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Predigt:

4. Fastensonntag C (21.03.2004)

L1: Jos 5,9a.10-12; L2: 2 Kor 5,17-21; Ev: Lk 15,1-3.11-32


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wir sind es gewohnt, das Gleichnis Jesu vom verlorenen Sohn vor allem im Hinblick auf den vom rechten Weg abgekommenen und dann glücklich wieder heimgekehrten Sohn zu beurteilen. Hauptsächlich geht es jedoch um die Liebe des barmherzigen Vaters, weshalb diese Erzählung eigentlich den Titel „Gleichnis vom barmherzigen Vater“ haben sollte.

Eine besondere Sinnspitze des Gleichnisses zielt freilich auf den daheim gebliebenen, „guten“ Sohn. Er hat nie etwas getan, was dem Willen des Vaters widersprochen hätte. Er hat treu beim Vater ausgeharrt und kann es darum nicht begreifen, dass der Vater den heimgekehrten, reuigen Sohn so aufnimmt, als wäre nichts geschehen. Ja mehr noch: Der Vater setzt ihn in alle Rechte seiner Sohnschaft wieder ein und feiert sogar noch ein großes Fest! Wie soll man das noch verstehen?

Jesu Worte richten sich im damaligen Kontext natürlich besonders an die Pharisäer, die selber meinen, dass sie der Umkehr nicht bedürfen. Sie fühlen sich als die besonders Frommen und wollen die Sünder vom Himmelreich ausschließen. Ihnen sagt Jesus gerade auch durch dieses Gleichnis, dass Gott alle Menschen liebt und in sein Reich einlädt. Niemanden stößt er zurück, der ehrlichen Herzens Gott sucht. Keine Sünde und kein Vergehen kann so groß sein, dass ein Mensch bei Gott nicht Vergebung fände, wenn er nur ehrlichen Herzens umkehrt und bereut.

Ist das nicht eine Provokation für jene besonders Gesetzestreuen, die von sich meinen, sie wären in allem gerecht und hätten sich den Himmel gleichsam aus eigener Kraft verdient? Gerade an der Reaktion des älteren Sohnes zeigt sich jedoch, wie das Herz der Pharisäer hart geworden ist. Sie sind nicht mehr fähig zur Freude über den, der sich bekehrt hat und der die Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater wieder gefunden hat. Jesus ist jedoch gerade zu den Sündern gekommen, denn nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken (vgl. Lk 5,31)!

So wird das Gleichnis Jesu einerseits zur Hoffnung für die Sünder, die es wagen dürfen, sich Gott zu nahen, in welches Elend auch immer sie durch eigene Schuld geraten sind, aber andererseits zur Anklage und Anfrage an all jene Selbstgerechten, die von sich meinen, dass sie der Umkehr nicht bedürfen. Sie wollen sogar andere von der Gemeinschaft mit Gott ausschließen, und hier sagt Jesus Christus, dass diese Haltung vor Gott nicht in Ordnung ist. Auch der Pharisäer, der „Gute“ und „Fromme“, ist eingeladen umzukehren. Er hat vielleicht nach außen hin nichts Böses getan, doch sein Herz ist hart geworden, und er muss erst lernen, barmherzig zu sein und mitzufühlen mit den Irrenden, den Schwachen und Sündern. Er soll teilhaben an der Freude des Vaters, denn auch im Himmel ist bei den Engeln Gottes mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umgekehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen (vgl. Lk 15,7).

Was aber kann dieses Evangelium uns sagen? Zu allererst: Wir sollen uns wohlweislich hüten, jetzt eine Einteilung vorzunehmen und zu sagen: Das hier sind die Pharisäer, und das sind die heimgekehrten, reuigen Sünder, die vor Gott Gnade gefunden haben. Nein! So einfach geht es nicht. Es möge ein jeder in sein Herz blicken, und wahrscheinlich wird er dort beides vorfinden: Einerseits so manches ganz offensichtlich Sündhafte, wo wirkliche Umkehr und Lebensbesserung angesagt ist, aber vielleicht auch immer wieder eine gewisse Haltung der Selbstgerechtigkeit, in der man auf andere herabblickt und diese ausschließt, weil sie in den eigenen Augen nicht würdig sind, zur Schar derer hinzuzugehören, die in der Gemeinschaft Gottes stehen.

Das heutige Evangelium ist kein Evangelium der Spaltung in die „Reinen“ und in die „Sünder“, sondern es zeigt, dass wir alle der Gnade Gottes bedürfen. Wenn wir die nötige Demut haben zu sagen, dass wir vor Gott nicht perfekt sind, dann wird uns Erbarmen zuteil. Vor allem gilt auch: Nach dem Maß, mit dem wir messen, wird auch uns gemessen. Nur der, der dem Nächsten gegenüber wohlwollend ist, der ein Herz für andere hat, der wird das Erbarmen Gottes erfahren.

Gerade in dieser österlichen Bußzeit (Fastenzeit) gibt es viele Anlässe, dass wir Gott unser Herz aufs Neue zuwenden und auch den Mitmenschen nicht ausschließen von unserer Liebe. Möge uns die Fürsprache der Heiligen begleiten, besonders des hl. Josef und der hl. Gottesmutter Maria!

Im Himmel soll die Freude über einen jeden Geretteten einst auch unsere Freude sein. Amen