Predigt:
Karfreitag A (29.03.2002)
L1: Jes 52,13-53,12; L2: Hebr 4,14-16; 5,7-9; Passions-Ev: Joh 18,1-19,42
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Es ist das Todesleiden des Herrn am Kreuz, die wir jetzt begehen und im Gedächtnis vergegenwärtigen. Am Karfreitag feiert die Kirche kein heiliges Meßopfer, sondern gedenkt in einer eigenen liturgischen Feier des Leidens und Sterbens Christi am Kreuz. Die unblutige Erneuerung und Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi, wie sie im eucharistischen Opfer geschieht, unterbleibt heute, da wir den Tag des blutigen Leidens und Sterbens des Herrn feiern und zum Zeichen unserer Liebe und Hingabe das heilige Kreuz verehren.
Tatsächlich macht es einen Unterschied, in welcher Gesinnung und Einstellung wir auf dieses Kreuz blicken. Wenn jemand nicht glauben kann oder nicht glauben will, dann sieht er im Kreuz nur ein Zeichen des Todes und des Endes, vielleicht sogar der Katastrophe. „Alles ist aus!“ Jesus ist kläglich gescheitert mit seiner Botschaft der Liebe und der Vergebung, da am Ende die rohe Gewalt doch stärker war. So mag jemand denken, der noch nicht oder nicht mehr glauben kann.
Was aber bedeutet das Kreuz des Herrn für uns Gläubige? Gewiß: Es ist nicht einfach ein Schmuckstück, eine bloße Verzierung, die uns zwar begleitet, aber letztlich nichts mehr zu sagen hat. Es geht um mehr: Im Kreuz Jesu Christi erkennen wir das Denkmal seiner Liebe. Es ist eine Liebe, die bis zum Äußersten und Letzten geht. Es ist die Liebe, die sich hingibt bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,8)!
Was war der Grund solcher Liebe? Wie kommt es, daß wir Menschen Anteil erhalten dürfen am Leben Gottes, das er uns schenkt durch den Tod und die Auferstehung Christi?
Wenn wir darüber nachdenken, müssen wir sagen: Letztlich ist alles Geschenk. Nicht wir haben es verdient, sondern es ist Gottes unbegreifliche Barmherzigkeit, die sich uns zuwendet in Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes. Beginnen wir beim Geheimnis der Schöpfung: Daß die Welt entstanden ist und alle Dinge und Lebewesen in ihr, ist im Plane Gottes begründet und in seinem Willen, seine eigene Vollkommenheit und Liebe nach außen hin mitzuteilen. Die Welt als Ganzes und vor allem der Mensch als Krone der sichtbaren Schöpfung soll ein Abbild der göttlichen Güte sein. Unser Sein und Leben haben wir nicht aus uns selbst. Wir verdanken es den Eltern, gewiß! Aber letztlich ist es allein Gott, der uns das Leben geschenkt hat.
Bedenken wir aber auch dies: Als der Mensch im Paradies die Freundschaft mit Gott aufgekündigt hatte durch die Sünde und der Macht des Todes verfallen war, der ewigen Gottferne, da hat sich Gott dieses Menschen erbarmt. Er hat den Erlöser angekündigt und ihn schließlich in diese Welt gesandt. In Knechtsgestalt ist der Sohn Gottes unter uns erschienen (vgl. Phil 2,6–7); er, der wahre Gott, nahm eine wahre Menschennatur an, um uns in allem gleich zu sein außer der Sünde. So hat er als Mensch unter uns gelebt und schließlich für uns gelitten. Er wurde gekreuzigt für uns und ist am dritten Tage auferstanden. Eben in dieses Opfer am Kreuz hat er alle Schuld und Bosheit der Menschen eingeschlossen und sie gesühnt. Der Sohn Gottes tritt an unsere Stelle, er ist das makellose Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Sagen wir nicht, wir hätten ein Anrecht auf dieses Erbarmen des Herrn. Grundlos und wirklich „umsonst“ ist Gottes Barmherzigkeit! Er hat uns geliebt, als wir noch Feinde Gottes waren durch die Sünde, um uns wieder mit Gott und untereinander zu versöhnen.
Was aber folgt aus dieser Liebe Gottes? Sie ist zuallererst eine Einladung an uns, daß wir die Versöhnung mit Gott annehmen, wie sie uns durch die heiligen Sakramente vor allem der Buße und der Eucharistie geschenkt wird. Dann aber geht es auch darum, daß wir uns mit unseren Mitmenschen versöhnen und ihnen Gottes Liebe weitergeben. Wenn wir selber zwar zu Gott beten: „Vergib uns unsere Schuld“, dabei aber hart im Herzen sind gegenüber unserer Schwester und unserem Bruder, dann laden wir neue Schuld auf uns. Wir erweisen uns so der göttlichen Barmherzigkeit und Vergebung nicht würdig.
Auf diesem Hintergrund mag uns das Gebot Jesu verständlich werden, wenn er sagt: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!“ (Joh 15,12) Es ist eine Liebe, die sich hingibt für den anderen bis in den Tod. Und andernorts sagt Jesus: „Liebet eure Feinde!“ (Mt 5,44) Auch das hat er uns durch sein eigenes Beispiel gezeigt, als er am Kreuz noch für jene gebetet hat, die ihn verfolgt und gequält hatten. So hat er allen verziehen und ihnen den Weg der Umkehr eröffnet.
Blicken wir also voll Glaube und Dankbarkeit auf das Kreuz! Es ist das Zeichen des Heils und der Erlösung, das Siegeszeichen. Wie Maria und Johannes wollen wir treu beim Herrn verweilen, auch unter dem Kreuz, um einst an seiner Auferstehung Anteil zu erlangen! Amen
