Predigt:
Die Gnade des Herrn in Fülle
13. Sonntag im Jahreskreis B (02.07.2006)
L1: Weish 1,13-15; 2,23-24; L2: 2 Kor 8,7.9.13-15; Ev: Mk 5,21-43
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Am 2. Juli wird im deutschen Sprachraum normalerweise das Fest der Heimsuchung Marias gefeiert; diesmal entfällt der Festtag in liturgischer Hinsicht, weil er durch den ranghöheren Sonntag verdrängt wird.
Jesus, der menschgewordene Sohn Gottes, und seine Mutter Maria gehören auf jeden Fall zusammen. Wir können uns nicht zu Jesus Christus bekennen, wenn wir Maria vergessen und auf die Seite schieben; denn wer die Mutter ehrt, an der Gott Großes getan hat, ehrt den dreifaltigen Gott. Auch Maria hat bei der Begegnung mit ihrer Verwandten Elisabeth in ihrem „Magnificat“ Gott für alles Große in überschwänglicher Freude gepriesen, das er an ihr und allen Menschen getan hat. Denn wenn Gott jemanden zu einer besonderen Aufgabe erwählt – und das hat er in einzigartiger Weise bei Maria, der Jungfrau und Gottesmutter, getan –, dann tut er das, um durch die erwählte Person auch vielen anderen sein Heil zu schenken. In Maria, der Gnadenvollen, sind auch wir mit der Überfülle der Gnade Christi beschenkt!
Jene Gnade des Heiles und der Erlösung, die von Jesus Christus ausgeht, durften in besonderer Weise zwei Menschen erfahren, die von Leiden und Tod heimgesucht worden waren. Denn „Gott hat den Tod nicht geschaffen, und er hat keine Freude am Untergang der Lebendigen“, wie es in der 1. Lesung aus dem Buch der Weisheit heißt. Der Tod kam durch die Sünde in die Welt, und diese „durch den Neid des Teufels“. Gott will das Leben und schenkt es in Fülle. So heilte Jesus eine Frau, die seit zwölf Jahren an schweren Blutungen litt; dies geschah einfach dadurch, dass die Frau sein Gewand berührte und spürte, wie eine Kraft von ihm ausströmte. Jesus heilte auch ein Mädchen; richtiger gesagt: Er erweckte sie vom Tod wieder zum Leben, denn die Tochter des Synagogenvorstehers Jairus war bereits gestorben. An dieser Machttat erkannten die Menschen die Größe Gottes und seines Gesalbten, Jesus Christus.
Wie sieht es in unserem Leben aus? Ganz sicher findet sich – wenn wir nur ehrlich zu uns selber sind – so manches, das der Heilung und Erlösung bedarf. Es sind nicht nur die Gebrechlichkeiten und Leiden des Leibes, die uns früher oder später in irgendeiner Weise alle betreffen, wo der Mensch dann seine Grenzen spürt, vor allem angesichts des unvermeidbaren Todes, sondern es ist unser geistiges Leben, das auf das Heil Gottes angewiesen ist. Wie sollten wir sonst Vergebung empfangen für unsere Schuld, wie könnten wir sonst hoffen auf Versöhnung und Frieden mit Gott und mit den Menschen, wie wären wir sonst imstande, von Gott das Glück des ewigen und seligen Lebens zu erhoffen und die Auferstehung von den Toten zu erwarten, die wir im Glauben bekennen?
Die heilige Jungfrau Maria zeigt uns durch das Ja-Wort ihres Glaubens und die damit verbundene Lebensgeschichte, dass Gott entgegen allem Anschein Großes wirken kann und will. Wir müssen ihm nur vertrauen. Je größer unser Glaube und unser Vertrauen sind, desto reicher wird uns Gott mit seiner Liebe beschenken! Im heiligen Rosenkranz können wir die Geheimnisse des Heiles betrachten; dabei soll uns im Herzen bewusst werden, was Gott in seinem Sohn Jesus Christus, in seinem Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Großes für uns getan hat, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.
Nicht auf das nach außen hin Spektakuläre kommt es an, sondern auf die vielen kleinen Zeichen und Erweise des Glaubens und der Liebe. Wer ein offenes Herz hat, wird die Wunder der Liebe Gottes entdecken und dankbar anerkennen – bei sich und auch bei anderen. Amen
