Predigt:
5. Fastensonntag C (28.03.2004)
L1: Jes 43,16-21; L2: Phil 3,8-14; Ev: Joh 8,1-11
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Nur mehr zwei Wochen trennen uns von Ostern! In den nächsten Tagen treten wir ein in die vertiefte Meditation des Leidens Christi, seiner Passion. Entscheidend ist der Glaube daran, was unser Herr Jesus Christus aus Liebe für uns Menschen getan hat. In dieser Liebe opferte er sich selber hin für uns am Kreuz und schenkte uns in seiner Auferstehung Anteil an seinem göttlichen Leben!
Im Evangelium dieses 5. Fastensonntags berichtet uns Johannes von der Begegnung Jesu mit jener Frau, die man wegen Ehebruchs steinigen wollte. Zweifellos ist Ehebruch eine schwere Sünde vor Gott und ein großes Unrecht gegenüber dem Ehepartner, den Kindern und der Gesellschaft. In unserer gegenwärtigen Zeit ist uns das Bewusstsein dafür schon fast abhanden gekommen, wenigstens in der säkularisierten Kultur des Westens. Es gibt aber – wie uns das Evangelium zeigt – auch das andere Extrem: Dass man jene Menschen, die hier schuldig geworden sind, radikal verurteilt und ausgrenzt, ja sie sogar mit dem Tod bestrafen möchte.
Es gab bei den Juden die Vorschrift, die ihnen von Mose überliefert worden war, wonach eine Frau, die man beim Ehebruch ertappte, zu steinigen sei. Die Todesstrafe wurde rigoros angewandt, und leider oft einseitig zu Lasten der betroffenen Frau!
Im 5. Buch Mose, nämlich in Dtn 22,22, heißt es wörtlich: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.“
Als man nun Jesus damit konfrontierte, dass eine Frau direkt beim Ehebruch ertappt worden war und man diese vor Jesus hinbrachte, war dies eine Falle, die ihm von seinen Gegnern gestellt wurde: Entweder er würde entsprechend dem mosaischen Gesetz handeln und die Steinigung verlangen oder er würde sich offen gegen das Gesetz des Mose stellen. Was tut Jesus? Zuerst geht er auf ihre Frage scheinbar nicht ein, da er etwas auf die Erde schreibt. Dann jedoch erhebt er sich und gibt eine Antwort, die alle überrascht: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf diese Frau.“ Damit hat niemand gerechnet, beschämt ziehen sich alle zurück, bei den Ältesten angefangen.
Nur Jesus und die Frau bleiben zurück. Jedoch er, der als der menschgewordene Sohn Gottes ein Recht hätte, über diese Frau zu richten, verurteilt sie nicht. Was er sehr wohl tut, ist, dass er ihr aufträgt, von jetzt an nicht mehr zu sündigen. Gott vergibt jedem, der umkehren will, und er schenkt die Gnade eines neuen Anfangs! Keine Sünde ist so groß, als dass sie Gott in seinem Erbarmen nicht vergeben könnte. Niemand braucht zu verzweifeln, da Gottes Sohn gekommen ist, um die Sünder zu retten und wieder mit Gott zu versöhnen. Gerade dies wird am heutigen Evangelium deutlich!
Im Islam ist die Steinigung bei Ehebruch gemäß dem Gesetz der Scharia bis heute noch vorgeschrieben. Angewandt wird sie freilich nur in bestimmten Fällen. Obwohl der Koran an sich nur die Auspeitschung vorsieht, beruft man sich hier insbesondere auf das Beispiel Muhammads, der selber diese Strafe der Steinigung angewandt hat.[1]
Gerade dieser Vergleich kann uns zeigen, welche Welten das islamische Rechtsempfinden und Ethos von einem christlichen und humanistischen Verständnis des Menschen in seiner Würde und seinen Rechten trennen. Dies sollten wir bedenken und uns hüten vor Verharmlosungen. Wir als katholische Christen sind aufgerufen, uns einzusetzen für mehr Liebe und Barmherzigkeit in dieser Welt!
Wer immer uns begegnet und was immer für Sünden jemand begangen haben mag – wir haben nicht das Recht, über ihn zu richten und zu verurteilen. Auch Jesus tat es nicht. Er vergab den Sündern in der Vollmacht des himmlischen Vaters und eröffnete ihnen den Weg der Umkehr und des Neuanfangs. Nutzen wir diese österliche Bußzeit und empfangen wir die Sakramente der Buße und der Eucharistie!
Niemand ist ausgeschlossen von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Möge die Gottesmutter Maria als Mutter der Barmherzigkeit uns tiefe Abscheu vor der Sünde einflößen, zugleich aber Mitleid und Erbarmen mit allen Irrenden und Schwachen und besonders mit den Sündern. Auch wir zählen schließlich dazu und sind stets auf Gottes Erbarmen angewiesen! Amen.
