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Predigt von P. Werner Schmid,
Moderator der "Gemeinschaft vom heiligen Josef",
beim Bischöflichen Requiem für Kaplan Bernhard Groß
am 10. August 1998 in der Pfarrkirche von Kleinhain

Hochwürdigster Herr Diözesanbischof,
liebe ehrwürdige Mitbrüder,
liebe Verwandte, liebe Gläubige!

Wir stehen heute betend vor Gott, um einen jungen Priester zu verabschieden, der vor zwei Jahren hier in St. Pölten seine Weihe empfing, nur wenige Wochen als Kaplan in Ruprechtshofen tätig war und die übrige Zeit gegen eine Krankheit anzukämpfen hatte, der er schließlich am 2. August, am Sonntag Portiunkula, im Alter von 38 Jahren erlegen ist. Sie alle, liebe Mitbrüder, liebe Gläubige, die Sie hierher gekommen sind, Sie haben ihn gekannt, geschätzt und vielleicht auch geliebt, und Sie wollten damit noch einmal ihre Verbundenheit zum Ausdruck bringen. Für all dies sei Ihnen im Namen der Gemeinschaft vom heiligen Josef und auch im Namen der Angehörigen von Herzen gedankt.

Das eben gehörte Evangelium vom Weizenkorn ist uns bekannt und es hat seine Gültigkeit für jedes einzelne Menschenleben. Tausendfach wird uns das Gesetz vom Sterben und Fruchtbringen in der Natur vor Augen geführt, und Christus selbst hat mit seinem Tod und mit seiner herrlichen Auferstehung gezeigt, daß es keinen anderen Weg für uns gibt. Seither wissen wir im Glauben, daß dieses Gesetz vom Weizenkorn das eigentliche Grundgesetz ist für das Reich Gottes. Wenn sich dennoch die durchaus menschlichen Fragen nach dem Warum oder nach dem zu frühen Ende erheben, so müssen wir schweren Herzens das sagen, was ein Christ sagen muß: Wir beugen uns vor dem unerforschlichen Ratschluß Gottes. Wir verstehen es nicht, aber wir fügen uns seiner Majestät. Er ist der Herr über Leben und Tod und auch der Spender des ewigen Lebens, das Fülle und Licht ist. Der heilige Augustinus hat das über einen Verstorbenen einmal so formuliert: "Wir meinten, wir brauchten ihn noch, Gott aber sprach: Es ist genug." Die Studenten, die jetzt in den Ferien hier waren, haben Bernhard die letzten Wochen über fast rund um die Uhr betreut, und ich bin überzeugt, das wird er Euch, liebe Studenten, in der Ewigkeit bestimmt nicht vergessen - auch allen anderen nicht, die ihm in den Jahren der Krankheit geholfen, gedient und ihn betreut haben. Besonders danken möchte ich Sr. Margareta von den Elisabethinen in Linz. Diese Schwester hat ihn im Krankenhaus mit besonderer Liebe umsorgt.

Über zehn Jahre lang waren wir mit Bernhard beisammen in unserer Gemeinschaft, und wir haben ihn kennengelernt mit seinen vielfältigen natürlichen Begabungen, mit dem gesunden Menschenverstand und Unterscheidungsvermögen, mit dem Gespür für das Große, Schöne, Heilige und Göttliche, mit der Vorliebe für Fremdsprachen, besonders für die slawischen Sprachen und damit verbunden seine Vorliebe zur östlichen Tradition. Es war da eine schauspielerische Begabung, es gab eine unbeschwerte Fröhlichkeit und schließlich auch einen herzlichen Umgang mit den Menschen, der ihm viele Freundschaften geschenkt hat. So haben wir ihn erlebt, so haben Sie ihn kennengelernt. Ob wir ihn aber wirklich gekannt haben, das wissen wir nicht.

Denn in einer solchen Stunde wird auch eines deutlich: Es hat jeder Mensch sein Geheimnis. Jeder hat seine Tiefen, seine Kämpfe, sein Sehnen und sein Hoffen, das er kaum jemals zur Sprache bringt und das ihm vielleicht selbst niemals völlig klar geworden ist.

