Predigt:
25. Sonntag im Jahreskreis B (21.09.2003)
L1: Weish 2,1a.12.17-20; L2: Jak 3,16-4,3; Ev: Mk 9,30-37
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Dankbarkeit sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Sie ist vielen Menschen jedoch abhanden gekommen. Schon die Kinder belehrt man darüber, dass sie „Bitte“ und „Danke“ sagen sollen. Es werden ihnen von Eltern und Geschwistern, von Lehrern und Erziehern gewisse Verhaltensweisen beigebracht, die genau das zum Ausdruck bringen: Der Dank für eine Gabe zeigt, dass wir den Geber schätzen und uns über das Empfangene freuen. Es gehört zum Menschsein, dass wir dankbar sind. Wenn wir das verlernen, fehlt uns ein wesentliches Element unserer Kultur des Miteinanders.
Ein Festtag wie der heutige, an dem wir „Erntedank“ feiern, macht uns bewusst, dass alle guten Gaben letztlich von Gott, unserem Vater, dem Schöpfer aller Dinge, kommen. „Was bist du, Mensch, das du nicht empfangen hättest?“ fragt Paulus einmal (1 Kor 4,7). Man ist auf eine solche Frage hin vielleicht geneigt, all das aufzuzählen, was man sich selber als eigene Leistung zuschreiben kann. Irgendwann aber sind wir mit dieser Aufzählung zu Ende, und dann bleibt etwas, das wir nicht selber geschaffen haben, was wir nur empfangen konnten. Nicht alles können wir uns erarbeiten oder mit unseren eigenen Kräften bereitstellen. Auch der moderne, hochtechnisierte Mensch ist abhängig von Voraussetzungen, über die er nicht verfügen kann. Schon das Leben als solches ist eine unschätzbare Gabe, die wir zwar in unmittelbarer Weise den Eltern verdanken, die aber letztlich nur Mitarbeiter des Schöpfers in der Weitergabe des Lebens sein konnten. Das Leben als solches kommt immer von Gott, dem Schöpfer!
Ebenso gibt es innerhalb dieses unseres menschlichen Lebens viele Gaben, von denen wir alle abhängig sind. Sie werden uns bereitgestellt durch andere Menschen oder durch die Natur. Am Erntedankfest blicken wir voll Freude auf die Vielfalt der Gaben, wie sie uns wieder geschenkt wurden im Wachstum der Natur. Auch wer nicht selber in der Landwirtschaft tätig ist, soll das schätzen, was uns allen zuteil wurde als Gottes gute Gaben in seiner Schöpfung. Vielleicht mischt sich so mancher kritische Ton in unser Fest: Da kann man beispielsweise fragen, ob denn das Wetter heuer wirklich so ideal war, weil ja aufgrund der großen Hitze und der damit verbundenen Dürre nicht alles so geworden ist, wie wir es uns vielleicht vorgestellt hatten.
Natürlich ist es möglich, dies alles festzustellen. Es sollte uns aber nicht dazu führen, dass wir blind und undankbar werden gegenüber dem, was wir tatsächlich empfangen haben. Und das ist auch heuer wieder sehr viel! Seien es die Obst- oder Feldfrüchte, der Wein oder der Ertrag aus anderen Bereichen der Landwirtschaft, ja auch aus der Jagd oder der Fischerei – immer sind wir die Beschenkten, die davon leben dürfen, dass Gott in seiner Weisheit, in seiner Allmacht und Liebe an uns gedacht hat. Und wenn dies oder jenes nicht so ideal sein sollte: Hand aufs Herz – wer braucht bei uns schon zu hungern? Wir sind ja doch alle wieder satt geworden. Vielleicht sind wir sogar übersättigt mit Manchem, das wir uns selber unbedingt wünschen, aber nicht wirklich brauchen und übersehen dadurch vieles an dem, was uns wirklich als Geschenk und Gabe zuteil wird. Wer zu viel hat, ist vielleicht unzufrieden und undankbar. Genau das sollten wir nicht sein!
Nachdem wir in feierlicher Prozession die Gaben der Natur hierher gebracht haben in die Kirche, legen wir sie vor den Altar. Der Mensch, der ein Opfer vor Gott bringt, anerkennt damit die Größe und Schöpfermacht Gottes. Jedes Opfer ist ein Ausdruck des Dankes und der Anbetung, zugleich aber auch eine Bitte um Gottes reiche Gaben und ein Akt der Versöhnung. Der äußeren Gabe muss die Gesinnung des Herzens entsprechen, sonst ist die Opfergabe wertlos. Wir wären sonst ein Volk, das Gott zwar mit den Lippen ehrt, sein Herz aber fern hält von ihm (vgl. Jes 29,13). So geht es uns heute nicht nur um ein schönes Brauchtum, das wir aufrecht erhalten und an dem sich möglichst viele beteiligen, sondern es ist mehr von uns verlangt: persönliche Offenheit für Gottes Liebe und die ganze Hingabe unseres Herzens. Denn die eigentliche Gabe, die wir Gott darbringen sollen, ist immer noch unser Herz, unsere Liebe, unser Glaube und unser Gehorsam! An solchen Opfern hat Gott gefallen.
„Eucharistie“ feiern heißt Gott Dank zu sagen. Der höchste Dank, den wir Gott darbringen können, geschieht in jenem Lob-, Dank-, Bitt- und Sühneopfer, das der Sohn Gottes selber dem himmlischen Vater dargebracht hat am Kreuz. Es ist das Opfer des Neuen Bundes, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Das Leiden und Sterben Jesu Christi für uns war der Ausdruck der höchsten Liebe. Gottes Sohn hat im Namen der ganzen Menschheit seinem und auch unserem himmlischen Vater im Heiligen Geist diese anbetende Huldigung dargebracht.
Wenn wir jetzt die heilige Messe feiern, dann wird diese Opferhingabe des Sohnes Gottes an den Vater vergegenwärtigt. Wir werden mit unseren eigenen Gaben hineingenommen. Brot und Wein, die wir für diese Feier bereitet haben, stehen für die Gesamtheit aller Gaben der Schöpfung, die wir Gott darbringen sollen. Sie stehen für die Liebe und Hingabe unseres Herzens. So wie Gott dann durch sein allmächtiges Wirken Brot und Wein verwandelt in den Leib und das Blut seines Sohnes, so möge er auch unser Herz neu machen, von jeder Sünde frei reinigen und mit seiner Liebe erfüllen. Auf dieser Weise wird unser Dank vollendet sein, und es wird uns nichts mehr fehlen.
Weil unser Leben weitergeht, so ist diese Feier des Dankes zugleich auch eine Bitte an Gott: Er möge uns weiterhin das Nötige schenken in unserem Leben. Er möge uns alle irdischen Gaben huldvoll bereiten, aber noch mehr all das, was uns zum Heile ist, zukommen lassen. Gott weiß, was wir wirklich brauchen, und auf die Fürbitte der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria legen wir unsere Bitten zusammen mit den Gaben auf den Altar. Danken wir jeden Tag, bitten wir auch immer wieder – ja, beten wir: Denn genau dies heißt Beten, Gott zu loben und zu danken, ihn anzubeten, ihm unsere Bitten vorzutragen und seine Liebe anzunehmen, um sie weiterzugeben an alle Menschen. Gott hat Großes mit uns vor; er will uns zum Reich seiner Liebe führen in der Herrlichkeit des Himmels. Im ewigen Leben werden wir Gott das Lob singen dürfen ohne Ende! Amen
