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Predigt:

15. Sonntag im Jahreskreis C (11.07.2004)

L1: Dtn 30,10-14; L2: Kol 1,15-20; Ev: Lk 10,25-37


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Worauf kommt es an in unserem Leben? Welche Richtung hat unser Streben und Tun? Was sind die wahren Werte, für die es sich zu leben lohnt? Diese Fragen stellen sich irgendwann einmal jedem denkenden Menschen. Dort, wo auch die Offenheit für den Glauben gegeben ist, wird die Frage sogar lauten: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Genau so hat ein jüdischer Gesetzeslehrer Jesus gefragt.

Jesus wäre es ein Leichtes gewesen, hier gleich eine ausführliche Belehrung theoretischen Inhaltes folgen zu lassen. Er gibt jedoch die Frage für erste zurück an den Gesetzeslehrer. Er selber soll sagen, was er im Gesetz des Mose findet und was man dort liest.

Nun folgt die Antwort, die in ausgezeichneter Form das wiedergibt, was Gott von uns will. Der Gesetzeslehrer zitiert und fasst zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“

Es ist das so genannte Hauptgebot, das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe, das uns hier als wesentlicher Inhalt des alttestamentlichen Gesetzes vorgestellt wird. Jesus bestätigt und vertieft dies. Er ist ja nicht aufgekommen, um das Alte aufzuheben, sondern um es zu erfüllen und auf diese Weise neu zu machen. In seiner Person verwirklicht sich dieses Gesetz Gottes, und alle, die mit ihm verbunden sind in Glaube und Liebe, haben teil an seinem Gehorsam als Sohn Gottes.

Zur Gottesliebe gehört, dass wir Gott in allem an die erste Stelle setzen. Wir dürfen keine fremden Götter neben Gott haben. Die irdischen Werte und Möglichkeiten sind immer nur das Vorletzte; sie dürfen nicht zum Letzten und Endgültigen gemacht werden. In der Liebe zu Gott aus ganzem Herzen und ganzer Seele anerkennt der Mensch, dass Gott allein genügt. Nicht Reichtum und Macht, Ansehen und sinnlicher Genuss, nicht Ehre und berufliches Fortkommen sind es, die dem Leben Sinn verleihen. Letztlich kann nur Gott dem Menschenherzen Sinn und Erfüllung geben. Gott allein gebührt Anbetung und Ehre! Er ist wirklich über alles und in allem zu lieben.

Wie aber ist dieses Gebot im Hinblick auf die Nächstenliebe zu erfüllen? Diese Frage stellt sich dem Gesetzeslehrer und auch uns, sodass er nachfragt: „Wer ist mein Nächster?“

Jesus antwortet mit einer Parabel. Es ist das „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“. Sehr anschaulich schildert unser Herr die Geschichte jenes Menschen, der auf dem gefahrvollen Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fiel und schwer verletzt und ausgeraubt am Boden liegen blieb. Niemand fand es der Mühe wert, stehen zu bleiben und ihm zu helfen: weder der vorbeikommende jüdische Opferpriester, noch der im Tempel dienende Levit. Erst als ein von den übrigen Volksgenossen verachteter Samariter kam, fand der Verletzte einen Menschen, der sich seiner erbarmte.

Alles Menschenmögliche und denkbar Gute erwies der barmherzige Samariter dem schwer Verletzten. Öl und Wein goss er auf seine Wunden und verband sie. Auf seinem Reittier brachte er ihn in die nächste Herberge und ließ dort für ihn sorgen. Ja, dieser Mensch hatte wirklich ein gutes Herz für den Nächsten!

Genau darauf weist Jesus hin, als er dann den Gesetzeslehrer fragt, wer sich nun wirklich als der Nächste erwiesen habe. Es ist der Samariter, der barmherzig gehandelt hat.

Beachten wir wohl: Jesus stellt fest, dass sich dieser als Nächster des Notleidenden erwiesen habe. Er dreht die Sichtweise um: Nicht das eigene Ich steht im Mittelpunkt, sondern der Mitmensch, der der Hilfe bedarf. Angesichts dessen sollte sich jeder von uns fragen lassen, ob er bereit ist, seine Aufgabe und Verantwortung als „Nächster“ für den anderen wahrzunehmen.

Nicht Ausflüchte sind gefragt, sondern ein Herz voller Liebe. Dieses aber bewährt sich in Taten der Liebe. Und in diesem Sinn können wir wohl sagen: Jeder, der Gott wirklich liebt, der wird auch den Nächsten lieben. Wo eines von beiden fehlt, entweder die Gottesliebe oder die Nächstenliebe, da wird auch das andere auf Dauer nicht bestehen können.

Machen wir uns also nichts vor und verstecken wir uns nicht hinter Etiketten, Titeln und Machtpositionen. Gerade der Größte unter den Jüngern Jesu soll der Diener aller sein. Dies zu verwirklichen ist die stets neue Aufgabe aller Glaubenden. Möge uns die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria, die stets dienende Magd Gottes, hier mit ihrer Fürbitte beistehen. Amen