Dr. theol. habil. Josef Spindelböck
Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises
Predigt am
Weihetag der Lateranbasilika
9. November 2008
(32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A)
L 1: Ez 47,1-2.8-9.12; L 2: 1 Kor 3,9c-11.16-17; Ev:
Joh 2,13-22
Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Vielleicht überrascht es uns ein wenig, dass das Fest des Weihetags der Lateranbasilika einen so hohen Rang hat, dass liturgisch sogar die Feier des 32. Sonntags im Jahreskreis dadurch gleichsam verdrängt wird. Es ist ein Kirchweihfest, das wir heute begehen, und wenn es auf dem ganzen Erdkreis gefeiert wird und nicht nur in Rom in der Kirche „St. Johannes im Lateran“, dann hat dies einen bestimmten Grund: Die schon von Kaiser Konstantin errichtete Lateranbasilika wurde im Jahr 324 von Papst Silvester I. eingeweiht und trägt den Ehrentitel „Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises“.
Diese symbolträchtige Bezeichnung weist darauf hin, dass
es die eigentliche Papstkirche ist (neben, ja sogar vor dem Petersdom). Und der
Papst als „Bischof von Rom“ ist ja
zugleich der universale Hirte der Kirche,
die über den Erdkreis zerstreut ist. Im Papstamt als sichtbarem und personalem
Prinzip der Einheit im Glauben und in der Liebe wird die Kirche Christi unter
dem einen Hirten zusammengehalten, der ja den unsichtbaren Hirten der Kirche, Jesus Christus, vertritt.
Der heutigen Festtag kann uns aufs neue bewusst machen,
was es heißt, „katholisch“ zu sein.
Dies ist ja nicht bloß eine Konfessionsbezeichnung, sondern ein Wesensmerkmal
der Kirche, die wir als die „eine, heilige, katholische und apostolische“
bekennen. Das Wort kommt aus dem Griechischen („katholon“) und bedeutet so viel
wie „auf das Ganze bezogen, das
Ganze repräsentierend“. Wenn wir die Kirche als die „katholische“ bekennen,
dann wissen wir sie als die Kirche aller
Völker und aller Zeiten. Jesus Christus hat seine Apostel ja in alle Welt
ausgesandt, um allen Völkern das Evangelium zu verkünden (vgl. Mt 28,16-18).
„Katholisch“ sein heißt aber auch, an der ganzen Wahrheit des Glaubens festzuhalten. Eine „Häresie“
hingegen ist immer eine Auswahl und eine Verkürzung des Glaubensinhalts; es
werden bestimmte Glaubenswahrheiten hartnäckig geleugnet oder bezweifelt. Wenn
der Glaube in Gott seinen Ursprung hat und wir eben aufgrund des unbedingten
Vertrauens in den wahrhaftigen Gott all das für wahr halten, was er uns
geoffenbart hat und durch seine Kirche zu glauben lehrt, dann dürfen wir kein „Auswahlchristentum“ vertreten. Es
wird nicht angehen zu sagen: Bestimmte Glaubenswahrheiten akzeptiere ich,
andere hingegen lehne ich ab. Sicher kann es sein, dass wir so manches nicht
verstehen; das ist auch keine Schande, denn erstens gibt es im Glauben
wirkliche Geheimnisse, die der menschliche Geist gar nicht ergründen kann, und
zweitens sollen wir alle im Glauben weiter heranreifen. So darf es durchaus
sein, dass wir gewisse Fragen haben und bestimmte Probleme sehen, sowohl in
theoretischer als auch in praktischer Sicht. Aber wenn die Grundhaltung des gläubigen Vertrauens da ist, wird uns das nicht im
Glauben erschüttern und wir werden uns treu
zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche bekennen. Schon Petrus hatte dem Herrn auf die Frage,
ob auch die Apostel von ihm weggehen wollten, geantwortet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allen hast Worte des ewigen Lebens.“
(Joh 6,67-68)
In unsere pluralistischen Gesellschaft sind viele
Menschen orientierungslos. Allzuleicht stützt man sich auf die Meinungen des
Tages, die so schnell wechseln wie das Laub der Bäume. Wo aber gewinnen wir wirklichen Halt in den Grundfragen des Lebens,
die unser letztes Schicksal, unser Glück und unser Ziel betreffen? Nur in Jesus Christus, dem Erlöser, finden
wir die Antwort! Er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).
Niemand kommt zu Gott dem Vater außer durch ihn.
Wo aber begegnen wir
unserem Herrn Jesus Christus
in seinem Wort und in seinem Sakrament? Eben in der von ihm gestifteten und durch den Beistand des Heiligen
Geistes geleiteten Kirche, zu der
wir uns voll Freude bekennen. So ist also auch das Kirchweihfest der
Lateranbasilika nicht zuerst ein Fest der Freude über ein kirchliches Gebäude,
sondern es geht um den lebendigen Tempel
Gottes. Dieser Tempel ist zuerst Christus
selber, der mit seinem
verherrlichten Leib von den Toten auferstanden ist; aber auch wir sind als Christi Leib zum Tempel
Gottes geworden durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Je mehr wir mit
Jesus Christus verbunden sind, desto klarer wird das Bild der Kirche Gottes an
uns sichtbar.
Wir wollen uns noch besonders der „Mutter der Kirche“, der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, zuwenden. Sie zeigt uns das Geheimnis der Kirche in ihrem ganzen Wesen auf, weil sie gleichsam das Idealbild der Kirche ist: Als Jungfrau ist sie ganz auf Christus bezogen und hält ihm und seinem Wort die Treue, als Mutter hat sie unseren Erlöser geboren und ist auch die geistliche Mutter aller Gläubigen. In der Kirche sind wir durch die heilige Taufe zum göttlichen Leben neu geboren worden. Freuen wir uns mit Maria, die bereits im Himmel vollendet ist, und gehen wir unseren Weg zu Gott mit großer Zuversicht. Denn er verlässt uns nicht, er bleibt in seiner Kirche und führt uns einst heim in sein himmlisches Reich!
Amen.