Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Der Geist der Wahrheit und der Liebe

Predigt für den Pfingstsonntag
11. Mai 2008 (Lesejahr A)

 

L 1: Apg 2,1-11; L 2: 1 Kor 12,3b-7.12-13; Ev: Joh 20,19-23

Alle liturgischen Texte online finden Sie im Schott-Messbuch!

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Der Geist Gottes wirkt die Einheit; er führt die Kirche aus allen Völkern, Nationen und Sprachen zusammen zum einen Volk des neuen Bundes. So ist es geschehen vor 2000 Jahren in Jerusalem, als sich das Wunder der Ausgießung des Heiligen Geistes über die Apostel und Jünger sowie die gläubigen Frauen, zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, ereignete. Was ist geschehen, was tut sich hier? war die erste, nach Orientierung suchende Reaktion der um das Haus mit dem Abendmahlssaal sich versammelnden Menschen, die, wie es in der Apostelgeschichte heißt, buchstäblich aus aller Herren Länder kamen: Es waren Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch Römer, die sich hier aufhielten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber – all diese waren anwesend und wurden zu Zeugen des großen Sprachenwunders: Ein jeder hörte die Apostel in seiner Muttersprache reden!

Als Kontrast dazu müssen wir uns auf die Erzählung vom Turmbau zu Babel beziehen, wie uns dies im Buch Genesis des Alten Testaments überliefert wird. Wie es dort heißt, verwirrte Gott als Strafe für ihren Hochmut die Menschen, sodass sie einander nicht mehr verstanden. Babel heißt ja nach einer bestimmten Deutung soviel wie „Wirrsal“. Unabhängig davon, welcher geschichtliche Hintergrund hier tatsächlich gegeben ist, zeigt uns dieser Vergleich der alttestamentlichen Erzählung vom babylonischen Sprachenwirrwarr und dem neutestamentlichen Pfingstereignis, dass der Heilige Geist die Völker zusammenführt und gegenseitiges Verständnis schafft, während der menschliche Hochmut, der Egoismus und die Rechthaberei nichts als Unfrieden und Spaltung schaffen.

Wenn der Heilige Geist zu Pfingsten ausgegossen worden ist über die junge Kirche, dann ist es vor allem die Liebe, welche die Herzen der Menschen eint. Aber wir dürfen nicht die Grundlage für den Empfang des Geistes der Liebe vergessen: Es ist der Glaube an den einen wahren Gott, der als dreipersönlicher Gott in sich eine Gemeinschaft der Liebe und des Lebens ist und zugleich höchste Einheit und Einigkeit darstellt.

Der Apostel Petrus trat als machtvoller Prediger auf, als sich die Menge der Menschen um das Haus versammelte, wo sich das wunderbare Geschehen der Geistsendung ereignet hatte. Petrus scheute sich nicht, jenen Menschen gegenüberzutreten, die wenige Wochen zuvor noch aufgehetzt worden waren und den Tod Jesu gefordert hatten. Wie groß war danach die Angst der Apostel und Jünger Jesu gewesen! Erst die Erscheinungen des Auferstandenen hatten ihnen diese Angst zumindest teilweise genommen. Nun aber wurde alle Furcht und Verzagtheit endgültig von ihnen genommen, da sie der Heilige Geist erfüllte und sie im Glauben und in der Liebe bestärkte.

Petrus redete den Menschen zuerst ins Gewissen, indem er sie an ihre Mitschuld am Tod des Gerechten erinnerte. Zugleich aber machte er ihnen Hoffnung, indem er ihnen die Rettung durch Gott versprach. Sie sollten ihr Unrecht einsehen und bereuen, also zu Gott umkehren, an das Wort Gottes glauben und sich taufen lassen auf den Namen des Dreifaltigen Gottes.

Was ist der Hauptinhalt der Pfingstpredigt des Apostels Petrus? In der Apostelgeschichte 2,22-24 heißt es, dass er sich vor allem an die Israeliten, d.h. an die Juden, wandte und zu ihnen sagte: „Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst; ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ Und weiter führt er aus (Apg 2,32-33): „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen. Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört.“ Und schließlich die klare Aussage (Apg 2,36): „Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“

Als die Zuhörer diese Worte hörten, traf es sie mitten ins Herz, wie es heißt. Viele bekehrten sich, glaubten an das Evangelium und ließen sich taufen. So wirkte der Heilige Geist am Ursprung der Kirche.

Auch wir wollen Gott danken, dass wir zu seiner Kirche gehören; in ihr gibt es viel Menschliches und überall dort, wo Menschen sind, gibt es auch Schwachheit, Irrtum und Sündhaftigkeit. Aber all das, was der Heilige Geist in der Kirche wirkt, ist heilig und göttlich: Er erhält die Kirche unter der Leitung des Lehramtes des Papstes und der Bischöfe in der Wahrheit Christi; er stärkt uns in den Sakramenten mit seiner Gnade; er nährt uns durch das Wort der Wahrheit und bewirkt die Heiligkeit jener, die mit Christus in Glaube und Liebe verbunden sind.

Beten auch wir in Einheit mit der Gottesmutter Maria zum lebendigen Gott, dass auch über uns der Heilige Geist herabkommt und uns mit seinen Gaben erfüllt. Dann werden auch wir einander besser verstehen, in Liebe zusammenhalten und für den Glauben an Gott ein frohes Zeugnis geben! Amen.

 

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