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Predigt:

30. Sonntag im Jahreskreis B (26.10.2003)

L1: Jer 31,7-9; L2: Hebr 5,1-6; Ev: Mk 10,46-52


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Der Österreichische Nationalfeiertag fällt heuer auf den 30. Sonntag im Jahreskreis, der diesmal auch als „Österreich-Sonntag“ im Rahmen der Vorbereitungen zum „Mitteleuropäischen Katholikentag“ begangen wird. Die Freiheit und das Wohlergehen unseres Landes sind ein kostbares Erbe, für das wir Gott danken sollen und das wir auch in Zukunft im europäischen Zusammenhang bewahren wollen. „Verkündet, lobsingt und sagt: Der Herr hat sein Volk gerettet“ (Jer 31,7b).

Die Älteren von uns wissen es noch aus persönlicher Erfahrung, wie hart die Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg war. Die schrecklichen Ereignisse mussten erst verarbeitet werden. Viele hatten Gefallene und Todesopfer in der eigenen Familie zu beklagen. Nur wenige wagten an ein neues und freies Österreich zu glauben, da das Land von den Siegermächten des 2. Weltkrieges besetzt war. Überall war die materielle Not spürbar.

Was den Menschen damals sicher geholfen hat, war der Glaube an Gott. Sie spürten: Hier liegt die Antwort für die Erneuerung des persönlichen wie des gesellschaftlichen Lebens. Nur weil wir an Gottes Liebe glauben dürfen, können alle noch so schweren Schicksalsschläge angenommen und bewältigt werden. Aus diesem Glauben schöpften viele Trost und Zuversicht. Und langsam gingt es tatsächlich bergauf: Die Wirtschaft belebte sich, die Menschen fanden wieder Arbeit und konnten sich einen gewissen Wohlstand erwerben und eine gesicherte Existenz aufbauen.

1965 beschloss der österreichische Nationalrat einstimmig, dass der 26. Oktober, der Tag an welchem Österreich 1955 seine immerwährende Neutralität erklärt hatte, künftig der Nationalfeiertag sein sollte. Der heutige Nationalfeiertag erinnert uns daran, dass das Geschenk der politischen Freiheit 1955 im Grunde nur erbetet werden konnte. Wer wagte zu glauben, dass sich insbesondere die sowjetische Besatzung freiwillig zurückziehen würde und Österreich wieder ein politisch unabhängiges und stabiles Land werden könnte? Viele fanden sich ein in der Schar der Beter für den Frieden in der Welt und für die politische Freiheit unseres Heimatlandes. Insbesondere war es das Rosenkranzgebet, das viele Menschen mobilisierte und sogar von höchsten politischen Verantwortlichen geschätzt wurde. Die Gottesmutter Maria wurde gleichsam bestürmt um das Geschenk des Friedens und der Freiheit!

Wir Nachgeborenen tun gut daran, uns gewisse zeitgeschichtliche Zusammenhänge bewusst zu machen. Was wir heute dankbar vorfinden und woran wir uns erfreuen dürfen – Friede, Freiheit, gesellschaftliche und politische Stabilität –, ist nicht selbstverständlich, sondern sollte weiterhin als Geschenk des guten Gottes betrachtet werden. Wir dürfen mit all dem, was uns anvertraut wurde, nicht verantwortungslos umgehen. Ein gewisser Wohlstand ist jedem zu vergönnen. Doch sollen die erfolgreiche wirtschaftliche Bilanz und der verbesserte Lebensstandard nicht zu einer materialistischen Einstellung führen, wo Gott vergessen wird und letztlich auch der Mensch nichts zählt.

So manches ist tatsächlich zu beklagen und zu bedauern auf dem Weg des wiedererstandenen Österreich. Glauben wir allen Ernstes, es ließe sich das Geschenk der Freiheit verantwortungsvoll verwalten, wenn jedes Jahr Tausende von Kindern ungestraft im Mutterschoß getötet werden können? Hier geschieht, um es klar zu sagen, tatsächlich ein Verbrechen an unserer Zukunft. Hier liegt, wie Kardinal König und andere oftmals betont haben, eine offene und schmerzliche, ja schwerwiegende Wunde vor, die nach Heilung verlangt. Es braucht wohl heute notwendiger denn je ein Umdenken, wo wir uns wieder auf grundlegende Werte unseres Menschseins und Zusammenlebens besinnen müssen.

Schaffen wir in unseren Familien ein Gegengewicht zur „Kultur des Todes“! Geben wir uns nicht zufrieden mit dem Erreichten, sondern vertrauen wir weiterhin auf Gottes Hilfe. Dazu gehört, dass wir die Glaubenswahrheiten wieder ernst nehmen und uns nicht einfach vom herrschenden Zeitgeist anstecken lassen. Ein frohes und überzeugtes Zeugnis des Glaubens ist wichtig. Wir können dies dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir insbesondere an der Feier des Sonntags festhalten, dessen Krönung und Höhepunkt die gemeinsame Mitfeier der heiligen Messe ist.

Empfehlen wir uns selber und unser Land erneut der Fürbitte der Rosenkranzkönigin. Sie vermag uns dort zu helfen, wo alles Übrige versagt. Möge uns Gottes Heiliger Geist erleuchten, damit wir das Große, das Gott uns geschenkt hat, in Dankbarkeit bewahren und in Verantwortung füreinander gut weiterführen. In Gottes ewigem Reich soll alles Gute seine Vollendung finden! Amen