Predigt:
An Jesus Christus scheiden sich die Geister
14. Sonntag im Jahreskreis B (09.07.2006)
L1: Ez 1,28-2,5; L2: 2 Kor 12,7-10; Ev: Mk 6,1b-6
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das Markusevangelium ist voll von Berichten über die Machttaten Gottes, die durch Jesus von Nazareth geschehen sind: Der menschgewordene Sohn Gottes heilte Kranke, trieb die Dämonen aus, wandelte über den See, speiste tausende Menschen auf wunderbare Weise, gewährte die Vergebung der Sünden und belehrte die Menschen über das Reich Gottes. Es heißt, dass so viele Menschen Jesus nachfolgten, dass er und seine Jünger kaum Zeit fanden zum Essen oder gar, sich einmal in Ruhe in die Einsamkeit zurückzuziehen. In alle Gegenden und Orte von Judäa und Galiläa eilte dem Herrn der Ruf des göttlichen Predigers und Wundertäters voraus, den alle kennen lernen wollten. Dennoch warteten seine Gegner und Feinde nur auf eine günstige Stunde, um ihn gefangen zu nehmen und den jüdischen und römischen Autoritäten auszuliefern.
Auf diesem Hintergrund der allgemeinen Begeisterung für diesen „großen Propheten“, als der Jesus von den meisten wahrgenommen wurde (denn sie erkannten ihn noch nicht als den wahren und einzigen Sohn Gottes), überrascht es uns, dass er in seiner Heimatstadt Nazareth nicht mit der ihm gebührenden Ehre empfangen wurde. Im Gegenteil: Die alten Vorurteile wurden schonungslos offen gelegt, etwa in der Art: „Was will der uns schon sagen? Er ist doch unter uns bekannt als Zimmermann. Überdies kennen wir seine Verwandtschaft, seine Brüder und Schwestern.“ Es heißt im Evangelium, dass es Jesus wegen ihres Unglaubens in seiner Heimatstadt Nazareth nicht möglich war, Wunder zu wirken; nur einige Kranke wurden geheilt.
Dies alles lässt uns fragen: Macht Gott die Größe seiner Taten beziehungsweise das Maß seiner Gnaden abhängig von der Aufnahmebereitschaft der Menschen? Lässt er es zu, dass es geschichtliche Situationen gibt, wo viele einfach nicht bereit sind, auf sein Wort zu hören und sie dann die eigenen Wege gehen (müssen), oft bis zur bitteren Neige? Es scheint so zu sein. Und dennoch kann man nicht sagen, dass die Gnade Gottes nicht da wäre und nicht angeboten würde. Gerade die Tatsache, dass Gott im Alten Bund seine Propheten sendet, auch gegenüber einem „störrischen“ und „widerspenstigen“ Volk, und dass Gott im Neuen Bund seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt hat, auch trotz des Unverständnisses, des Hasses und der Ablehnung so mancher Kreise – all dies zeigt doch, dass Gott an den Menschen wirklich etwas liegt. Er liebt uns, so wie wir sind, auch in unserer Schwäche. Freilich möchte er, dass wir mit Hilfe seiner Gnade die Hindernisse beseitigen, die seinem Kommen entgegenstehen. Jede Art von Taubheit des Herzens und von Verstocktheit ist aus sich heraus hinderlich für die Annahme der frohen Botschaft. Da mag der Verkünder noch so laut rufen und noch so klar sprechen: Wenn man ihn nicht hören will, so trifft ihn keine Schuld; vielmehr müssen sich jene verantworten, die achtlos oder besserwisserisch am Wort des Heiles vorübergehen. Gott drängt sich nicht auf. Die Liebe hat ihre eigene Würde und ist nicht zu erreichen ohne Bekehrung des Herzens. Nur wer aus ganzem Herzen Ja sagt, kann die Stimme Gottes vernehmen und wird die Gnade des Heils empfangen.
Heißt das, dass wir vollkommen sein müssen, um gerettet werden zu können? Keineswegs, denn nicht die Gerechten zu rufen ist der Sohn Gottes in diese Welt gekommen, sondern die Sünder. Doch setzt sein Ruf voraus, dass die ehrliche und demütige Bereitschaft besteht, auf ihn zu hören und ihn anzunehmen. Wer von vornherein sagt: „Ich brauche Gott nicht“, wird seine eigenen Wege gehen müssen und sehen, wie er damit zu Recht kommt.
Wie hat Jesus auf die wechselnde Stimmungslage der Menschen reagiert? Er ließ sich weder von der überschwänglichen Begeisterung der Masse mitreißen und zu einem bloß irdischen, politischen Messias erklären, noch war er entmutigt, als ihn viele ablehnten. Seine Speise war es ja, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat. So verkündete er auch gegenüber Unverständnis und Widerstand die frohe Botschaft vom Reich Gottes, in das vonseiten Gottes wirklich alle eingeladen sind. Er war bereit, auch Leiden und Tod auf sich zu nehmen. So erwies sich die Liebe Gottes dadurch als siegreich, dass der Erlöser alles Böse durch sein messianisches Sühneleiden am Kreuz besiegte. Jener Triumph, den der auferstandene Herr erfahren durfte, ist auch unsere Hoffnung. Viele bekehrten sich, die ihn vorher abgelehnt hatten. Auch wir sind eingeladen, an seine Botschaft zu glauben und uns Gott von ganzem Herzen zuzuwenden. Amen
