Predigt:
Karfreitag B (18.04.2003)
L1: Jes 52,13-53,12; L2: Hebr 4,14-16 ; 5,7-9; Passions-Ev: Joh 18,1-19,42
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Heute gedenkt die Christenheit auf dem ganzen Erdkreis des Leidens und Sterbens unseres Herrn Jesus Christus. Wir sind erschüttert darüber, daß der Gerechte leiden mußte. Keine Schuld war an ihm, und doch wurde er hingerichtet wie ein Verbrecher. Die Bosheit und Verblendung der Menschen hat ihn ans Kreuz gebracht; scheinbar ist Gott unterlegen, da der menschgewordene Sohn Gottes gekreuzigt wurde und starb.
Und doch: Was wie eine Niederlage aussieht, wie das Ende jeder Hoffnung, ist in Wirklichkeit der neue Anfang, der Sieg über Sünde, Tod und Teufel! Gerade durch sein Leiden und Sterben, das Jesus Christus aus Liebe auf sich nahm, hat er alles Böse besiegt und überwunden. In seinem Tod liegt das Leben. Der Tod konnte ihn nicht halten, nach drei Tagen ist er auferstanden!
Für uns Menschen ist das Geschehen der Erlösung durch Jesu Leiden und seinen Tod am Kreuz ein Geheimnis, das wir nur im Glauben erfassen können. Im Kreuz finden wir die Antwort auf das Rätsel des menschlichen Daseins überhaupt. Denn gerade die tägliche Erfahrung unserer Gebrechlichkeit und Not, die Kenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und der „Sünde dieser Welt“ machen uns immer wieder bewußt, daß wir einen Erlöser brauchen. Wir können uns nicht selbst aus unserem Elend herausziehen, wie es der Lügenbaron Münchhausen tat. Wer fähig ist zu ehrlicher Selbsterkenntnis, wird entweder sagen: „Es gibt keinen Weg des Heiles“, und dann verzweifeln, oder aber er wird sagen: „Nur Gott kann mich retten!“
Tatsächlich hat der gute Gott, der die Menschen in ursprünglicher Gutheit erschaffen hat, diese Menschen auch dann nicht verlassen, als sie durch eigene Schuld das Paradies verloren hatten. Auch die vielen persönlichen Sünden der Menschen konnten den Heilsplan Gottes nicht vereiteln. Gott beschloß nämlich in seiner Liebe von Ewigkeit, den Menschen zu retten und ihm das Heil wieder zu schenken. Dies sollte geschehen durch die Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus und durch die Hingabe seines Leibes und Blutes am Kreuz. Uns ist der Retter geschenkt: Jesus Christus, der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch sein Sterben Erlösung und Versöhnung gestiftet.
Wie aber konnte uns der Sohn Gottes erlösen? Es war dies nur möglich dadurch, daß er ganz Mensch war wie wir. So wurde er mit uns solidarisch und nahm stellvertretend für alle die Schuld auf sich. Er, der ganz Heilige und Unschuldige, trug die Schuld der Vielen. Gott der Vater aber blickte mit Wohlgefallen auf das Opfer seines Sohnes, das er im Namen der ganzen Menschheit darbrachte. Das Tor des Himmelreiches war wieder aufgetan, der Weg zum Leben eröffnet. Jeder, der glaubt und aufblickt zum Durchbohrten, kann das Heil erlangen. Niemand ist davon ausgeschlossen!
Wenn wir mit gläubigem Herzen das heilige Kreuz unseres Herrn verehren, dann wird uns Hoffnung zuteil: Auch unser Leben in all seiner Begrenztheit und Endlichkeit, in seinen Widrigkeiten und Schatten, auch das Elend unserer Sündenschuld hat einen Erlöser gefunden, der uns Rettung und Heil verheißt über dieses irdische Leben hinaus. Eine neue Schöpfung wurde uns geschenkt: durch die heilige Taufe sind wir hineingenommen in das Leben mit Gott. Altes ist vergangen, Neues ist geworden.
Aber noch ist nach außen hin alles anders: Jesus stirbt am Kreuz! Sein Leichnam wird abgenommen und ins Grab gelegt. Ruhe ist eingekehrt. Für manche ist jede Hoffnung erstorben. Nur wenige glauben und vertrauen auf Gott! Zu ihnen gehört Maria, die Mutter Jesu. Wieviel Leid mußte ihr Herz erfahren, als ihr Sohn am Kreuze hing und starb. Doch sie hat in all ihrem Schmerz nicht aufgegeben. Ihr Herz war voll unerschütterlicher Hoffnung. So war sie bereit für die kommende Auferstehung des Herrn. In diesem Sinn wollen auch wir in den nächsten Tagen der Grabesruhe des Herrn gedenken. Stille Vorfreude auf das große Ereignis der Auferstehung, das wir bald feiern, soll unser Herz erfüllen.
Das „Heilige Grab“ und andere Bräuche dieser Tage sollen uns an die Zwischenzeit erinnern, in der der heilige Leichnam des Herrn im Grabe lag. Seine Seele hatte sich vom Leib getrennt und war hinabgestiegen in das Reich des Todes, zu den Gerechten des Alten Bundes, die der Erlösung entgegenharrten. Die Gottheit Christi blieb freilich sowohl mit seinem Leib wie mit seiner Seele vereint. Am dritten Tag aber sollte er auferstehen! Bald ist es soweit: Dann werden wir in österlicher Freude das „Halleluja“ singen. Amen
