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Predigt:

4. Adventsonntag B (22.12.2002)

L1: 2 Sam 7,1-5.8b-12.14a.16; L2: Röm 16,25-27; Ev: Lk 1,26-38


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

In wenigen Tagen feiern wir das große Ereignis, das vor 2000 Jahren der Geschichte der Menschheit den entscheidenden Wendepunkt gegeben hat: die Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria!

Es ist das Evangelium von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria, mit dem uns die Kirche heute am 4. Adventsonntag einstimmen und vorbereiten möchte für die Feier des Kommens des Herrn zu Weihnachten. Eben das bedenken wir auch im Gebet des Engel des Herrn, das uns die verschiedenen Stationen jenes Ereignisses vorstellt, in dem sich Gott und Mensch auf so unerhörte Weise begegnen.

Wieso trat ein Engel bei Maria ein? Konnte ihr der Allerhöchste die Botschaft nicht ganz persönlich mitteilen, daß sie die Mutter seines Sohnes werden sollte? Sicher wäre das möglich gewesen. Gott aber hat schon seine Gründe dafür gehabt, die im Plan seiner Weisheit und Liebe beschlossen liegen. Vor allem sollte es eine Mitteilung sein, die den Glauben und das freie Ja Marias nicht ausschloß, sondern erst grundlegend ermöglichte.

Vielleicht können wir uns hierzu folgendes überlegen: Es wird eine Dimension überschritten, die normalerweise dem Menschen nicht direkt zugänglich ist. Wir sind grundsätzlich abhängig von jener Erkenntnis, die uns durch die Sinne vermittelt wird. Manche gehen so weit, daß sie andere Dinge nicht für möglich halten, die sie selber nicht sehen oder be-greifen können. Dies ist eine sehr einseitige und vordergründige Haltung, die uns die tiefsten Dimensionen der Wirklichkeit verstellt.

Als nun der Engel Gabriel zu Maria kommt  er ist gesandt von Gott, dem Allerhöchsten, denn Engel heißt Bote , da erschrickt Maria. Sie muß sich erst orientieren, da ihr Unerhörtes widerfährt. Ihr gewöhnlicher Lebensrhythmus wird unterbrochen. Sie weiß: Jetzt geschieht Unvorstellbares, unsagbar Großes. Noch mehr als über den Engel erschrickt die Jungfrau Maria über die Anrede, mit der sie der Himmelsbote begrüßt: Sei gegrüßt, du voll der Gnade: der Herr ist mit dir.

Was sollte das heißen, was konnte das bedeuten? War sie selber anders als die übrigen jungen Frauen? Wieso konnte sie der Engel begrüßen als vollkommen Begnadete? Von woher hatte sie diese Auszeichnung verdient? In diesem Augenblick mag Maria geahnt haben, welch großes Wunder Gott bereits an ihr gewirkt hatte durch die Heiligung und Begnadung von Anbeginn. Sie selber wußte gar nicht um all das Große, was der Herr schon an ihr getan hatte! Nun darf sie es durch die Worte des Engels erkennen und gläubig anerkennen.

Jeder andere Mensch wäre in der Gefahr des Stolzes gestanden. Maria hingegen ist ganz demütig. Gewiß: Sie anerkennt die Größe der göttlichen Gabe. Doch sie weiß, daß sie ein Mensch ist, der sich selbst nichts zuschreiben kann, sondern letztlich alles Gott verdankt. Das weiß sie, und das bewahrt sie im Herzen.

Nun aber kommt die große Botschaft und der göttliche Auftrag an Maria. Es ist das göttliche Angebot an ihre Freiheit, zu dem sie Ja sagen soll. Der Ruf Gottes, der durch den Engel übermittelt wird, lautet: Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Und noch weiter: Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Seine Herrschaft werde kein Ende haben.

