Predigt:
4. Sonntag im Jahreskreis C (01.02.2004)
L1: Jer 1,4-5.17-19; L2: 1 Kor 12, 31-13,13; Ev: Lk 4,21-30
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das Evangelium vom vorigen Sonntag berichtete davon, dass Jesus in der Synagoge von Nazareth aus einer Buchrolle des Propheten Jesaja vorlas. Es war davon die Rede, dass Gott der Herr seinen Gesalbten gesandt hatte, um das Heil zu verkünden. Jesus bezog in der anschließenden Ansprache diese Worte des Propheten auf sich und zeigte auf, dass nun all das in Erfüllung gegangen war, was Gott in den Heiligen Schriften angekündigt hatte.
Wie aber reagierten nun die Menschen darauf? Zunächst fand seine Rede allgemeinen Beifall. Man staunte darüber, mit welcher Weisheit Jesus all das vorgetragen hatte. Doch bald regte sich Unmut, und Kritik wurde laut. Man wollte es nicht wahrhaben, dass Jesus, „der Sohn Josefs“, so reden konnte. Er war doch einer von ihnen, und nun maßte er sich göttliche Vollmacht an! Er sollte der Heilsbringer sein?!
Jesus hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Und so fuhr er fort in seiner Rede und legte ihnen dar, dass kein Prophet in seiner Heimat Anerkennung gefunden habe. Zwei Beispiele führte Jesus an: Als der Prophet Elija lebt und eine Hungersnot im ganzen Land herrschte, da wurde dieser Prophet von Gott zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon gesandt, das eigentlich gar nicht mehr zu Israel gehörte. Und als der Prophet Elischa lebte, da heilte er durch die Macht Gottes ausgerechnet einen Ausländer und Ungläubigen: den Syrer Naaman.
Mit diesen Worten wollte Jesus seine Zuhörer darauf hinweisen, dass Gott immer in Freiheit auserwählt. Auf die Gnade Gottes hat niemand ein Anrecht. Gerade jene, die meinen, von vornherein die Besseren zu sein, gehen oft leer aus. Und schließlich gilt das Prophetenschicksal: Ein Prophet wird oft verkannt, besonders dann wenn er unangenehme Dinge anspricht und beispielsweise das Volk wegen seiner Sünden anklagt und zur Umkehr und Lebensänderung aufruft. Man sucht sich lieber seine eigenen Propheten der Selbstbestätigung und der Beschwichtigung, ist aber taub für das Wort des Herrn. Genauso ist es auch Jesus gegangen: Nicht alle wollten ihn hören. Denn seine Lehre war durchaus anspruchsvoll. Jesus verlangt den ganzen Einsatz für Gott und das Himmelreich. Mit Halbheiten gibt er sich nicht zufrieden. Und da können und wollen nicht alle mitmachen. Auf diese Weise erfuhr unser Herr vielfache Ablehnung, eben auch in seiner Heimatstadt Nazareth.
Was aber tut Jesus, als derart massiver Widerstand hochkommt? Er nimmt nichts von seinen Worten zurück, lässt sich aber auch nichts anmerken, dass er etwa erzürnt wäre. Er schreitet einfach mitten durch die Menge hindurch und geht weg, als sie ihn den Abhang des Berges hinabstürzen wollen. So entzieht er sich ihnen und überlässt sie jenem Los, das sie selber gewählt haben.
Liebe Brüder und Schwestern! Wenn Gott uns anruft – und das tut er oftmals, auf verborgene Weise –, dann sind wir zur Entscheidung herausgefordert, ob wir diesen Ruf hören wollen oder nicht. Gott zwingt niemanden. Seine Liebe lädt nur ein. Denken wir nur an das tägliche Gebet! Wie leicht wird es ausgelassen, wie schnell vergisst man darauf. Hier liegt es an uns, dass wir uns bemühen, achtsam auf den Ruf Gottes zu hören und nicht taub zu sein für sein Wort. Oder ein anderes Beispiel: Wir begegnen einen Mitmenschen, der ein gutes Wort oder eine Tat der Nächstenliebe von uns erwartet. Wie leicht können wir uns da einfach „taub“ stellen und so tun, als hätten wir nichts gehört und nichts gesehen! Aber letztlich ist es immer Gott selber, der durch den Nächsten zu uns spricht. Sollten wir da nicht mehr Bereitschaft im Herzen entwickeln, dem Ruf der Gnade zu folgen?
Nehmen wir also Jesus Christus an, wie er uns verkündet wird durch das Wort Gottes, und wie er uns einlädt im Opfer der heiligen Messe. Im eucharistischen Mahl möchte er unsere Speise werden. Jede Gedankenlosigkeit oder Gleichgültigkeit wäre fehl am Platz. Gott ruft auch uns, doch er drängt sich nicht auf. Würden wir „Nein“ sagen zu ihm, dann geht er vorbei. Sagen wir hingegen immer wieder unser „Ja“-Wort, so wie es die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria getan hat, dann wird uns Licht und Kraft geschenkt für unseren Lebensweg. Wir alle brauchen den Erlöser! Nur er weist uns den Weg zum Leben in Fülle, hinein ins ewige Reich Gottes. Amen
