Predigt:
Vom Tod zum Leben
Karfreitag C (06.04.2007)
L1: Jes 52,13-53,12; L2: Hebr 4,14-16 ; 5,7-9; Passions-Ev: Joh 18,1-19,42
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Der Tod Jesu Christi am Kreuz, an den wir uns jedes Jahr am Karfreitag in besonderer Weise erinnern, ist gleichsam die Mitte der Weltgeschichte. Es handelt sich nicht um das Sterben irgendeines gewöhnlichen Menschen, sondern der da stirbt ist der wahre Sohn Gottes. Die zweite göttliche Person, das ewige Wort Gottes, Gott von Gott und Licht vom Licht, hat eine menschliche Natur angenommen, um so als Mensch leiden und sterben zu können. Zur Sühne für die Schuld der Welt hat der Sohn Gottes Leiden und Tod auf sich genommen und sein Leben für uns hingegeben. In seiner Opferhingabe am Kreuz schenkt er uns ewiges Leben!
Somit ist der Tod Christi nicht Endpunkt des Lebens, sondern Wendepunkt aller menschlichen Geschichte hin zum Besseren, hin zur Vollendung. Diese Vollendung kommt allein von Gott und kann durch bloß menschliches Bemühen niemals herbeigeführt werden. Am Ende aller Tage wird offenbar werden, was Gott Großes getan hat an seinem Volk, an den Menschenkindern, die er durch das kostbare Blut seines Sohnes Jesus Christus erlöst hat von aller Sünde und allem Bösen.
Der Tod Jesu am Kreuz kann daher nur im Zusammenhang mit seiner Auferstehung richtig gesehen und verstanden werden. Der Messias Gottes, der Erlöser, sollte zwar in den Augen der Welt vorerst scheitern, doch in dieser scheinbaren Niederlage seines Todes liegt der Keim des ewigen Lebens. Am dritten Tage ist der Sohn Gottes von den Toten auferstanden, und in dieser Auferstehung erweist er sich als der Erstgeborene von den Toten, der allen, die an ihn glauben und ihm vertrauen, das ewige Leben schenkt.
Wer ist schuld am Tod Jesu? Diese Frage hat einen historischen und einen theologischen Zusammenhang. Historisch betrachtet gab es damals vor fast 2000 Jahren ganz bestimmte Verantwortliche für den Tod Jesu am Kreuz. Einerseits war es unter den Schriftgelehrten und Hohepriestern des jüdischen Volkes eine starke Opposition gegen Jesus vorhanden. Sie wollten es nicht zulassen, dass er ein bestimmtes Verständnis und eine bestimmte Praxis des Gesetzes des Mose in Frage stellte. Sie allein fühlten sich als die berechtigten Interpreten dieses Gesetzes, was – wie das Beispiel der Pharisäer zeigt – im Extremfall zu Heuchelei und nur scheinbarer Frömmigkeit führte. Jesus ging es um die Erneuerung des Herzens in der lebendigen Gottesbeziehung. Der Konflikt war vorprogrammiert. Dazu kam die politische Dimension der römischen Herrschaft, sodass es den Gegnern Jesu – unterstützt von einem aufgehetzten und irregeleiteten Mob – gelang, das Misstrauen der römischen Behörde, repräsentiert durch Pontius Pilatus, zu wecken. Dies alles führte schließlich zur Verurteilung und zum Tod Jesu am Kreuz.
Abgesehen von dieser rein äußeren, historischen Frage darf aber nicht übersehen werden, dass Jesus Christus selbst seinen Tod als Hingabe der Liebe verstanden hat. Er hat sich nicht zwangsläufig damit abgefunden, am Kreuz zu enden, sondern hat dies alles im Gehorsam gegen den Willen des himmlischen Vaters in Liebe angenommen, um uns alle von den Sünden zu erlösen. Und hier beginnt – tiefer gesprochen – eine umfassende Verantwortlichkeit von uns allen gegenüber dem Tod Jesu: Wir alle sind als Sünder vor Gott daran schuldig geworden, dass Jesus sterben musste. So groß war einerseits die Schuld der Menschen, dass sie Jesus Christus, das unschuldige Gotteslamm, ans Kreuz brachte. So groß war andererseits die Liebe Gottes, dass alle Schuld der Welt und aller Hass es nicht vermochten, seine Liebe zu uns auszulöschen. Diese Liebe hat in der Hingabe des Lebens Jesu am Kreuz für uns triumphiert und ermöglicht allen, die ihre Schuld bekennen und bereuen, einen neuen Anfang.
So wollen wir heute und an jedem Tag unseres Lebens voll Liebe, Vertrauen und Dankbarkeit auf das Kreuz Christi blicken. Wir tun dies mit einem lebendigen Glauben, wie ihn auch die Mutter Jesu hatte. Maria zweifelte nämlich nicht daran, dass der Sohn Gottes sein Lebensopfer aus Liebe zu den Menschen und in Gehorsam gegenüber dem himmlischen Vater so vollenden würde, dass aus dem Tod und der scheinbaren Niederlage neues und ewiges Leben entsprang. Wir tragen unser Lebenskreuz zusammen mit unserem Herrn Jesus Christus und sind voll Hoffnung, dass wir mitten in aller Bedrängnis gestärkt werden durch das Opfer des Erlösers, das er am Kreuz für uns aus Liebe vollbracht hat. Amen
