"Seines Herzens Sinnen..."

Herz Jesu? Die Frommen, hat K. Rahner gesagt, haben dieses Wort "über Jahrhunderte gebetet und geflüstert und über die Dächer gerufen ... Und die Kirche hat es aufgenommen. Und sie hat gesagt, daß sie kein anderes solches Wort weiß". Inzwischen ist das Wort, das jedem Christen in der Seele brennen müßte, auch in der Kirche beinahe verstummt. Viele wissen nicht mehr, welche Glut der Liebe im Herzen Jesu brennt, und daß Er gekommen ist, Feuer auf die Erde zu werfen ...

Die Hundertjahrfeier der Weihe des Menschengeschlechtes ans Göttliche Herz Jesu durch Papst Leo XIII. müßte wenigstens die leer und kalt gewordenen Herzen der Christen wieder mit neuem Leben und mit neuer Liebe erfüllen.

Pius IX. hatte am 19. August 1864 Margareta Maria Alacoque (1647-1690) seliggesprochen und schon 1856 das Herz-Jesu-Fest für die ganze Kirche vorgeschrieben. Als er am 8. Dezember 1864 die Enzyklika Quanta cura veröffentlichte, um seine Sorge hinsichtlich der weltanschaulichen Verirrungen seiner Zeit Ausdruck zu verleihen, bat er das katholische Volk, "Sein liebevolles Herz ... unablässig und inbrünstig anzurufen, damit es mit den Banden der Liebe alles an sich ziehe". Die Weihe der ganzen Kirche an das Göttliche Herz, wie sie viele Konzilsväter wünschten, wurde am 1. Vatikanum nicht mehr behandelt; die Kriegswirren machten die vorzeitige Auflösung der Synode notwendig. 1875 wandten sich 525 Bischöfe mit dieser Bitte an den Nachfolger Petri, doch Pius IX. verwies sie darauf, ihre Diözesen in eigener Autorität dem Herzen Jesu zu weihen, wenn sie dies wünschten. Er selbst wollte noch zuwarten.

Für viele ganz unerwartet kündigte dann Papst Leo XIII. im Rundschreiben Annum Sacrum vom 25. Mai 1899 an, er werde am 11. Juni desselben Jahres nicht nur die Kirche, sondern das ganze Menschengeschlecht dem Herzen Christi feierlich anvertrauen. Die Vorgangsweise des Heiligen Vaters schien von der Eile bestimmt, und in vielen Diözesen traf die Enzyklika erst ein, als das genannte Datum schon verflossen war. Was war geschehen?

Der Himmel drängte

Noch am 12. Februar hatte Leo XIII. dem greisen Bischof Isoard von Annecy in Frankreich mitgeteilt, er wolle "nächstes Jahr" - also im Heiligen Jahr - "alle Diözesen, die ganze Kirche, ja die gesamte Menschheit dem Heiligsten Herzen Jesu weihen". Doch schon zuvor - "an der Vigil des Festes der Unbefleckten Empfängnis" - hatte der Heiland die selige Schwester Maria vom Göttlichen Herzen Droste zu Vischering (1863-1899) in Porto (Portugal) eindrücklich aufgefordert, an den Heiligen Vater zu schreiben und ihn um diese Weihe zu bitten. Ja, Jesus Christus wolle die Tage Seines Stellvertreters auf Erden verlängern, damit er Ihm diese Ehre zu erweisen imstande sei. Dieser Brief der Oberin vom Kloster des Guten Hirten trägt das Datum vom 6. Jänner 1899 und langte durch Vermittlung des Abtprimas der Benediktiner, Hildebrand de Hemptinne (1849-1913), am 15. Jänner im Vatikan ein. Der Papst war aufs tiefste bewegt und ließ bei der bischöflichen Behörde in Porto Erkundigungen einziehen. Da erkrankte Leo XIII. schwer und mußte sich am Vorabend seines 89. Geburtstages, also am 1. März dieses Jahres, einer gefahrvollen Operation unterziehen. Er erholte sich davon in überraschend schneller Weise, und sein Dank dafür floß in die Enzyklika vom 25. Mai ein: "Gott, der Urheber alles Guten, hat Uns vor kurzem aus schwerer Krankheit befreit." Doch auch der Brief der seligen Schwester Maria vom Göttlichen Herzen fand in Annum Sacrum ein diskretes Echo in den Worten: "Da inzwischen noch neue Gründe auftauchten ..." In einem Privatgespräch sagte der Heilige Vater, daß es in der Welt heilige Seelen gäbe, "die Mitteilungen des Himmels erhalten", und bisweilen werde der Papst Mitwisser davon. "Was würden Sie beispielsweise sagen, wenn jemand Ihnen einen Gedanken ausspricht, den Sie auf dem Grunde Ihres Herzens aufbewahrt, ohne ihn irgendwem zu offenbaren! (...) So geschah es bezüglich der Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu." Und als im Mai 1900 die Eltern der inzwischen verstorbenen Schwester in Audienz empfangen wurden, sagte Leo XIII. offen: "Sie hat mir geschrieben, wir haben Briefe gewechselt, und infolge ihrer Briefe konnte ich die Welt dem Göttlichen Herzen weihen."

