Rezension zu: Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit
Josef Spindelböck
Hinweis/Quelle: Erstveröffentlichung hier im Internet unter stjosef.at
Einige Monate hat es gedauert, bis ich die über 1500 Seiten der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell gelesen hatte. Zweifellos konnte ich durch dieses Werk vieles von dem, was ich schon wusste, vertiefen und wurde auch in so manche Kontroversen eingeführt, die teilweise noch in die Gegenwart hinein andauern. Andererseits hat mich dieses Buch auch oft zu innerem Widerspruch veranlasst, und so kann ich diese gegensätzlichen Eindrücke nun interessierten Personen vorlegen.
Kulturgeschichte ist wesentlich Geistesgeschichte, und hier geht es um mehr als um äußere Abläufe, materielle Gegebenheiten und politische wie militärische Konflikte. Ein inneres Verstehen all dessen sowie der geistigen Voraussetzungen dafür ist nötig. Man muss auf Personen und gesellschaftliche Verbindungen, auf all das, was als Kultur im weitesten Sinn zu bezeichnen ist, rekurrieren, um bestimmte Zusammenhänge zu verstehen, auch wenn vieles seiner Natur nach rätselhaft, ja vielleicht sogar irrational bleibt und bleiben muss, da wir Menschen oft auch für uns selber ein Rätsel sind.
Der Mensch ist wesentlich – oder philosophisch formuliert: von Natur aus – ein Kulturwesen. Gerade weil er nach der berühmten Definition des Aristoteles ein vernünftiges Lebewesen in gesellschaftlicher Verfasstheit ist, verwirklicht er sich in ganzheitlicher Weise auch als Kulturwesen. Dies bedeutet, schöpferisch, also kreativ zu sein, und zwar in Anerkennung der geschöpflichen Grenzen und in Ausrichtung auf Gott hin. Das lateinische Wort „colere“ ist mit „cultus“ und „cultura“ verwandt, und so drückt sich einerseits die Sorge für die Bebauung oder Kultivierung des Erdbodens darin aus, andererseits auch die Pflege alles genuin Menschlichen im familiären und gesellschaftlichen Leben sowie die Anbetung – also der Kult – Gottes.
In fünf „Büchern“, also Hauptteilen, geht der zum evangelischen Glauben konvertierte Wiener Jude Egon Friedell (1878–1938) – ursprünglich Egon Friedmann –, der angesichts der drohenden Verhaftung durch Nazi-Schergen durch Suizid aus dem Leben geschieden ist, wichtigen Linien der geistesgeschichtlichen Entwicklung der Neuzeit nach. Er will „die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg“ nachzeichnen, wie es im Untertitel der Max Reinhardt gewidmeten „Kulturgeschichte der Neuzeit“ heißt, die 1927–1931 in drei Bänden erstmals erschienen ist und als ungekürzte Sonderausgabe in einem einzigen Band (München 2020) vorliegt. Nach der „Einleitung“ folgt das Erste Buch mit dem Titel „Renaissance und Reformation. Von der schwarzen Pest bis zum Dreißigjährigen Krieg“. Das Zweite Buch behandelt „Barock und Rokoko. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Siebenjährigen Krieg“. Das Dritte Buch beinhaltet „Aufklärung und Revolution. Vom Siebenjährigen Krieg bis zum Wiener Kongress“. Im Vierten Buch geht es um „Romantik und Liberalismus. Vom Wiener Kongress bis zum deutsch-französischen Krieg“. Das Fünfte Buch ist das letzte und betitelt sich mit „Imperialismus und Impressionismus. Vom deutsch-französischen Krieg bis zum Weltkrieg“, worauf noch ein „Epilog“ folgt.
Die Vielzahl der im einzelnen behandelten Personen, Werke, Anschauungen und Ereignisse kann unmöglich in einer Besprechung adäquat festgehalten und gewürdigt werden. Friedell äußert sich sprachlich brillant, geistreich und oft humorvoll. Das enorme Wissen des Autors und seine Selbstsicherheit, ja manchmal spürbare Überheblichkeit im Urteil erstaunen jedoch bisweilen. Wo man dann selber nachrecherchiert, wird aber oft ersichtlich, dass der Autor der historischen Genauigkeit nicht allzu streng verpflichtet ist. Er stützt sich nicht selten auf sekundäre Quellen, die wiederum weitergeben, was man vom Hörensagen weiß. Egon Friedell lehnt es im Grunde ab, von „Wahrheit“ in der Darstellung der Geschichte und insbesondere der Geistes- und Kulturgeschichte zu sprechen. Was zählt, ist die Wirkung von etwas und dessen subjektive Aneignung oder Neuinterpretation. So zählt die Deutungshoheit mehr als das, was wirklich gewesen ist. Ein skeptischer Grundton schlägt hier durch. Nicht selten geht der Autor in seiner Darstellung und in seinen Urteilen apodiktisch und dialektisch vor. Er grenzt sich ab von einer bestimmten Form von Wissenschaft und ist daher laut Eigenbeschreibung ein „unwissenschaftlicher Dilettant“.
Der konvertierte Jude verleugnet dabei seine ursprüngliche Religion, und dies in einem Grade, dass man seine Position als markionitisch bezeichnen kann, indem er das Judentum als grundlegend andere Religion als das Christentum auffasst und einen Dualismus vertritt. Dass dies mit Abwertungen und formellen Beleidigungen des jüdischen Volkes einher geht, überrascht dann nicht. Bei aller Berufung auf Jesus Christus, die an mehreren Stellen erfolgt, hat Egon Friedell hier seinen Herrn und Meister grundlegend missverstanden, denn das Heil kommt von den Juden und nicht aus der Überwindung und Negation der jüdischen Wurzel des Christentums.
Viel, aber dann doch wiederum nicht alles hält der Autor von der Dialektik Hegels, die es ihm sogar erlaubt, das klassische Prinzip des Widerspruchs – und damit ein grundlegendes Gesetz der Logik und des Seins – zu ignorieren. Letztlich führt dies freilich zu einer Selbstaufhebung der Wahrheitserkenntnis. Man kann einen solchen Autor dann in letzter Konsequenz in nichts mehr ernst nehmen, was er behauptet. Denn er selber relativiert sich durch sein diesbezügliches Framing ständig und erweist sich als unglaubwürdig. Echter Erkenntnisfortschritt, aber auch fundamentale Kritik werden so unmöglich. Was bleibt, sind bloße Behauptungen, d.h. Setzungen des Menschen, der sich selbst als letzte Instanz alles Wirklichen in Szene setzt und dem die Ehrfurcht vor Gott und dem Nächsten fehlt. Bei aller Kritik an dieser relativistischen Position Friedells muss man zugestehen, dass er selber die letzten Konsequenzen nicht gesehen hat.
Man darf daher die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell nicht allzu ernst nehmen. Das Leben als solches hat der geistreiche Schriftsteller, Kritiker und philosophische Dilettant Egon Friedell so lange als Spiel und Scherz angesehen, wie es ihm aufgrund der Zeitumstände möglich war. Als es dann aber wirklich ernst wurde für ihn, da wurde ihm die Last des Lebens zu schwer und er ist durch Suizid seinen Verfolgern entgangen. Egon Friedell: Er ruhe in Frieden!
