Predigt:
Verborgenes Wachstum im Reiche Gottes
15. Sonntag im Jahreskreis A (12.07.2026)
L1: Jes 55,10-11; L2: Röm 8,18-23; Ev: Mt 13,1-23
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wer die Natur beobachtet und sich an ihr erfreut, der entdeckt viele Dinge. Dieselbe Welt zeigt sich täglich von einer neuen Seite. Wer gedankenlos und unaufmerksam durchs Leben geht, übersieht hingegen sehr viel!
Das Staunen über die Natur, die Freude an ihrer Schönheit und die Dankbarkeit für sie als Schöpfung Gottes können uns zu einer tieferen Sicht unseres eigenen Lebens verhelfen und näher zu Gott hin führen. Auch Jesus hat sich viel in der Natur aufgehalten, und viele Gleichnisse hat er seinen Beobachtungen in der Natur entnommen.
So geht es an diesem 15. Sonntag im Jahreskreis A um das Thema des Wachstums. Alles Lebendige wächst, entfaltet sich und trägt Frucht. Im Bereich der Natur gehört schließlich auch das Vergehen zum Kreislauf des Lebens, aus dem neues Leben hervorgeht. Unser geistliches Leben ist auf das Reich Gottes bezogen. Hier können wir ähnliche Beobachtungen machen. Das göttliche Leben der Gnade kennt zwar ebenfalls ein Wachstum, doch es unterliegt nicht dem Gesetz der Vergänglichkeit. Es ist auf die Vollendung im ewigen Leben hingeordnet.
Aussaat, Wachstum und Ernte – das sind Zusammenhänge in der sichtbaren Natur, welche Jesus zum Anlass nimmt, um sie auf das Wachstum des Reiches Gottes in den Herzen der Menschen zu beziehen. Landwirte und Naturverbundene wissen: Der Mensch kann vieles vorbereiten, aber das eigentliche Wachstum kommt aus der Natur. Der Boden wird vom Menschen aufbereitet, gelockert und gedüngt, und die Saat wird ausgesät. Dann folgen Wochen der weiteren Kultivierung, aber vor allem des geduldigen Wartens. Denn die Kräfte der Natur und auch die richtige Witterung ermöglichen ein entsprechendes Wachstum, und so wächst heran, was später in der Ernte heimgeholt wird.
Dabei können die Wachstumsbedingungen ganz unterschiedlich sein, wie Jesus in seinem Gleichnis vom Sämann ausführt. Manche Samenkörner fallen auf den Weg und werden von den Vögeln aufgefressen. Andere fallen auf felsigen Boden. Sie gehen zwar rasch auf, verdorren jedoch bald, weil ihre Wurzeln keinen Halt finden. Wo schließlich Dornen und Disteln sowie andere unwirtliche Bedingungen herrschen, da hat die Saat kaum eine Chance hochzukommen und gute Frucht zu bringen. Und doch: Vieles fällt auf guten Boden, und dieser ermöglicht es den Samenkörnern, gute Frucht zu bringen: 30fach, ja 60fach und 100fach.
Der Mensch wirkt hier also mit bei der Ernte und Aussaat sowie bei der nötigen Kultivierung. Gott aber schenkt das Wachstum durch die Kräfte seiner Schöpfung. In Geduld und mit Ausdauer harrt der Mensch auf den Ertrag der Ernte. Ähnlich, sagt Jesus, ist es auch mit dem Himmelreich, so wie es sich uns Menschen zeigt, die wir noch auf Erden leben: Das Wort Gottes wird ausgesät wie ein Samenkorn, und vielerorts bringt es reiche Frucht. Das Wachstum jedoch bewirkt Gott selbst. Der Mensch wirkt mit in der Weitergabe des Gotteswortes, aber auch, indem er dieses gläubig im Herzen aufnimmt und im Leben wirksam werden lässt.
Können wir das Gleichnis Jesu vom Reich Gottes auch auf unser Leben beziehen? Gewiss! Denn auch bei uns selbst gibt es vieles Gute, das wir nicht sehen oder wahrnehmen. Das Entscheidende geschieht oft im Verborgenen, und es benötigt Zeit. Wir sollten auch ein offenes Herz für unsere Mitmenschen haben, denn auch sie sind Empfänger des göttlichen Wortes und der himmlischen Gnade. Gott wirkt Großes in den Herzen der Menschen. Und auch dort, wo der gute Same scheinbar nicht aufgeht oder nicht gleich Frucht bringt, ist Geduld angesagt.
Wenn ein verbitterter und mutloser Mensch sich Gott zuwendet, öffnet sich sein verdorrtes Herz wieder. Gottes Wort kann dann wieder Wurzeln schlagen, keimen und wachsen. Solange wir auf Erden leben, gilt: Es ist nie zu spät für die Umkehr zu Gott und für die liebevolle und aufmerksame Zuwendung zum Nächsten! Dann dürfen auch wir die Freude erfahren, dass der gute Same des Gotteswortes im eigenen Herzen und in den Herzen anderer Menschen reiche Frucht bringt. Es ist eine Frucht, die bleibt für die Zeit und sogar für die Ewigkeit. Amen.
