Moderator Mag. Werner Schmid, Gemeinschaft vom heiligen Josef

Predigt beim Goldenen Priesterjubiläum
von Pfr. KR Otto Bayer
am 6. Mai 2007 in See im Paznaun

 

Liebe Gläubige aus der Gemeinde See,

liebe Mitbrüder, lieber P. Johannes, lieber hochwürdiger Herr Pfarrer Bayer,

liebe Jubilare!

 

Die Pfarrgemeinde See im Paznaun erlebt heute einen gewiss einmaligen Tag in ihrer Jahrhunderte langen Geschichte: das 50jährige Priesterjubiläum ihres hochverdienten Pfarrers Otto Bayer (der bereits mehr als die Hälfte seines Lebens hier in See verbracht hat) und zugleich das 40jährige Priesterjubiläum von P. Johannes Schmid, der als Sohn dieser Gemeinde bei den Herz-Jesu-Missionaren eintrat und jetzt – von Brasilien kommend – hier auf Heimaturlaub ist.

Ich muss Ihnen zu Beginn gleich ein Geständnis machen: Als vor acht Tagen jemand mir zuvor Unbekannter in unserer Gemeinschaft anrief und um einen Prediger für das heutige Fest ersuchte (sieben hätten bereits abgesagt), habe ich schließlich angenommen. Ich kannte allerdings weder den Ort See, noch den Pfarrer, noch Ihren Missionar. Inzwischen habe ich natürlich einiges darüber erfahren; und nun muss ich sagen: Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich vermutlich heute nicht hier. Denn diese „Vorgaben“ sind mir eindeutig zu groß. Ich bin nur ein einfacher Priester aus Niederösterreich – hier aber feiern ein Missionar, der Christus in den Ärmsten der Armen dient, und ein überaus seeleneifriger Pfarrer ihr 40- bzw. 50-jähriges Priesterjubiläum. Was kann ich – jünger an Jahren und geringer an Erfahrung –, was kann ich da den beiden Mitbrüdern an ihrem Festtag schon sagen? Was kann ich Ihnen, liebe Gläubige, dazu heute sagen?

Gewiss, eines zuerst, nämlich zu danken! Denn ein solches Jubiläum ist zuallererst ein Grund zur Dankbarkeit. Und so wollen wir heute mit Ihnen, liebe Jubilare, Gott danken für die 40 bzw. 50 Jahre, die er Ihnen geschenkt hat im Dienst der Kirche, Jahre seiner Gnade, in denen Sie treu bleiben durften im Weinberg des Herrn und damit Ermutigung und Stütze waren für viele. Denn in einer Zeit, die gekennzeichnet ist von der Unver­bindlichkeit, von der Mode des Augenblicks und dem Reiz des immer Neuen, wo das Band der Ehe so leicht gelockert wird und auch Priester und Ordensleute versucht sind, ihr Ja zurückzunehmen – in einer solchen Zeit ist es gut, ein Jubiläum zu feiern und damit Zeugnis abzulegen für die Treue Gottes und das Wirken seiner Gnade. Es ist gut, das Jubiläum einer Ehe zu feiern. Und es ist gut, auch zu danken für die Treue im priesterlichen Dienst.

Denn was wäre gewesen, wenn Sie, liebe Jubilare, damals vor 50 bzw. 40 Jahren Ihr „adsum“, ihr Ja vor dem Weihealtar nicht gesprochen hätten? Wie vieles wäre ausgefallen! Wie viel an Segen für die Kirche wäre verloren gegangen! Was wäre aus diesem Ort See geworden und aus seinen Bewohnern? Auch wenn die Menschen immer wieder wollen, dass die Kirche sie in ihrem Tun bestätigt, so kann und darf sie es nicht, denn Gott will, dass wir uns bekehren. Heute möchte Ihnen deshalb die ganze Pfarrgemeinde von Herzen danken für das Beispiel Ihrer Treue, für das Beispiel Ihres Betens, für das Zeugnis Ihres Glaubens und für Ihren Mut, wenn es galt und gilt, die Wahrheit zu verteidigen.  Der hl. Antonius von Padua, der geliebte Volksheilige, der zugleich ein genialer Theologe und Prediger war, hat einmal gesagt: „Wer die Wahrheit verkündet, der bekennt Christus. Wer sie aber in der Predigt verschweigt, der verleugnet Christus ... Gott hat deshalb den Priester als Wächter eingesetzt.“ Und so ist es auch. Der Priester ist Hirte, aber er hat auch ein Wächteramt. Er muss die ihm Anvertrauten warnen, wenn er sieht, dass sie in die Irre gehen oder ihrem ewigen Heil Gefahr droht. „Stumme Hunde“ sind jedenfalls als Wächter unbrauchbar!

