Predigt:
Seligpreisungen und Weherufe
6. Sonntag im Jahreskreis C (11.02.2007)
L1: Jer 17,5-8; L2: 1 Kor 15,12.16-20; Ev: Lk 6,17.20-26
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Vielleicht ist Ihnen die Geschichte vom Esel Buridans bekannt, der angesichts zweier links und rechts gleich weit von ihm entfernt liegender Heuhaufen nicht weiß, welchem er sich nun zuwenden soll. Schließlich verhungert er, weil er sich nicht entscheiden kann, wo er zuerst zu fressen beginnen soll.
Diese theoretische und natürlich irreale Geschichte kann eine gewisse Illustration geben für die Schwierigkeit vieler Menschen, klare Entscheidungen zu treffen. Für viele scheint es bequemer und leichter, sich einfach treiben zu lassen und vorgegebenen Pfaden zu folgen, als eigenverantwortlich das Leben zu gestalten. Und doch braucht es manchmal die klare persönliche Stellungnahme, damit unser Leben auf geraden Bahnen verläuft und wir nicht auf Ab- und Irrwege geraten. Sowohl die erste Lesung als auch das Evangelium sprechen davon.
In der Lesung aus dem Buch Jeremia wird ein Vergleich hergestellt zwischen einem Mann, der sich von Gott abwendet, und einem, welcher sich „auf den Herrn verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist“. Der eine ist – wie es heißt – „verflucht“, der andere „gesegnet“. Wie ein kahler Strauch in der Steppe fristet der Gottlose ein kärgliches Dasein, während der Fromme mit einem Baum verglichen wird, „der am Wasser gepflanzt ist“; stets hat er das nötige Wasser, er bleibt grün und bringt Frucht. Gottlosigkeit führt also zum Tod, während liebende Gottverbundenheit Heil und Segen bringt.
Auch im Evangelium ist die Rede von der Alternative des Heils und des Unheils. Jesus spricht sowohl Seligpreisungen als auch Weherufe aus. Selig gepriesen werden die Armen, denen das Reich Gottes gehört. Außerdem werden die Hungernden, die Weinenden und jene, welche von den Menschen um Jesu willen gehasst und verfolgt werden, selig gepriesen. Der „Lohn im Himmel wird groß sein.“ Die Reichen, die Satten, die Lachenden und die von den Menschen Hochgelobten haben hingegen einen Weheruf zu erwarten. Ihr Ende ist nicht erfreulich. Statt des ewigen Lebens erwartet sie der ewige Tod, d.h. die Hölle.
Stören uns die Worte Jesu? Sind sie nicht höchst einseitig? Sollte man die Dinge nicht differenzierter und diplomatischer ausdrücken? Ja, ist das überhaupt gerecht, was unser Herr mit diesen drastischen Worten formuliert? So und ähnlich können wir fragen. Und die Antwort gibt der Frage insofern recht, als wir tatsächlich nach dem tieferen Sinn der Worte des Herrn fragen müssen. Es geht ja beispielsweise nicht einfach um eine Seligpreisung der materiellen Armut als solcher oder um eine Verdammung des Reichtums an sich, sondern um eine Einstellung des Herzens, welche vor Gott von Bedeutung ist. Gehören wir zu jenen, die „arm“ sind vor Gott, weil sie letztlich alles von ihm erwarten und sich auch in ihrem täglichen Bemühen um das Gute in allem ganz und gar von ihm abhängig wissen? Jene „armen“ Menschen sind selig zu preisen, da sie in Fülle empfangen werden. Oder wähnen wir uns vielleicht „reich“ in dem Sinn, dass wir uns selbst genügen, kein Herz haben für unsere Mitmenschen und in Gier und Habsucht nur um unser eigenes Ich kreisen? Das Ende dieser „Reichen“ ist der Tod. Ähnlich ist es mit den Hungernden und den Weinenden: Es sind Menschen, welche hier auf Erden ihre Hoffnung noch nicht erfüllt sehen, sondern die letzte Vollendung allein von Gott erwarten. Wer hingegen hier schon „satt“ ist und „lacht“, lebt nur für das Diesseits und das Irdische. Das ewige Reich Gottes ist für einen solchen Menschen kein Thema mehr.
Schließlich geht es in den Worten Jesu um die Verfolgung durch die Menschen wegen der Zugehörigkeit zu Christus und zu seiner Kirche bzw. umgekehrt um das allseitige, aber trügerische Lob jener, die nur auf Irdisches blicken und Gott nicht anerkennen wollen. Hier ist es für Jesus klar, was vorzuziehen ist: Besser ist es, in den Augen der Menschen nichts zu gelten oder gar verachtet und gehasst zu werden und dafür bei Gott letztes Lob und letzte Ehre zu erlangen. Denn nur ein reines Gewissen ist die Grundlage für wahre Seligkeit und ewige Freude bei Gott.
So verstanden werden die Worte der Heiligen Schrift, welche uns zur Entscheidung aufrufen, eine heilsame Mahnung: Wir sind eingeladen, dem Ruf Gottes zu folgen, auf ihn unser ganzes Vertrauen zu setzen und das Gute zu tun. Die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria, der Gedenktag von Lourdes am 11. Februar normalerweise gefeiert wird, zeigt uns, wie köstlich der Weg der Demut und des gläubigen Vertrauens ist. Wer in Frieden und in liebevoller Verbundenheit mit Gott lebt, ist reicher als all jene, welche irdischen Schätzen anhängen und vergänglichen Ehrungen nachlaufen. Streben wir nach dem Siegespreis bei Gott, der bleibt und ewiges Leben bringt! Amen