Zunächst aber setzte der Papst eine theologische Kommission ein und bat diese, die Bittschrift aus Porto ganz beiseite zu lassen; die Frage sollte in se, das heißt nach ihrer inneren Legitimität entschieden werden. Das erbetene Votum fiel positiv aus, und Leo XIII. sah nun den Höhepunkt und die Krönung seiner langen Regierungszeit gekommen: "Ich stehe im Begriff, die größte Tat meines Pontifikates zu vollbringen." Er vollzog sie feierlich am 11. Juni 1899 in der Capella Paolina des Vatikan, mit den Kardinälen und geladenen Gästen.

Österreich zog mit

Gleichzeitig geschah dies auch in Wien im überfüllten Stephansdom in Anwesenheit Kaiser Franz Josephs und des Bürgermeisters von Wien, Dr. Karl Lueger. Vor dem ausgesetzten Allerheiligsten wurde die Weiheformel abschnittsweise vor- und nachgesprochen; danach zelebrierte Weihbischof Schneider in Vertretung Kardinal Gruschas, der erkrankt war, das Hochamt. Am Nachmittag, bei der feierlichen Segensandacht in der Hofburg, wurde der kaiserlichen Familie jenes Kruzifix zum Kuß gereicht, das einst Ferdinand II. und sein Reich gerettet hatte - gerade vor 280 Jahren, im Juni 1619: "Non te deseram, ich werde dich nicht verlassen", habe der Gekreuzigte damals zum Kaiser gesagt. Leo XIII. aber hatte an die Kreuzesvision des jungen Konstantin erinnert und aufgefordert, das Herz Jesu zu schauen: "Seht da vor unseren Augen ein anderes, glückverheißendes, göttliches Zeichen: das Heiligste Herz Jesu, vom Kreuz überragt, hell leuchtend mitten im Flammenmeer! Darauf müssen wir alle unsere Hoffnung setzen."
 

P. Dr. Ildefons M. Fux OSB


Illustriert und mit vollständiger Quellenangabe in GOTTGEWEIHT, Zeitschrift zur Vertiefung des geistlichen Lebens, Nr.2/1999, A-1191 Wien, Postfach 190.
 
 

Er gibt Sein Herz zum Pfand

Wer darf sich Gott nähern? Wer darf in der Nähe Gottes verweilen? Das ganze Alte Testament läßt keinen Zweifel daran, daß dies nichts Kleines und nichts Selbstverständliches ist. Vielmehr wird die Annäherung an Gott als höchstes Glück verstanden und doch auch wieder als gefährlich empfunden, denn Gottes Heiligkeit ist unverletzlich: "Zieh um das Volk eine Grenze und sag: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder auch nur seinen Fuß zu berühren ... Wer es aber tut, soll gesteinigt oder mit Pfeilen erschossen werden, ob Tier oder Mensch" (Ex 19,12 f). Wie gewaltig sind auch die Begleitumstände, die den Ernst dieses Verbotes unterstreichen sollen! Die Majestät Gottes darf dem Menschen nicht alltäglich werden, der dann eben nicht mehr "die Wahrheit tut" (vgl. Joh. 3, 21), das heißt entsprechend lebt, wenn er auf die Göttlichkeit Gottes vergißt (...).

Erst auf diesem Hintergrund des Mysterium tremendum, das ist des "furcht- und schaudererregenden Geheimnisses Gottes", kann man die Erwählung Moses richtig würdigen. Beim Herrn hatte er nämlich "freien Zutritt", und Gott vertraute ihm sein ganzes Haus an. "Mit ihm rede ich von Mund zu Mund, von Angesicht zu Angesicht" (Num 12,8). In dieser Vertraulichkeit ist er dann der Mittler und Fürsprecher des Volkes Gottes (...).

Jesus Christus ist der "neue Mose" und als solcher "Mittler zwischen Gott und den Menschen" (1 Tim 2,5). Von ihm sagt das Prophetenbuch Jeremia:

"Wer ist es denn, der sein Herz zum Pfand gibt, um sich mir zu nahen?" (30,21). "Der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle" (2 Tim 2,5 f), lenkt die Aufmerksamkeit des Vaters auf sein eigenes Herz, das er gleichsam "versetzt", um uns zu erretten. Wie unverzichtbar ist das Herz! Doch Jesus kennt noch Wichtigeres: unsere Erlösung, unsere Zukunft: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt (Joh 3,16) ... Er gab sein Herz, und nun haben wir "Zugang zum Vater" (Eph 2,18) ...

Auszug aus:

Ildefons M. Fux OSB: AVE COR. 30 Überlegungen, um das HEILIGSTE HERZ JESU kennen und lieben zu lernen. Vorwort von Hans Hermann Card. Groer. Vereinigung "Perfectae caritatis", Postfach 190, A-1191 Wien, 1999. 96 Seiten, 19 Abb., kart., öS 140,- + Versandspesen.

"In 30 kleinen Betrachtungen umkreisen die Gedanken dieses Büchleins das unauslotbare Geheimnis des Herzens Jesu ... wird die nicht meßbare Fülle dieses gottmenschlichen Herzens vor uns ausgebreitet" (Sr. Isa Vermehren RSCJ).
 

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