Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigtimpuls für den 27. Oktober 1996

Lesejahr A, 30. Sonntag im Jahreskreis/L 1: Ex 22,20-26; L 2: 1 Thess 1,5c-10; Ev: Mt 22,34-40



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!


Im Judentum zur Zeit Jesu gab es verschiedene religiöse Gruppen oder Parteien. Es waren da die Sadduzäer, eine rationalistische Richtung, die den Glauben an die Auferstehung der Toten oder an die Existenz von Engeln als angeblich unvernünftig ablehnte. Weiters waren die Zeloten aktiv, eine Gruppe religiös-politischer Fanatiker, die das Kommen des Reiches Gottes mit irdischen Machtmitteln und mit Gewalt herbeiführen wollten. Und schließlich gab es da die Pharisäer, mit denen wir Scheinheiligkeit und eine nur auf das Äußere bedachte Frömmigkeit verbinden. Wir dürfen freilich nicht vergessen, daß es auch in dieser Bewegung ernsthaft religiöse Menschen gab.

Im heutigen Evangelium stellt ein pharisäischer Gesetzeslehrer Jesus eine Frage, die ihn in Verlegenheit bringen soll: „Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“

Der Glaube an die Gerechtigkeit aus der Befolgung des Gesetzes ist es, was die Pharisäer vielleicht am besten charakterisiert. Das mosaische Gesetz war den Juden heilig. Die Gesetzeslehrer hatten es in ihrer Auslegung mit derart vielen Vorschriften und Geboten umgeben, daß das Wesentliche manchmal nicht mehr zu erkennen war. Vielleicht wollte der Pharisäer Jesus dazu provozieren, das Gesetz als solches zu kritisieren. Er hätte dann nachher mit Leichtigkeit behaupten können: Jesus stellt sich gegen das göttlich geoffenbarte Gesetz und lästert somit Gott. Oder er meinte, Jesus würde sich in einer Schlinge verfangen und irgendeine der vielen Vorschriften des Gesetzes als wesentlich erklären, die es in Wirklichkeit gar nicht war. Denn ein Gesetzeslehrer findet tausend Gründe, um zu beweisen, daß sich etwas nicht so verhält, wie ein anderer behauptet.

Jesus drückt sich nun keineswegs um die Antwort. Klar nimmt er Stellung, und dies in einer Weise, daß jeder Widerspruch verstummt.

Das erste und wichtigste Gebot, sagt er, heißt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ Aber ebenso wichtig ist für Jesus das zweite Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Hiermit hat Jesus das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe zum absoluten sittlich-religiösen Maßstab erklärt. Darin liegt der Inbegriff des göttlichen Willens, den er gekommen ist zu erfüllen. Wer ihm nachfolgen will, der muß an der Liebe Maß nehmen, wie sie Jesus vorgelebt hat:

Bedingungslos hat er sich dem Willen seines Vaters übergeben, hat nur für ihn gelebt und sich im Gehorsam gegen Gott in den Tod gegeben. Zugleich hat er damit uns als seine Brüder und Schwestern geliebt, indem er sein Leben für uns hingegeben hat. Er ist nicht gekommen um zu herrschen, sondern zu dienen.

An Jesu Leben sehen wir auch, daß es keinen eigentlichen Gegensatz zwischen Gottes- und Nächstenliebe geben kann und geben darf. Jedes gegenseitige Ausspielen wäre fehl am Platz: Wer könnte Gott wirklich lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht? wird Johannes fragen (vgl. 1 Joh 4,20b). Und umgekehrt: Wie echt ist eine Humanität, die den Menschen ohne Gott zum Maßstab aller Dinge macht? Haben nicht menschenverachtende Ideologien diese Vorstellung von einer Nächstenliebe ohne Gottesliebe in der Praxis längst widerlegt? Woher nimmt denn der Mensch die Fähigkeit, seinen Egoismus zu überwinden und den Nächsten wahrhaft und von Herzen zu lieben, wenn ihm nicht Gottes Liebe zuvorkommt und ihn dazu befähigt?

In einem liturgischen Gebet heißt es, Gott möge uns schenken, daß wir ihn über alles und die Brüder und Schwestern um seinetwillen lieben mögen mit einer einzigen Liebe, die alles umfaßt. Darin ist uns die heilige Jungfrau Maria das beste Vorbild: In ihrem Dienst für Gott war sie zugleich ganz da für alle Menschen. Sie wurde im Hinhören auf Gottes Wort zur Mutter Gottes, indem sie das göttliche Wort in ihrem Herzen und in ihrem Schoß empfing, sodaß das ewige Wort des Vaters aus ihr Fleisch geworden ist in Jesus Christus. Zugleich ist sie die Mutter der Menschen geworden, da sie durch ihr gläubiges Ja mitgewirkt hat an der übernatürlichen Geburt aller Gläubigen aus Wasser und dem Heiligen Geist. Ihre Liebe ist auch für uns eine Einladung, aus ganzem Herzen aus der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen zu leben! Amen.



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