In diesen Worten war enthalten, was geschehen sollte, falls Maria zustimmt: Gottes Sohn steigt herab auf diese Erde und wird das Kind jener Maria aus Nazareth, die unscheinbar unter den anderen Frauen und Mädchen lebt, in Wirklichkeit aber von Gott von Ewigkeit dazu ausersehen ist, die Mutter des Messias zu werden!

Jedes jüdische Mädchen hätte sich das gewünscht: selber dem von den Propheten angekündigten und verheißenen Messias eine Mutter sein zu dürfen! Es schien gleichsam der Traumberuf für eine jüdische Frau, dazu von Gott erwählt zu werden ...

Aber: Gott dachte nicht an all jene übrigen, die von sich selber glaubten, womöglich auserwählt zu sein; er gedachte jener demütigen und unscheinbaren Jungfrau aus Nazareth, die keinen anderen Wunsch hatte, als Gott in Liebe und Vertrauen zu dienen, wo immer er sie hinstellen würde in ihrem Leben!

Nun aber, was ist? Wir möchten fast sagen: Maria, warum zögerst Du noch? Gib endlich Dein Ja! Erkläre Dich bereit, dem Herrn zur Verfügung zu stehen, der aus Deinem Schoß Mensch werden will. Was überlegst Du noch?

Maria aber hat noch etwas zu bedenken, ja sogar zu fragen. Sie scheut sich nicht, den Himmelsboten in die Pflicht zu nehmen. Sie verlangt Aufklärung, denn sie ist keine völlig blind Glaubende und Gehorchende. Sie denkt mit und weiß: Jetzt muß sie den Boten Gottes befragen!

Was ist ihr Problem, worin liegt der Kern der Frage? Sie stellt aus dem Raum des Glaubens heraus, nicht des Unglaubens wie der Priester Zacharias dem Engel die Frage: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Obwohl sie mit Josef von Nazareth verlobt ist, ist sie weiterhin entschlossen zu einem jungfräulichen Leben. Beachten wir es gut: Sie sagt nicht: Das ist unmöglich, das kann nicht geschehen! Sondern sie fragt mit großer Glaubensbereitschaft: Wie soll das geschehen? Und hier ist ihr Gott wirklich Rechenschaft schuldig. Tatsächlich: Der Himmlische gibt ihr durch seinen Boten die Erklärung. Obwohl Maria Jungfrau ist und Jungfrau bleiben wird, soll sie den Sohn Gottes empfangen durch das Wirken des Heiligen Geistes, der dieses Wunder in ihr bewirken wird.

Nun ist Maria bereit, nachdem sie das Wesentliche ihrer Berufung verstanden hat, ihr uneingeschränktes JA zu geben! Sie spricht in fraulicher Selbstverfügung vor dem unsagbaren Geheimnis, das sich ihr zugeeignet hat ihr Fiat!  Ich bin die Magd des Herrn: mir geschehe, wie du es gesagt hast.

Mit diesen Worten spricht Maria aus, wer sie ist und wer sie sein will: die Magd des Herrn. Eben dies ist keine Erniedrigung, sondern eine Auszeichnung. Denn Gott zu dienen bedeutet in Wahrheit zu herrschen. Der Messias, den sie vom Heiligen Geist empfängt und gebären soll, wird sich selber als Knecht Gottes (ebed Jahweh) bezeichnen. Eben dadurch wirkt er das Heil der Menschen, daß er sich freiwillig entäußert und herabsteigt. Nicht eher wird seine Liebe ruhen, bis er das Werk der Erlösung vollbracht hat. Es ist eine Liebe, die bis zum Letzten geht: bis zur Hingabe des Erlösers durch seinen Tod am Kreuz.

Eben darum betet die Kirche mit Recht im heutigen Tagesgebet: Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Das ist das Ziel unserer Erlösung: das ewige Leben bei Gott und die Herrlichkeit der Auferstehung. Eben darum ist der Sohn Gottes Mensch geworden, was wir in wenigen Tagen feiern wollen! Komm Herr Jesus! (Maran-atha!) Amen