Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Maria – Urbild und Vollendung der Kirche

Predigt am Hochfest der Aufnahme Marias
in den Himmel
15. August 2008

L 1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56

Die liturgischen Texte finden Sie online im Schott-Messbuch.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Der heutige Festtag „Mariä Himmelfahrt“ bringt die Freude der ganzen Kirche darüber zum Ausdruck, dass die Jungfrau und Gottesmutter Maria in der himmlischen Herrlichkeit ganz bei Gott vollendet ist: Mit Leib und Seele darf sie nun als Verherrlichte Gott schauen und ist uns Menschen in mütterlicher Weise durch ihre Fürbitte nahe.

Die Kirchenväter, also jene Bischöfe und Theologen aus den ersten christlichen Jahrhunderten, die in besonderer Weise von der Kirche als verlässliche Zeugen für die Wahrheit Christi anerkannt sind, haben immer wieder eine Beziehung hergestellt zwischen Maria und der Kirche. Maria, so sagen sie, ist gleichsam das Urbild der Kirche, ihre reinste Darstellung und Verwirklichung. Wie die Kirche Jungfrau ist, weil sie das Wort Gottes hört und in Treue unversehrt bewahrt, so ist Maria Jungfrau dem Leibe und der Seele nach, weil sie ganz Gott gehört und ganz offen und bereit war für die Botschaft Gottes durch den Engel, der ihr verkündete, sie solle die Mutter des Erlösers werden. Außerdem ist die Kirche Mutter, indem sie die Gläubigen aus Wasser und Heiligem Geist zum ewigen Leben gebiert in der Taufe. Auch hier erweist sich dies in Maria erfüllt und auf einzigartige Weise verwirklicht: Sie, die Mutter des menschgewordenen Sohnes Gottes, ist ja auch die Mutter all jener geworden, die durch Jesus Christus an Gott glauben und in der Taufe zu Kindern Gottes geworden sind.

So weist uns das Bild der apokalyptischen Himmelsfrau, wie es uns in der ersten Lesung vorgestellt wird, hin sowohl auf die Kirche in ihrer Bedrängnis hier auf Erden und in ihrer Vollendung im Himmel als auch auf Maria, die Gottesmutter und Mutter aller Gläubigen, die in Liebe Sorge trägt für uns als ihre geistlichen Kinder und uns dort im Himmel haben möchte, wo sie bereits in Einheit mit ihrem Sohn Jesus Christus die ewigen Freuden genießen darf.

Das heutige Fest zeigt uns, dass Gott den ganzen Menschen vollenden will, an Leib und Seele. Maria durfte Jesus auf Erden in Treue nachfolgen, indem sie nicht nur seine Mutter war, sondern gleichsam auch seine erste Jüngerin, die im Glauben sein Wort angenommen hat. Wegen ihrer unlösbaren Verbindung mit ihrem Sohn Jesus Christus hat Gott sie am Ende ihres Lebens aufgenommen in die himmlische Herrlichkeit. So durfte sie als erste an der Auferstehung ihres Sohnes Jesus Christus Anteil erhalten.

Auch wir erwarten von Gott bei der sichtbaren Wiederkunft Christi am Ende der Welt die Auferstehung unseres Leibes. Wenn wir in Liebe mit Gott verbunden waren hier auf Erden und im Frieden Christi gestorben sind, so wird dies eine Auferstehung zum Leben sein. Wer Gottes Liebe nicht annehmen wollte und ihm in den Brüdern und Schwestern nicht dienen wollte, wird auferstehen zum Gericht, wie unser Herr im Evangelium sagt: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, zum Gericht.“ (Joh 5,29)

Der Realismus des Glaubens geht also sehr weit: Unser sterblicher Leib wird auferstehen, und in Maria hat er dieses Wunder bereits wahr gemacht! Ihr Leib brauchte die Verwesung nicht schauen, sondern wurde von Gott verwandelt und verklärt, sodass sie in ihrer einzigartigen Schönheit und Herrlichkeit bei Gott im Himmel thront.

In Maria blickt die Kirche auf ihre eigene Vollendung: Mag auch hier auf Erden so vieles noch mit Unvollkommenheit, Mühsal und Leid verbunden sein, mag es hier auf Erden unter den Gläubigen auch viele Sünder geben, so ist doch der Kirche als ganzer von Gott die Herrlichkeit der Vollendung verheißen. Wir können sogar sagen: In jenen Menschen, die bereits bei Gott im Himmel sind, ist die Kirche schon in ihrem Anfang vollendet.

Das gläubige Vertrauen auf Maria gibt uns also Hoffnung: Wir empfehlen uns und alle unsere Lieben ihrer Fürsprache bei Gott. Er ist getreu und möge auch uns in seiner Liebe einst für ewig vollenden in seinem Reich! Amen.

 

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