Als Ihnen, lieber Pfr. Bayer, vor 50 Jahren am 6. April 1957 Bischof Rusch in Innsbruck die Hände auflegte und zum Priester weihte, konnten Sie nicht ahnen, dass nach dem kommenden Konzil über die Kirche ein Sturm hereinbrechen würde, der nicht nur morsches Holz hinweggefegt hat, sondern sogar das Heilige, ja das Allerheiligste selbst ins Wanken brachte und zahlreiche „Brunnen“ austrocknen ließ. Sie, lieber Jubilar, haben sich davon nie beirren lassen, sondern sich die Worte zu eigen gemacht, die der Papst den deutschen Bischöfen einmal (1989) in einer Ansprache gesagt hat: Wir müssen heute den Mut haben, „in unerschütterlicher Treue zum Evangelium Minderheit zu sein ... Der Glaube steht heute wie immer im Widerspruch zu vielem, was gerade gängig ist, und gerade als Widerspruch dient er dem Menschen; im Mut des Widersprechens erhält er neue Schwungkraft, neue Lebendigkeit.“

Unser Glaube ändert sich nicht. Gottes Gebote sind wahr, solange die Welt steht. Aus den Sakramenten zu leben ist für uns bleibend notwendig. Priestertum und Eucharistie gehören untrennbar zusammen. Und Christus im allerheiligsten Sakrament in Ehrfurcht anzubeten ist immer richtig und lässt sich durch nichts wegargumentieren! Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns gesagt: die hl. Messe ist nach wie vor „Quelle, Mitte und Höhe­punkt des ganzen christlichen Lebens“, dem „kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß gleich kommt“. Das gilt für die Gläubigen, aber ebenso für den Priester selbst, so dass Papst Johannes Paul II. einmal sogar gesagt hat: „Der Priester ist soviel wert, wie sein eucharistisches Leben, besonders sein Messopfer.“ Das heißt, das Erlösungswerk, die hl. Messe, wie wir sie feiern, wo und wie oft, davon hängt alles ab. Hier am Altar hat der Priester die alleinige Sicherheit, wirklich nützlich und wirksam zu sein für die Menschen, denn hier geschehen die Erneuerung und die Verwandlung der Welt. Mit dieser Hinordnung des Priesters auf die Eucharistie ist auch zutiefst verbunden sein Verhältnis zu Kirche und Papst und zur Mutter des Herrn, die Christus selbst vom Kreuz herab seinem Neupriester Johannes als Primizgeschenk übergeben hat.

Sie erinnern sich, lieber Jubilar, an die Tage vor Ihrer Weihe vor 50 Jahren, als Sie sich selbst und Ihr kommendes priesterliches Wirken ganz der Gottesmutter anvertraut haben; wie Sie dann an ihren verschiedenen Seelsorgsstellen diese Liebe zur Mutter des Herrn besonders den Kindern und Jugendlichen ins Herz gelegt haben, wie man Sie deshalb angefeindet und ausgegrenzt hat, wie sie 1968 – von Gottes Vorsehung geführt – hierher nach See kamen, und wie sich nach anfänglichen Widerständen und Schwie­rig­keiten schließlich doch die Tore für Christus zu öffnen begannen. Nicht, weil Ihre Kraft dies vermochte, sondern weil die Mittlerin aller Gnaden sich als Mutter erwies und das Gebet ihres Dieners und ihrer Kinder erhörte. Der Rosenkranz und die Familienweihe waren für Sie der so schlichte, einfache und wirksame Weg, der letztlich die ganze Pfarrei geprägt und verändert hat. Und heute wissen Sie es selbst, liebe Gläubige aus See: Gnade gibt es nur beim Herzen Gottes und bei dem Herzen der Mutter, das seine Liebe erfüllt hat. Keine Macht der Welt ist uns gnädig, nur das Herz unseres Gottes. Und dieses Ver­trauen wollen wir immer wieder neu erbeten, weil wir es nötig haben.

Gewiss, die Kirche ist nicht auf Menschen gebaut, sondern auf Christus, den Fels, und die Mächte der Hölle können sie nicht zerstören. Und doch ist jeder als lebendiger Stein eingefügt in den Bau der Kirche, und berufen mitzutragen – der Priester aber in einer besonderen und unersetzbaren Weise. Das Wort des Herrn an Petrus gilt deshalb auch für ihn: „Du aber stärke deine Brüder.“ Wenn er fehlt, wenn der Priester fehlt, gerät der ganze Bau ins Wanken!

