Predigt:
Die Erfüllung von Gottes Gerechtigkeit
Fest der Taufe des Herrn C (07.01.2007)
L1: Jes 42,5a.1-4.6-7 oder Jes 40,1-5.9-11; L2: Apg 10,34-38 oder Tit 2,11-14;3,4-7; Ev: Lk 3,15-16.21-22
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Kürzlich wurde ich gefragt, warum denn Jesus überhaupt getauft worden sei. Er habe dies ja eigentlich gar nicht nötig gehabt: als Sohn Gottes, der Mensch geworden ist, um uns zu erlösen!
Der Einwand ist berechtigt und wurde vor 2000 Jahren schon von Johannes dem Täufer selber formuliert. Als er sah, dass Jesus Christus (das „Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt“, vgl. Joh 1,29) mitten unter den übrigen Menschen zu ihm herantrat und im Wasser des Jordan die Bußtaufe empfangen wollte, da wehrte er sich nach Kräften gegen diesen Wunsch des Herrn. Im (heute nicht verkündeten) Evangelium nach Matthäus (3,14–15) heißt es: „Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.“
Es ist ein zunächst rätselhaftes Wort, das Jesus hier von sich gibt: es gelte, die Gerechtigkeit Gottes ganz zu erfüllen. Was ist damit gemeint?
Zunächst kann man darunter die Gerechtigkeit Gottes verstehen, wie sie dem Volk des Alten Bundes im Gesetz zur Erfüllung aufgetragen war. Wer sich bemühte, das Gesetz Gottes zu erfüllen und es zu halten, der galt als gerecht. Auf diese Weise gab es im Alten Bund viele fromme und heilige Menschen, die nach Kräften den Willen Gottes in ihrem Leben anzunehmen und zu verwirklichten suchten. Auch Josef von Nazareth, der jungfräuliche Gemahl Marias und väterliche Beschützer des Jesuskindes, wird von der Heiligen Schrift als „gerecht“ bezeichnet (vgl. Mt 1,19).
So kann die Antwort Jesu zunächst bedeuten: Er selbst stellt sich ganz in eine Reihe mit den Angehörigen des jüdischen Volkes, die auf den verheißenen Messias warten. Er ist zwar der von Gott gesandte Erlöser und ewige Sohn Gottes; als Mensch stammt er jedoch aus dem jüdischen Volk und ist in diesem Sinn auch ein „Jude“. Er ist gekommen, nicht um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen (vgl. Mt 5,17).
Dann aber kann das Wort von der Gerechtigkeit Gottes, die es zu erfüllen gilt, auch in einem umfassenderen Sinn verstanden werden: Es geht jetzt um die Gerechtigkeit nicht nur im Sinn des jüdischen Volkes und seines Gesetzesverständnisses, sondern um die Gerechtigkeit der ganzen Menschheit. Hier aber gilt, dass alle Menschen gleichsam von Natur aus „Sünder“ sind (vgl. Eph 2,3: „Wir waren von Natur aus Kinder des Zorns wie die anderen“). Das Erbe der Schuld Adams lastet auf allen Menschen; ihre Natur ist gefallen und bedarf der Erlösung in Jesus Christus. Nun aber stellt sich der Erlöser in eine Reihe mit der ganzen sündigen Menschheit. Er, der Sündenlose, beansprucht für sich keine Ausnahme und will so den Willen des himmlischen Vaters erfüllen. Stellvertretend für die Vielen nimmt er die Schuld auf sich und ist bereit, sein Leben als Sühneopfer hinzugeben. Dies tut er in voller Freiheit, nicht weil er es tun müsste, sondern weil er uns Menschen liebt.
Wenn Jesus Christus nun die Taufe des Johannes auf sich nimmt und an sich geschehen lässt, so wird hier gleichsam seine Liebeshingabe bis zum Tod am Kreuz schon vorweggenommen. Die Frucht seines Erlösungsopfers am Kreuz – die Hinwegnahme der Schuld Adams und der persönlichen Sünden – wird gleichsam im Voraus schon gegenwärtig und wirksam.
Nicht Jesus Christus hat die Buße und Vergebung nötig, sondern er ist es, der als das „Lamm Gottes“ die „Sünde der Welt“ hinweg nimmt. In seinem kostbaren Blut, das er am Kreuz vergossen hat, sind wir erlöst. Die Frucht der Erlösung wird in der Bußtaufe des Johannes schon anfanghaft mitgeteilt und den Menschen zuteil, die die Umkehr und Versöhnung mit Gott suchen.
Weil Jesus Christus aber das Heil aller Menschen in einem Neuen Bund der Liebe will, darum hat er selbst die Taufe im Wasser und im Heiligen Geist eingesetzt. Als er den Aposteln und Jüngern den Auftrag gab, in alle Welt zu gehen und alle Völker zu taufen (vgl. Mt 28,18–20), da begründete er in gewisser Weise die Heilsgemeinschaft des Neuen Bundes in seiner Kirche.
Wir sind getauft und Gott geweiht und dürfen uns zur katholischen Kirche bekennen! Der Bund Gottes mit uns ist geschlossen, und wir haben Anteil daran. Nicht mehr das Gesetz der Sünde und des Todes prägt uns, sondern die Freiheit der Kinder Gottes im Heiligen Geist ist uns zuteil geworden. In diesem Geist dürfen wir Gott „Vater“ nennen und sind wir einander zu „Brüdern“ und „Schwestern“ geworden. Danken wir Gott durch unser Leben, und freuen wir uns, dass wir in der Taufe eingetaucht sind in die Liebe des dreifaltigen Gottes: des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
