Predigt:
33. Sonntag im Jahreskreis B (16.11.2003)
L1: Dan 12,1-3; L2: Hebr 10,11-14.18; Mk 13,24-32
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die letzten Sonntage im Kirchenjahr – heute ist ja bereits der 33. Sonntag im Jahreskreis – wenden sich dem Ende der Welt zu. Für uns Christen ist dieses Ende, das mit Sicherheit einmal kommen wird, zugleich die Vollendung. Wir erwarten einen „neuen Himmel“ und eine „neue Erde“ (Jes 65,17; 2 Petr 3,13; Offb 21,1), in denen die Gerechtigkeit wohnt.
Der fortschrittsgläubige Mensch lebt in einer gewissen Erwartung, dass es der Wissenschaft und Technik gelingen möge, alle Probleme auf dieser Erde zu überwinden und irgendwann zu lösen. Man erwartet sich – wenn schon nicht sofort, so doch in näherer oder fernerer Zukunft – die Herstellung eines Paradieses auf Erden. Der Mensch selber würde dieses „Paradies“ herbeiführen, wenn er gleichsam zum Gipfel der menschlichen Entwicklung gelange. Selbst Leiden und Tod, so meint man, könnten irgendwann einmal aus rein menschlicher Leistung überwunden werden.
Diese Gedanken, so schön sie auch klingen mögen, sind doch nichts anderes als unerfüllbare Wünsche und Illusionen. Dem Menschen selber wird es nie gelingen, aus eigener Kraft das Böse in der Welt auszurotten oder auch Leiden und Tod zu überwinden. Es handelt sich um Gegebenheiten des Menschseins, denen wir uns stellen müssen und die nicht einfach durch den Fortschritt der Wissenschaften aus der Welt zu schaffen sind. Freilich werden die Erkenntnisse der Menschheit weiter zunehmen; vieles wird möglich werden, von dem wir heute noch gar nicht träumen. Aber all das bringt nicht schon die Erlösung und das Heil. Denn was der Mensch erfindet und zur Anwendung bringt, hat immer eine zweifache Seite: Es kann zum Guten verwendet werden, aber es kann auch gegen den Menschen und sein wahres Wohl zum Einsatz kommen.
Demgegenüber gibt uns das Wort des Glaubens Trost und Zuversicht. Das Wort Gottes bleibt; es vergeht nicht, auch wenn Himmel und Erde vergehen. Jesus Christus ist das ewige Wort Gottes, das Fleisch angenommen hat. Er ist in unsere Welt gekommen, die von Leiden und Tod geprägt ist und in der das Böse herrscht. Jesus Christus, der Sohn Gottes und Sohn der Menschen, ist gekommen, um uns Hoffnung zu geben. Er ist der Verkünder des Reiches Gottes. Mit seinem Kommen ist es bereits angebrochen und geht unaufhaltsam seiner Vollendung entgegen. Nicht auf uns selber und auf unsere Leistungen, sondern auf ihn als den einzigen Retter und Heiland sollen wir vertrauen. Die Antwort auf die große Frage, die der Mensch sich selber stellt, kann nur Christus geben. Wir können sogar sagen: Der in der Welt der Sünde und des Todes lebende Mensch ist diese Frage; die Antwort ist Jesus Christus, der neue Mensch, der „neue Adam“.
Was sagt uns das heutige Evangelium über die Zukunft der Menschheit? Wir hören es ganz klar und unmissverständlich: Es wird keinen von selbst eintretenden Frieden geben. Das Reich Gottes ist nicht mit dem innerweltlichen Fortschritt gleichzusetzen. Es mag sein, dass es in der Zukunft vieles gibt, was uns heute noch unmöglich scheint. Eine technisch hoch entwickelte Menschheit kann sich aber auf niedrigem Niveau befinden, was ihre sittliche Einstellung und das Verhalten betrifft. Genau hier sagt uns Jesus, wir sollten uns nicht verwirren lassen. Wir dürfen uns von menschlichen Leistungen nicht über Gebühr beeindrucken lassen. Nichts Menschliches kann und darf an die Stelle Gottes treten. Immer wieder ist es nötig, Gott die Ehre zu geben! Der Mensch ohne Gott wird zur Gefahr für den Menschen selbst, wie die Geschichte schon oft bewiesen hat.
Wie das Ende der Welt eintreten wird, weiß niemand. „Die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“, lesen wir beim Evangelisten Markus (13,25 b). Und „dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen“ (Mk 13,26). Es ist die sichtbare Wiederkunft Christi am Ende aller Tage, am „Jüngsten Tag“, an die wir glauben. Denn so wie er einst aufgefahren ist in den Himmel vor den Augen seiner Jünger, so wird er auch wiederkommen in Herrlichkeit (vgl. Apg 1,11). Wir sollen mit unserer Erwartung und Sehnsucht ausgespannt sein auf dieses Kommen des Herrn am Ende aller Tage! Denn wer glaubt und liebt, wer sich bemüht, die Gebote Gottes zu erfüllen, braucht diesen Tag nicht als einen „Tag des Schreckens“ und „Tag des Zorns“ („dies irae“) zu fürchten, sondern darf ihn voll gläubiger Sehnsucht erwarten. Nicht das Ende aller Dinge wird dann eintreten, sondern die von Gott gewirkte Vollendung der Welt und der Menschheit. Dies wird geschehen auch durch jenes göttliche Gericht, in dem der Herr die Menschen aus allen Völkern und Nationen versammeln wird und ihnen je nach ihren Taten den Platz zu seiner Rechten oder zu seiner Linken zuweisen wird, den einen zum ewigen Leben, den anderen zum ewigen Verderben (vgl. Mt 25).
Stellen wir uns darauf ein, dass dies alles geschehen wird an einem Tag und zu einer Stunde, die Gott allein kennt. Er zögert nicht mit der Erfüllung seiner Verheißung, sondern möchte jedem die Gnade schenken, sein Leben darauf hin auszurichten. Gott will, dass alle Menschen sich bekehren und gerettet werden. Nur wer dieses Angebot der rettenden Liebe Gottes bis zum Ende nicht annehmt, sondern sich schuldhaft verweigert, kann das Heil nicht erlangen.
Wer aber in jener Stunde für würdig befunden wird, einzutreten ins Reich des Himmels, der wird die Vollendung seines Lebens empfangen. Gott selber wird ihn mit seiner Liebe erfüllen und beglücken. Dieses Glück des Himmels, das wir in der Gemeinschaft mit den Engeln und Heiligen erwarten, wird uns dann unverlierbar zuteil werden. Schon jetzt erwarten uns all jene, die bei Gott sind.
Nehmen wir unsere Zuflucht zur heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria! Sie kann uns zur Gesinnung echter Reue und Umkehr verhelfen, sie vermag uns im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe Gottes Beistand zu erbitten. Lassen wir uns von ihr führen und durch das Leben geleiten. Denn einmal kommt für uns die letzte Stunde. Möge uns der Herr dann wachend finden! Amen
