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Predigt:

26. Sonntag im Jahreskreis B (28.09.2003)

L1: Num 11,25-29; L2: Jak 5,1-6; Ev: Mk 9,38-43.45.47-48


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wenn wir uns ein Bild von unserem Herrn Jesus Christus machen wollen, dann dürfen wir nicht nach eigenem Gutdünken ein Ideal konstruieren, wie wir es uns vorstellen würden. Es ist nötig, die Urkunden und Zeugnisse unseres Glaubens zu befragen. Die Lehrverkündigung der Kirche gibt das weiter, was überliefert wurde (Tradition) und was aufgeschrieben ist in der Heiligen Schrift, die vom Heiligen Geist inspiriert ist. Eine besonders wichtige Quelle für die Begegnung mit unserem Herrn Jesus Christus sind die Evangelien, die auch in der Liturgie der Eucharistiefeier einen besonderen Stellenwert haben.

Das heutige Evangelium enthält verschiedene Aussagen unseres Herrn Jesus Christus, die uns Weisung geben für unser Leben. Eine innere Spannung drückt sich aus in den Worten des Herrn. Sie klingen einerseits äußerst radikal, wenn er uns aufruft, das Böse um jeden Preis zu meiden, und sei es, dass wir – bildhaft gesprochen – unsere Hand, unseren Fuß oder unser Auge opfern müssten. So kostbar ist das gute Leben, die Verbundenheit mit Gott, dass wir niemals und unter keinen Umständen bewusst und freiwillig das Böse wählen dürfen. Denn dieser Schaden an der Seele hätte schlimmere Konsequenzen als der Verlust eines unserer Körperteile.

Andererseits zeigt uns gerade dieses Evangelium die unbeschreibliche Größe der liebevollen Zuwendung Gottes, wenn Jesus sagt, dass derjenige, der den Jüngern Jesu auch nur einen Becher voll Wasser zu trinken gibt, weil sie zu ihm gehören, nicht leer ausgehen wird.

Ist es nicht so, liebe Brüder und Schwestern, dass Gott zwar ganz und gar der Heilige ist und nichts duldet, was sündhaft ist und den Menschen von ihm trennt, aber dass er zugleich der Gott der Liebe ist, der jeden Strohalm guten Willens anerkennt, der den glimmenden Docht nicht auslöscht und die kleinste Regung von Glaube, Hoffnung und Liebe im Menschenherzen anerkennt und ihn auf guten Wegen führt?!

Der Lebensweg eines Menschen kann oft verschlungen sein. Manche machen vieles durch und gehen auch gewisse Irrwege. Irgendwann kann dann die Stunde der Gnade kommen. Diese Gnadenstunde, in der Gottes Liebe den Menschen empfängt und ihm begegnet, mag von außen unspektakulär aussehen. Vielleicht ist es eine Geste der Nächstenliebe, ein besonders tröstendes oder ermutigendes Wort, ein Satz in einem guten Buch, ein Erlebnis der Schönheit der Natur oder irgendetwas anderes, das gleichsam das Eis auf der Kruste der Seele zum Schmelzen bringt und den Menschen empfänglich macht für Gottes Liebe. Sobald der Mensch diese Gnade erkennt und annimmt, indem er darauf eingeht, kann Gott ihn neu machen und verwandeln. Immer aber ist es die Gnade Jesu Christi, die hier dem Menschen begegnet, denn er ist der einzige Erlöser der Menschen. Letztlich ist es immer sein Evangelium, das die Herzen erleuchtet, nach dem jeder Mensch dürstet, der sich der Wahrheit und dem Lichte zuwendet. Vor allem sind es die heiligen Sakramente, in denen die Begegnung mit der Liebe Gottes volle Wirklichkeit wird, da sie uns die Fülle der Gnade vermitteln.

So kann es durchaus sein, dass am Anfang einer Bekehrung ein unscheinbares, scheinbar recht „weltliches“ Erlebnis steht, wo der Mensch gar nicht damit rechnet, Gott zu begegnen. Doch Gottes Weisheit und Liebe kennt viele Wege, dem Menschen zu begegnen. Gottes Heiliger Geist kann den Menschen dort abholen, wo er steht, um ihn Schritt für Schritt zur vollen Wahrheit hinzuführen. Was immer vorhanden ist, ist das Gewissen als das verborgene Heiligtum und die innere Mitte des Menschen. Dort steht der Mensch in einer Verbindung mit Gott, dessen Stimme er vernimmt, die ihm sagt, dass er das Gute tun und das Böse meiden soll. Freilich kann der Mensch diese Stimme auch überhören, aber irgendwann bricht sie wieder durch und verschafft sich Gehör. Dann sollen wir nicht taub sein, sondern eingehen auf die Weisungen der Liebe Gottes!

Die volle Klarheit und das bleibende Licht findet das Gewissen im Wort Gottes, wie es uns von der Kirche verkündet wird. Wer auf Christus hört, geht nicht in die Irre, sondern findet Halt für sein Leben. Die kleinste Tat der Liebe, die wir um Gottes willen tun, kann uns zum Heil führen und den Weg für die Fülle der Gnade bereiten.

Wenn aber jemand ohnehin schon das Gute tut und sich bemüht, in der Liebe Gottes zu leben – was ist diesem aufgetragen? Wichtig ist dankbare Demut, denn jede Selbstüberheblichkeit würde das Große zerstören, das Gott gewirkt hat. Wir sollen auch zugeben, dass uns noch vieles fehlt. Die großen Heiligen haben sich selbst sehr klein eingeschätzt und immer ihre Sündhaftigkeit bekannt. Genauso wichtig ist, dass wir uns die Aufmerksamkeit der Liebe bewahren. Es ist wie in einer Ehe: Wenn Paare schon lange verheiratet sind und ihre Beziehung wirklich leben und vertiefen, dann ist dieses Miteinander immer wieder wie neu. Dann sind sie nicht abgestumpft füreinander, sondern offen für die kleinen Zeichen der Zärtlichkeit und der Liebe. Sollte es in unserer Gottesbeziehung nicht ähnlich sein? Dürfen wir uns mit dem Erreichten zufrieden geben? Sollten wird nicht jeden Tag darauf achten, was Gottes Liebe uns immer neu schenkt und auf diese Zuneigung mit Aufmerksamkeit eingehen?

So kann uns das Wort Christi vom Reichen des Wasserbechers für einen durstenden Menschen aufmuntern und inspirieren, damit wir die wirklichen Bedürfnisse unserer Mitmenschen im Kleinen und im Großen erkennen und so Gott in ihnen dienen. Ein großes Vorbild war hier die bald selig gesprochene Mutter Teresa von Kalkutta.

Jesus lobt den Glauben der Kleinen. Ja, wir wollen mit kindlichem Geist an Gottes Liebe festhalten und dürfen uns nicht vom rechten Weg abbringen lassen! Bitten wir die heilige Gottesmutter Maria um ihre Fürsprache, dass sie uns hilft, täglich neu auf Gottes Willen einzugehen. Dann werden wir einst aufgenommen werden ins himmlische Reich, wo wir Gott schauen dürfen und lieben ohne Ende. Amen