, nach Vollendung. Das Streben nach Glück ist dem Menschen eingestiftet, und er sucht es auf verschiedenste Weise zu verwirklichen. Wenn der Mensch zu sich selber ehrlich ist, wird er einiges Tages sagen müssen: „All das, was ich auf Erden finde, genügt mir letztlich doch nicht. Denn so schön und kostbar es ist – es ist vergänglich. Ich aber suche das Glück über den Tod hinaus. Meine Sehnsucht ist so groß, dass mir die ganze Welt letztlich nicht genügen kann.“ Die Sehnsucht des Menschen ist Unsterblichkeit!

Was also ein jeder Mensch als Sehnsucht und als Frage mit sich trägt („Wie werde ich mein Glück finden?“), bekommt von Gott her eine Antwort. Gott, der die Liebe ist, hat sich uns Menschen geoffenbart durch seinen Sohn Jesus Christus und die Sendung des Heiligen Geistes. Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist für uns am Kreuz gestorben und auferstanden. Er verheißt uns ewiges Leben, ewiges Glück!

In den Seligpreisungen der Bergpredigt, die wir im Evangelium gehört haben, zeigt uns Jesus das Glück, das ewig währt und nicht vergeht. Es ist an gewisse Bedingungen geknüpft, obwohl es letztlich für alle ein Geschenk ist. Ein reines, lauteres Herz müsse man haben, sagt er. Nach Frieden und Gerechtigkeit solle der Mensch verlangen. Wenn es hier auf Erden Trauer gebe, werde es dort Freude geben. Wer hier um der Gerechtigkeit und um der Wahrheit willen verfolgt wird, erhält im Himmelreich seinen Lohn. Wer sich hier für den Mitmenschen einsetzt und da ist für andere, indem er Frieden stiftet, wird als Sohn oder Tochter Gottes anerkannt. Ja, selig sind all diese, welche auf das Wort Christi hören und die Offenheit des Herzens zeigen, indem sie vertrauen und glauben!

Vielleicht denkt sich mancher, wenn er diese Worte hört: „Schön und gut – aber ob das für mich zutrifft?“ Und doch sind wir aufgerufen zur Achtsamkeit und zum inneren Hören: Es sind eben nicht nur „fromme Sprüche“, die wir hier hören, denn Gott selber bürgt für das, was er uns mitgeteilt hat. Er selber steht ein für seine Verheißungen, die nicht ins Leere gehen. Wir sind alle eingeladen, uns auf diesen Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe einzulassen, und werden bestimmt nicht enttäuscht werden!

So wollen uns heute „alle Heiligen des Himmels“ ermutigen. Sie zeigen uns und rufen uns gleichsam zu, dass es für jeden Menschen einen Weg zu Gott gibt – einen Weg zum Glück, einen Weg zur Vollendung. Und wenn wir sagen sollten: „Ich kann nicht beten; mir fehlt der Glaube, mir fehlt das Vertrauen“, so ist doch die Sehnsucht bereits wie ein Gebet, das gleichsam durch die Wolken dringt und das Herz Gottes erreicht. Wenn Gott wirklich unser Vater ist, der unser Bestes will, dann dürfen wir gerade hier nicht zweifeln. Wir sollen vielmehr sagen: „Gott, so schwach und arm ich selber bin – du kennst all meine Not und all mein Sehnen; schenke mir deine Gnade und führe mich zum Heil.“

Die Gottesmutter Maria weist uns den Weg der demütigen Hingabe und des vollkommenen Vertrauens. „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“, antwortete sie dem Engel bei der Verkündigung. Sie ließ sich ganz ein darauf, was Gott mit ihr vorhatte. Leiden und Schwierigkeiten sind ihr nicht erspart geblieben, doch in allem hat sich ihr Glaube und ihr Vertrauen als siegreich erwiesen, sodass sie nicht die „Mutter der Schmerzen“ geblieben ist, sondern mit ihrem Sohn jetzt im Himmel als Königin herrschen darf. In mütterlicher Liebe denkt sie an einen jeden von uns und führt uns zu Jesus, ihrem Sohn!

Freuet euch alle, ihr Heiligen des Himmels! Freuet euch, ihr Menschen auf Erden. Gott hat uns zu seliger Vollendung berufen; er möge jeden Tag bei uns sein und einst heimholen in sein himmlisches Reich! Amen.

 

 

SANKT JOSEF - www.stjosef.at