Dr. Josef Spindelböck

Predigt zu Allerseelen
2. November 2003 (Lesejahr B)

L 1: 2 Makk 12,43-45; L 2: 1 Thess 4,13-18; Ev: Joh 11,17-27
oder L 1: Ijob 19,1.23-27; L 2: Röm 8,14-23; Ev: Joh 14,1-6
oder L 1: Jes 25,6a.7-9; L 2: Phil 3,20-21; Lk 7,11-17

Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Landauf landab erleben wir in den letzten Jahren einen Wandel im Bewusstsein vieler Menschen: Allerheiligen und Allerseelen treten als Feste und Gedenktage zurück; überall spricht man von „Halloween“. Wenn allüberall die Geister beschworen werden und sich das zweifelhafte Vergnügen mit Kommerz und einer Portion Horror vermischt, dann tut es gut, wenn wir uns auf das besinnen, was uns der christliche Glaube im Hinblick auf unsere Verstorbenen sagt.

Jesus Christus, unser Herr, hat die Menschen in seinen Reden und Worten immer wieder darauf hingewiesen, dass wir für ein bleibendes und unvergängliches Ziel geschaffen sind. Nicht der Tod wird das letzte Wort haben, sondern das Leben. Durch die Erlösung sind wir zu Kindern Gottes geworden und sollen einmal teilhaben an der himmlischen Herrlichkeit.

Am heutigen Allerseelentag denkt die Kirche an alle Verstorbenen. Wir beten für sie, dass Gott sie aufnimmt in sein Reich und ihnen den ewigen Frieden schenken möge.

Es ist tröstlich für uns, dass wir durch das Gebet und die Feier der heiligen Messe mit unseren Verstorbenen verbunden sein können. Sie werden es uns danken auf eine Weise, wie es ihnen möglich ist. Denn alle Geretteten sind Fürbitter bei Gott für uns. So können die Verstorbenen einerseits von uns durch die Gebete Trost und Linderung ihrer Reinigungsschmerzen im Fegefeuer erfahren und andererseits uns beistehen durch ihr hilfreiches Eintreten bei Gott für uns.

Ja, warum muss es überhaupt ein Fegefeuer geben? Können nicht alle gleich in den Himmel kommen? Doch fragen wir einmal anders: Wer von uns wäre hier und jetzt bereit, unmittelbar einzutreten in die himmlische Herrlichkeit und Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen? Wenn wir begreifen, wer Gott ist und wer wir sind, dann werden wir sagen: Ich bin noch nicht darauf vorbereitet. Eben dieser Vorbereitung unserer Seele auf die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht dient das Fegefeuer. Hier werden die Verstorbenen gereinigt von ihren Sünden und Sündenstrafen, hier werden sie in der Liebe und Sehnsucht vorbereitet auf die unmittelbare Vereinigung mit Gottes Liebe. Von daher sehen wir, dass das Fegefeuer weniger eine Strafe, als vielmehr eine Gnade ist.

Natürlich gibt es außergewöhnlich heilige Menschen, die gleich nach ihrem Tod unmittelbar eingehen ins Himmelreich. Die meisten werden aber wohl noch einer gewissen Vorbereitung bedürfen, von der wir freilich nicht wissen, wie sie aussieht und abläuft.

Das, was Gott uns im Himmel bereitet hat, ist unbeschreiblich groß. Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (vgl. 1 Kor 2,9). Unser Leben definiert sich von diesem Ziel her. Es ist unendlich kostbar und wertvoll, denn Gott hat jedem Menschen seine besondere Würde verliehen. Wir sind nach dem Bild Gottes geschaffen und sollen, geheiligt durch die Gnade der Taufe, als Kinder Gottes leben. Durch die Taten und Werke der Liebe sollen wir ein Zeugnis davon ablegen, dass Gott uns erwählt hat.

Lassen wir uns also in diesen Tagen nicht vom gespenstischen Treiben der Halloween-Geister anstecken, sondern denken wir in Liebe an unsere Verstorbenen und beten wir für sie. Denken wir auch an unseren eigenen Tod, der uns täglich näher kommt. Wir brauchen ihn nicht zu fürchten, wenn wir so leben, dass wir einmal in der Liebe Gottes sterben können.

Wenden wir uns voll Vertrauen an die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria. Sie ist unsere Helferin, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Sie möge die Verstorbenen heimholen an ihr Herz und sie so hinführen zum ewigen Frieden und Glück im Reich des Himmels! Amen.

 

·        Allerseelen-Predigt von + Prälat Univ.Prof. Dr. Ferdinand Holböck

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