Josef Spindelböck
Mit Leib und Seele verherrlicht im Himmel
Predigt am Hochfest
der Aufnahme Marias in den Himmel
Lesejahr B, 15. August
2009
L 1: Offb 11,19a; 12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56
Die liturgischen Texte finden Sie im Schott-Messbuch!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Woher kommen wir, wohin gehen wir? Dies ist die Grundfrage des Menschseins. Man kann eine Antwort aus der menschlichen Erfahrung geben: Wir werden von unseren Eltern empfangen und dann geboren, wir leben auf dieser Erde, und wir sterben schließlich einmal. Im Buch Genesis (3,19) wird dies so zusammen gefasst, wenn Gott zum schuldig gewordenen Adam spricht: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.“
Doch ist diese Antwort, die uns auch beim Auflegen des Aschenkreuzes am Aschermittwoch gegeben wird, ausreichend? Sagt sie schon alles aus über das, was unser Menschsein ausmacht, was unser Ursprung und unser letztes Ziel ist?
Nein, keineswegs! Denn wollten wir den Menschen nur als „Erdenwesen“ verstehen[1], dann wären wir Materialisten. Der Mensch wäre dann eben nur das, was wir von ihm sehen können; alles Höhere und Geistige würde ausgeklammert, ja geleugnet. Der Mensch wäre dann nicht mehr als ein besser entwickeltes Tier, das irgendwie zufällig entstanden ist und dessen Ende eben der Tod wäre. Weiter zu fragen hätte überhaupt keinen Sinn, so tatsächlich die Anschauung mancher.
Wo aber finden wir eine zuverlässige Antwort auf das Menschsein, auf die Frage, die jeder Mensch sich selbst im Tiefsten stellt, ja auf die Frage, die jeder Mensch selber für sich und für andere ist? Jesus Christus hat uns die Antwort gegeben, ja in ihm, im „Geheimnis des fleischgewordenen Wortes“ klärt sich „das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf“, sagt das 2. Vatikanische Konzil. „Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen, nämlich Christi des Herrn.“ So zeigt Christus, der neue Adam, in der Offenbarung des Geheimnisses des himmlischen Vaters und seiner Liebe uns auf, wer der Mensch wirklich ist, woher er kommt und wozu er berufen ist.[2] Wir kommen nicht von der Erde allein, denn Gott schenkt dem Mensch den Geist, die unsterbliche Seele (vgl. Gen 2,7), und dies gilt nicht nur allgemein für den Anfang des Menschseins überhaupt, sondern für den Beginn jedes einzelnen Menschen: Die Eltern zeugen ein Kind, doch Gott ist es, der diesem Kind bei der Empfängnis die geistige Seele schenkt; er allein ist der Schöpfer. Gott sagt ganz persönlich „Ja“ zu jedem Menschen, der empfangen und geboren wird: Gott liebt uns seit Ewigkeit!
Das Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel macht uns auf
einzigartige Weise die Größe und Erhabenheit unserer himmlischen Berufung
offenbar: In Maria hat uns Gott gezeigt,
dass das Ziel des Menschenlebens nicht der Tod ist, sondern das Leben. Maria
wurde mit Leib und Seele aufgenommen in
die Herrlichkeit des Himmels, und als „neue
Eva“ ist sie die erste, die Christus
folgen durfte in seiner Auferstehung.
Dabei hat Gott an Maria zuerst verwirklicht, was das Schicksal aller sein wird, die zu Christus gehören: Nicht nur die unsterbliche Seele des Menschen soll gerettet werden und bei Gott zur Vollendung gelangen, sondern auch der menschliche Leib wird einst verwandelt und verherrlicht werden in der „Auferstehung des Fleisches“, die wir im Credo bekennen.
Wenn Maria nun ganz bei Gott ist, ist sie dennoch zugleich bei uns als unsere himmlische Mutter. Wir dürfen uns ihr ganz anempfehlen. Der einzige Wunsch ihres Unbefleckten Herzens ist es, uns zu Jesus Christus, ihrem Sohn, zu führen, damit wir in ihm das Heil finden und Gott für immer loben und preisen.
Mag es auch auf Erden noch so manches Dunkle und Leidvolle geben, selbst die Sünde und den Tod, so ist doch in Jesus Christus, dem Erlöser, alles Böse bereits besiegt und überwunden. Darauf weist auch die Lesung im machtvollen Bild der apokalyptischen Sonnenfrau, die über den Drachen siegt, hin. In Maria hat uns Gott gezeigt, wie sich die Erlösung in ihrer Vollgestalt verwirklicht und erfüllt; so bedeutet der gläubige Blick auf Maria für uns Trost und Hoffnung. Wie ein Meerstern leuchtet sie uns voran, sodass wir den Pilgerweg des Glaubens hier auf Erden in Freude und Zuversicht gehen dürfen – der ewigen Vollendung entgegen.
Amen.
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