Predigt:
Palmsonntag A (24.03.2002)
L1: Jes 50,4-7; L2: Phil 2,6-11; Passions-Ev: Mt 26,14-27,66
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Triumphal hat sich der Einzug unseres Herrn Jesus Christus in Jerusalem gestaltet. Alles wird aufgeboten, was zur Verfügung steht: Kleider und Teppiche werden ausgelegt, Menschen säumen die Straßen und Wege und jubeln dem Herrn zu, Palmzweige in den Händen: Hosanna dem Sohne Davids! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Eben dieses Ereignis feiert die Kirche jedes Jahr am Palmsonntag, und wir zeigen durch die Segnung der Palmzweige und die anschließende Prozession, daß auch wir Christus als unseren König mit Freuden begrüßen und empfangen. Der Sieger und Herr kommt in unsere Mitte, und wir sind das Volk, das er sich zu eigen erworben hat durch sein Leiden und Sterben am Kreuz, durch das Vergießen seines kostbaren Blutes.
Aber halt! Noch sind wir nicht so weit. Die Freude der Menschen über den Einzug Jesu, der auf dem Esel sitzend zu ihnen kam, war oberflächlich und verfrüht. Sie meinten, der Messias sei gekommen und würde unter ihnen ein irdisches Königreich aufrichten. Sie verstanden nicht, daß das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist. So mußten die kommenden Tage der Gefangennahme, des Verhörs und der Kreuzigung des Herrn zu einer katastrophalen Enttäuschung führen und wie der Zusammenbruch aller Hoffnungen erscheinen.
Ehrlich gesagt: Wir tun uns ja leicht aus dem Rückblick von Tod und Auferstehung Christi zu sagen, die Menschen damals seien voreilig und unvernünftig gewesen. Gewiß: Weil wir glauben dürfen an den Gekreuzigten und Auferstandenen, „wissen wir es besser“. Aber dieses „Besserwissen“ ist nicht unser Verdienst, und es darf nicht zu jener falschen Überheblichkeit und Selbstsicherheit führen, die der Anfang vom Ende ist, das Zeichen des nahen Falls ins Bodenlose.
Stehen nicht auch wir täglich in der Herausforderung zu glauben? Das Gegenzeugnis der Gesellschaft mit ihren Verlockungen und Verirrungen macht es uns manchmal nicht einfach, uns zu Christus und seiner Kirche zu bekennen. Die Versuchung ist schließlich da, daß wir als Gemeinschaft der Glaubenden triumphieren wollen, ohne vorher Kreuz und Leid auf uns genommen zu haben. Wir wollen teilhaben an der Auferstehung, ohne das Geheimnis der Erlösung im Kreuz Christi ausreichend bedacht und verinnerlicht zu haben. Und dabei vergessen wir allzuleicht, daß eben dies nicht der Weg Christi ist!
Jesus Christus, unser Herr, zog zwar triumphierend ein in Jerusalem, aber in seinem Herzen war er der Demütige. Er wußte um sein kommendes Leiden und Sterben und machte sich darüber keine Illusionen. Jene Menschenmenge, die ihm jetzt zujubelte, würde ihn wenige Tage später im Stich lassen und ausliefern. Er wußte, was im Menschen ist und kannte das Herz jener, die ihm nachfolgten. Und doch ließ er es geschehen!
Was aber hat unseren Erlöser bewegt, all das Kommende auf sich zu nehmen? Es war allein die Liebe seines Herzens, aus der heraus er sich hingegeben hat für uns alle. Er war mit seinem himmlischen Vater in der Einheit des Heiligen Geistes verbunden und hat es auf diese Weise nicht gescheut, das Kreuz auf sich zu nehmen. Weil er das Leben ist und ewiges Leben schenken will, nahm er den Tod auf sich. Die ganze Übermacht des Bösen ließ er an seinem eigenen Leib erfahren, um auf diese Weise zu zeigen, daß diese scheinbare Macht in Wirklichkeit nur Ohnmacht ist, weil Liebe immer stärker ist als der Tod.
Wenn wir auf diesem Hintergrund auf unser persönliches Leben blicken, auf das Leben der Kirche und auf die Gesellschaft und den Staat, dann zeigt sich sowohl Licht als auch Schatten. Der Glaube schärft unser Beurteilungsvermögen für das, was in uns und um uns vorgeht. Wir sind herausgefordert zur Stellungnahme. Es darf keine Lauheit geben, sondern nur das klare Ja zu Jesus Christus. Zeigen wir durch unser Leben aus der Kraft des Glaubens jenen, die auf der Suche sind und die ohne Hoffnung sind, daß es sich lohnt, in Verbundenheit mit Gott zu leben. Denn wir haben eine Hoffnung, die unzerstörbar ist, weil wir mit Christus in der Taufe begraben und auferstanden sind.
Mag kommen, was will: Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten! So wollen wir die kommende Karwoche feiern und vollziehen im Glauben und im Vertrauen darauf, daß das Erlösungsopfer Jesu Christi der Welt das Heil geschenkt hat. Er, der das gute Werk begonnen hat, wird es einst vollenden in Herrlichkeit! Amen
