Predigt:
18. Sonntag im Jahreskreis B (03.08.2003)
L1: Ex 16,2-4.12-15; L2: Eph 4,17.20-24; Ev: Joh 6,24-35
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wie wirkt Gott ein Wunder? Diese Frage überhaupt zu stellen, halten manche schon für eine Unerhörtheit. „Wunder kann es nicht geben! Sie sind ausgeschlossen.“ So lautet die Meinung jener, die es Gott nicht zutrauen, in den Ablauf der Natur einzugreifen und auf eine Weise zu wirken, die das gewöhnliche Vorstellungsvermögen der Menschen übersteigt.
Im Evangelium vom letzten Sonntag wurde uns vom Wunder der Brotvermehrung berichtet und davon, dass über 5000 Männer satt geworden sind von fünf Broten und zwei Fischen. Der Rationalist wird diese Berichte als unglaubwürdig abtun und ins Reich der Mythologie und Legende verbannen. Als gläubige Menschen dürfen und sollen wir damit rechnen, dass Gott so groß ist, dass er auch Wunder wirken kann!
Wie aber wirkt Gott ein Wunder? Oder anders gefragt: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass Gott ein Wunder wirken kann? Gott ist jedenfalls kein „Wundertäter auf Befehl“, kein lächerlicher „Automaten-Gott“, der jeden Wunsch auf Knopfdruck erfüllt. Gott ist unendlich größer als unsere Vorstellung und unser Denken. Eben darum können und dürfen wir uns letztlich kein eigenes Bild von Gott machen. Wir müssen unser Gottesbild nach jenem Bild ausrichten, das Gott uns selber von sich gibt in seiner Offenbarung.
Die Wunder Christi hatten einen mehrfachen Sinn: Zuallererst ist jedes Wunder eine Verherrlichung der Größe und Allmacht Gottes. Gott zeigt dadurch, dass er der souveräne Herr ist, dem die Welt untersteht mit allem, was in ihr ist. Er ist ja der Schöpfer, der der Natur ihre Gesetze gegeben hat und in seiner göttlichen Freiheit auch auf außerordentliche Weise einwirken kann auf diese seine Schöpfung. Eben dies wird uns auch bei der wunderbaren Speisung der Fünftausend offenbar. Zweitens waren die Wunder Jesu ein Beweis seiner eigenen göttlichen Sendung. Durch seine Wunder hat er all jenen, die offenen Herzens waren, gezeigt, dass er der Messias ist, der von Gott in diese Welt gesandte Erlöser und Heiland. Eben darum sagt Jesus zu den Menschen: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ Wunder können und wollen den Glauben nicht ersetzen, sondern sollen zum Glauben hinführen. Echte Wunder sind nicht Spektakel, sondern Zeichen für die Größe und Liebe Gottes. Hier liegt ein weiterer, dritter Sinngehalt eines Wunders: Es macht die Menschen bereit für die eigentliche göttliche Zuwendung. Das Äußere soll dem Inneren dienen. Die großen Geschehnisse an der Natur (Naturwunder) und die wunderbaren Heilungen kranker und leidender Menschen (Heilungswunder) sollen das Herz bereit machen für die Botschaft des Glaubens. Es geht darum, auch dort zu glauben, wo wir nicht sehen. Der Verstand wird nicht ausgeschaltet und darf es auch nicht werden: Glauben aber ist größer als Verstehen, und auch die Liebe Gottes ist größer als unser Begreifen, unser Sehnen und unsere Erwartung!
Der besondere Sinn gerade des Wunders der Brotvermehrung lag nicht darin, irdische Sattheit herbeizuführen, sondern den Hunger nach dem lebendigen Brot vom Himmel zu wecken, das Jesus Christus selber ist. So scheut er sich nicht, im Anschluss an das Wunder in Kapharnaum eine Belehrung zu geben über jene wahre Speise, die die Menschen anstreben sollen: Der Vater im Himmel gibt diese Speise, und jenes Brot verleiht der Welt das ewige Leben. Es ist gleichsam eine Seelenspeise, ohne die der Mensch auf Dauer nicht leben kann. Damit unser Leben mit Gott nicht abstirbt, sollen wir uns um die Speise mühen, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn uns gibt.
Noch war vieles unverständlich für die Zuhörer Jesu. Es kam dann auch zu kritischen Reaktionen so mancher, die meinten, seine Worte seien zu hart. Er aber wusste, was er zu verkünden hatte. Er wies die Menschen darauf hin, dass er selber dieses Brot sei: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“
Wenn wir im Glauben zu Jesus kommen und seinen heiligen Leib und sein kostbares Blut in der heiligen Kommunion empfangen, dann schenkt uns Gott seine ganze Liebe. Er hält unser Leben in seinen Händen, und wenn wir einst sterben müssen, so wird der Tod nicht das Ende sein, sondern der Beginn des neuen und ewigen Lebens bei Gott. Wie groß war die Sehnsucht der Heiligen nach diesem Brot vom Himmel! Wie sehr hat die heilige Gottesmutter Maria danach verlangt, durch ihren Sohn Jesus Christus mit Gott im Heiligen Geist verbunden zu sein. Sie möge uns schenken, in Glauben und Liebe die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen im Allerheiligsten Sakrament des Altares zu bezeugen und aus dem Empfang der Gottesspeise Kraft zu schöpfen für unser ganzes Leben! Amen