Liebe Jubilare: Gott hat Sie geführt. Und er wäre nicht Gott, wenn wir seine Führungen und Weisungen immer gleich verstünden. Zuletzt aber dürfen und müssen wir doch immer sagen: Es war gut. Denn Gott macht keine Fehler!

Aber vielleicht würden sie, liebe Jubilare jetzt sagen: Das ist heute nicht die Stunde, bloß die äußere Geschichte unserer Priesterjahre zu bedenken, sondern vor unserem Blick steht auch die innere Geschichte seiner Gnade und Erwählung, die Gott in unser Leben eingeschrieben hat. Und wenn sie sich auch nicht in Worte fassen lässt und ein Geheimnis bleibt, so kann man wenigstes versuchen, es ganz allgemein zu sagen. Denn es ist doch mit dem Priestertum ähnlich wie mit der Taufe: Gott tut den ersten Schritt. Er nimmt uns an. Er schenkt seine Gnade. Er macht uns zu neuen Menschen, ehe wir antworten können, ehe wir etwas leisten können. Und fortan ist unser Leben, ist die geheime Geschichte unseres Lebens nichts anderes, als in die Form hineinzuwachsen, die Er uns aus Liebe bereitet hat. Priester werden heißt, etwas zu beginnen, was bis zum Tode immer größer sein wird als wir, als unsere Maße, als unsere Vorstellungen. Jetzt, nach all den Jahren haben wir es längst erfahren, wie sehr wir hinter dem zurückbleiben, was dieses Amt von uns fordert und wie sehr dieser Dienst unsere menschlichen Grenzen sprengt. Und es ist verständlich, dass mancher versucht ist, dem auszuweichen und es sich ungefährlicher, handlicher und gemütlicher zu machen. Aber selbst wenn es solche Zeiten gab und gibt, im Innersten wissen wir doch: Wir sind Priester nicht für uns, sondern damit durch uns ein anderer gegenwärtig und wirksam wird: der Herr! Das aber bedeutet Sterben, Abnehmen, Zurückstellen eigener Wünsche, damit Er wachsen kann. Immer wieder ge­hen auch die, die wir geführt haben, von uns weg, und sie gehen ihren eigenen Weg. Und das ist gut so. Denn sie sollen ja nicht den Priester finden, sondern Christus, den Herrn, dessen Wort wir verkünden und dessen Leib wir ihnen reichen. Und wenn wir unseres Wegs zufrieden waren, legt Er ein neues Kreuz auf unsere Schultern.

Priester sein heißt auch einen unendlichen Weg beginnen. Denn das Ziel ist die Ewigkeit. Und so sind 50 Jahre bloß wie ein Wimpernschlag. Immer bleiben wir am Anfang, ärmer an Träumen und Illusionen und Plänen als am Tag unserer Weihe (den Eheleuten geht es wohl nicht anders). Und wir erkennen dabei, dass der Mensch nicht das letzte Ziel ist und dass die uns auferlegten Maße größer sind als wir. Zugleich aber dürfen wir sagen: Trotz aller Kritik an Kirche und am Priesterstand – es ist das Vertrauen ja dennoch da, wenn die Menschen die Last ihrer Schuld bringen, wenn sie unbeirrbar im Priester den Ge­sandten Gottes sehen und daran festhalten, dass er mit Christi Vollmacht handelt und die Gaben der Ewigkeit spendet. An uns Priestern liegt es, mit Hilfe seiner Gnade durchlässig zu werden für Ihn, damit Er sichtbar werden kann in uns. Freilich, und dies müssen wir bekennen: Wer von uns wollte sagen, dass das schon vollkommen sei? Wenn wir dann spüren, wie die Zeit vergeht, kann es auch sein, dass uns die Sorge überkommt, die Angst, als stünden wir noch ganz am Anfang und als wäre es nicht so, dass die Jahre uns geläutert hätten, sondern eher verfestigt und undurchlässig werden ließen. Aber es ist uns verwehrt zu sehen, wie Er uns verwendet, wie Er über uns verfügt, wie Er uns formt, und wie er selbst unsere Schwächen und Misserfolge braucht, um durch uns hindurch Seine Werke zu vollenden. Und wir sollten nicht danach verlangen, dies sehen zu wollen. Denn wer zum Zeichen gesetzt ist, betrachtet sich nicht selbst. Aber er darf das Vertrauen haben, dass Der, der ihn rief, sein Ja durchhalten wird, und dass seine Salbung bleibt und seine Gnade uns auch weiter führen wird und trägt bis ans Ende.

Lassen Sie, liebe Jubilare, zuletzt alles einfließen in den Lobgesang Mariens. Denn mit ihr dürfen auch Sie heute aus ganzem Herzen sagen: „Hoch preist meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn Großes hat an mir getan der Mächtige.“ Amen.

 

 

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