Bernhard hatte sein Zimmer im ersten Stock gegenüber dieser Kirche. Er sah vom Bett aus auf den Friedhof. Wie oft mag er dabei gedacht haben: Ja, Herr, es stimmt schon, wir sind vergängliche und zerbrechliche Wesen. Wir sind zusammengefügt, lebendig durch Seele und Leib, und während die Seele weiterlebt, ist es dem Leib zunächst bestimmt, daß er zerfällt und verwest. Und wir haben ihn so geschätzt, genossen und gepflegt, diesen sterblichen Leib. Aber dann auch im Blick auf das Kreuz, das über seinem Bett hängt, der Gedanke: Ja Herr, es stimmt. Du allein bist mein Gott. Du begegnest mir, und du findest mich. Du hast mich geschaffen. Du hast mich berufen, und du hast mich geführt. Einmal bin ich auch bei dir geborgen, und ich weiß und ich glaube, du nimmst mich bei der Hand, um mich zu bergen und zu halten, bis ich einmal gänzlich ruhen darf in dir.

Gewiß, es ist immer unzureichend, bei einer Ansprache mit ein paar dürren Sätzen etwas über einen Verstorbenen zu sagen. Aber eines muß ich hier wohl noch erwähnen, daß das Wort aus dem Jakobusbrief (5,12) auf ihn zutrifft, zugetroffen hat, von ihm verwirklicht worden ist: "Euer Ja sei ein Ja und euer Nein sei ein Nein." Bernhard war immer ganz ehrlich und ganz offen. "Die Lüge kenne ich nicht", hat er einmal gesagt.

Zwei Dinge hat es bei Bernhard gegeben, die mich persönlich tief beeindruckt haben: Zum einen die unbedingte Treue zur täglichen heiligen Messe, und zum andern seine innige, kindliche Liebe zur Gottesmutter, der er sein ganzes Leben in die Hände gelegt hat. Von den 760 Tagen seines kurzen Priesterlebens hat er 566 mal die heilige Messe gefeiert, oft unter schwierigsten Bedingungen, im Krankenzimmer oder in der Spitalskapelle in Linz. Er hat dabei in den Jahren der Krankheit eine große innere Reife erfahren, so daß ich mir bei den Besuchen manchesmal wie ein Schüler vorkam, der einem geistlichen Lehrer zuhören darf. Er nahm Anteil an den Konflikten der Menschen und Völker und auch an den Auseinandersetzungen und Spaltungen innerhalb der Kirche. Aber er sah sie nicht mehr bloß vordergründig, sondern in einem tieferen Zusammenhang. Er sah sie als Annahme oder Verweigerung der Liebe Christi, des Heiligsten Herzens. Er sah das Kräftespiel zwischen der Gnade Gottes und der menschlichen Freiheit und Schuld, und er war überzeugt, daß es einer Wiedergutmachung bedarf, an der auch wir Menschen uns beteiligen müssen.

Bernhard hat ein Heft geführt, in dem genauestens eingetragen ist, wann, wo und für wen er eine heilige Messe gefeiert hat. Die häufigste Meßintention darin lautet: "Für alle Priester und Gottgeweihten, die in der schweren Sünde leben." Er selbst hat das Bußsakrament sehr geschätzt. Noch am Vorabend seines Sterbens hat er bei einem seiner Mitbrüder ein letztes Mal gebeichtet.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen, hochwürdigster Herr Diözesanbischof, herzlich danken, daß Sie Bernhard in den Klerus der Diözese St.Pölten aufgenommen und ihm 1996 die Priesterweihe gespendet haben. Denn das war nicht selbstverständlich angesichts einer Krankheit, bei der man Dauer und Ende nicht absehen konnte. Es stand bei der heute verbreiteten Sicht durchaus die unausgesprochene Frage im Raum: Hat es Sinn gehabt, eine Weihe zu spenden für das Krankenbett oder gar für das Begräbnis?

Bernhard war insgesamt nur drei Wochen als Kaplan in Ruprechtshofen tätig. Ich glaube, Exzellenz, Sie haben mit dieser Weihe ein wichtiges Zeichen gesetzt für uns alle und für viele, nämlich ein Zeichen dafür, daß der Priester nicht konstituiert wird von seinem Tun her, von seinen Funktionen, von der Gemeinde, von seinen Aktivitäten oder seinem sozialen Engagement, sondern durch ein Sakrament, das ihn seinsmäßig gestaltet und das bleibt. Der Priester wird, - wie das II. Vatikanische Konzil wörtlich sagt -, mit einem "besonderen Prägemal ausgezeichnet und auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so daß er in der Person des Hauptes Christi handeln kann" (Presbyterorum Ordinis, 2). Gewiß, Priester ist man nicht für sich, sondern für die anderen "um Gebete und Opfer darzubringen für den Dienst vor Gott", wie es der Hebräerbrief (5,1) formuliert. Aber es ist Gottes Fügung vorbehalten, wie er uns verwenden möchte und hier vor allem, wie er uns priesterlich verwenden möchte. Es zählt nicht zuerst die Aktion und die äußere Lebendigkeit, sondern zuerst gilt die Gesinnung, aus der heraus etwas getan wird. Im letzten kommt es darauf an, ob wir durch unser Werk der Liebe, durch unseren Glauben, unsere Demut und unser Opfer auf Christus hingewiesen haben.

In einem kleinen, persönlich verfaßten Fürbittbuch, das Bernhard kurz nach seiner Priesterweihe angelegt hat, sind auf 31 Seiten über sechshundert Namen eingetragen. Es sind Personen, an die er täglich betend gedacht hat. Jedesmal, wenn er dieses Büchlein vergaß, rief er sofort an, es möge ihm ins Krankenhaus nachgebracht werden. Dieses Büchlein beginnt mit einem kleinen selbstverfaßten Gebet. Es heißt: "Unbeflecktes Herz meiner Mutter Maria, ich danke dir für alle Gnaden, die du mir erfleht hast, und ich weihe mich dir hiemit aufs neue mit Leib und Seele, mit allem, was ich habe, ganz und gar. Als dein armes, sündiges Kind bitte ich dich, den heiligen Josef und die kleine heilige Therese inständig für: ..." Und nun kommt zu Beginn der Heilige Vater und alle seine Anliegen, und dazu steht in Klammer: ein Ave Maria. Dann kommt Kardinal Ratzinger, dann die Bitte für alle Griechisch-Katholischen Geistlichen und Gläubigen, dann – unterstrichen - für Bischof Krenn, und dazu in Klammer wieder: ein Ave Maria. Dann kommen viele, viele Priester. Es ist bestimmt niemand unter Ihnen da, - Sie würden staunen -, der nicht darin verzeichnet ist. Dann kommen die Eltern, Geschwister, die vielen Verwandten und Bekannten, dann kommen alle Ordensschwestern, die er kennenlernen durfte, alle Klöster, die ihm bekannt waren, es kommen Priester, die kritisch zur Kirche stehen, es kommen die Anliegen der Mission, die Anliegen der ganzen Weltkirche. Schließlich kommen alle jene vor, denen er je die Beichte abnehmen durfte, dann alle seine Täuflinge, seine Schüler und zuletzt die Verstorbenen der kleinen Pfarre hier in Kleinhain.

In diesen Jahren der Krankheit haben viele für ihn gebetet. Aber es wurden auch viele durch ihn beschenkt. In dem Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Dunkelheit und Licht reifte doch mehr und mehr in ihm die Erkenntnis heran, daß man als Seelsorger wirken kann auch im Krankenbett und daß vom Altar aus die ganze Welt zu erreichen ist. Der Kelch auf dem Sarg hier erinnert an den Kelch des kostbaren Blutes und daran, daß der Priester vom Altar nicht getrennt werden darf. Diese innere Beziehung wird im Weiheritus deutlich gemacht durch die Überreichung von Kelch und Patene, wobei der Bischof die Worte spricht: "Nimm hin die Gaben des Volkes für die Feier des Opfers. Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes."

Die Kirche ist nicht auf Menschen gebaut, und wir dürfen nicht auf Menschen unsere Hoffnung setzen. Es bleibt das Wort der Heiligen Schrift wahr, daß das Menschenleben verwelkt wie Gras, daß alle Menschen sterben (vgl. 1 Petr 1,24), aber daß die Kirche nicht vom Tod überwältigt wird, weil Gott sie trägt. Und doch braucht der Herr jeden einzelnen von uns als Zeugen und Gesandten, und er will ihn darin vollenden. Ob das geschieht im Sekundenbruchteil einer einzigen Entscheidung oder im jahrzehntelangen pflichtbewußten Dienst, oder einfach im geduldigen Ertragen der Last der Krankheit - das alles bestimmt Er, der Herr, aber keiner von uns sollte dabei fehlen. Das Wort der Heiligen Schrift: "Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung", gilt auch einmal einem jeden von uns, denn wir alle haben nur Geliehenes zu verwalten.

Dem Verstorbenen gilt jetzt unser Gebet und vor allem das Opfer der heiligen Messe. Wir wünschen und bitten, daß dieses kurze Priesterleben ein gottgeschenktes Saatgut werden möchte für eine reiche Ernte. Für ihn selbst aber möge sich das Wort des Herrn erfüllen: "Weil du über weniges getreu gewesen bist, will ich dich über vieles setzen. Komm, und nimm teil an der Freude deines Herrn" (Mt 25,23). Amen.


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